In letzter Zeit flattern in meiner persönlichen Filterbubble immer mehr Bedrohungsszenarien herum. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es die Bestrebung seitens der aktuell politisch Mächtigen gibt, uns Angst zu machen. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Muslimen – immer wieder, so scheint es, wird mir eingeredet, ich soll doch nun endlich mal gefälligst Angst haben! Die Welt ist ja schließlich gefährlich und wir hier in Deutschland sind in ganz besonders großer Gefahr. Also mal sehen…

Es ist schon wieder eine Weile her (ich glaube, es war vor zwei Wochen), da las ich einen Artikel, in dem es hieß, es gäbe tausende von islamistischen Dschihad-Kämpfern, die aus den „Kampfgebieten“ im Nahen Osten zurückkämen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an schweren Straftaten beteiligt waren. Oh – und die alle sind namentlich bekannt und man würde sie im Auge behalten. Nächster Stopp: Google. Wie viele „Gefährder“ es nun tatsächlich in Deutschland gibt, das weiß offenbar niemand so genau. Die Suche spuckt ein paar Artikel aus, in denen von zwischen 130 und 280 Leuten im Jahr 2015 die Rede ist. 120 waren es übrigens schon im August 2013. Und 2014 auch. Also irgendwie scheint da großer Copy&Paste-Journalismus eingesetzt zu haben. Man nimmt einfach die Zahl vom letzten Jahr und fügt sie im aktuellen Jahr ein. Oder rechnet einfach hundert drauf. Merkt ja keiner.

Dann gab es da zur Karnevalszeit Terrordrohungen bei Umzügen in Norddeutschland. Umzüge wurden abgesagt, angeblich kam es zu irgendwelchen Untersuchungen – und weiter hörte man nichts weiter davon (ehrlich gesagt, habe ich mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen wollen, schließlich fühle ich mich überhaupt nicht unsicher oder bedroht…).

Oh – und jetzt macht unser lieber Vizekanzler Werbung für die Vorratsdatenspeicherung, die nicht nur vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, sondern deren Richtlinie auf EU-Ebene vom EuGH einkassiert wurde, weil sie gegen Grundrecht verstößt. „Wir brauchen das“. Ja genau. Wir müssen alle überall und jederzeit lückenlos überwachen, weil wir alle, jederzeit und überall islamistische Terroranschläge verüben könnten.

Ok, fummeln wir die oben erwähnten Medienberichte mal völlig unfachmännisch zusammen (machen diejenigen, die die Artikel zum Thema Terrorismus verbrechen ja scheinbar auch), dann haben wir zwischen 120 und 280 mit Namen und Aufenthaltsort bekannte „Gefährder“ die möglicherweise schwere Straftaten begangen haben oder ihnen zumindest beiwohnten.

Na gut. Wir haben also ein völlig diffus konstruiertes Angstzenarium, auf dessen Basis die Polizei nun von unserem freundlichen Innenminister vermittels einer millionenschweren Finanzspritze mit mehr Munition und Personal ausgestattet werden soll, damit man potenziellen Bedrohungen auch mit ausreichend Waffengewalt entgegentreten kann. Damit sollte man zwischen 120 und 280 Leute, dann eine Weile lang in Schach halten können, denke ich. Und mit der neuen Anti-Terror-Einheit, die da gegründet werden soll, bestimmt auch. Sind ja nicht so viele, als dass es ein langer, komplizierter und vor allem verlustreicher Einsatz werden könnte.

Und was mache ich jetzt mit all diesen Halb-Informationen? Ich würde sagen: nichts. Ich habe nicht vor, mir jetzt unnötige Angst machen zu lassen. Ich habe ehrlich gesagt viel wichtigere Dinge, über die ich jeden Tag nachdenken muss, als über irgendwelche namentlich und mit Aufenthaltsort bekannten Verbrecher, bei denen sich unsere Behörden offenbar weigern, sie einfach festzunehmen. Genauso wenig habe ich nicht vor, mir Angst vor Muslimen machen zu lassen (nö liebe Regierung – da müsstet ihr euch jetzt schon was besseres einfallen lassen, als so diffuse und oberflächliche Meldungen, die über Jahre hinweg voneinander abgeschrieben und abgewandelt werden).

Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass der Rest der Bevölkerung sich von all dem auf Dauer beeindrucken lässt. Ich bemerke in letzter Zeit öfter eine emotional negative Einstellung gegenüber Ausländern. Selbst bei Leuten, bei denen ich das nicht vermutet hätte und bei denen sich eine solche Meinung früher nicht so ausgeprägt hatte. Der große Plan, den Menschen Angst vor „dem Fremden“ zu machen – also noch mehr, als es der psychologisch normal-gepolte Mensch ohnehin schon hat – scheint aufzugehen. Ich hoffe nur, dass sich hier doch noch ein bisschen die Vernunft durchsetzt und wir noch eine Weile lang in Frieden leben können. Das ist meiner Ansicht nach viel besser, als Angst voreinander zu haben.

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Etwa 36 Stunden ist es her, dass ich in Karlsruhe ankam. Es war ein grauer, recht scheußlicher November-Mittag. Ihr wisst schon: Einer dieser Tage, an denen man keinen Hund vor die Tür jagt… 😉
Nachdem ich nun halbwegs angekommen bin, stelle ich doch einige spannende kulturelle Unterschiede fest, an die ich mich erstmal gewöhnen muss. Hier nun also ein ostwestfälischer Reisebericht.

Man sagt uns Ostwestfalen ja nach, wir wären stur, wortkarg und vor allem dauergrummelnd. Begegnet man in Bad Oeynhausen, Vlotho, Herford oder Porta Westfalica jemanden, der breit und freudestrahlend grinst, macht man sich eher Sorgen: Der muss was haben. Vielleicht mal zum Therapeuten schicken. Kann ja nicht ganz richtig sein. Auf jeden Fall Abstand halten. Was der Ostwestfale am besten kann, ist seine Umgebung und vor allem die Leute um sich herum ignorieren. Die sind zwar da – aber mehr als notwendiges Übel, dem man am ehesten aus dem Weg geht und sie nicht weiter beachtet – etwa wie die Pömpel[1] in der Innenstadt, an denen man Fahrräder nicht anschließen darf (und woran es auch keinen Sinn macht, weil man das angeschlossenen Rad ja einfach drüber weg heben kann).

Hier angekommen bekam ich schon nach etwa 24 Stunden Heimweh. Realisieren, dass alle näheren Freunde und Bekannten (also die physikalisch näheren, die im Grunde um die Ecke wohnen), jetzt etwa 480 km weit weg sind, war schon hart. Der gemeine Ostwestfale verlässt nämlich ungern sein Dorf – also die Leute, die er nicht kennt und mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will, weil er sie eh nicht leiden kann. Ich wurde auch direkt vorgewarnt: „De Durlache‘ un de Karlsruhe‘ sin schon a stures Volgg“, hieß es da. Stur? Ok, das kenn ich ja nicht anders. Ich sollte mich also schon mal heimisch fühlen.

Meine erste Exkursion durch die Durlacher Innenstadt verdeutlichte mir allerdings das genaue Gegenteil. Stur? Keineswegs. Im Gegenteil: Die Leute sind eher alle übertrieben nett. Also – nach ostwestfälischen Maßstäben. Ich fühlte mich die ganze Zeit permanent beobachtet. Tatsächlich gucken die Leute sich hier ständig an und sich gegenseitig hinterher. Also: Es scheint so zu sein, als würden sie sich einfach nur beobachten, um zu sehen, ob der oder die andere irgendwas Interessantes an sich hat. Eine für mich schon fast beängstigende Situation: Man kann nämlich auch stundenlang durch Minden oder Bielefeld laufen, ohne auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden. Hier wurde ich ständig von irgendwelchen Leuten beobachtet. Ich bin mir sicher: Ich bin nicht paranoid, ich werde verfolgt.
Als dann kurzfristig die Polizei in Mannschaftsstärke aufschlug, um Radfahrer aus der Stadt zu verbannen und für’s Durchfahren abzukassieren,[2] wurde die Situtation völlig absurd: Die Polizisten begrüßten doch tatsächlich vorbei laufende Passanten und wirkten sogar so, als wären sie für den einen oder anderen freundlichen Spruch gewappnet. Polizei, die nicht genervt wirkt, im Befehlston etwas verlangt oder gar (bis auf die Uniform) etwas Bedrohliches an sich hat? Komplett unvorstellbar – aber hier scheinbar Realität.

