Nichts zu verbergen haben…

On 28. Januar 2014, in Gesellschaft, by Ingo

Manchmal denke ich, dass die Leute, die sagen, dass sie kein Problem mit Überwachung habe, weil sie ja nichts zu verbergen haben, die gleichen Leute sind, die in einen 100 km entfernten Swingerclub gehen, um dort nicht erkannt zu werden – und dann völlig erstaunt auf ihre Bankberaterin, oder die Lehrerinnen ihrer Kinder treffen, die genau die gleiche Idee hatten… ^^

Update, weil’s gefragt wurde: Nein. Ich gehe nicht in Swingerclubs. Die sind mir zu weit weg. 😉

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Da ist wieder mal eine neue Katze aus dem Sack. Nun sollen Verschlüsselungen wie SSL-Zertifikate und Co. kein Problem mehr für die Geheimdienste darstellen. Hieß es letztens noch, dass die Dienste die Masterkeys von den Anbietern haben wollen, so heißt es jetzt, dass sie die Verschlüsselungen einfach knacken können. Tja dann – scheiß doch auf Verschlüsselung. Wozu sollte ich denn Briefe in Umschläge stecken, wenn diejenigen, von denen ich nicht will, dass sie meine Briefe lesen können, sowieso hergehen und die Umschläge aufreißen? Genau. Dauert dann einen kleinen Moment länger, bis die Mail gelesen werden kann – und vermutlich macht es die Verschlüsselung erst recht interessant. Tja. Da hilft dann vermutlich nur noch, gute alte Briefe zu schreiben. Mit Füller auf Papier. Ist übrigens eine tolle Sache, so ein Füller und Briefpapier.

Dann unterhielt ich mich vorhin noch mit einem Freund über den neuen Kinofilm „White House Down“. Ich meinte, es wäre  nur wieder ein neuer Terroranschlags-Film, mit dem die Leute dann unterschwellig eingeschüchtert werden sollen und letztlich wird damit dann nur noch mehr Überwachung gerechtfertigt. Besagter Freund kommentierte es folgendermaßen:

du scheinst nicht begreifen zu wollen, dass die sich weder rechtfertigen müssen noch wollen noch werden …. die überwachen und fertig ist … und es interessiert sie nen scheiß, ob da ein kleiner moralischer aufschrei kommt oder nicht

Einen kleinen moralischen Aufschrei gibt es zum Beispiel morgen in Berlin. Ich prophezeie (und ich hoffe inständig, dass ich Unrecht haben werde): Die Aktivisten werden es als einen großen Erfolg feiern, wenn ein paar Tausend Leute in Berlin aufschlagen und gegen Überwachung demonstrieren. Ein großer Sieg für die Freiheit, ein strahlendes Zeichen für die Demokratie… und dann? Dann passiert – genau – gar nichts. Die letzten Umfragen haben nicht viel mehr und nicht viel weniger ergeben, als dass sich die Leute einen Scheiß dafür interessieren, ob sie nun überwacht werden oder nicht. Und dass die ganze Affaire nicht viel an ihrem Wahlverhalten ändern. Sie haben drängendere Sorgen. Sie arbeiten in 2-3 Minijobs, um zu überleben, vegetieren mit Hartz IV vor sich hin und bekommen keinen Job, zahlen Strompreise, die jenseits von gut und böse sind und überlegen jeden Tag, wie sie den nächsten überstehen, während sie auf einen Therapieplatz warten, weil sie durch die miserablen Arbeitsbedingungen und die ständig steigenden Preise depressiv geworden sind.

Die Dienste interessiert ein kleiner moralischer Aufschrei einen Scheiß. Die Leute interessiert die Überwachung einen Scheiß. Am Ende geht das ja eh schon jahrelang so und bisher ist noch niemand, auch wenn er nicht gesellschaftskonform gedacht und publiziert hat, in den Knast gewandert oder hatte sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten. Also was solls?

Und ganz ehrlich? Mir hängen diese ganzen neuen Enthüllungen zum Hals raus. Ernsthaft. Es würde ein einziger kleiner Satz reichen: „Liebe Leute – euer ganzes Leben wird überwacht und ausgewertet.“ Damit ist alles gesagt. Also liebe Enthüller: Geht einfach nach Hause. Nehmt eure Enthüllungen mit und lasst mich damit in Ruhe. Ich mag’s einfach nicht mehr hören. Es wird einfach viel zu viel.

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Ich beschäftige mich ja durchaus mehr oder weniger intensiv mit dem, was ich so esse und denke dabei durchaus darüber nach, wie Nahrungsketten, Nährstoffe, Lebensmittelproduktion und Co. zusammenhängen. Bis vor kurzem durchaus relativ unkritisch. Aber wie das so ist: Je mehr verschiedene Informationen so auf mich einprasseln, desto differenzierter wird meine Ansicht – und desto polemischer reagiere ich manchmal. Dabei polemisiere ich meist,weil es die einfachste Art ist, auch Andere zum Nachdenken zu bringen. Menschen müssen irritiert werden, damit sie nachdenken – eine ganz einfache Strategie, der sich Medien, Werbung, Politik und Co. regelmäßig bedienen, wenn hier und da mal wieder einer neuer Skandal aus dem Boden gestampft wird. Eigentlich bekannte Mechanismen. Und eigentlich sollte simples Schulwissen schon die kritische Frage „Wer profitiert?“ verfestigt haben, wenn es um die Betrachtung von Medienerzeugnissen geht. Nun, das hier ist ein Medienerzeugnis. Profitiere ich davon? Vermutlich nicht. Ich denke nur öffentlich nach. Und hoffe vielleicht, dass noch andere zum Nachdenken angeregt werden.

Die vegetarisch-vegane Bio-Industrie

Bevor ich ein Produkt verkaufen kann, muss ich erst einmal herausfinden, ob es einen Markt dafür gibt. Gibt es keinen, kann ich versuchen, einen zu erschaffen, indem ich mir geschickte Werbestrategien einfallen lasse. Die Veggie-Industrie macht das unter anderem mit einem biologistischen Argument, in dem behauptet wird, der Mensch wäre ja von Natur aus ein Pflanzenfresser und es wäre total unnatürlich, Fleisch zu essen. Das ließe sich allein schon durch die Kieferform und die Zähne belegen. Nun, wir haben durchaus Mahlzähne, mit denen wir Nahrung zerquetzen können – aber auch Schneidezähne, mit denen wir Fleisch zerkleinern können. Was nämlich bei all diesen Argumenten ignoriert wird, ist, dass der Mensch sich im Laufe der Evolution dazu entwickelt hat, seine Nahrung nicht mehr unverarbeitet zu sich nehmen zu können. Man mag es aber durchaus probieren, in eine Ähre Weizen zu beißen. Schnell käme die Feststellung zu Tage, dass es nicht nur nicht schmeckt, sondern zudem auch der Verdauung nicht all zu förderlich ist. Nicht ohne Grund trennen wir sprichwörtlich die Spreu vom Weizen, stellen Mehl her und verbacken es zu Brot. Ganz ähnlich ist es mit Fleisch: Selbst wenn ein Mensch es schaffen würde, so ein Schwein mit bloßen Händen zu töten (die Tierchen sind durchaus robust und mit einem Durchschnittsgewicht von 120 kg schwerer als manch ein Mensch), wäre es recht witzlos zu versuchen, ein Stück aus dem toten Tier herauszubeißen. Ganz davon abgesehen, dass wir rohe Tierproteine auch gar nicht verdauen könnten. Das ist aber auch kein Argument für das Pflanzenfresserdasein, sondern eher für die Verarbeitung der Produkte. Ich habe mal von einer Studie gelesen, dass sich das menschliche Gehirn allein deswegen so entwickeln konnte, wie es das tat, weil wir angefangen haben, Nahrung zuzubereiten und zu kochen. Rohkost schädigt somit wortwörtlich das Gehirn.
Eine andere Werbemasche ist das Geschäft mit der Oberflächlichkeit und gesellschaftlichen Vorurteilen. Vegetarier sind schlanker, leben gesünder und länger und überhaupt sind sie viel energischer bei der Sache. Ich habe dazu einen kleinen Selbstversuch unternommen. Nachdem ich all meine Körperwerte (Gewicht, Körperfettanteil, Muskelanteil, Kalorienbedarf und – umsatz) über einen längeren Zeitraum genau gemessen, beobachtet und analysiert habe und mich abwechselnd rein vegetarisch und „ganz normal“ ernährt habe, stellte ich fest, dass es überhaupt gar keinen Unterschied für die rein biologischen Werte macht. Ich hätte ja bei der vegetarischen Ernährung abnehmen müssen, wenn Vegetarier grundsätzlich einen geringeren BMI haben (der übrigens auch ein rein willkürlicher Wert ist) und schlanker sind. Was übrig bleibt ist eine Werbebotschaft: „Lebt vegetarisch, denn wenn ihr Fleisch esst, ernährt ihr euch falsch. Und wir zeigen euch, wie man diesen Fehler korrigiert.“
Es ist schon erstaunlich, wie eine ansonsten recht gut funktionierende Evolution einen so gravierenden Fehler machen kann, Allesfresser zu entwickeln, die vorzugsweise verarbeitete Nahrung zu sich nehmen. Noch erstaunlicher ist es, dass die Ergebnisse dieser Evolution von sich selbst behaupten, dass sie Fehlerhaft wären – dabei überleben „Fehler“ in der Natur eigentlich gar nicht wirklich lang. 😉

Ethik-Terrorismus

Eine andere Art und Weise, mit der Produkte an den Mann oder die Frau gebracht werden könne, ist es, die Konkurrenzprodukte madig zu machen. Immer mal wieder produzieren Tierschützer Videos von schrecklichen Dingen: Da werden Tiere in der Massentierhaltung gezeigt, die sich gegenseitig tottrampeln, verbeißen, Schwielen und Wunden haben, die brutal behandelt werden, in Schlachtbetrieben am lebendigen Leibe ausgeweidet werden und allerlei ekliges Zeug. Das appelliert an unsere ethischen und moralischen Grundsätze. Kein empfindungsfähiges Wesen sollte so behandelt werden.
Nun, der kleine Medienwissenschaftler in meinem Hinterkopf merkt dazu an, dass Medien nur produziert und veröffentlicht werden, wenn es jemanden gibt, der sich dafür interessiert. Interesse wird erzeugt, in dem möglichst emotionalisierende Inhalte präsentiert werden; je mehr Aufmerksamkeit und je mehr etwas auf die Spitze getrieben wird, desto besser. Oder glaubt ihr, der Titel dieses Artikels ist nur rein zufällig so reißerisch? Genau: Er soll Aufmerksamkeit erzeugen und die Leute dazu animieren, ihn zu lesen. Gleichzeitig erzeugen diese Videos und Fotos Angst und Ekel. Nichts anderes, als das, was Kernelemente des Terrorismus sind. Hier jedoch mit einem ethisch aufgeladenen Thema, statt mit einer politischen Motivation.

Der Fehlschluss, der dabei immer mal wieder gern ignoriert wird ist ein recht simpler: Es wird ein „pars pro toto“ präsentiert. Vereinzelte Beispiele werden immer mal wieder herbeigeholt um auf eine dramatische Situation aufmerksam zu machen. Dabei erzeugt das Gehirn der Rezipienten den Schluss: Wenn man so oft mit so grausamen Bildern konfrontiert wird, dann geht es überall in der Fleischindustrie so zu. Ein Schluss vom Teil zum Ganzen ist aber nicht immer richtig. Es gibt durchaus sehr seriöse Studien über unschöne Zustände in der fleischverarbeitenden Industrie. Wenn man sich aber mal Medienbeiträge im Fernsehen oder im Internet ansieht, dann stellt man recht schnell fest, dass verschiedene Sendeanstalten immer die gleichen Bild-Beiträge verwenden. Man bekommt immer die gleichen Bilder zu sehen, die, schnippelt man sie zusammen, aus ein und dem gleichen Gesamt-Video stammen. Erstaunlich ist auch, dass meistens der Datumscode fehlt. Man weiß nie, wie alt die Aufnahmen sind. Ebenfalls wird nie gesagt oder gezeigt, woher sie überhaupt stammen. Mit anderen Worten: Die Medien präsentieren schockierende Aufnahmen ohne Belege und Quellenangaben! Letztlich, um damit Aufmerksamkeit zu erzeugen, denn damit verdient man als Journalist Geld. Ansonsten könnte man auch das, was man zu schreiben gedenkt, einfach in das Tagebuch schreiben und da lassen. Will man seine Schreiberei aber verkaufen, dann braucht es schon etwas, dass andere auch lesen wollen und wofür ein Verleger bereit ist, zu bezahlen, damit er seinerseits Geld mit Werbung (oder öffentlich-rechtlicher Verteilung) verdienen kann.