Ein besonderes Highlight ist die Karlsruher Infrastruktur. Es gibt ja nicht nur Straßenbahnen, wie es sich für eine Großstadt gehört – man kann die auch recht unkompliziert mit dem Handy bezahlen (Handyticket per PayPal oder Kreditkarte… großartig), bekommt über eine App Auskunft, wann welche Bahn wo abfährt und braucht prinzipiell nur noch einsteigen und losfahren.
Da ich hier dann auch mal „zum shoppen“ losfuhr und abends noch eine Wohnung besichtigte, kann ich aus der Vorbeifahrt nur sagen, dass das hier alles total hübsch ist. Ich meine: Großstädte haben so alle ihren eigenen Charakter. Fährt man mit der Bahn durch Berlin ist das alles eher ein architektonischer Gewaltmarsch. Plattenbau, harte Betonfassaden, grau und trist will die Stadt das letzte bisschen Enthusiasmus aus einem heraus pressen. Und Karlsruhe? Hübsch verzierte Fassaden, Balkone mit Jugendstil-Blütenmuster-Geländern, überall kleine und große Läden, von alt bis modern… eine fast schon ein wenig romantisch anmutende Straßenbeleuchtung. „Putzig“ ist das Wort, das mir am ehesten dazu einfällt. Es ist einfach alles irgendwie auf hübsch getrimmt (hier und da fallen sogar kleine Schlösschen-artige Gebäude mit Zwiebeltürmen auf), wenngleich es natürlich auch hier Plattenbau und heruntergekommene Fassaden gibt. Aber die gibt’s überall.

Besonders spannend war dann die abendliche Rückfahrt ins Hotel nach der Wohnungsbesichtigung. In der Bahn sitzend und die Aussicht bestaunend setzte sich plötzlich ein älterer Mann gegenüber und wirkte ein wenig unkoordiniert. Nach einer Weile fragt er mich, ob ich kurz ein Stück zur Seite rücken könnte – er wollte sich gern selbst in der Scheibe der Bahn fotografieren, weil er dann so einen dicken Kopf hat. Eine Perspektive, die man selten zu sehen bekäme. Klar, mach ich doch glatt. Und wenn er mich schon anspricht, fragte ich direkt, ob er öfter fotografiert. Mit einem Lensbaby kann man auch ganz tolle Effekte erzielen… Wie sich herausstellte, war er Künstler. Malt lieber mit Palette und Leinwand, aber eben so Momentaufnahmen und Sachen, die die meisten Leute gar nicht mehr wahrnehmen – die fotografiert er dann spontan. Leider musste er dann auch schon aussteigen – wäre spannend gewesen, mehr über ihn zu erfahren. Eine Situation, die in Ostwestfalen so nie hätte passieren können. Wenn man da gebeten wird, zur Seite zu gehen, dann höchstens wenn man wirklich im Weg ist. Und selbst dann ist die Chance groß, dass man eher in die Seite geknufft und einfach weggeschoben wird. Warum auch große Worte verschwenden, wenn man doch mit einem gezielten Schubser auch verdeutlichen kann, was man will?
Der nächste Fahrgast machte mir dann aber schon etwas mehr Sorgen. Scheinbar ein junger Mann, der in seiner eigenen kleinen Welt lebte. Mit hektischen Bewegungen und gelblich geränderten Augen zog er (vermutlich frisch gestohlene) Tütensuppen unter seiner Jacke hervor und zog sie sich fast direkt vor die Nasenspitze, um zu lesen, was denn darauf stand. Als er sah, dass ich ihn dabei beobachtete, grinste er völlig debil, gluckste und winkte… „Oha – ok. Also den besser ignorieren… oh, hübsch, Straßenlaternen. Äh, total spannende Straßenlaternen da draußen, ja…“ ging es mir durch den Kopf und ich versuchte krampfhaft, nicht auf den Rotz hochziehenden und offenbar gänzlich von der Wirklichkeit entfernten jungen Mann zu achten.

Aber so insgesamt? Insgesamt frage ich mich gerade, warum ich doch gleich noch mal Heimweh verspürte. Hier gibt’s im Grunde alles, was man so braucht: Infrastruktur, Läden, Unterhaltung (Karlsruhe hat am ZKM ein echtes IMAX-Kino… wooohooo! :D) und dazu auch noch nette Leute. Verstockt und stur sollen sie sein? Nicht die Bohne. Verglichen mit den Ostwestfalen sind die Karlsruher friedlich und freundlich und flauschig. Aber das ist ja nun auch erst nur ein Eindruck nach 36 Stunden. Mal sehen, was die nächsten Wochen und Monate so ergeben.

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  1. Großes, meist stab- oder kegelförmiges Objekt, ähnlich aber nicht gleich einem Pfosten. Nicht zu verwechseln mit einem Pümpel – damit macht man verstopfte Klos frei…
  2. Komischerweise sind aber vor fast jedem Geschäft in der Innenstadt Fahrradständer…
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Paketvoyeurismus

On 13. November 2014, in Gesellschaft, Internet, Persönliches, by Ingo

Ihr kennt das sicher auch: Ihr bestellt etwas, sei es nun ein neues Gadget, Schuhe oder neue Klamotten und freut euch schon bei der Bestellung diebisch darauf, es endlich in die Finger zu bekommen. Dann kommt die erste Mail, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt: Eine Tracking-ID für das Paket kommt, um den Paketstatus zu überprüfen. Natürlich klickt ihr direkt drauf, nur um festzustellen, dass das Paket noch nicht im System eingepflegt ist. Ein paar Stunden später versucht ihr es nochmal und siehe da: Es ist auf dem Weg in irgendein Paketzentrum irgendwo in Deutschland. Am nächsten Morgen aktualisiert ihr, immer wieder gepackt von dieser geifernden Vorfreude auf das neue Spielzeug (oder die neuen Schuhe) und seht, dass es „in Zustellung“ ist. Und von da an beginnt, was sich Clickbait-Webseiten nur in feuchten Traumen erdenken können: Minutenlanges aktualisieren, bangen und hoffen, wann denn das Paket endlich vor eurer Haustür ankommen wird. Fast schlimmer wie damals bei eBay-Auktionen, als man für den aktuellen Höchstpreis noch manuell aktualisieren musste.[1] Aber mehr als „In Zustellung“ oder „Im Lieferfahrzeug“ erfahrt ihr nicht.

Heute bekomme ich ein Paket von der DPD. Das ist insofern nichts Ungewöhnliches, ist ja schließlich ein Lieferdienst wie jeder andere. Neu, zumindest für mich, ist das Live-Tracking, mit dem ich jetzt nicht mehr minutenlang aktualisieren muss, sondern mit minütlicher Aktualisierung den GPS-Standort des Lieferfahrzeugs auf einer Google-Karte angezeigt bekomme. Während ich hier also schreibe schiele ich auf das Browserfenster mit dem kleinen Symbol-Auto, dass sich langsam auf mein kleines Symbolhäuschen zu bewegt. Bzw. dass da rumsteht. „Warum fährt der denn nicht los?“ denke ich. „Mach schon! Hopp! Ich kann’s ja jetzt schon kaum erwarten endlich meine kleinen, gierigen Fingerchen um das Paket zu schließen!“