Genauso gut könnte ich ins Kino gehen, Paranormal Activity sehen, und darauf hin von der Existenz von Geistern überzeugt sein, denn ich habe ja überzeugend aussehende, schockierende Bilder gesehen – und die haben sogar eine Quellenangabe und wurden freundlicherweise von Hollywood-Regisseuren aufbereitet und der Öffentlichkeit vorgestellt.

Nun, egal ob man nun Fleisch- oder Pflanzenfresser ist: In beiden Fällen handelt es sich um Industrieprodukte für die es Werbe- und Lobbystrategien gibt. Gesünder, richtiger oder falscher, moralisch einwandfreier ist keine der beiden Ernährungsweisen. Fakt bleibt, dass kein Medieninhalt produziert wird, wenn kein Profit oder zumindest Aufmerksamkeit davon erwartet wird. Und natürlich schreib ich, damit die Leute auf meine Flattr-Buttons klicken, bis ihnen schwindlig wird und ich so viel Aufmerksamkeit erzeuge, um mit internationalen Vorträgen reich und berühmt zu werden. Warum denn auch sonst? 😉

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Nachdem ich ja mit der Begründung, warum man Tiere eben doch essen darf, gründlich gescheitert bin, gönnte ich mir eine gehörige Portion Opportunismus und beschloss, mich dann doch mal näher mit dem Veganismus zu beschäftigen. Dazu trugen nun viele verschiedene Überlegungen bei, die ich hier nicht im Einzelnen ausbreiten will (zumindest noch nicht, bzw. erst dann, wenn sie den Status von „intuitiv“ zu „fundiert“ gewechselt haben). Sicher ist zumindest, dass Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne nichts damit zu tun hat. 😉

Nun, zumindest stellte ich meine Ernährung (wieder einmal) grundlegend um und auf den Kopf. Solcherlei Dinge mache ich in regelmäßigen Abständen. Immer mal wieder was Neues, könnte man sagen. Bei der Gelegenheit durchstöberte ich das Netz nach „Futterquellen“, denn der Bioladen um die Ecke hat zwar alles, was das Herz begehrt, ist aber verhältnismäßig teuer. Nun, viel günstiger wird es offenbar nicht – dafür fand ich einen tollen Versandhandel für vegetarische Lebensmittel und allem, was es sonst so drumherum gibt. Und so bestellte ich dann direkt mal einen Monatsvorrat an vegetarischem Kauleistengenuss und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Und siehe da – der Versand ging flott und – total niedlich – die Rechnung war in einer Art Dankesbriefumschlag versteckt, ein paar Leckereien gab es auch noch als Gratisbeilage dazu… sie verstehen es auf jeden Fall, ihre Kunden glücklich zu machen.
Die beigelegten Werbeprospekte hatten allerdings eher den gegenteiligen Effekt. Klar: Sie möchten direkt Werbung für die vegetarische Ernährungsweise machen, denn immerhin verdienen sie ihr Geld damit. Allerdings haben sie vermutlich nicht so ganz verstanden, wie Werbung geht. Werbung soll Positives hervorheben, anpreisen und Dinge als toll verkaufen, von denen kein Mensch wirklich glaubt, dass sie wirklich essenziell wichtig sind. Die beigelegten Prospekte, Zeitschriften und Flyer zeigten aber etwas völlig anders: Nicht etwa die positiven, tollen, coolen und zeitgemäßen Seiten des Vegetarismus, sondern vielmehr die boshaften, ekligen, gemeinen, abstoßenden und ungesunden Seiten des Fleischessens.

Da lagen also Ausgaben der „Veggie Times“ des Vebu bei und eine Ausgabe des Magazins „Kochen ohne Knochen„.  Und was soll ich sagen? Statt positive, friedfertige Informationen dazu zu liefern, wie man sich denn nun effektiv vegetarisch ernähren kann (was gerade für Einsteiger ins Thema, der ich zum Glück nicht bin, ziemlich wichtig sein kann), strotzen diese Magazine nur so vor Anprangerungen. Tiere die leiden und gequält werden, deren Schlachtprozeduren mit emotionalisierendem Vokabular möglichst brutal dargestellt werden, Fotos von Massentierhaltung (die harmlose Variante, ich hab schon schlimmere gesehen, aber die kann man vermutlich nicht ohne schlechtes Gewissen abdrucken) und immer und überall der gleiche Konsens: Fleisch essen ist schlecht. Fleisch essen ist ungesund. Fleisch essen ist verwerflich. Fleisch essen ist böse.

Derartiger Verbalmilitarismus löst in mir allerdings keine sonderlich positive Stimmung aus. Es führt eher dazu, dass ich nicht zu derart aggressiven Menschen dazugezählt werden möchte. Und es ist klar, dass hier direkt gesagt werden kann „Aber Fleischfresser sind ja noch viel aggressiver, oder hältst du Tiere töten etwa für friedfertig?“. Darum geht’s mir aber gar nicht, denn es geht allein um den Ton, der die Musik macht.

Ob es Magazine von Fleisch-Verbänden gibt, die sich abfällig über Vegetarier äußern? Weil die ihnen das Geschäft kaputt machen oder so? Und die im Gegenzug Studien veröffentlichen, in denen dargestellt, wie gesund und toll und energiereich doch der Fleischverzehr ist?

Ich werd‘ jetzt nicht aus Protest zum Massentierhaltungsschnitzel greifen. Aber ich werde die „Veggie-Szene“ wohl mal ein wenig kritisch beäugen müssen.

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 1.  Einleitung

Kaum ein Thema ist in der jüngsten Vergangenheit so umstritten, wie der Terrorismus. Sowohl in der Politik als auch in der politischen Philosophie finden sich zahlreiche Definitionen, was nun unter Terrorismus zu verstehen sei. Allein schon die Vielzahl an Defintionsversuchen macht klar: Das Problemfeld scheint sich nicht all zu deutlich umreißen zu lassen.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wandelte sich die Diskussion sowohl innerhalb der Politik als auch in der Philosophie. Von „neuem Terrorismus“ war in den Medien die Rede und seitens der Vereinten Nationen wurden, mehr oder weniger verzweifelte, Versuche unternommen, eine Möglichkeit zu finden, das Problem in Worte zu fassen und somit „das was bekämpft werden soll“ einzugrenzen.
Ich möchte in meiner Arbeit verschiedene Dinge aufgreifen. Zum einen möchte ich versuchen, aus all den Definitionen, die in Politik, Philosophie und Gesellschaft kursieren, eine solche herauszuarbeiten, die nach Möglichkeit das breiteste Feld von möglichen Terrorakten abdeckt, aber Handlungen, die nichts mit Terror zu tun haben, außen vor lässt. Sie soll sowohl die Terrorakte von nichtstaatlichen Organisationen abdecken, als auch solche, die von Staaten im Rahmen von Kriegen ausgeführt werden umfassen. Zugleich soll sie aber verhindern, dass jeder beliebige Gewaltakt als Terrorakt aufgefasst werden kann. In einem weiteren Schritt möchte ich dann versuchen, das komplexe Spannungsfeld zwischen zivilem Ungehorsam, politischem Widerstand, Terrorismus und Guerillakrieg zu untersuchen und hier deutlich abgrenzen, wann etwas ein Terrorakt ist und wann nicht. Zum Schluss möchte ich dann darüber nachdenken, ob es möglich wäre, eine moralische Rechtfertigung für Terrorakte gibt und wie diese aussehen könnte, wenn es sie gäbe – und ebenfalls auf die moralischen Probleme des Anti-Terror-Kampfes eingehen. Sollte mein Projekt gelingen, wird am Schluss zumindest eine brauchbare Definition und Abgrenzung von Terrorakten im Vergleich zu allen anderen, sich im Spannungsfeld der Definitionen befindlichen, Handlungen herauskommen, mit der sich dann weiterarbeiten lässt.

2.  Terrorakte – ein Definitionsversuch

Zunächst scheint es mir ratsam, nicht von „dem Terrorismus“ zu reden. Eine brauchbare Idee findet sich bei Georg Meggle, der von „Terror-Akten“ ausgeht. Zwar möchte ich mich nicht seiner Argumentation anschließen, aber die Rede von einzelnen Terror-Akten übernehmen. Dadurch wird es nämlich möglich, einzelne Handlungen zu beurteilen und nicht „den Terrorismus“ als diffuse Menge aus Ideologien und Handlungen als Grundlage heranziehen zu müssen. Ich will für eine modulare Sichtweise auf Terrorakte plädieren, sodass es möglich wird, einzelne Elemente eines Angriffs zu betrachten und danach beurteilen zu können, ob es sich um einen Terrorakt handelte oder nicht. Somit lässt sich erreichen, dass auch Handlungen, die von Staaten ausgeführt werden, als terroristisch angesehen werden können. Ein weiterer, praktischer, Hintergrund ist: Statt „den Terroristen“ als durchweg negativ betrachten zu müssen, lässt sich allein auf die Handlung, die eine Person ausführt, abstellen. Ein und derselbe Mensch kann schließlich nicht nur terroristische Handlungen ausführen, sondern auch liebender Familienvater sein, Bruder oder Schwester und sogar ein Kirchendiener.[1] Das ermöglicht eine differenziertere Betrachtungsweise, statt denjenigen, der Terrorakte ausführt, als vollständig und inhärent „böse“ oder bedrohlich zu behandeln. Damit werden dann auch verschiedene Arten des Antiterrorkampfes moralisch fragwürdig, wie beispielsweise das Targeted Killling. Dazu aber später mehr. Ein weiterer Vorteil einer Betrachtung auf Handlungsebene ist, dass sowohl einzelne Teile der Handlung, als auch die Konsequenzen im Einzelfall überprüft werden können. Eine weitere Schärfung des Begriffs ist notwendig, wenn es um die politische Dimension des Terrors geht. Hier gilt: Es kann auch Terror geben, der keinen politischen Hintergrund hat. Ebenso muss unterschieden werden zwischen offenem und verdecktem Terrorismus, denn auch hier gibt es die Möglichkeit, dass diejenigen, die Terrorakte ausführen entweder ganz offen angreifen oder sich eher versteckt halten und in aller Heimlichkeit ihren Planungen nachgehen.

Um zu verstehen, was ein Terrorakt ist, muss der Begriff für sich genommen zunächst in seine Bestandteile aufgelöst werden. Dabei dürfte klar sein, dass sicherlich Begriffe unter „Terror“ subsumiert werden können, die auch zu anderen Begriffen wie zum Beispiel „Krieg“ oder „Revolution“ fallen. Hier ist also eine genaue Abgrenzung notwendig, wann etwas als Terrorakt gilt und wann es als Kriegsakt oder revolutionäre Handlung einzustufen ist.
Ich gehe dabei zunächst dem Begriff nach. Der ursprüngliche Wortsinn des Begriffs Terror ist Furcht. Fassen wir diese Furcht spezieller auf, schließlich handelt es sich nicht um irgendeine Furcht, sondern die Furcht vor einer drohenden (und mit großer Wahrscheinlichkeit tödlichen) Verletzung oder der Zerstörung von Sachen, die durch brutale Gewalteinwirkung verursacht wird. Allerdings weist diese Furcht eine Besonderheit auf: Sie hat notwendigerweise Anteile einer ungerichteten Angst, die darin besteht, dass nie genau klar ist, wann und wo ein neuer Anschlag geschehen könnte.[2] Diese, durch einen Terroranschlag erzeugte, Furcht ist ausschließlich instrumenteller Natur. Mit ihrer Hilfe soll eine andere Person zu Handlungen bewegt werden, die sie sonst nicht ausgeführt hätte. Niemals ist die Furcht, die ein Terrorakt erzeugt, Selbstzweck. Ein weiterer, notwendiger Bestandteil eines Terroraktes ist die Gewalt, mit der die Furcht erzeugt wird. Dabei ist unerheblich, ob es sich um physische Gewalt wie zum Beispiel Bombenanschläge oder Schießereien handelt oder um psychische Gewalt, wie die bloße Androhung von Anschlägen oder Repressionen. Ein Terrorakt ist also notwendigerweise immer ein Gewaltakt. Diese Gewalt kann ganz offen ausgeführt werden, wie es kürzlich zum Beispiel bei dem Angriff von Taliban-Melizen auf ein Luxushotel geschah. Sie kann aber auch mit einem heimlich geplanten Bombenanschlag einhergehen. Bedeutsam daran ist, dass die Gewalt möglichst breit kommuniziert werden muss, damit die erhoffte Wirkung, das Erzeugen von Furcht, auch eintritt. Es ist damit notwendig, dass die angewandte Gewalt möglichst brutal ausfällt. Die Rechnung, die jemand, der einen Terrorakt ausfühlt aufmacht, geht dabei in ungefähr so: Je brutaler, desto größer wird die Aufmerksamkeit der Gesellschaft (vermittels Medien) sein und desto mehr Angst wird erzeugt. Ein psychologischer, möglichst brutaler, Gewaltakt bestünde beispielsweise darin, Videos von Geiseln zu veröffentlichen oder mit der Zündung einer schmutzigen Bombe zu drohen.
Damit eine Abgrenzung von anderen Gewaltakten möglich wird, ist es notwendig, sich außerdem noch nach der Legitimität der Handlung zu fragen. Ein Terrorakt ist grundsätzlich illegitim und verstößt sowohl gegen moralische als auch völkerrechtliche Konventionen. Warum das so ist, werde ich im folgenden Abschnitt detaillierter begründen. Ich möchte mich nicht ausschließlich auf solche Terrorakte konzentrieren, deren Hintergrund es ist, eine politische oder gesellschaftliche Änderung herbeizuführen. Immerhin kann ich auch meinen Nachbarn terrorisieren, wenn ich will, dass er sein Verhalten ändert und womöglich nicht mehr auf der Wiese vor meinem Fenster grillt. Ich könnte ihm zum Beispiel androhen, seine Katze zu foltern, sollte er es nicht unterlassen, mich mit Grillgerüchen zu belästigen. Klarerweise bin ich nicht dazu legitimiert, meinen Nachbarn durch derartigen Terror dazu zu bewegen, seine Grillgewohnheiten zu ändern. Der legitime Weg wäre eine freundliche Aufforderung beziehungsweise, sollte das nicht helfen, eine juristische Auseinandersetzung. Letztlich gibt es niemanden, der mir das Recht dazu einräumen kann, Gewalt gegen einen unbeteiligten Dritten, in diesem Falle die Katze meines Nachbarn, anzuwenden oder auch nur anzudrohen, um mir so ein angenehmeres Arbeitsklima zu verschaffen. Ein Terrorakt (auch ein staatlicher), ist also notwendigerweise ein illegitimer Gewaltakt.[3] Wichtig ist, dass es für den Gewaltakt oder auch nur seine Androhung keine Möglichkeit gibt, ihn auf irgendeine Art und Weise zu rechtfertigen. Das ist beispielsweise bei einer undifferenzierten Flächenbombardierung, der Androhung von Folter oder einem Bombenanschlag mit zahlreichen toten und verletzten Unschuldigen der Fall.
Weiterhin muss bedacht werden, gegen wen sich die Gewalt richtet. Meiner Ansicht nach richtet sich ein Terrorakt hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) gegen „weiche“ Sekundärziele – also Zivilisten und diejenigen, die eigentlich nicht für die Situation verantwortlich sind, die von denen, die den Terrorakt ausführen, geändert werden soll. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, dass es Terrorakte geben kann, die sich gegen Kombattanten richten. Diese unterliegen dann aber besonderen Bedingungen, die sie von legalen Kampfhandlungen unterscheiden. Diese Bedingungen sind dann erfüllt, wenn beispielsweise innerhalb von militärischen Kampfhandlungen Mittel eingesetzt werden, die das zulässige Maß überschreiten und allein darauf abzielen, mit möglichst großer Grausamkeit den Kampfeswillen des Feindes zu brechen. Hierzu würde ich den Einsatz von Napalm im Vietnamkrieg zählen oder auch ethnische Säuberungen die vom Militär durchgeführt werden und die entsprechende Massengräber hinterlassen.

Zusammengefasst ist ein Terrorakt eine Handlung, bei der überproportionale Gewalt hauptsächlich gegen sekundäre (und zumeist unschuldigen) Zielpersonen oder gegen Sachen (Gebäude, Infrastruktur, etc.) richtet, mit dem Zweck, möglichst viel soziale Aufmerksamkeit und Furcht zu erzeugen, mit der die primären Zielpersonen zu Handlungen oder Unterlassungen bewegt werden sollen, die sie unter gewöhnlichen Umständen niemals ausführen würden.

3.  Abgrenzung von anderen Gewaltakten

Es muss nun eine genaue Abgrenzung vorgenommen werden, um herauszufinden, wann ein Terrorakt als solcher bezeichnet werden kann und wann es sich womöglich um eine legale Kampfhandlung handelt oder um eine Form von politischem Widerstand. Immerhin kann es in beiden Fällen zu grausamer Gewalt kommen. Hierzu lassen sich unter anderem die Theorien des Gerechten Krieges oder die Haager Landkriegsordnung heranziehen, um klar abzugrenzen, was ein Terrorakt und was ein Kriegsakt ist.[4]

Betrachtet man die Haager Landkriegsordnung, so würden Anschläge von Terroristen im Stil des 9/11 nicht als Kriegshandlungen gewertet werden können – die Terroristen somit auch nicht als Kombattanten behandelt werden. Bereits in Artikel 2 heißt es dort:

Die Bestimmungen der im Artikel 1 angeführten Ordnung sowie des vorliegenden Abkommens finden nur zwischen den Vertragsmächten Anwendung und nur dann, wenn die Kriegführenden sämtlich Vertragsparteien sind.[5]

Klarerweise sind die Terroristen, die die Anschläge am 11. September 2001 ausführten, keine Vertragspartei, die der Haager Landkriegsordnung zugestimmt hätte. Von Al Qaida als Organisation lässt sich ebenfalls nicht sagen, dass sie unter die Bestimmungen des Vertragswerks fallen würde, da es sich nicht um staatlich anerkanntes Freikorps oder eine Miliz handelt. Dass hier also stellvertretend Afghanistan angegriffen wurde, lässt sich auf diese Weise nicht begründen, ebenso wenig wie ein „Kreg gegen den Terrorismus“. Es scheitert hier an den Vorgaben, die für eine Kriegspartei gelten müssen, wie sie im ersten Kapitel, Abschnitt, Artikel 1 geregelt sind:

Die Gesetze, die Rechte und die Pflichten des Krieges gelten nicht nur für das Heer, sondern auch für die Milizen und Freiwilligenkorps, wenn sie folgende Bedingungen erfüllen:

  1. wenn jemand an ihrer Spitze steht, der für seine Untergebenen verantwortlich ist,
  2. wenn sie ein festes, aus der Ferne erkennbares Abzeichen tragen,
  3. wenn sie die Waffen offen führen und
  4. wenn sie bei ihren Unternehmungen die Gesetze und Gebräuche des Krieges beobachten.

In den Ländern, wo Milizen oder Freiwilligenkorps das Heer oder einen Bestandteil des Heeres bilden, sind diese unter der Bezeichnung «Heer» inbegriffen. [6]

Organisatorisch steht zwar möglicherweise jemand an der Spitze einer Terrororganisation, der sich für die Handlungen der Mitglieder mehr oder weniger verantwortlich zeichnet. Dass ein festes, aus der ferne erkennbares, Abzeichen getragen wird, ist allerdings nicht gegeben. Ebenfalls führen Terroristen ihre Waffen nicht offen und sie scheren sich auch nicht unbedingt um die Regeln des Krieges. Problematisch ist das, weil kurz nach den 9/11-Anschlägen mit einem militärischen Einsatz in Afghanistan seitens der USA reagiert wurde, weil das Land angeblich die Terroristen unterstützen würde. Ohne eine Zurechnung als offizielle, militärische Einheit, ist das allerdings völlig unbegründet. Es lässt sich an dieser Stelle also festhalten: Bei Terrorakten handelt es sich nicht um Kriegsakte, sofern sie nicht von Angehörigen einer offiziellen, militärischen Einheit ausgeführt werden – denn immerhin kann es auch innerhalb des legalen, bewaffneten Konflikts terroristische Handlungen geben. Werden sie von offiziellen militärischen Einheiten ausgeführt, handelt es sich vielmehr um Kriegsverbrechen. Dazu aber später mehr.
Selbst wenn es in der Vergangenheit keine wirklichen Kriege mehr gab [7] , sondern statt dessen humanitäre Interventionen und bewaffnete Konflikte, so hilft es, einen Blick in die Theorien des gerechten Krieges zu werfen, um einen Unterschied zwischen einem militärischen Einsatz und einem Terrorakt zu ziehen. Ein Krieg muss vom Anführer eines Landes gegen ein anderes Land befohlen werden. Dabei ist es nicht notwendig, dass der Krieg offiziell erklärt wird. [8] Zwar ist es vorstellbar, dass ein Krieg durch einen Überraschungsangriff initiiert wird, wie es bei der Jom-Kippur-Krise der Fall war, dennoch handelt es sich dabei um einen zwischenstaatlichen Konflikt, auf den entsprechend angemessen reagiert werden muss. Ein überraschender Terrorakt kann zwar befohlen werden – und er kann auch durchaus von einem Staatsoberhaupt befohlen werden – hat aber dann keine militärischen Primärziele oder aber die eingesetzten Mittel richten sich gegen militärische Ziele, sind dann aber nicht proportional zum angestrebten Ziel.
Welche Mittel in einem Konflikt nicht eingesetzt werden dürfen, lässt sich ebenfalls aus der Haager Landkriegsordnung entnehmen. Dort heißt es in Artikel 23 [9] :

Abgesehen von den durch Sonderverträge aufgestellten Verboten, ist namentlich
untersagt:

a) die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen,

b) die meuchlerische Tötung oder Verwundung von Angehörigen des feindlichen Volkes oder Heeres,

c) die Tötung oder Verwundung eines die Waffen streckenden oder wehrlosen
Feindes, der sich auf Gnade oder Ungnade ergeben hat,

d) die Erklärung, dass kein Pardon gegeben wird,

e) der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötige Leiden zu verursachen,

f) der Missbrauch der Parlamentärflagge, der Nationalflagge oder der militärischen Abzeichen oder der Uniform des Feindes sowie der besonderen Abzeichen des Genfer Abkommens,

g) die Zerstörung oder Wegnahme feindlichen Eigentums ausser in den Fällen, wo diese Zerstörung oder Wegnahme durch die Notwendigkeiten des Krieges dringend erheischt wird,

h) die Aufhebung oder zeitweilige Ausserkraftsetzung der Rechte und Forderungen von Angehörigen der Gegenpartei oder die Ausschliessung ihrer Klagbarkeit.

Den Kriegführenden ist ebenfalls untersagt, Angehörige der Gegenpartei zur Teilnahme an den Kriegsunternehmungen gegen ihr Land zu zwingen; dies gilt auch für den Fall, dass sie vor Ausbruch des Krieges angeworben waren.

Der Atombombenabwurf über Hiroshima lässt sich somit als staatlich befohlener Terrorakt ansehen. Fraglos handelt es sich um eine Waffe, die geeignet ist, unnötige Leiden zu verursachen. Die Ziele waren überwiegend zivil und die Strategie, nach der vorgegangen wurde, war darauf ausgelegt, dass es die Stadt unvorbereitet und überraschend traf. [10]   Zudem war der Angriff darauf bedacht, Angst zu erzeugen. Nämlich Angst vor der amerikanischen Atombombe.
Es muss aber auch nicht unbedingt so ein dramatisches Beispiel sein. Auch dann, wenn in einem Kampfeinsatz übermäßige Gewalt eingesetzt wird, die darauf abzielt den Gegner einzuschüchtern (also Furcht zu verbreiten), liegt es nahe, den Einsatz als Terrorakt und nicht als legitime Kampfhandlung zu betrachten.