Zeitgleich mit diesen Gedanken überkommt mich ein beklommenes Gefühl. Dass Paketboten miserabel bezahlt werden, weiß ich nicht erst seit gestern. Ein Freund von mir fährt für einen anderen Paketdienst Päckchen durch die Gegend. „Pure Selbstausbeutung“, beschreibt er seinen Job. Pro ausgeliefertem Paket gibt es Centbeträge zuzüglich Kilometergeld, da er mit seinem Privatfahrzeug umherfährt. Das deckt die Spritkosten gerade so; das, was beim Päckchenausliefern so auf dem Konto landet, taugt aber auch gerade so als minimaler Nebenverdienst. Als er mir mal die groben Zahlen genannt hat, beschloss ich direkt: „Dafür würde ich nicht einmal darüber nachdenken, morgens aufzustehen.“
Und jetzt? Jetzt überwache ich einen Paketboten. Auf Schritt und Tritt – oder eben auf die Schritte und Tritte, die er gerade nicht macht, weil er immer noch rumsteht. GPS ist übrigens im Scanner verbaut, mit dem der Bote das Paket an der Haustür scant und auf dem der Empfänger den Empfang quittiert.[2] Während ich warte. Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich so an, als würde ich einen Menschen, der ohnehin schon schlecht bezahlt wird und mit großer Wahrscheinlichkeit überarbeitet ist, auch noch virtuell antreiben. Plötzlich rückt das kleine Auto in greifbare Nähe. „Aha!“ Denke ich, „fährt er also doch!“ Dann plötzlich kann die Position nicht mehr ermittelt werden.[3] Es ist wie ein Krimi. Mit schwitzenden Händen starre ich auf den Monitor und die Aktualisierung und fühle mich, als würde ich etwas besonders Verruchtes tun. Und im Grunde mache ich das ja auch. Ich beobachte Menschen bei der Arbeit. Das allein ist schon verwerflich genug, denn man sollte seiner Arbeit unbeobachtet und frei nachgehen dürfen. Schlimmer wird es, wenn ich über die Konsequenzen nachdenke: Ich starre auf den Bildschirm, weil ich mich wie ein Kind auf mein Paket freue. Aber wir sind hier in OWL. Und der gemeine Ostwestfale ist eher ein unleidlicher Nöselkopp. „Wie oft wurde der arme Paketbote heute schon angepupt, weil er nicht schnell genug geliefert hat? Wie viele Leute haben, so wie ich, jetzt mit weniger Vorfreude und dafür mit mehr Ungeduld auf ihre Pakete gewartet und den armen Lieferfahrer auf Schritt und Tritt verfolgt und ihn dann unfreundlich angeraunzt, weil er ihrer Meinung nach nicht schnell genug geliefert hat?“

Während ich aus dem Fenster schiele und die Straße beobachte, beschließe ich, dass ich den „Fortschritt“ nicht mehr aufhalten kann. Ich kann nicht verhindern, dass Paketlieferdienste ihre Fahrer nicht nur intern überwachen, sondern sie auch von ihren Kunden überwachen lassen. Ich kann auch nicht verhindern, dass es typisch ostwestfälische Nöselköppe gibt, die die armen Paketboten zusätzlich zu ihrem Stress auch noch anmaulen. Heute bin ich nicht darauf vorbereitet – aber für die nächste Lieferung beschließe ich, dass ich dem Opfer meines Live-Tracking-Voyeurismus etwas Gutes tue. Vielleicht einen Schoko-Weihnachtsmann als Dankeschön? Oder, je nach Jahreszeit, einen ähnlichen Osterhasen? Vielleicht backe ich auch mal wieder Kuchen oder Kekse… dagegen kann eigentlich niemand etwas haben, auch wenn ich beispielsweise gehört habe, dass die DHL-Kollegen nichts annehmen dürfen (was das Ganze noch unangenehmer macht). Die Überwachung lässt sich womöglich nur noch durch kollektive Nichtbenutzung ändern. Die Dinge gibt es, weil es einen Markt dafür gibt. Wird es benutzt, bleibt es in der Welt. Ich allein kann das nicht ändern, dazu müssten sich alle Paketdienstkunden und Empfänger von Paketen kollektiv darauf besinnen, eine derartige Überwachung weder zu wollen noch zu nutzen. Das erscheint mir dann doch illusorisch. Aber ich kann dem armen, total überwachten Paketboten das Leben für einen klitzekleinen Moment ein bisschen angenehmer machen. Das hilft dann der Welt im Allgemeinen nicht wirklich weiter, kompensiert aber zumindest mein schlechtes Gewissen und das schmuddelige Gefühl, sich selbst beim Voyeurismus ertappt zu haben.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ja, ich weiß, Opa erzählt vom Kriege…
  2. „Auf Schritt und Tritt“ ist hier also nicht nur einfach eine Metapher.
  3. GPS-Lücken kommen hier in Minden schon mal vor.

#gatekeeping

On 25. Oktober 2014, in Internet, Persönliches, by Ingo

Ich bin genervt. Nein, eigentlich köchelt da eine unterschwellige Wut in mir. Und wie das mit Wut so ist, sollte ihr rechtzeitig ein Ventil gegeben werden, bevor sie die Laune gänzlich verdirbt.

Was mich aktuell sauer macht, sind die vielen #gates, die derzeit so durchs Internet schwappen. #updategate, #bendgate, #gamergate… und all das wird tatsächlich ernst genommen, als hätten die Beteiligten irgendeine sozial bedeutsame Position. Was mich aktuell am meisten aufregt, ist die Debatte um das #gamergate. Und eben genau darum muss ich’s mir von der Seele schreiben.[1]

#gamergate – Spielplatz für moralisch Pervertierte

Ich habe versucht, mich in die Wortschlacht um das #gamergate einzulesen. Versucht, weil ich nach kurzer Zeit einfach abbrechen musste, da mich das Lesen selbst schon wütend machte und Wortschlacht, weil es sich dabei nicht um eine Diskussion handelt, wie es Seitens der Medien fälschlicherweise dargestellt wird.
Bei einer Diskussion geht es darum, Argumente auszutauschen – immer eingedenk des Umstandes, dass die eigenen Argumente möglicherweise falsch sein könnten. Bei einer guten Diskussion muss man sich selbst immer die Möglichkeit geben, die eigene Position zu überdenken, sie möglicherweise für falsch zu erklären und die Argumente des Diskussionsgegners als wahr (oder zumindest besser) zu übernehmen. Im Zweifel kann man sich auch in der Mitte treffen, wenn jeder ein Stück von seiner Position aufgibt und ein Kompromiss angestrebt wird.
#gamergate ist dagegen ein verbaler Vernichtungskrieg. Es geht ganz offensichtlich nicht darum, die eigene Position nur darzustellen und zu diskutieren; vielmehr erscheint es mir, als ginge es nur darum, die Gegenposition zu vernichten – inklusive der Diskussionsteilnehmer.

Ethik, Games und Journalismus? Dass ich nicht lache!

Die Kombattanten aufseiten des #gamergates behaupten steif und fest, dass es um ethische Grundsätze im Gaming-Journalismus gehen würde. Dass dem nicht so ist, wird in einem Beitrag vom Deutschlandfunk [Link] recht deutlich dargestellt. Wenn es aber um Ethik und Moral geht, dann werde ich automatisch hellhörig. Als Philosoph kann ich gar nicht anders. Nachdem ich nun die Beiträge und Medienartikel überflogen habe, stellte sich mir folgende Frage:

„Ihr redet von Ethik und bedroht Menschen, die eurer Meinung widersprechen mit Vergewaltigung und Tod?!? Wie gestört seid ihr eigentlich???“

Es mag sein, dass ich in meinem nicht ganz erfolglos abgeschlossenen Philosophiestudium irgendwas verpasst habe. Vielleicht hatte ich ja in dem entscheidenden Moment, als es um Ethik- und Moralbegründung ging eine Art Sekundenschlaf. Aber:

Niemals. Wirklich absolut niemals ist es eine ethisch (bezogen auf einen Einzelnen) oder moralisch (bezogen auf die Gesamtheit der Menschen) zulässige Methode, einen Menschen mit höchsten Übeln oder dem Tod zu bedrohen, nur um eine Meinung durchzusetzen!