Die Abgrenzung zwischen Terrorakten und Handlungen, die im Zusammenhang mit politischem Widerstand stehen, ist ebenfalls nicht ganz einfach. Hier muss genau betrachtet werden, in welchem Kontext der Gewaltakt ausgeführt wird und was genau damit bezweckt werden soll. Wichtig ist vor allem das verfolgte Ergebnis: Geht es um politischen Widerstand, dann ist das Endergebnis derjenigen, die Gewalt anwenden, eine von ihnen nicht gewollte politische Bewegung oder eine Regierung zu bekämpfen. Militante Taliban sind hier ein gutes Beispiel. Sie leisten gegenüber den amerikanischen Besatzern in Afghanistan Widerstand. Akte des politischen Widerstands sind es dann, wenn Soldaten oder Polizisten offen angegriffen werden. Eine Bombe zu legen wäre in diesem Sinne ein Akt der Heimtücke und damit nicht mehr von militärischen Konventionen gedeckt. Es würde sich in einem offiziellen, bewaffneten Konflikt sogar um ein Kriegsverbrechen handeln. Wenn nun aber mit der Bombe gezielt ausschließlich militärisches Personal oder Staatsvertreter getötet werden, die als Schuldige an der zu bekämpfenden Situation angesehen werden können, dann ist es ein Akt des politischen Widerstands. Im Rahmen dieses Widerstands kommt es allerdings auch zu Terrorakten, nämlich genau dann, wenn nicht die Besatzungskräfte oder Regierungsvertreter direkt, sondern Dritte, die mit dem eigentlichen Kampfgeschehen nichts zu tun haben, angegriffen werden. Der erst vor Kurzem erfolgte Angriff auf ein Hotel in Kabul lässt sich als solcher werten.
Es macht, meiner Ansicht nach, also einen deutlichen Unterschied, welches Ziel auf welche Weise angegriffen wird. Bedeutend für eine Unterscheidung ist sowohl die Wahl des Ziels der Gewalt, die Art und Weise auf die Gewalt ausgeübt wird und das angestrebte Ergebnis des Gewalteinsatzes. Sowohl Freiheitskämpfer, die politischen Widerstand leisten, als auch Terroristen können sich ihre Angriffsziele durchaus rational auswählen. Wenn die Ziele so gewählt werden, dass es den politischen Gegner direkt trifft, seien es nun direkt Politiker oder Beamte eines Staates, dem die Ablehnung zukommt, dann lässt sich ein solcher Angriff im Bereich des politischen Widerstands verorten. Handelt es sich aber um Personen oder Sachgüter, die eher einem unbeteiligten Dritten zugeordnet sind – also Menschen, die mit der eigentlichen Politik nichts zu tun haben – dann ist es eher ein Terrorakt. Was die Furcht, als Kernelement des Terrorismus, angeht, so ist festzuhalten, dass der von den Freiheitskämpfern durchgeführte Angriff dann ein Terrorakt ist, wenn sie beabsichtigen, mit Hilfe von eben dieser Furcht das politische System in die Knie zu zwingen. Das heißt: Ein Terrorakt kann ein Mittel des Freiheitskampfes sein.[11]
Gewaltakte, wie sie beispielsweise Angelo Corlett[12]   vorschweben, bei denen ausschließlich Regierungsbeamte zum Ziel des Anschlages werden, sind meiner Ansicht nach dann und nur dann Terrorakte, wenn sie zwar gezielt ausgeführt werden, dafür aber mit einer außergewöhnlichen Brutalität und Heimtücke ausgeführt werden, um eine entsprechende Aufmerksamkeit und Furcht zu erzeugen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn in einem Regierungsgebäude ein qualvoll tötendes Giftgas oder Milzbranderreger freigesetzt werden. Dabei werden dann zwar womöglich nur Schuldige getroffen, die Art und Weise ist aber unproportional.
Nach diesem nun recht umfangreichen Vorspiel, lässt sich noch einmal zusammenfassen, worum es geht, wenn ich von Terrorakten rede. Zunächst handelt es sich bei einem Terrorakt grundsätzlich um einen Gewaltakt, unabhängig davon, ob es sich um physische oder psychische Gewalt handelt.  Weiterhin handelt es sich um eine Handlung, deren primäres Endergebnis das Erzeugen von Furcht in Verbindung mit umfangreicher Aufmerksamkeit bei einer bestimmten Zielgruppe ist. Diese Zielgruppe soll zu einem Handeln oder Unterlassen bewegt werden, welches sie sonst nicht tun würde. Die angegriffenen Ziele eines Terroraktes sind nicht notwendigerweise aber in den meisten Fällen Unschuldige. Bei einem Angriff auf Schuldige kommt es zu einem exzessiven Gewalteinsatz.[13]   Dieser Gewalteinsatz hat den Sinn und Zweck, den Feind einzuschüchtern und zur Kapitulation zu bewegen. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf, möchte ich mich nun daran machen zu untersuchen, ob es Rechtfertigungsgründe für Terrorakte geben kann – und wenn dem so ist, ob auch für Terrorakte Grenzen und Beschränkungen denkbar sind, ähnlich wie sie für legitime Kampfeinsätze gelten.

4.  Kann ein Terrorakt gerechtfertigt sein?

Die Frage danach, ob ein Terrorakt gerechtfertigt sein kann, ist in der modernen polit-philosophischen Literatur umstritten. Autoren wie Igor Primoratz, der sich C.A.J. (Tony) Coady anschließt, gehen davon aus, dass sich Terrorakte allein gegen Unschuldige richten,[14]   und halten sie daher für (fast) absolut falsch. Dem kann ich nichts entgegenhalten. Ein Gewaltakt, der sich in erster Linie gegen Unschuldige richtet, um einen anderen zu einer Handlung oder Unterlassung zu bewegen, kann meiner Ansicht nach nicht richtig sein. Hier würden diejenigen, die angegriffen werden, im kantischen Sinne, bloß als Mittel und nicht mehr als Zweck ihrer selbst benutzt. Sie müssen, unter möglichst großer, gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, großes Leid über sich ergehen lassen, damit eine politische Gruppierung zur Handlung oder Unterlassung gezwungen wird.
Unschuldige zum Angriffsziel zu machen widerspricht nicht nur der vernunftmäßigen Abwägung, sondern auch den gültigen Konventionen, die den Einsatz von Waffengewalt regeln. Sowohl die Theorien des gerechten Krieges nehmen unschuldige Zivilisten von Angriffen aus, als auch die Haager Landkriegsordnung und die aktuell gültigen militärischen Strategien. Ein lebensnahes Beispiel: Ein Kampfverband der Bundeswehr gerät in Afghanistan in einen TIC (Troops In Contact). Die Einheit hat den Auftrag das Gebiet von feindlichen Kombattanten zu säubern. Während des Schusswechsels holen die feindlichen Kräfte Zivilisten in das Operationsgebiet und stellen sie vor die eigenen Kämpfer, stellen allerdings nicht das Feuer ein. Im Zweifel sind die Bundeswehrsoldaten in diesem Fall gehalten, sich zurückzuziehen – auch dann, wenn sie riskieren, dabei selbst verletzt oder gar getötet zu werden – weil eine Verletzung von Zivilisten um jeden Fall vermieden werden muss.[15]
Wenn nun eine Organisation oder Regierung Unschuldige zum Ziel macht oder auch nur ihre Verletzung respektive Tod billigend in Kauf nimmt, dann ist dies weder juristisch noch moralisch zu rechtfertigen. Gleiches muss ebenfalls für Gruppierungen gelten, die Terrorakte planen und durchführen – eine Rechtfertigung kann es für ein derartiges Vorgehen nicht geben.

Wie verhält es sich nun aber mit einem Terrorakt gegen Schuldige? Nehmen wir an, dass diejenigen, die einen Anschlag planen, sehr gewissenhaft und gezielt vorgehen und ausschließlich diejenigen treffen, die tatsächlich für die Situation, gegen die sie vorgehen wollen, verantwortlich sind. Nehmen wir zudem an, dass es sich um einen Gewaltakt handelt, der mit großer Brutalität und somit enormer öffentlicher Aufmerksamkeit ausgeführt wird, sodass die Abgrenzung zu politischem Widerstand deutlich wird. Wäre ein solcher Angriff moralisch zu rechtfertigen? Ich denke nicht. Das größte Problem, das sich hier stellt, ist das Prinzip der Menschenwürde. Zwar geht die Menschenwürde mit dem Tod nicht verloren. Ein Anschlag mit einer Bombe würde das Leben der Betroffenen sogar relativ schnell beenden.[16] Dennoch wären die Toten im kantischen Sinne bloß Mittel und nicht mehr Zweck an sich – sofern man bei einer absichtlichen Tötung den Menschen überhaupt noch als Selbstzweck betrachten kann. Sie werden zum Mittel der Furchterzeugung. Da diese Furcht das primäre Ziel eines Terroraktes ist, ist es notwendig, dass möglichst brutale Mittel eingesetzt werden und möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugt wird, sodass die Politik bzw. die Gesellschaft sich in eine Richtung entwickelt, die diejenigen, die den Anschlag verüben, erwarten. Was deutlich sein dürfte, ist, dass große Grausamkeit keinesfalls zulässig sein kann, da sie den Menschen nicht nur „zweckentfremdet“, sondern zudem übermäßige Leiden zufügt. Auch Walzers Gedanke des „äußersten Notfalls“, den Igor Primoratz zitiert[17] , kann hier keine Anwendung finden, unabhängig davon, wie restriktiv man es denken mag. Damit würden wir uns eine ganze Reihe von brutalsten Gewaltakten einkaufen, wenn der Notfall nur groß genug ist. Nehmen wir an, wir könnten einen Terroristen dazu bewegen, das Versteck einer in einem Einkaufszentrum versteckten Bombe zu verraten, die in der Lage wäre 2000 Menschen zu töten, wenn wir seine elfjährige Tochter vor seinen Augen vergewaltigen. Ich zweifle stark an, dass es jemanden geben mag, der eine derartige Behandlung für ein notwendiges und geringeres Übel halten mag, wenn dadurch 2000 Unschuldige gerettet werden könnten. Im Umkehrschluss heißt das für den Terrorakt: Es kann kein Übel und keinen Notfall geben, der schlimm genug ist, als dass es eine Rechtfertigung für die Anwendung von brutalster Gewalt geben kann.

Der Begriff „moralisch gerechtfertigt“ bedarf meiner Ansicht nach ebenfalls noch ein wenig Schärfung. Ein moralisches Recht ist, so wie ich es verstehe, ein Anspruch, den ich gegen meine Mitmenschen habe, so wie sie ihn gegen mich haben. Ich habe zum Beispiel ein Recht darauf, nicht grundlos körperlich angegangen zu werden.[18] Moralische Rechtfertigungen leiten sich nunmehr aus diesen moralischen Rechten ab. Ich kann also rechtfertigen, dass ich jemanden nicht tätlich angreife, um ihn zu einer Handlung oder Unterlassung zu bewegen. Im Umkehrschluss wäre ein solcher Angriff ungerechtfertigt und müsste unterbleiben. Bezogen auf Terrorakte ist es eindeutig, dass ich nicht nur das Recht habe, nicht verletzt zu werden, sofern von mir keine Gefahr ausgeht (was, da ich ein relativ friedlicher Mensch bin, sehr unwahrscheinlich ist), sondern darüber hinaus noch das Recht darauf habe, nicht mit brutaler Gewalt gegen meinen Willen für einen fremden Zweck geopfert zu werden.

Dass es keine moralische Rechtfertigung für die mit einem Terrorakt verbundene, brutalste Gewalt geben kann, schließt im Übrigen nicht aus, dass es nicht „irgendeine“ Rechtfertigung dafür geben könnte. Möglicherweise lassen sich strategische Gründe oder Situationen anführen, in denen ohnehin jede Moral schweigt. In letzteren Situationen, in denen allerdings ohnehin schon alles verloren ist, stellt sich die Frage, ob es ich für etwas (wie beispielsweise die Erhaltung der Menschheit oder, eine Nummer kleiner angesetzt, die Erhaltung einer sozialen Einheit – sei es nun eine Stadt, oder ein Land) mit Mitteln zu kämpfen lohnt, die den eigentlich zu verteidigenden oder zu schützenden Werten widersprechen. Meiner Ansicht nach verrät eine Gruppe die Werte, für die sie steht, wenn sie mit Mitteln für sie kämpft, die ihnen zuwiderlaufen. Eine solche Vorgehensweise ist meiner Ansicht nach eben deswegen falsch, weil die Gründe nicht mit den eingesetzten Mitteln übereinstimmen. Ein einfaches Beispiel:

Eine Gruppe von Abtreibungsgegnern argumentiert mit der Heiligkeit des Lebens und auch des ungeborenen Lebens und protestiert, zunächst friedlich, gegen eine Regierung, die landesweite Abtreibungen uneingeschränkt zulässt. Nachdem diese Proteste allerdings keinen Effekt gezeigt haben und der Staat Kliniken eröffnet, in denen Frauen Abtreibungen durchführen können, beginnt die Protestgruppe sich zu militarisieren. Nachdem einzelne Akte von Vandalismus und Sachbeschädigung durchgeführt wurden, sind die Mitglieder der Gruppe so verzweifelt, dass sie einen Bombenanschlag auf eine der Kliniken ausführen, deren Ärzte sie als „Mörder“ bezeichnen und ihren Tod möglicherweise nicht direkt beabsichtigen aber als bekannter Faktor mit in Betracht gezogen.