Nicht nur, dass es gar nicht um eine echte Diskussion geht, es wird auch der Begriff der Ethik völlig pervertiert. Die Art und Weise, auf die diese Wortschlacht geführt wird, ist vielmehr vollkommen imoralisch.[2] Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen. Und die #gamergate-Teilnehmer gehören dazu.

Pardon, aber: Ihr seid keine Kämpfer für einen ethischen Journalismus. Ihr seid einfach nur Arschlöcher.

Die Sache mit dem Feminismus

Ich frage mich, woher dieser Hass auf Frauen kommt. Ich verstehe es einfach nicht. Vielleicht ist es eine Art „primitiver Verteidigungsversuch“ gegen feministische Argumentationen. Ich kann ja durchaus verstehen, dass man sich als Mann davon angegriffen fühlen kann. Ging mir auch oft so und ich finde nach wie vor, dass es einige feministische Argumentationen gibt, die für meinen Geschmack übertrieben sind.
Das liegt aber nicht daran, dass die Argumentation falsch wäre. Es liegt viel mehr daran, dass der Ton die Musik macht und der Ton ist nicht selten recht aggressiv. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass der Ton auch aggressiv sein muss. Immer dann, wenn in der Vergangenheit für Freiheitsrechte gekämpft wurde, war der Ton nicht all zu freundlich. Gut, es ging zu Anfang des letzten Jahrhunderts auch nicht gerade unblutig vonstatten. Und hier setzt sich dann einfach ein lange unterdrückter (oder eben schlechter behandelter) Bevölkerungsteil zur Wehr. Und wir können von Glück reden, dass wir im 21. Jahrhundert leben und dieser Freiheitskampf (hoffentlich) unblutig vonstattengeht.

Also: Ich kann verstehen, dass insbesondere Männer sich ärgern. Wie gesagt: Kurzzeitig geht es mir ja genauso, bis ich das Ganze halt mal sacken lassen habe und drüber nachdenke. Ich kann, will und werde niemals verstehen, dass dieser Ärger zu primitivsten Beleidigungen, Erniedrigungen bishin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen führt. Ich kann nicht verstehen, woher all dieser Hass kommt. Wir leben in einer sich für aufgeklärt haltenden Wohlstandsgesellschaft. Es fehlt uns an nichts. Es gibt keine große Konkurrenz zwischen den Geschlechtern, die irgendeinen Mann in seinem Leben bedrohen würde. Nicht mal die Lebensqualität ist von ein wenig Gleichberechtigung bedroht. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern (wobei ich es nicht mit ausreichend Inbrunst verfolgt habe), dass es jemals darum ging, etwaig als sexistisch deklarierte Motive aus Videospielen zu entfernen oder sie zu verbieten. Es soll (meiner Ansicht nach zumindest – aber ich lasse mich gern korrigieren) nur darum gehen, sie aufzuzeigen, damit jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Ein Problem muss schließlich erkannt werden können, damit es behoben werden kann.

#Gamerstolz

Zu guter Letzt möchte ich, nachdem ich mir meinen Ärger von der Seele gebloggt habe, noch ein wenig melancholisch und pathetisch werden.

Ich bin stolz, Gamer zu sein. Nicht zuletzt, bin ich stolz darauf, in all den Jahren so viele tolle Menschen kennen lernen zu dürfen (ja – und dabei sind sogar nicht wenig Frauen). Videospiele begleiten mich jetzt schon seit ich acht Jahre alt war und meinen ersten C64 bekam (also seit jetzt 25 Jahren – herrje, ein Vierteljahrhundert… ich werd alt…). Und in all den Jahren, in denen sich die Games von ihrem „Kellerkind-Image“ bis zur aktuellen Salonfähigkeit entwickelt haben, habe ich in meinem Umfeld niemals so etwas wie Intoleranz erlebt. Niemals habe ich auch nur den Hauch von Sexismus oder Hass gegenüber Frauen (oder „damals“ eben Mädchen) kennen gelernt. Das exakte Gegenteil war der Fall: Frauen wurden immer problemlos integriert, sexuelle Diskriminierung kam nicht vor… im Grunde lebte ich jahrzehntelang in einer schönen heilen Welt, in der uns Probleme wie Sexismus und dergleichen überhaupt nicht bewusst waren. Wir hatten sie einfach nicht. Wir haben alle Spielerinnen und Spieler völlig gleich behandelt und integriert. Aber hey, wir waren jung und sind damit groß geworden.[3]

Lasst uns all das nicht vergessen. Lasst uns nicht vergessen, dass Spiele dazu da sind, Spaß zu haben. Gemeinsam Spaß zu haben. Wo, wenn nicht in den Spielen können wir alle kurz mal hinter uns lassen, woher wir kommen. Wir können unabhängig von unsrem biologischen Geschlecht agieren, denn das lässt sich in den Spielen nach belieben wechseln. Games sind Teil der Unterhaltungskultur – und genau deswegen sollten wir uns diese Unterhaltung nicht von aggressiven, beleidigenden und bedrohlichen Strömungen kaputtmachen lassen. Kaum, dass das Gaming in der Gesellschaft ein wenig positiv gesehen wird, gibt es wenige (ich hoffe inständig, dass es wenige sind), die mediale Aufmerksamkeit durch Beleidigungen und Gewalt bekommen. Pardon, aber: Das darf einfach nicht sein. Es darf nicht sein, dass ein Hobby, das dazu geeignet ist, Menschen zu verbinden, mit einer derartigen Brutalität ins Gegenteil verkehrt wird.

Und zu Guter letzt möchte ich Danke sagen. 🙂 Mein Dank gilt all den bekannten und unbekannten Spielerinnen und Spielern, die mir in den letzten 25 Jahren über den Weg gelaufen sind und die mir Hoffnung machen (obwohl es eine ungültige Einpersonenstatistik ist), dass nicht wenige da draußen wirklich tolerante, intelligente und friedfertige, gern albern-verückte Menschen sind, die ihr Hobby mit Spaß ausüben, ohne negative Hintergedanken dabei zu haben. Ihr seid großartig! Und allein das gibt mir das gute Gefühl, dass die diffuse Menge der „Gaming-Community“ diesen Skandal unbeschadet überstehen wird. Besser noch: Ich denke, es wird uns, uns Spielern von Videospielen, eine Lektion in Toleranz und Demut sein. Wir können nur daraus lernen – vor allem, wie wir in Zukunft mit derartig aggressiven Störungen umgehen wollen. Denn genau darüber gilt es nun zu diskutieren.

So, genug finsteren (und zum Schluss doch noch positiven) Gedanken. Ich geh zocken. 🙂

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hätte es auch gern in einem Podcast verwurstet – aber meine Aufzeichnungs-App hat das Upgrade auf iOS 8.1 wohl nicht so wirklich gepackt und die sonstige Audioqualität ist mir mittlerweile einfach zu schlecht. Ich warte also auf ein Update – oder eben auf Geld für vernünftiges Equipment. 🙂
  2. Zur (vereinfachten) Erklärung: Amoralische Menschen achten moralische Grundsätze, wie es ihnen passt und brechen andere – so wie Räuber zwar stehlen, aber die Beute untereinander teilen. Imoralische Menschen dagegen ignorieren alle moralischen Regeln – etwa wie der Joker bei Batman.
  3. Und ein Problem ist immer etwas, wie oben schon erwähnt, das sich einem in den Weg stellt und hinderlich wirkt – wenn es einem nicht bewusst ist, dann ist es offensichtlich kein Problem.
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Wenn einer eine Reise macht…

On 2. Oktober 2014, in Persönliches, by Ingo

…dann sollte er dabei am Besten auf die Deutsche Bahn verzichten. Vor allem dann, wenn es darum geht, zu einem festen Termin irgendwo in Deutschland zu erscheinen.

Eigentlich mag ich Bahnfahren ja. Es ist nicht übermäßig kompliziert, Verkehrsunfälle sind relativ selten (auch wenn gerade der Herbst und der Winter naht und die Suizidrate damit auch in die Höhe schnellt) und im Grunde gibt es nicht viel mehr zu tun als zu sitzen und zu warten, bis man am Zielort ankommt. Hin und wieder umsteigen, ankommen, alles gut. Soweit zumindest in der Theorie. Gestern allerdings zeigte sich die Bahn von ihrer schlechtesten Seite – und hat mir damit gehörig den Tag versaut. Oder zumindest meine Stimmung.

Ich wollte zu einem Vorstellungsgespräch nach Karlsruhe fahren. Das ist von klein Minden über fünf Bahn-Stunden entfernt (in der Theorie – in der Praxis werden auch gern sechseinhalb oder sieben daraus, wenn man nicht schnell und flexibel umplanen kann, was mir allerdings doch noch gelungen ist). Angedacht war, dass ich von einem Freund hier um 07:30 Uhr abgeholt werde (der musste ohnehin um etwa diese Uhrzeit hier vorbeifahren) und so stellte ich mich mit gepacktem Rucksack und nicht geringer Nervosität bereit. Um 07:33 Uhr rief ich dann kurz an, um eine Positionsmeldung zu bekommen, da weit und breit nichts von ihm zu sehen war. Leider war er nicht zu erreichen – und so machte ich mich dann um 07:45 Uhr[1] , dem „Point of no Return“ mit voller Notfallgeschwindigkeit mit dem Rad auf den Weg zum Bahnhof. Da kam ich dann im Schweiße meines Angesichts und ziemlich zerzaust an und wusste: Ordentlich, sauber und adrett werde ich da heute nicht ankommen und vermutlich einen extrem miesen ersten Eindruck hinterlassen.

Der Zug sollte dann um 08:08 Uhr hier abfahren – tat er auch, zumindest so ganz grob, denn es gab einen baustellenbedingten Gleiswechsel und ich bekam den ersten Verspätungsalarm des Tages, dass ein Anschlusszug nicht erreicht werden könnte. Via Bahn-Navigator-App und Live-Tracking wuchs die Verspätung dann soweit an, dass sie quasi mit der Umsteigezeit identisch war. Mein Stresslevel nahm von Minute zu Minute zu [2] und ich machte mich darauf gefasst, alternative Verbindungen suchen zu müssen. Wie durch ein Wunder schaffte der Zug es dann aber doch noch, ein paar Minuten aufzuholen, sodass mir noch eine Minute blieb, um in Hannover aus dem Zug zu springen, die Treppe runter zu hetzen, einmal längst den Bahnhof lang (im Slalom durch andere Fahrgäste, die genauso hektisch aus der Gegenrichtung kamen), die Treppe wieder rauf und in den IC der da stand reinzuspringen. Ob das nun der richtige Zug war oder nicht, konnte ich gar nicht mehr groß prüfen – hätte es eine Gleisänderung gegeben, wäre ich also todesmutig einfach in den falschen Zug gesprungen. Glücklicherweise war das aber schon mal der richtige Zug – ein mehr oder weniger heruntergekommen wirkender IC mit scheinbar nicht mehr so ganz funktionierendem Kabinendrucksystem (haben die überhaupt eins?), denn die zahlreichen Tunnel auf der Strecke sorgten für nicht geringe Ohrenschmerzen. Spätestens nach dem fünften Mal Druck auf den Ohren kam ich mir ziemlich betrunken vor und hatte ernsthaftes Mitleid mit dem Zugpersonal, dass die Strecke vermutlich mehrmals täglich fahren musste.

Nächster Umstieg in Kassel, ebenfalls mit massiver Verspätung und Hektik (spätestens hier versagte mein Deo völlig). Grund: Da fuhr eine S-Bahn vor, die einfach nicht die Strecke frei machen wollte, sodass der IC nicht schneller fahren konnte. „Frech“, dachte ich, „wie kann man da nur nicht rechts ranfahren!“ und in meinem Kopfkino ertönte der Ritt der Walküren und ein großer, mächtiger IC jagte hinter einem kleiner kleinen, unschuldigen S-Bahn her.[3] Also auch hier das beliebte „Wir rennen über einen Bahnhof und springen an nöselnden und vor einem her schleichenden Passanten vorbei“-Spiel.

Von Kassel sollte es dann mit dem ICE bis Mannheim weitergehen und von da aus dann bis Karlsruhe, von wo aus dann die letzte Etappe bis Karlsruhe-Durlach die S-Bahn sein sollte. Geplante Ankunft: 13:15 Uhr. Soweit, so gut – ich rief also schon mal ein kleines Taxi-Unternehmen an, das mir als recht günstig empfohlen worden war, um mich dann von da aus zu meinem Zielort zu bringen – denn nochmal 20 Minuten Fußmarsch wollte ich mir nach den Sprinteinlagen des Tages einfach ersparen.

So ein ICE ist ja schon eine gemütliche Sache, wenn alles funktioniert. Als wir dann kurz vor Mannheim waren, kam dann eine neuerliche Ansage: Der Anschlusszug nach Basel [und verschiedenen anderen Orten, die ich mir nicht gemerkt hatte], ICE 505/105 hält heute nicht in Mannheim. Stattdessen wurde der ICE 75, der zehn Minuten später fahren sollte, als Ausweichzug empfohlen. Ok, also neue Panik. In Mannheim angekommen sprang ich aus dem Zug, raste die Treppe runter, wieder quer durch den Bahnhof mit Kurs auf die Information – und wurde von einer Schlange gebremst. Vor mir ein ziemlich unaufmerksamer Rentner, der nicht merkte, dass er an der Reihe war, selbst nachdem ich ihn anstupste und darauf aufmerksam machte; so drängelte ich mich also vor. Ich wollte mir die Gültigkeit meines Tickets bestätigen lassen und dann eine neue Route ausgedruckt bekommen – schließlich brauchte ich ja auch neue Anschlüsse nach Durlach. Nach kurzem Hin und Her war dann klar, dass ich spätestens um 13:32 Uhr ankommen würde und um die verlorenen neun Minuten aufzuholen, raste ich wiederum zurück durch den Bahnhof, die Treppe rauf, zum Gleis des Ersatzzuges, nur um dann festzustellen, dass auch dieser Zug 10 Minuten Verspätung hatte. Damit würde ich auch die neuen Anschlüsse nicht mehr bekommen.

In Gedanken fluchend wollte ich die Taxizentrale anrufen, um ihr mitzuteilen, dass ich nicht mehr bis Durlach fahren würde, sondern dass sie mich am Hauptbahnhof in Karlsruhe einsammeln sollten – allerdings war das Telefon da nur besetzt. Insgesamt etwa 50 Minuten lang (ich hatte es in den zehn zusätzlichen Minuten und in der etwas über einer halben Stunde Fahrt permanent versucht anzurufen – ohne Erfolg), sodass ich annahm, dass deren Telefonanlage abgestürzt sein musste. Nun ja, sowas kann passieren. Dann wollte ich meine Gesprächspartnerin für das Vorstellungsgespräch anrufen und ankündigen, dass ich mich womöglich verspäte, schließlich hatte ich keine Ahnung, wie lang die Fahrt mit einem normalen Taxi vom Hauptbahnhof aus dauern würde – aber auch da konnte ich niemanden erreichen. Also: Volles Risiko und ein neuerlicher kurzer Angstschweißausbruch, der auch im Zug nicht besser wurde, da in dem Ersatz-ICE offenbar die Klimaanlage ausgefallen war. Schon ziemlich erschöpft und genervt kam ich dann doch irgendwann in Karlsruhe an und stapfte erst mal Schnurstraks zum falschen Ende des Bahnhofs (Ok, der Teil ist eigene Trotteligkeit, die einfach nur meiner Erschöpfung zuzuschreiben ist), lief also einmal hinten rum, um festzustellen, dass die Taxis vorn standen und nachdem ich ein solches dann erreicht hatte, kam ich dann doch noch pünktlich zum Termin.