Ein solcher Angriff wäre zum einen nicht durch das Prinzip der Doppelwirkung gedeckt. Zwar wird das Krankenhaus als Übel und somit ans Angriffsziel betrachtet, allerdings ist eine Bombe, die geeignet ist, auch alle Menschen in der Klinik zu töten, von ihrer Wirkung her viel zu undifferenziert. Bei einem solchen Angriff würden auch alle in der Klinik anwesenden Frauen getötet werden.[19] Zudem: Eine Gruppierung, die für den Wert des Lebens kämpft und dafür tötet, respektive den Tod akzeptiert, wenn nicht sogar billigend in Kauf nimmt, muss sich die Frage danach gefallen lassen, ob sie noch recht bei Verstand ist. Immerhin vernichtet sie genau die Werte, für die sie eigentlich kämpft.

Im Klartext heißt das: Wenn sich eine Gruppierung oder Gesellschaft gegen ein tyrannisches und unterdrückerisches System zur Wehr setzen will, dann muss sie erst recht Mittel wählen, die nicht denen des Systems entsprechen, welches eigentlich bekämpft werden soll. Es wäre moralisch schändlicher Selbstverrat für jede demokratische und auf den Prinzipien von Menschenwürde und Menschenrechten begründete Gesellschaft, zu Terrorakten zu greifen, selbst dann – oder sogar gerade dann – wenn die Fortexistenz der Gesellschaft gefährdet ist. In der Tat hat eine Sozialform, die ihre Werte dermaßen verrät, sich selbst im Moment der Ausführung dieser Handlung die Existenzgrundlage entzogen.

5.  Der Antiterrorkampf und seine moralische Betrachtung

Nachdem ich nun herausgearbeitet habe, dass es für Terrorakte keinerlei moralische Rechtfertigung oder gar ein moralisches Recht darauf geben kann, mit Terror auf ein wie auch immer geartetes Übel zu reagieren, bleibt noch die Betrachtung von Mitteln des Antiterrorkampfes. Ich habe im vorangegangenen Abschnitt gesagt, dass eine Gruppierung oder Gesellschaft, die seine Werte gegen ein Übel mit Mitteln verteidigen will, die diesen Werten widersprechen, nicht nur einen schweren moralischen Fehler begeht, sondern auch seine Existenzgrundlage einbüßt. Um so wichtiger ist es, sich an dieser Stelle für einen Moment mit den Mitteln des Antiterrorkampfes und die in der Diskussion befindlichen Maßnahmen nachzudenken.

Da der Rahmen dieser Arbeit durchaus begrenzt ist, möchte ich mich hierzu lediglich auf zwei Beispiele beschränken und sie kurz umrissen diskutieren. Da wäre zum einen das umstrittene Luftsicherheitsgesetz, mit dem der Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeuges als legitimes Mittel zur Verfügung gestellt werden sollte. Zum anderen wäre da die bisweilen gängige Praxis des targeted killings – also der gezielten Tötung von Terroristen. In beiden Fällen ist die moralische Rechtfertigung für den Gewalteinsatz fragwürdig. Die Diskussionsgrundlage dieses Abschnitts stellen die Ergebnisse einer mehrtätigen Tagung in Hamburg dar, bei der es um genau diese Probleme und die Frage ging, wie man auf ethisch angemessene Art und Weise auf einen Terrorakt reagiert.

5.1    Das Luftsicherheitsgesetz

Das neue Luftsicherheitsgesetz beinhaltete einen Paragraphen, in dem es heißt:

„Die unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ist nur zulässig, wenn nach den Umständen davon auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, und sie das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr ist.“ [20]

Mit diesem Absatz würde der Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeugs erlaubt, welches als Waffe benutzt werden soll, um es gezielt auf unschuldige Menschen abstürzen zu lassen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte das Gesetz allerdings für verfassungswidrig. Es handele sich, so das Gericht, sowohl bei den Menschen am Boden als auch bei den Menschen im Flugzeug um Unschuldige. Eine Aufrechnung von Leben gegen Leben ist jedoch mit der Menschenwürde nicht vereinbar.[21]
Der Abschuss eines Flugzeugs voller unschuldiger Passagiere ist jedoch nicht nur ein juristisches, sondern vor allem auch ein moralisches Problem. Im Kern ist es schwierig, weil sowohl diejenigen, die im Flugzeug sitzen, als auch diejenigen, die am Boden von dem abstürzenden Flugzeug bedroht werden, unbeteiligte sind. Das Problem für den Staat ist hier, dass er dazu verpflichtet ist, die aus der Menschenwürde abgeleiteten Grundrechte seiner Bürger zu achten und zu schützen. Der Kommentar zum Grundgesetz[22] ist hier eindeutig: Die Achtungspflicht besagt, dass der Staat nicht in diese Grundrechte eingreifen darf. Er darf also die körperliche Unversehrtheit, die Freiheit die Privatsphäre, etc. nicht einschränken oder darin eingreifen. Die Verpflichtung zum Schutz der Grundrechte basiert darauf, dass der Staat seine Bürger vor dem Angriff durch private Dritte schützen muss. Die Achtungspflicht sagt also aus, dass der Staat nicht eingreifen darf, die Schutzpflicht sagt aus, dass der Staat die Bürger untereinander vor Eingriffen in die Grundrechte bewahren muss.
Bei einer Flugzeugentführung, bei der das Flugzeug gezielt auf Menschen gelenkt werden soll, geraten diese Pflichten miteinander in Konflikt. Die Schutzpflicht kann zum Beispiel im Falle einer solchen Entführung nur einseitig wahrgenommen werden. Die Menschen im Flugzeug kann der Staat nicht mehr schützen, wenn das Flugzeug durch Terroristen entführt wurde. Die Menschen am Boden könnte er noch schützen, wenn er das Flugzeug rechtzeitig abschießen ließe. Da Problem ist nun, dass der Staat mit diesem Abschuss seine Achtungspflicht nicht nur vernachlässigen, sondern auch aktiv dagegen verstoßen würde. Immerhin darf er nicht in die Grundrechte (und das Recht auf Leben ist ein solches) eingreifen, sofern von den Menschen keine Gefahr ausgeht.[23] Sowohl von den Menschen im Flugzeug als auch von denen am Boden geht keine Gefahr aus. Gefahr geht von den Terroristen aus und von dem Flugzeug selbst. In der Diskussion ergab sich unter anderem noch ein weiterer Aspekt: Wenn das Flugzeug als Waffe betrachtet würde, könnte man es es unschädlich machen und die Passagiere als notwendiges Übel betrachten. Hier könnte man das „minus malum“-Prinzip in Anschlag bringen, welches besagt, dass bei der Auswahl zwischen zwei Übeln, das jeweils kleinere gewählt werden sollte. Zusätzlich wird bei der Abstraktion, bei der das Flugzeug als Waffe betrachtet wird, kein direkter Angriff auf die unschuldigen Menschen geführt, sondern auf das Flugzeug. Das Eingreifen wird also damit legitimiert, dass die Menschen „bedauerlicherweise in der Nähe sind“, wenn eine Waffe entschärft werden soll. Ein solches Vorgehen ist auch vom Prinzip der Doppelwirkung gedeckt, da sich der Angriff ja nicht auf die unschuldigen Menschen bezieht, sondern auf eine gefährliche Waffe.
Das Problem des Konfliktes zwischen Schutzpflicht und Achtungspflicht löst sich dadurch allerdings nicht. Meiner Ansicht nach, ist es dem Staat in jeder Form verboten, das Flugzeug anzugreifen, selbst wenn dadurch am Boden mehr Menschen sterben würden als in der Luft. Da, wie oben erwähnt, der Staat die Leute im Flugzeug nicht mehr schützen kann, bleibt nur noch die Pflicht sie zu achten – was zudem die übergeordnete Pflicht ist. Da das Grundgesetz die Basis aller anderen Gesetze darstellt, wäre ein Bruch mit Artikel 1 eklatant und nicht heilbar.
In der Diskussion stellte sich heraus, dass unter Umständen das Flugzeug tatsächlich abgeschossen werden sollte – allein unter der utilitaristischen Abwägung, dass das kleine Übel dem größeren vorzuziehen ist. Wenn am Boden 5000 Menschen stürben und im Flugzeug nur 200 säßen, die ohnehin nur noch wenige Sekunden zu leben hätten, dann wäre es vertretbar, das Flugzeug abzuschießen, um die Menschen am Boden zu retten.

Ich vertrete hier die entgegengesetzte Argumentation. Selbst wenn es grausam wäre, tausende Menschen sterben zu lassen, so würde sich ein Staat, der sich Achtung und Schutz von auf Menschenwürde basierenden Grundrechten als grundlegender Maxime verschrieben hat, sich selbst die Legitimationsgrundlage entziehen, wenn er sich gegen diese höchste aller Pflichten, die Achtungspflicht, stellt. Es ist bei einem Abschuss ja nicht so, dass die Achtungspflicht vernachlässigt würde – es wird bewusst und willentlich gegen sie verstoßen. Bei einem dermaßen hoch angesiedeltem Grundsatz ist das eine nicht heilbare Verletzung gegen das Staatsrecht. Das Vertrauen in den Staat und seine Grundsätze würde auf eine Weise erschüttert, die so massiv ist, dass die gesamte Rechtsordnung in Frage gestellt werden müsste – zumindest dann, wenn es sich bei dem Schießbefehl um eine offizielle, staatliche Anordnung handelt.

5.2    Targeted Killling

Beim Targeted Killling geht es um die gezielte Tötung eines Kombattanten im Falle eines bewaffneten Konfliktes. Nach einem Vortrag von Niels Meltzer[24] gibt es allerdings keine gültige Definition dafür – zumindest keine, die ihren Weg in das internationale Völkerrecht gefunden hätte.
Für das targeted killing lassen sich allerdings fünf Elemente feststellen:

  1. Anwendung von potenziell tödlicher Gewalt
  2. Direkter Tötungsvorsatz
  3. Individuell vorbestimmte Zielperson(en)
  4. Fehlen von Verfügungsgewalt über Zielperson (mit Verfügungsgewalt wäre es eine Hinrichtung)
  5. Zurechenbarkeit zu einem Völkerrechtssubjekt (in erster Linie Staaten – aber auch Rebellengruppen)

Für einen bewaffneten Konflikt gilt, dass organisierte Streitkräfte staatlicher/nichtstaatlicher Konfliktparteien nicht vor militärischer Gewalt geschützt sind (es gibt kein Recht auf Tötung, sondern nur keinen Schutz davor). Für Rebellen gilt: Es handelt sich um nicht priviligierte Kombatanten (keine Privilegien auf Kriegsgefangenschaft etc.). Dabei gehört das gezielte Töten eines Kombattanten trotz ihres Präzisionscharakters an das extreme Ende der Skala zulässiger Kampfmethoden. Der Einsatz von Gewalt gegen Soldaten wird als „license to attack“ nicht als „license to kill“ angesehen. Eine Festnahme ist grundsätzlich immer der Tötung vorzuziehen, sofern sie möglich und ohne übermäßige Eigengefährdung durchgeführt werden kann.  Wenn sich Soldaten ergeben, dürfen sie nicht erschossen werden – der Befehl, dass es keine Überlebenden geben darf, ist dementsprechend unzulässig.
Auch bei der Rechtsdurchsetzung ist das gezielte Töten zulässig, wenn es zum Beispiel zu einem finalen Rettungsschuss kommt. Allerdings können solche gezielten Tötungen nicht legitimer Zweck sein, sondern müssen unvermeidbare Konsequenz der Abwehr eines unrechtmäßigen Angriffes auf menschliches Leben sein. Gibt es also keine andere Möglichkeit, einen Geiselnehmer unschädlich zu machen und droht er mich Sicherheit damit, die, sich in seiner Gewalt befindlichen, Geiseln zu töten, dann ist die Tötung des Geiselnehmers unvermeidbare Konsequenz der Gefahrenabwehr.
Insgesamt ergibt sich aber dennoch ein Problem, welches nicht nur juristischer Natur ist: Wenn eine Person angegriffen wird, dann ist sie nicht der Feind, sondern vertritt ihn nur. Demnach ist eine Tötung nur zulässig, wenn eine direkte Gefahr von ihr ausgeht. Soldaten, die die Aufgabe haben, nachts im Rahmen eines Schleichangriffes einen Brückenkopf zu sichern, dürfen einen Wachposten gezielt töten, weil dieser die Gefahr in sich birgt, dass die Soldaten entdeckt werden. In diesem Fall dürfen sie ihn auch dann töten, wenn der Wachposten beim ersten Schuss nicht sofort tot ist. Was aber ist mit dem Terroristen oder gar dem Terroristenanführer, der weit ab von etwaigen Kampfhandlungen gefunden wird, keine Waffe bei sich trägt und nur von einer 1000 Meter über ihm fliegenden Drohne gesehen wird? Nehmen wir an, der Terroristenanführer ist gerade mit seiner Familie im Urlaub in einem Nachbarland und verhält sich dementsprechend vollkommen friedlich. Es dürfte unstrittig sein, dass von dieser Person keine direkte Gefahr ausgeht und im Moment der Entdeckung durch die Drohne auch kein unrechtmäßiger Angriff auf menschliches Leben abgewehrt werden muss.