Ich muss völlig verlottert ausgesehen haben und meinte auch, dass ich nach all diesem Chaos schon ziemlich erschöpft wäre. „Merkt man Ihnen aber nicht an“, hieß es – und ich fragte mich, ob das eine höfliche Untertreibung war, oder ob ich wirklich so cool wirken konnte. Meine Performance war dann wohl oder übel aber eher suboptimal und wenn ich den Job tatsächlich kriege, grenzt es an ein Wunder (wobei ich das ziemlich cool fände, denn es ist ja im Großen und Ganzen genau das, was ich eh schon seit Jahren mache – nur eben bezahlt und zum Glück weit, weit weg von der hiesigen Umgebung).

Auf dem Rückweg kehrte ich dann bei der vermutlich grandiosesten Burgerschmiede überhaupt ein – dem American Diner Durlach und verputzte den geilsten Burger, den ich bisher gegessen hab. Definitiv einen Besuch wert.

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Eine Stunde warten, meditieren und unter dem vollen Bauch leiden – schon sollte es dann wieder zurück gehen. Allerdings fuhr die S-Bahn nach Mannheim (von wo aus es dann mit dem ICE weitergehen sollte) mit einer derart atemberaubenden Geschwindigkeit, dass sie von einer durch die Dopingkontrollen gefallenen Wellhornschnecke locker hätte überholt werden können. Das Gedränge, die sich übergebende, extrem übergewichtige Frau, die sich an mir vorbeischob und das Fehlen jedweder Luftbewegung oder Klimatisierung machten meine ohnehin schon vorliegende Erschöpfung nicht besser – und dem neuerlichen Verspätungsalarm mit Hinweis auf mögliches Verpassen des Anschlusszuges nahm ich nur noch mit stummer Resignation auf. Wie durch ein Wunder (manchmal scheinen die Götter mir wohl gesonnen), erreichte ich den Anschluss dann doch noch, ließ mich in ein nicht reserviertes Abteil plumpsen und atmete erst mal die diesmal gut klimatisierte Luft tief ein. Herrlich, wenn alles funktioniert, wie es soll.

Nach einem Fahrgastwechsel stiegen dann zwei Finanzberater zu, die sich dann darüber unterhielten, dass es ja eine Frechheit wäre, dass so kleine Gewerkschaften, wie die GDL streiken könnte und man müsste die alle zerschlagen. Und überhaupt wäre es total illusorisch, fünf Prozent mehr Geld und zwei Stunden weniger arbeiten zu wollen (ich dachte nur: „Ja, total gemein, dass es Menschen gibt, die tatsächlich GELD haben wollen, wenn sie arbeiten. Warum nicht einfach gleich Zwangsarbeit einführen und ihnen Essens- und Wohngutscheine geben? Soll doch reichen, dafür dass sie die große Ehre haben, dem Unternehmen zu mehr Gewinn zu verhelfen…“). Völlig realitätsfremd sei das.
Kurz darauf unterhielten sie sich dann darüber, dass sie ja keine Lust hätte, ständig im Hamsterrad zu laufen und sich liebend gern beim Tennisspielen oder beim Golf auf exklusiven Plätzen „wo nicht die ganzen Arbeitnehmer rumhängen“ entspannen. Da geht man dann doch gern mal gegen 17 Uhr nachhause. Ist ja schließlich auch genug. Immer diese Arbeit und der ganze Stress, nein, das geht ja nun wirklich nicht. Außerdem schienen die beiden auch schon seit über zwanzig Jahren die gleiche Bahnverbindung zu nutzen und kannten fast jeden Passagier beim Vornamen. Verrückt.

Das war dann der Moment, in dem ich die beiden in meiner Fantasie am liebsten so lange mit den Köpfen zusammengeschlagen hätte, bis sie lachten und freiwillig zugaben, dass es andere Leute gibt, die genauso viel Stress hätten, deutlich weniger verdienten und ein verdammtes Recht darauf haben, streiken zu dürfen.

Glücklicherweise musste ich das permanente Gerede nicht auf Dauer ertragen – und die mir gegenübersitzende junge Dame war dann doch eine angenehmere Gesprächspartnerin.

Irgendwann gegen 23 Uhr war ich dann doch wieder zuhause. Und bei meiner nächsten deutschlandweiten Reise zu einem wichtigen Termin plane ich sicherheitshalber eine Übernachtung mit ein – das macht das alles extrem viel entspannter. Oder ich spare mir eine Art „Reisekasse“ an und nehme gleich den Flieger. Soll angeblich mit Check-In und so genauso lange dauern, ist in meiner Fantasie aber immer noch angenehmer, als Verspätungen, Rennerei und Stress durch Unzuverlässigkeit.

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  1. Später erfuhr ich, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kam und mich da einfach vergessen hat – es sei ihm also verziehen…
  2. Ich hatte ohnehin kaum geschlafen – schlechte Grundvoraussetzung für Zeitdruck…
  3. Ich weiß, ich weiß, Züge fahren alle mit gebührendem Abstand hintereinander her und sind in Blöcke eingeteilt, damit sie alle noch rechtzeitig bremsen können, falls doch mal was passiert – das änderte aber auch nichts an der amüsierten Vorstellung in meinem Kopf…

Nichts zu verbergen haben…

On 28. Januar 2014, in Gesellschaft, by Ingo

Manchmal denke ich, dass die Leute, die sagen, dass sie kein Problem mit Überwachung habe, weil sie ja nichts zu verbergen haben, die gleichen Leute sind, die in einen 100 km entfernten Swingerclub gehen, um dort nicht erkannt zu werden – und dann völlig erstaunt auf ihre Bankberaterin, oder die Lehrerinnen ihrer Kinder treffen, die genau die gleiche Idee hatten… ^^

Update, weil’s gefragt wurde: Nein. Ich gehe nicht in Swingerclubs. Die sind mir zu weit weg. 😉

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Da ist wieder mal eine neue Katze aus dem Sack. Nun sollen Verschlüsselungen wie SSL-Zertifikate und Co. kein Problem mehr für die Geheimdienste darstellen. Hieß es letztens noch, dass die Dienste die Masterkeys von den Anbietern haben wollen, so heißt es jetzt, dass sie die Verschlüsselungen einfach knacken können. Tja dann – scheiß doch auf Verschlüsselung. Wozu sollte ich denn Briefe in Umschläge stecken, wenn diejenigen, von denen ich nicht will, dass sie meine Briefe lesen können, sowieso hergehen und die Umschläge aufreißen? Genau. Dauert dann einen kleinen Moment länger, bis die Mail gelesen werden kann – und vermutlich macht es die Verschlüsselung erst recht interessant. Tja. Da hilft dann vermutlich nur noch, gute alte Briefe zu schreiben. Mit Füller auf Papier. Ist übrigens eine tolle Sache, so ein Füller und Briefpapier.

Dann unterhielt ich mich vorhin noch mit einem Freund über den neuen Kinofilm „White House Down“. Ich meinte, es wäre  nur wieder ein neuer Terroranschlags-Film, mit dem die Leute dann unterschwellig eingeschüchtert werden sollen und letztlich wird damit dann nur noch mehr Überwachung gerechtfertigt. Besagter Freund kommentierte es folgendermaßen:

du scheinst nicht begreifen zu wollen, dass die sich weder rechtfertigen müssen noch wollen noch werden …. die überwachen und fertig ist … und es interessiert sie nen scheiß, ob da ein kleiner moralischer aufschrei kommt oder nicht

Einen kleinen moralischen Aufschrei gibt es zum Beispiel morgen in Berlin. Ich prophezeie (und ich hoffe inständig, dass ich Unrecht haben werde): Die Aktivisten werden es als einen großen Erfolg feiern, wenn ein paar Tausend Leute in Berlin aufschlagen und gegen Überwachung demonstrieren. Ein großer Sieg für die Freiheit, ein strahlendes Zeichen für die Demokratie… und dann? Dann passiert – genau – gar nichts. Die letzten Umfragen haben nicht viel mehr und nicht viel weniger ergeben, als dass sich die Leute einen Scheiß dafür interessieren, ob sie nun überwacht werden oder nicht. Und dass die ganze Affaire nicht viel an ihrem Wahlverhalten ändern. Sie haben drängendere Sorgen. Sie arbeiten in 2-3 Minijobs, um zu überleben, vegetieren mit Hartz IV vor sich hin und bekommen keinen Job, zahlen Strompreise, die jenseits von gut und böse sind und überlegen jeden Tag, wie sie den nächsten überstehen, während sie auf einen Therapieplatz warten, weil sie durch die miserablen Arbeitsbedingungen und die ständig steigenden Preise depressiv geworden sind.

Die Dienste interessiert ein kleiner moralischer Aufschrei einen Scheiß. Die Leute interessiert die Überwachung einen Scheiß. Am Ende geht das ja eh schon jahrelang so und bisher ist noch niemand, auch wenn er nicht gesellschaftskonform gedacht und publiziert hat, in den Knast gewandert oder hatte sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten. Also was solls?

Und ganz ehrlich? Mir hängen diese ganzen neuen Enthüllungen zum Hals raus. Ernsthaft. Es würde ein einziger kleiner Satz reichen: „Liebe Leute – euer ganzes Leben wird überwacht und ausgewertet.“ Damit ist alles gesagt. Also liebe Enthüller: Geht einfach nach Hause. Nehmt eure Enthüllungen mit und lasst mich damit in Ruhe. Ich mag’s einfach nicht mehr hören. Es wird einfach viel zu viel.

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Eigentlich wollte ich über die gamescom 2013 keine großen Worte verlieren. Ich hatte sogar vor, die Messe mit Missachtung zu strafen, da die Veranstalter der Kölnmesse es fertig gebracht haben, mich zu akkreditieren, aber meine stellvertretende Chefredakteurin nicht. Dabei macht sie ihren Job exzellent und ist diejenige, die bei uns die Hosen anhat. Im Grunde hätte sie den Chef-Posten viel eher verdient, denn ich betreibe die Plattform eigentlich fast nur und kümmere mich um allerlei Organisatorisches. Aber gut, für Institutionen wie die Kölnmesse AG scheint nur der Besitz eines Presseausweises zu zählen. An meiner Meinung, keine weiteren Worte, über die gamescom verlieren zu wollen, hat sich nichts geändert – darum werde ich keinen offiziellen Artikel schreiben, sondern lediglich hier meine Gedanken bloggen.

Games, Sexismus und journalistische Grundsätze

Nachdem ich nun aber einen Artikel las, bei dem es um sexistische Eskapaden der Kollegen von GIGA ging, muss ich das eine oder andere Wort verlieren. Es geht gar nicht anders. Denn ich habe das Gefühl, dass es um die Ehrenrettung des Gaming-Journalismus als Ganzem geht. Glücklicherweise hat GIGA das Video mittlerweile wohl von ihrer Webseite und ihrem YouTube-Kanal gelöscht – die Produzenten des Werks wohl aber noch nicht und ich hoffe, dass es zu Dokumentationszwecken schon republiziert wurde. Das Internet vergisst schließlich nichts.

Games und Sexismus stehen bedauerlicherweise in einer engen Verbindung miteinander. Das liegt zum einen ander Zielgruppe der meisten Spiele (männliche Jugendliche und junge Erwachsene). Zum anderen an der werbepsychologisch schon länger bekannten und ausgenutzten Erkenntnis aus der Neurokognitionsforschung (die ist allerdings recht neu), dass der Anblick von nackter weiblicher Haut für das männliche Gehirn ein enorm starker Reiz ist (Quelle: SZ).
Nicht selten kritisiert werden weibliche Charaktere in Spielen. Lara Croft hat übertrieben große Brüste, weibliche Kriegerinnen in Fantasyspielen (da kann wirklich jedes beliebige herangezogen werden) laufen nicht selten in einer Art verziertem Kampf-Bikini herum (der in einem realistischen Schlachtfeld ungefähr so viel Schutz bietet wie eine schusssichere Weste aus Seidenpapier) und bis auf wenige Ausnahmen sind sie schwach und schutzbedürftig.
Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass wir Männer durchaus auch an Stereotypen in Videospielen leiden können. Wie werden männliche Hauptcharaktere in Spielen dargestellt? Meist als Draufgänger; breitschultrig, unglaublich trainiert und zu sportlichen Höchstleistungen fähig, für die es bei Olympia eigentlich Platin geben müsste. Außerdem haben männliche Charaktere nie Angst, sind grundsätzlich mit einem ganze Arsenal an Waffen ausgestattet und stecken Wehwehchen weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Pardon, aber bei derartig überzogener Plakatierung von Stereotypen könnte ich auch Komplexe kriegen. Ich bin zwar relativ gut trainiert (schließlich zocke ich ja nicht nur) aber trotzdem verhältnismäßig speckig, ich habe in verschiedenen Situationen durchaus Angst, und wenn mir jemand eine Waffe in die Hand drückte, würde ich sie eher möglichst vorsichtig möglichst weit weglegen. Abgesehen davon bin ich auch auch recht empfindlich. Warum gibt es eigentlich keinen Hauptcharakter in Spielen, der so ist, wie du und ich? Haben die Entwickler Angst, so etwas würde sich nicht verkaufen? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall – aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel.
Ich kann aus eigener Erfahrung übrigens sagen, dass „sex sells“ kein großes Gewicht hat. Ich hab’s ausprobiert. Die Klickzahlen wurden davon nicht beeinflusst.

Auf Spielemessen wie der gamescom wird diese stereotype Sexualisierung gern dazu ausgenutzt, Werbung zu machen. Leichtbekleidete (oder zumindest ziemlich herausgeputzte) Messe-Hostessen mit Traum-Maßen präsentieren die Spiele, die eigentlich für sich selbst sprechen könnten. Offenbar sollen sie sich sogar präsentieren. Ich erinnere mich an die Enttäuschung einer Hostes, die ich bat, doch mal aus dem Bild zu gehen, als ich ein Foto von einem Casemod machen wollte. Mich interessierte die Technik – nicht die junge Dame im Bikini.

Und damit komme ich auch direkt zu dem, was im Gaming-Journalismus irgendwie „nicht ganz richtig“ läuft. Ich meine – es gibt da journalistische Grundsätze, die sich jeder schon aus der eigenen Vernunft ableiten kann, ohne dazu direkt Journalismus studiert haben zu müssen. Ich selbst bin von meiner Profession her schließlich auch Philosoph und trotzdem journalistisch tätig.
Grundsätzlich geht es darum, über ein Ereignis zu berichten. Dabei kommt es auf die Zielsetzung des Berichts an: Es kann sich um eine reine Fotodokumentation handeln oder auch um eine Reportage über die Messe selbst oder auch Interviews mit Hardware-Herstellern oder den Spieleentwicklern. Wenn man nun als Journalist zu so einer Messe losgeschickt wird, dann hat man nicht selten einen „Redaktionsauftrag“. Zur Vorstellung der Wii U haben wir beispielsweise unseren Technikredakteur David damit beauftragt, sowohl die Konsole als auch die Spiele einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Wenn ich mir jetzt das Video von GIGA so ansehe, dann frage ich mich, wie der Redaktionsauftrag dazu wohl gelautet haben muss. Immerhin ist das Video ja sogar (kurzzeitig) veröffentlicht worden, sodass ich unterstelle, dass der Auftrag wunschgemäß erfüllt worden ist. Erst nachdem es massive (und durchaus berechtigte) Kritik hagelte, wurde das Video offenbar wieder entfernt.

Nun handelt es sich bei GIGA nicht gerade um eine kleine Seite. Im Gegenteil, sie sind eher „ganz oben“ angesiedelt. Wenn schon so große und bekannte Seiten derartige Inhalte produzieren und veröffentlichen, was für ein Bild wirft das dann wohl auf den Gaming-Journalismus insgesamt? Vor allem, weil ich ja ein eher kleines und beschauliches Magazinchen betreibe, das mit „den Großen“ weder konkurrieren kann noch will. Muss ich jetzt fürchten, dass ich für (pardon) eine perverse Drecksau gehalten werde, wenn ich mich Cosplayerinnen mit einer Kamera nähere, weil ein Kostüm einfach gut gelungen ist oder Gamerinnen interviewen will, weil mich ihre Meinung zu einem Spiel interessiert? Muss ich ab jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich eine reine Fotodokumentation mache und da eben hauptsächlich Frauen abgebildet sind, weil‘s das Mischungsverhältnis halt so hergibt?