Ich kann und will an dieser Stelle die juristische Zulässigkeit eines solchen, gezielten, Drohnenangriffs nicht bewerten. Vielmehr möchte ich über die philosophischen Konsequenzen nachdenken. In dem Moment, in dem jemand nicht mehr aktiv an Kampfhandlungen teilnimmt, gilt er als Zivilist – somit gelten für ihn auch die entsprechenden Schutzrechte, wie auch der Schutz vor (militärischer) Gewalt. So mag es zwar sein, dass das gezielte Töten von Terroristen, Militärangehörigen oder Geiselnehmern zur Abwehr einer direkten Gefahr zulässig ist. Meiner Ansicht nach ist es aber schlicht falsch eine Gefahr zu stipulieren und jemanden gezielt zu töten, der gar nicht in der Nähe eines militärischen Operationsgebietes ist oder aktuell irgendeine Form von Befehlsgewalt ausüben kann.[25] Wird eine Person gezielt getötet, die möglicherweise irgendwann einmal eine Gefahr darstellen wird, so kann dies nur als unethische Vorgehensweise betrachtet werden. Nach angelsächsischem Verständnis wäre ein derartiges Vorgehen im Rahmen der „präventiven Verteidigung“ gedeckt. Unter präventiven Verteidigungsfällen lassen sich Angriffe auf Staaten verstehen, die in irgendeiner Form bedrohlich werden könnten. Solche Bedrohungen sollen ausgeschaltet werden, bevor sie überhaupt entstehen.[26]
Ich halte eine solche Begründung allerdings für völlig unklar. Schließlich ließe sich damit jeder beliebige Angriff auf jedes beliebige Land und jeden beliebigen Menschen rechtfertigen, denn immerhin könnte jeder, jederzeit zu einer Bedrohung werden. Angenommen die Philosophie der präventiven Verteidigung würde im gewöhnlichen Strafrecht Anwendung finden – jeder könnte jederzeit und überall festgenommen oder gar erschossen werden, weil er ja durchaus in der Lage ist, gefährlich zu werden.

Selbst wenn die gezielte Tötung bereits eine lange Tradition hat und als zulässiges, wenn auch letztes, Mittel im Kampfeinsatz betrachtet wird, so muss hier eine deutliche Beschränkung vorgenommen werden. Wenn eine unmittelbare Gefahr für das Leben von Menschen von einer Person ausgeht und es kein anderes Mittel als den Einsatz von tödlicher Gewalt gibt, um die Gefahr abzuwehren, kann man die gezielte Tötung durchaus als zulässiges Mittel, ähnlich wie das Recht auf Selbstverteidigung, ansehen. Wenn jedoch jemand nur von einer Drohne gesehen, angegriffen und getötet wird, so erscheint mir diese Maßnahme unzulässig. Mit dem Einsatz der Drohne nimmt sich derjenige, der den Einsatz befohlen hat, jede andere Möglichkeit die Gefahrensituation zu entschärfen. Eine Drohne kann niemanden festnehmen, sie ist lediglich in der Lage zu überwachen und, sofern sie bewaffnet ist, zu töten. Bedenkt man die steigende Anzahl der amerikanischen Drohneneinsätze und die damit verbundenen Kollateralschäden (die, so Meltzer, rein juristisch durchaus mit den Menschenrechten vereinbar sind), dann droht hier eine Wertverschiebung. Es droht die Gefahr, dass die gezielte Tötung nicht mehr das extreme Ende der zulässigen Kampfmittel ist, sondern alsbald zur standardgemäßen Routine wird. Um dies zu unterbinden, bleibt nur die Forderung danach, Drohneneinsätze auf die Abwehr von direkten Gefahren zu reduzieren und nicht dazu zu benutzen potenziell gefährliche Personen jederzeit gezielt zu töten.

6.  Schlussbetrachtungen

Nach diesem breiten Ausflug über den Themenkomplex des Terrorismus konnte ich ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen. Zunächst einmal konnte ich zeigen, dass Terror keine Ideologie ist, sondern eine Methode. Eine Methode, deren primäres Definitionsmerkmal es ist, Angst und Schrecken zu verbreiten, um jemanden zu einer Handlung oder Unterlassung zu bewegen. Dabei ist deutlich, dass unter Terror sehr viel verstanden werden kann – aber eben nicht so viel, wie die aktuelle Definition der Vereinten Nationen hergibt; nach ihr könnten sogar Hooligans, die ganz klar eher im Bereich des Vandalismus zu verorten sind, als Terroristen gelten. Wichtig ist, dass es auf eine einzelne Handlung ankommt, nicht auf die Person, die sie ausführt. Terror muss als Methode betrachtet werden, die sowohl von nicht-staatlichen als auch von staatlichen Akteuren benutzt werden kann. Er muss von der Ideologie abgegrenzt werden, die sich seiner bedient. Ich konnte deutlich machen, dass es keinerlei moralische Rechtfertigung dafür gibt, Terror als Methode zu verwenden, sei es nun im Rahmen eines Angriffs oder auch nur der Selbstverteidigung gegen einen als übermächtig anzusehenden Gegner. Jede Form der Gewaltanwendung, die über das notwendige Maß[27] hinausgeht, kann und darf nicht als zulässig oder zu rechtfertigen betrachtet werden. Beim Einsatz von Terror ist es ganz eindeutig, dass das Maß der Gewalt exzessiv ist – denn das muss es sein, damit die notwendige Furcht und Aufmerksamkeit erzeugt wird.
Jemand der einen Terrorakt begeht, muss nicht als Person vollständig moralisch verwerflich sein und auch nicht als permanente Gefahr gelten. Das ist eine Betrachtung, die bei Anti-Terror-Maßnahmen, wie dem Targeted Killling offenbar stipuliert wird. Die Person wird als inhärent gefährlich angesehen und ausgeschaltet, auch dann, wenn sie nicht in der aktiv an Kampfhandlungen teilnimmt. Das ist meiner Ansicht nach nicht zur rechtfertigen. Terrorakte sind sicherlich als schwere Straftaten zu betrachten, aber anders als bei Triebtätern oder psychisch kranken Straftätern, handelt jemand, der einen Terrorakt begeht aus einem Antrieb der Verzweiflung heraus. Es ist für ihn, in seiner aktuellen Situation, die einzige Möglichkeit sich gegen etwas zur Wehr zu setzen, das ansonsten völlig unmöglich zu ändern wäre.[28]   Nun mag es ebenfalls sein, dass es sich um ein grausames, unmenschliches Verbrechen handelt – dennoch wäre es falsch, den Täter selbst als potenziell und grundsätzlich gefährlich anzusehen. Sicherlich muss der Täter bestraft und eingesperrt werden. Ihn zu töten, während er keine unmittelbare Gefahr darstellt, ist, meiner Ansicht nach, allerdings ausgeschlossen. Sofern es eine Möglichkeit gibt, ihn festzunehmen, müssen alle erforderlichen Maßnahmen dazu ergriffen werden. Zu guter Letzt sei gesagt, dass eine Gruppe, seien es nun Freiheitskämpfer oder staatliche Akteure, die ihre Ziele mit Mitteln zu erkämpfen suchen, die eben diese Ziele verraten, prima facie ihre Ernsthaftigkeit eingebüst haben. Gruppierungen (und auch Staaten), die sich auf bestimmte Grundwerte gegründet haben und diese Grundwerte dann überschreiten oder bewusst missachten, indem sie entweder für etwas kämpfen oder sich gegen einen Angriff verteidigen, büßen damit ihre Existenzgrundlage ein.

Literatur

Haager Landkriegsordnung, Onlinequelle: http://www.admin.ch/ch/d/sr/i5/0.515.112.de.pdf, Zugriff am 22.07.2012 um 15:35 Uhr

http://www.welt.de/politik/ausland/article106651754/Tote-bei-Taliban-Angriff-auf-Auslaender-Hotel.html Zugriff am 22:07.2012 um 16:15 Uhr

§ 14 III LuftSiG, Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/luftsig/gesamt.pdf, Zugriff am 28.07.2012, 16:34 Uhr.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21897/1.html, letzter Zugriff am 12.08.2012 um 19:28 Uhr

Kunig, Phillip (Hg.), von Münch, Ingo (2012) Grundgesetz Kommentar (Band 1) Berlin, Hamburg, C.H. Beck Verlag

Primoratz, Igor 2010. Der gegenwärtige Terrorismus aus der Sicht eines Philosophen, in Primoratz, Igor & Meßelkern, Daniel (Hg): Terrorimus: Philosophische und politikwissenschaftliche Essays. Paderborn: Mentis, S. 110-141.

Corlett, J.A. 2010. Kann Terrorismus moralisch gerechtfertigt sein?, in Primoratz, Igor & Meßelkern, Daniel (Hg): Terrorimus: Philosophische und politikwissenschaftliche Essays. Paderborn: Mentis, S. 77-99.

 

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Die Bezeichnung „Terrorist“ impliziert, dass dieser jemand ausschließlich Terrorakte ausführt und somit schon grundsätzlich eine Gefahr darstellt. Demnach halte ich es für sinnvoller, davon zu reden, dass Personen Terrorakte ausführen können.
  2. Hier gilt deutlich zu unterscheiden, dass Furcht immer etwas zielgerichtetes ist, Angst aber nicht. Man kann sich vor etwas fürchten, aber niemals vor etwas Angst haben. Das wird im allgemeinen Sprachgebrauch allerdings oft vermengt.
  3. Dabei möchte ich die Legitimität in einem weiten Sinne verstanden wissen. Es soll nicht nur bedeuten, dass der Gewaltakt gegen positives Recht verstößt, sondern auch moralisch nicht gerechtfertigt werden kann.
  4. Das schließt natürlich nicht aus, dass es Terrorakte in einem Krieg geben kann.
  5. S. 6, Letzter Zugriff am 22.07.2012 um 15:35 Uhr
  6. Ebd. S. 6
  7. Weswegen ich die Rede vom Krieg nach Möglichkeit zu vermeiden versuche. Letztlich ist es ein formaler Unterschied: Kriege werden unter Staaten erklärt, bewaffnete Konflikte vom UN-Sicherheitsrat als solche anerkannt.
  8. Das angegriffene Land dürfte vermittels der Anwesenheit von bewaffneten Soldaten durchaus konkludente Schlussfolgerungen ziehen können, dass es sich dabei um einen Kriegsakt handelt.
  9. Ebd. S. 11
  10. Berichten zufolge flog man zunächst einen Täuschungsangriff, um bei einem weiteren Luftalarm die Bevölkerung glauben zu machen, dass es sich ebenfalls um falschen Alarm handele.
  11. Dabei ist aber noch nichts über seine Zulässigkeit gesagt. Dazu komme ich im Abschnitt über die Zulässigkeit und Rechtfertigung von Terrorakten.
  12. Corett, J. Angelo, Kann Terrorismus moralisch gerechtfertigt sein?, S. 92-93.
  13. In diesem Sinne Schuldige sind diejenigen, die aktiv an Kampfhandlungen teilnehmen oder sie unterstützen. Ein Zivilist, der sich sein Jagdgewehr nimm und sich an Kampfhandlungen beteiligt, ist insofern genauso schuldig, wie die offiziellen Soldaten.
  14. Primoratz, Igor 2010, Der gegenwärtige Terrorismus aus der Sicht eines Philosophen, S.127.
  15. Das Beispiel wurde auf der Fortbildung „Terrorismus als ethische Heraussforderung“ des ZEBiS in Hamburg diskutiert und soll hier exemplarisch zitiert werden.
  16. Zumindest dann, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe der Explosion aufhalte, was ich der Einfachheit halber an dieser Stelle voraussetze.
  17. Primoratz 2010, S. 138
  18. Was nicht heißt, dass es nicht einen Grund geben könnte, mich körperlich anzugreifen, beispielsweise wenn sich jemand, den ich zuvor angegriffen habe, im Rahmen der Notwehr verteidigt. Ein Terrorakt kann allerdings niemals ein Akt der Selbstverteidigung sein, da es sich dabei grundsätzlich jede Proportionalität verloren ginge.
  19. Es wäre etwas anderes, wenn das Klinikum beispielsweise dann bombardiert würde, wenn sich niemand dort befindet und die Bombe gerade groß genug ist, um das Gebäude zu zerstören. In dem Falle wären beispielsweise Unbeteiligte, die gerade in der Nähe sind und von der Splitterwirkung getötet werden moralisch problemlos vom Prinzip der Doppelwirkung abgedeckt.
  20. § 14 III LuftSiG
  21. Wäre das Flugzeug allerdings nur mit Terroristen besetzt und könnte gefahrlos, beispielsweise über einem Waldgebiet oder dem Meer abgeschossen werden, wäre die Lage ziemlich klar: In diesem Falle wäre ein Abschuss problemlos möglich.
  22. Kunig, Phillip (Hg.), von Münch, Ingo (2012) Grundgesetz Kommentar (Band 1, S. 75 ff.) Berlin, Hamburg, C.H. Beck Verlag
  23. im Vergleich dazu geht von einem Geiselnehmer, der damit droht, Geiseln zu erschießen, eine unmittelbare Gefahr aus, wenn er vermittels finalem Rettungsschuss ausgeschaltet wird.
  24. Teil der Vortragsreihe der Fortbildung „Terrorismus als ethische Herausforderung“.
  25. Es macht meiner Ansicht nach einen deutlichen Unterschied, ob man die Befehlsgewalt über eine Organisation oder eine militärische Einheit innehat oder sie auch aktiv ausüben kann. Ein Staatsoberhaupt oder ein General, der nicht in der Lage ist, mit den Truppen oder der Regierung zu reden und tatsächlich Befehle zu erteilen, hat die Befehlsgewalt zwar de jure inne, kann sie aber de facto gar nicht ausüben!
  26. auf diese Weise wurde auch der „virtuelle Angriff“ auf die Urananreicherungsanlagen im Iran mit Hilfe des Stuxnet-Virus legitimiert, von dem die amerikanischen Regierung letztlich zugeben musste, dass es sich um eine Gemeinschaftsentwicklung mit dem israelischen Geheimdienst handelte.
  27. Ich halte es für unstrittig, dass es Gewalt geben kann, die notwendig ist. Das kann unter anderem bei reiner Selbstverteidigung der Fall sein. Wann das zulässige Maß überschritten wird, würde ich zunächst an den geltenden Konventionen für bewaffnete Konflikte festmachen – was mir als durchaus ausreichende Eingrenzung erscheint.
  28. Sicherlich werden Attentäter auch von Organisationen „angeworben“. Das möchte ich an dieser Stelle aber nicht explizit thematisieren. Ich gehe zunächst, der Einfachheit halber, davon aus, dass derjenige, der einen Terrorakt verübt, nicht angeworben wurde, sondern aus sich selbst heraus (auch in der Gruppe) zur Gewalt greift.
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Dürfen Tiere Tiere essen?

On 16. August 2012, in Persönliches, Philosophie, by Ingo

Die Gesellschaft für analytische Philosophie lobt mal wieder einen Essaypreis aus. Die Fragestellung ist, „Dürfen wir Tiere essen?“
Nun, ich möchte mich gar nicht an diesem Essaypreis teilnehmen. 3000 Worte sind auch ein wenig viel für einen kurz angerissenen Gedanken. Und immerhin habe ich gar nicht vor, höchst exakt zu argumentieren, immerhin ist das hier ein Blog und keine philosophische Fachzeitschrift.
Vielmehr hat eine Freundin von mir, die seit nunmehr über 15 Jahren größtenteils vegetarisch lebt (sie isst immerhin noch Fisch), das Problem, dass sich der ethische Verzicht auf Fleisch ein wenig negativ auf den allgemeinen physischen Zustand auswirkt. Und nun steht die Frage an, ob es ethisch vertretbar wäre, vielleicht doch, zumindest in kleinen Mengen, Fleisch zu essen.

Für sie ist dieser Text.

Eine Frage des Leides

Den Einstieg möchte ich über eine utilitaristische Betrachtung machen (auch wenn ich mich womöglich nicht strikt an einer utilitaristischen Argumentationsweise festbeißen möchte). Die beliebteste Art der Argumentation ist, zu sagen, dass man nichts essen darf, was in der Lage wäre, Leid zu empfinden. Wenn man ein Tier tötet, um es zu essen, dann leidet es. Immerhin sind die Tötungsmethoden, die aktuell bei industriell gefertigten Fleischprodukten angewandt werden, nicht dazu gemacht, den Tieren das Leben schmerzfrei zu nehmen, sondern schnell und effizient. Ab und an findet man auch die Formulierung „inhuman“ – aber das ist am Thema vorbei. Es geht schließlich nicht um die Tötung von Menschen, sondern um die Tötung von Tieren.[1]
Leid ist etwas Schlechtes. Keine Frage. Das Maß des Leides ist nur schwer zu bemessen, wie es bei der utilitaristischen Argumentation grundsätzlich der Fall ist. So könnte man ein Leid riskieren, wenn dadurch ein größeres Glück begünstigt würde. Wenn ich also ein Tier töte und essen, dafür dann aber ein unglaubliches Glücksmoment habe, wäre es durchaus zulässig so zu handeln. Immerhin wird das entstehende Leid durch ein größeres Glück kompensiert. Spielt der Zeitpunkt meines Glückes dabei eine große Rolle? Ich denke nicht. Wenn ich nun also über die Dauer der Zeit Fleisch esse, und über diesen Zeitraum hinweg jeweils deutlich glücklicher bin als ohne den Konsum von Fleisch, dann wäre das Leid, welches die Tiere durch ihre Tötung erfahren müssten, rein rechnerisch, aufgehoben.

Mit Utilitarismus kommt man an dieser Stelle nicht viel weiter. Wie aber sonst mit dem Leid umgehen? Nun, gehen wir davon aus, dass es in der Tat eine Art des würdigen Umganges mit einem Tier gibt. Wir kennen den Begriff der Menschenwürde [2] Hülfe es uns weiter, nähmen wir einen Begriff wie „Tierwürde“ an? [3] Versuche ich eine Tierwürde zu begründen, so stelle ich es mir schwer vor, sie auf einer Art von Autonomie beruhen zu lassen. Zwar kann man bei Tieren durchaus eine Form von (mehr oder weniger) vorausplanendem und zielgerichtetem Verhalten beobachten – es wäre aber all zu vermenschlicht gedacht, wenn man Tieren so viel Überlegtheit zutrauen würde, dass sie in der Lage wären, selbstbestimmt zu handeln. Hier ist all zu viel von Reiz- und Reaktionsschemata vorgegeben. Zudem fehlt es womöglich in vielen Fällen auch der reinen Selbstidentifikation – also einem höherstufigen Bewusstsein, welches es ermöglicht, sich selbst in einen Kontext zur Welt zu setzen. [4] ob nun ein Rind oder ein Schwein irgendeine Form von niederstufigem „Ich-Bewusstsein“ hat, mag dahingestellt bleiben. Ich kann das schlicht nicht beurteilen. Man kann nun aber von verschiedenen Möglichkeiten ausgehen:

  1. Es gibt eine niederstufige Form des Ich-Bewusstseins bei Nutztieren.
  2. Es gibt eine Form des Bewusstseins, die zwar zu einer Selbst- und Außenweltdifferenzierung führt, jedoch nicht selbstreferenziell funktioniert.

Was soll damit nun gemeint sein? Nun, im ersten Fall würde die Tötung eines Nutztieres bedeuten, dass etwas getötet wird, das in der Lage ist, wenn auch rudimentär, eine Selbstidentifikation vorzunehmen. Es muss sich also selbst erkennen können und in der Lage sein, sich selbst Eigenschaften zuzuschreiben. [5] Wir würden also nicht nur ein Leid verursachen, wir würden zudem ein Leid verursachen, dass sich dasjenige, was leidet, direkt zuschreiben kann – wenn auch in begrenztem Maße und nicht so, wie wir es uns als Menschen zu eigen machen würden (wobei fraglich ist, ob wir Leid überhaupt als so sehr an personale Identität gebunden empfinden – aber das ist hier nicht das Thema). Es scheint in diesem Fall ethisch problematisch zu sein, etwas zu töten, was in der Lage ist, sich selbst Leid zuzuschreiben, um daraus einen Vorteil zu erlangen.
Fall 2 ist da deutlich unproblematischer. Wenn es keine niederstufige Form des Ich-Bewusstseins bei Nutztieren gibt (und es ist sehr wahrscheinlich, dass es sie nicht gibt), dann ist das Leid, dass durch die Tötung erzeugt wird, vielmehr undifferenziert. Es ist ein „einfach vorhandenes“ Leid, welches aber nicht auf eine Form des Ich‘s referenziert. [6] Bei einem so „freischwebendem“ Leid, stellt sich die Frage: Ist es Unrecht, ein solches Leid bewusst zu erzeugen, um daraus einen Vorteil zu erlangen? Aus der Außenperspektive kann man immer noch sagen: „Das Tier leidet“. In der Innenperspektive des Tieres, wäre ein Gedanke wie „Ich leide“ nicht vorhanden, sondern lediglich ein undifferenziertes, irgendwie vorhandenes, Leiden, dass dann eine entsprechende Reaktion hervorruft. Ich würde dennoch davon ausgehen, dass es auch in diesem Fall kein Recht darauf gibt, ein Leid zuzufügen.

Von Natur aus…

Mit einer Argumentation über Leid kommen wir nicht wirklich weiter. Es kann kein Recht darauf angenommen werden, einem Tier Leid zuzufügen oder es zu töten, nur um es zu essen. Andererseits haben wir auch kein Recht einen Menschen zu töten – was uns allerdings nur selten davon abhält es im Rahmen von Kriegshandlungen, der Selbstverteidigung oder gar der Todesstrafe dennoch zu tun. Das Leben an sich ist nun einmal kein absoluter Wert, in den nie eingegriffen werden darf – genauso wenig gibt es eine Garantie dafür, dass niemals jemandem von einer anderen Person ein Leiden zugefügt werden darf.

Ein anderer interessanter Gedanke ist die Frage, wie es sich denn mit den Dingen von Natur aus so verhält. Gucken wir uns das Treiben dort einmal an, stellen wir fest: Tiere essen Tiere. Wölfe jagen Elche oder reißen Schafe, Löwen jagen Antilopen, Katzen jagen Mäuse… All diese Tötungsvorgänge sind, aus der Außenperspektive betrachtet, blutig und brutal. Sie haben sehr wenig damit zu tun, Leiden zu reduzieren. Würden wir aber sagen, dass ein Wolf, ein Löwe oder eine Katze Unrecht tut? Ich habe noch nie jemanden so reden gehört.[7]
Gehen wir also davon aus, dass es für ein Tier kein Unrecht ist, ein anderes Tier zu essen, auch dann, wenn es mit großem Leid verbunden ist. [8] Der Mensch ist zweifelsohne auch ein Tier; zwar ein solches, das in der Lage ist, über seine Handlungen zu reflektieren, aber dennoch nach wie vor ein Tier. Wenn wir nun also Tieren zugestehen, andere Tiere zu Ernährungszwecken töten zu dürfen, warum sollten wir uns selbst dieses Recht verweigern? Auf Reflexionsebene mag es sicher richtig sein, dass wir, im Gegensatz zu „niederen“ Tieren in der Lage sind, darüber nachzudenken, ob es gerechtfertigt ist, ein anderes, empfindungsfähiges, Wesen zu töten, um uns davon zu ernähren. Da der Mensch, rein biologisch, allerdings eher Fleisch- als Pflanzenfresser ist, [9] sollten wir uns durchaus auch das Recht zugestehen, Tiere zur Ernährung töten zu dürfen. Wo ein absolutes Tötungsverbot für Menschen nicht angenommen werden kann, da kann es eines für Tiere ohnehin nicht geben. Aber: Nur weil etwas nicht verboten ist, heißt es noch nicht, dass es auch ein Recht darauf gibt. Ohnehin fällt es schwer ein Recht anzunehmen. Wer sollte einem Löwen das Recht darauf einräumen, eine Antilope zu reißen? Wie sollten wir also ein Recht darauf haben, ein Huhn, ein Rind oder ein Schwein zu schlachten?