Ich meine: Wie die Leute sich nun privat benehmen, kann und will ich nicht beurteilen. Und wenn’s nach mir geht, kann sich privat auch jeder Aufführen wie er will – meinetwegen sich auch in aller Öffentlichkeit zum Affen machen (der Widerspruch zwischen „privat“ und „öffentlich“ ist nur scheinbar – gemeint ist „privat“ und „beruflich“ in der Öffentlichkeit). Das geht mich einfach nichts an. Aber in einem professionellen Umfeld [1] erwarte ich einfach auch ein professionelles Verhalten.

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  1. ich erinnere gern daran, dass der Gaming-Journalismus ernsthafte Arbeit ist, auch wenn es nach Außen hin gern mal so wirkt, als hätte man den ganzen Tag Spaß und würde nur zocken. Sorry, aber das ist nicht so. Und das Zocken für ein Review macht auch überhaupt keinen Spaß.
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Weltprobleme

On 5. Mai 2013, in Persönliches, Philosophie, by Ingo

Eine junge Dame meinte kürzlich zu mir, sie möge die Philosophie nicht so. Zum Einen wären die Philosophen, die sie kennt, allesamt eher Rechthaberisch und mit Scheuklappendenken ausgestattet – zum Anderen hätte sie gar keine Lust, die Probleme der Welt zu lösen, sondern viel lieber erst mal ihre eigenen. Mich macht das wieder mal nachdenklich. Klar, was sollte ich als Philosoph auch sonst tun? 😉

Rechthaberei und Scheuklappendenken? Ich vermute, das liegt am Handwerkszeug. Mit dem Kopf voll Logik denkt es sich viel leichter in „richtig“ und „falsch“, hinter jeder Ecke lauert ein Fehlschluss und überhaupt will jeder seine Position ja so gut wie möglich verteidigen. Was auch sonst? Wenn es aber so viele sind, die sich so verhalten, dann gibt es da scheinbar ein Problem. Liebe Kollegen… hört doch mal auf, Recht haben zu wollen. „Die Wahrheit“ als begründete Meinung scheint ja ohnehin dasjenige zu sein, worauf sich die meisten einigen können. Immerhin gibt’s ja keine „letzte Begründung“, die noch irgendwie nachvollziehbar wäre.

Aber Weltprobleme lösen? Wir Philosophen? Wir erschaffen sie ja erstmal! Wobei: Eigentlich erschaffen wir nur die Werkzeuge, mit denen dann die Menschen loslaufen und Probleme machen. Wir erfanden die Demokratie – und die Menschen gingen los, führten Kriege und blutige Kämpfe, um die Welt zu demokratisieren. Schon kamen wir wieder ins Spiel und sagten „Moment Freunde, bitte benutzt unsere Werkzeuge doch nicht so!“ – und stellten nebenbei fest, das es für Kriege Regeln geben muss, dass es so etwas wie Gerechtigkeit und Moral gibt, die doch bitte zu beachten sind. Zudem sind Mehrheitsdemokratien auch nicht gerecht, denn sie unterdrücken Minderheiten und schon Seneca wusste, dass viele, die das gleiche behaupten, noch lange nicht die Wahrheit sagen, sondern einfach nur die gleiche Meinung teilen.

Nein, nein…. also – wir Philosophen sind ganz schlechte Problemlöser. Wir sind dafür viel bessere Problemversteher – und so ein Problem verstanden zu haben, ist ja schon mal was. Gelöst wird das Problem dann aber von denjenigen, die sich praktisch damit beschäftigen.

Aber, eine Bitte habe ich dann doch noch: Wenn wir euch demnächst die Weltprobleme erklären und Werkzeuge vorschlagen, mit denen man sie angehen kann – benutzt sie bitte nicht, ohne vorher die Anleitung gelesen und verstanden zu haben. Sonst geht nur mehr kaputt, als nötig wäre.

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Wenn ich die digitale Höhen, Tiefen und Winkel der Welt so durchstreife, stoße ich unweigerlich auf Menschen, die wissen wollen, was ich denn so mache. Also: Beruflich, privat, hobbymäßig. Ja, was mache ich eigentlich so? Meine offline-Bekannten (also die paar Leute, die ich tatsächlich außerhalb von leuchtenden Plastekästen kenne) würden jetzt sagen „irgendwas mit Computern und so“ oder „du machst doch da sowas mit Medien…“ Ja, irgendwie mache ich was mit Computern und mit Medien. Irgendwie bin ich (Online-)Medium. Und irgendwo bin ich Philosoph. Nicht selten bekomme ich daher auch zu hören, ich dächte über Sachen nach, auf die mein Gegenüber ja im Leben nicht gekommen wäre. Gern auch kommentiert mit einem mehr oder weniger abfälligen „Worüber du dir alles Gedanken machst…“, wenn es um den neusten kleinen Datenschutzskandal geht.

Ja was denn nun? Mhm… Naja, einerseits habe ich mich mit einer Kommilitonin aus dem Seminarraum heraus selbstständig gemacht und ein kleines Online-Blogazin (also eine Mischung aus Blog und Magazin) gegründet. Und als Teil der Medienwelt produzieren wir Wirklichkeiten. Andererseits beschäftige ich mich philosophisch mit den Fragen danach, was unsere hübsch vernetzte Welt im innersten zusammenhält. Wie „intelligent“ Maschinen sein können (sie können es nicht all zu sehr) und wie selbstständig sie handeln können (auch das geht nicht sonderlich gut). Und vor allem, welche Konsequenzen das alles für unsere Gesellschaft hat, die mehr und mehr von digitaler und vor allem vernetzter Technologie abhängig ist. Also im Großen und Ganzen gehen mir Dinge durch den Kopf, die ziemlich aktuell und bedeutsam sind. Also bin ich Philosoph. Und Journalist. Zumindest ein bisschen.

„Und damit kann man Geld verdienen?“ Kommt darauf hin nicht selten die Frage. Nein. Kann man nicht. Noch nicht. Zumindest hatte ich noch keine Gelegenheit dazu, mich danach umzusehen, ob es einen Markt für die philosophische Betrachtung von vernetzten Systemen, Datenschutz, moralischen Fragen in und um soziale Netze, security, privacy  und dergleichen gibt. Vielleicht sollte ich eine eigene Consulting-Firma gründen.

„Bist du Hacker?“ Ich glaube nicht. Zumindest würde ich lauthals vermuten, dass mich echte Hacker eher auslachen würden, was meine zwar umfangreichen aber dann im Vergleich doch eher begrenzten technischen Kenntnisse angeht. Nun, vielleicht bin ich ein Philo-Hacker. Ich habe nämlich die Angewohnheit, philosophische Theorien für etwas anderes zu benutzen, als sie eigentlich mal gedacht waren, um digitale Phänomene damit zu erklären. Zumindest ist die Eigenschaft, etwas gegebenes zu nehmen, damit herumzuexperimentieren und etwas völlig neues daraus zu machen (oder es einfach gänzlich anders zu benutzen, als eigentlich mal gedacht) so eine recht klassische Hacker-Eigenschaft. Aber sonst? Nein, ich glaube nicht.

„Du bist ja total der Nerd.“ Oh ja! Und das sogar mit Inbrunst und Freude! Ich liebe Technologie! Ich liebe es, stundenlang an einem Rechner zu sitzen und einfach nur Sachen damit auszuprobieren. Oder mir neue Handys anzusehen und damit rumzuspielen, allein, um zu gucken, wie sie denn so funktionieren. Oder die Dinge einfach nur benutzen, weil es sie gibt.

Also, irgendwie bin ich all das gleichzeitig. Medienmacher und gleichzeitig Medienkritiker, Philosoph, Nerd, Gamer und Idealist. In den Club der Porsche-Fahrer komme ich damit wohl nicht. Aber das ist vermutlich auch gar nicht so schlimm. 🙂

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