Zwischen Recht und Unrecht

Halten wir also noch einmal fest: Über eine Argumentation des Leidens lässt sich das Problem des Fleischkonsums nicht lösen, denn rein utilitaristisch kann man grundsätzlich sagen, dass Leid in Kauf genommen werden darf, wenn dadurch mehr Glück entsteht. Ein Recht darauf, ein Tier zu töten, um es zu essen, haben wir aber auch nicht. Wir sind da, rein formal, wie alle anderen Tiere auch: Wir handeln, ohne dass es ein Recht gäbe. [10]
Aus rein biologischer Perspektive sind wir allerdings nicht anders als andere Tiere und können die meisten lebenswichtigen Stoffe deutlich einfacher aus dem Fleischverzehr gewinne, als aus dem Verzehr von Pflanzenprodukten. Dennoch unterscheidet uns von anderen Tieren, dass wir dazu neigen, vermittels unserer Vernunft rationale Wege zu finden, schneller und effektiver Nahrung zu erzeugen und „produzieren“ somit Tiere, um uns von ihnen zu ernähren.
Hier muss klar gesagt werden, dass tierische Massenproduktion, von der der größte Teil vernichtet wird, weil er nicht verzehrt werden kann, nicht hinnehmbar ist. Es ist sogar grob unvernünftig, Dinge zu produzieren und sie hinterher zu vernichten, weil die produzierte Menge die verbrauchbare Menge deutlich überschreitet. Ebenfalls ist die Art und Weise der Massentierhaltung nicht gerade das, was man als artgerecht bezeichnen kann. Nun ist es zwar so, dass auch in der Tierwelt großes Leid bei der Tötung zwecks Ernährung erzeugt wird – aber es kommt nicht dazu, dass etwas vergeudet oder weggeworfen wird.

Ich möchte also abschließen sagen, dass es zwar Gründe gibt, die dagegen sprechen, Fleisch zu essen – zumindest dann, wenn es sich um übertriebene Mengen handelt oder der Herstellungsweg möglicherweise nicht klar nachvollzogen werden kann. Es gibt kein ethisches Problem mit dem erzeugen von Leid zum Zwecke der Ernährung. Derartiges kommt bei anderen Tieren auch vor. Ebenso existiert weder ein Tötungsverbot oder ein Recht auf Tötung zum Zwecke der Ernährung, dass sich begründen ließe. Dass der Mensch allerdings seiner Natur nach ein Fleischfresser ist, lässt sich kaum widerlegen. Ich gehe also durchaus davon aus, dass Tiere Tiere essen dürfen. Und dass Tiere mit Vernunft sich gut überlegen sollten, in welchem Maße und in welcher Menge sie das tun, um eine Verschwendung oder gar sinnloses Töten zu vermeiden.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Weiterhin wird verlangt, dass die Tiere ein Recht auf artgerechtes Leben hätten.
  2. Die nach Kant eng an die Autonomie geknüpft wird.
  3. Zugegeben: Ich kenne mich in der Argumentationsweise der Tierrechtler nicht aus, daher versuche ich mich dem einzig über das Treffen von vernünftigen Annahmen zu nähern.
  4. Damit will ich nicht ausschließen, dass es nicht doch möglich wäre. Tiere, die im Rudel jagen, müssen schließlich in der Lage sein, sich selbst im Bezug zur Welt und zur Beute zu sehen, da sie sonst kaum erfolgreich sein könnten.
  5. Bei Elstern ist ein derartiges Verhalten schon beobachtet worden – aber auch nicht bei jeder. So konnten sie beispielsweise einen roten Fleck auf dem Gefieder im Spiegel erkennen und versuchten ihn sich dann mit dem Schnabel zu entfernen.
  6. Ich kann zum Beispiel sagen, dass ich unter Bauchschmerzen leide. Würde ich nun aber das „Ich“ streichen und gar kein Bewusstsein meiner selbst haben, dann wäre ist die Frage, wer oder was überhaupt an Bauchschmerzen leidet? Es würde sich um ein sehr diffuses Leid handeln, das zwar durchaus vorhanden ist, aber sich faktisch auf nichts bezieht. Es gibt „niemanden“ der leidet, sondern nur „Leid“ für sich genommen.
  7. Falls es doch eine solche Redeweise gibt, bitte ich um einen Hinweis. Wie erwähnt kenne ich mich in der Argumentation der Tierrechtler nicht aus.
  8. Zugegeben, es gibt Vegetarier, die ebenfalls darauf bestehen, ihre Haustiere wie Hunde vegetarisch zu ernähren. Das kann ich allerdings nur als Tierquälerei bezeichnen.
  9. Das zeigt schon die evolutionäre Rückbildung des Blinddarms, der ursprünglich zur Verdauung von Chlorophyll vorgesehen war, jetzt aber vielmehr ein Teil des Immunsystems ist.
  10. Ich will hier nicht davon anfangen, dass es ein Naturrecht geben könnte, welches das Töten zum Überleben erlaubt.
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Vor gar nicht all zu langer Zeit, faszinierte mich ein kleines neues Internetprojekt, für das ich durchaus gern das eine oder andere Wort verlieren wollte. Allerdings waren genau diese Worte, die ich da verlor, dann doch ein kleines Problem – ein Streitpunkt der für mich zunächst einmal unüberwindbar war. Aktuell ist er das auch – aber ich arbeite daran.

Was war nun das Problem? Nun, es ist nicht so, dass ich völligen Unsinn von mir gab, sachlich falsch lag oder irgendwie thematisch wirres Zeug von mir gab. Das Problem war, dass mir von feministischer Seite vorgehalten wurde, dass ich maskuline Worte benutzte. Dem unbedarften Leser mag das nun überhaupt nicht problematisch vorkommen. Mir kam es auch nicht problematisch vor, im Gegenteil, ich fühlte mich sogar recht wohl damit. Und allein die Tatsache, dass man mich dazu aufforderte, von meiner maskulinen Sprache abzurücken führte zu einer heftigen Gegenreaktion. Ich fühlte mich geradezu angegriffen, sogar fast schon beleidigt, und ging im Geiste zu einer entsprechend heftigen Gegenwehr über. „Was wollt ihr eigentlich von mir? Habt ihr nichts Besseres zu tun, als euch über so einen lächerlichen Kleinkram aufzuregen? Haben wir hier nicht viel wichtigere Dinge zu sagen?“ ging es mir durch den Kopf. Und so suchte ich dann intuitiv, aus der Position der beleidigten Leberwurst heraus, allerlei Argumente um mich mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Schilde hoch! Waffen bereit! Ohne Befehl feuern!

Whait, what? Moment. Nochmal langsam… Nachdem ich nun die eine oder andere Nacht darüber geschlafen habe und grübelte, kam ich zu dem Entschluss, besser mal zuzuhören, statt mich angegriffen und beleidigt zu fühlen. Derart emotionalisierte Situationen sind immerhin keine gute Diskussionsgrundlage – und schon gar keine Grundlage, um sinnvoll nachzudenken. Wenn man sich ohnehin schon beleidigt fühlt, dann neigt man dazu, einfach nicht mehr zuzuhören (mir zumindest geht es so…) und damit geht dann jegliche Sachlichkeit für ein Thema völlig verloren.
Wie auch immer: Ich habe mir dann mal zwei empfohlene Lektüre-Links angesehen und festgestellt, dass ich mit meiner spontanen Abwehrhaltung gar nicht all zu allein war. Schlimmer noch: Ich habe tatsächlich ein Problem, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Auch ich mache anzügliche Witze, ärgere mich über Frauen am Steuer (und habe sogar manchmal Angst, wenn ich bei einer Frau als Beifahrer mitfahre, insbesondere, wenn sie nicht gerade langsam fährt), auch finde durchaus meinen Gefallen an leicht bekleideten Frauen im Sommer und mag die (mal subtile, mal sehr offene) Erotik in der Werbung. Ich hätte das auch niemals als problematisch empfunden und gerade jetzt in diesem Moment fallen mir auch eine ganze Reihe von Argumenten aus der physiologischen Psychologie ein, mit denen ich all das zum Teil rechtfertigen könnte. Aber genau das will ich hier jetzt nicht. Ich will mich gar nicht rechtfertigen, ich will darüber nachdenken, wo das Problem ist, wie schwerwiegend es ist und ob es sich lösen lässt.

Gut, da ich nun vom Feminismus rein überhaupt gar nichts verstehe (und bis dato auch gar nicht verstehen wollte), war ich erst einmal mit der Fragestellung überfordert. Wie nähert man sich dem Themenkomplex am einfachsten? Wen fragen, wie fragen und in welchem Rahmen? Meine erste Anlaufstelle waren die Frauen in meinem nahen und fernen Freundes- und Bekanntenkreis.

So ging ich also hin und fragte ganz einfach, ob sich wirklich jemand ignoriert, unterdrückt, beleidigt oder irgendwie sonst tangiert fühlt, wenn man maskuline Worte in der Alltagssprache verwendet. Die Reaktionen waren durchweg negativ, ja teilweise sogar aggressiv. Ich bekam Antworten wie: „wo haste das jetzt her? lieste mittlerweile frauenzeitschriften?“, „also ich habe schon gehört, dass es leute gibt die wert darauf legen. ich hab genug selbstbewusstsein um damit klar zu kommen“, „welcher männl. sprachgebrauch bitte? Und wenn,trifft nix bei mir zu… Et gibt schon komische menschen/frauen *kopfschüttel“, „Ey, die soll‘n sich doch verpissen und wo anders rumheulen! Die können sich aufregen… was für ein schwachsinn“

In einem ähnlichen, teils sogar noch aggressiverem, Tonfall bewegten sich die meisten Reaktionen. Hier war nun also überhaupt keine Hilfe zu erwarten. Wenn also die Betroffenen sich selbst schon darüber lustig machen, dachte ich, gibt es dann überhaupt ein ernsthaftes Problem? Nach zwei kleinen Lektüreeinheiten stellte ich dann fest: Ja, gibt es. Ein Problem struktureller Natur. Und ich muss wohl oder übel anerkennen, dass ich Teil des Problems bin und weniger Teil der Lösung. Wie komme ich dazu? Gehen wir noch mal ein Level tiefer.

Ohne Zweifel bewegen sich Männer und Frauen im gleichen gesellschaftlichen Rahmen. Pierre Bourdieu machte das in „Die männliche Herrschaft“ eigentlich schon recht deutlich. Die Gesellschaft ist androzentristisch ausgerichtet und somit nehmen ihre Teilnehmer die Positionen ein, in die sie qua Sozialisation gedrängt werden. Sozialisationseinflüsse sind unglaublich stark und ihnen zu entkommen ist so gut wie unmöglich. Sie beeinflussen das Handeln, Denken, Fühlen – die vollständige Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wenn ich mich also mit meinem sexistischen Verhalten wohl fühle, dann nur, weil mich die Gesellschaft, die mich bisher umgab, positiv konditioniert hat. Man lachte über frauenfeindliche Witze, zusammen mit anderen Männern im Auto fluchte man über „die blöde Kuh da vorn“, die wieder mal an der Ampel den Wagen abgewürgt hat und bei Umzügen dürfen Frauen (auch dann, wenn sie physisch durchaus dazu in der Lage wären), natürlich nicht bei den schweren Möbeln mit anpacken. Da werden dann irritierte Blicke ausgetauscht, wenn ein weiblicher Stammtischgast Pils statt Wein bestellt und überhaupt tendiert man immer öfter zu Sticheleien oder Provokationen, allein um zu zeigen, wer hier die Hosen anhat.
Und was ist mit den Frauen? Die behaupten von sich selbst, sie hätten kein Problem damit. Sie behaupten sogar, dass es Blödsinn wäre, alberner Quatsch, sich darüber Gedanken zu machen. „Die Welt ist halt so.“, kam mir entgegen.

Aber Moment. „Die Welt ist halt so.“ klingt nicht akzeptierend. Es klingt nach Resignation. Es klingt danach, als hätte jemand schon aufgegeben, sich irgendwie zu behaupten. Und ich bin daran Mitschuld.

Nun, am Ende dieser Überlegung wird mir einiges klarer, worüber ich sonst eigentlich nie nachgedacht habe. Trotz aller liberaler Einstellungen, trotz sämtlicher Annehmlichkeiten und Freiheiten und Offenheiten, die ich den Frauen in meinem Umfeld einräume, bin ich wohl oder übel zu einem ziemlichen Sexisten sozialisiert worden. Obwohl ich mich jederzeit darum bemühe, so viel Gerechtigkeit walten zu lassen, wie nur möglich, bin ich doch im Grunde ungerecht. Es scheint auch völlig normal zu sein, sich zunächst einmal angegriffen zu fühlen und seinen Standpunkt, wenn auch total unsachlich, auf jede Weise verteidigen zu wollen. Immerhin kommt ja Gegenwind aus einer Richtung, die, zumindest im Geiste, eher abwertend betrachtet wurde. Eine Abwertung, die weder gerechtfertigt noch logisch begründbar ist, die aber vom größten Teil der Gesellschaft vorgelebt wird und die jederzeit durch Medien, Werbung und Umfeld kommuniziert wird.

Und wie geht‘s jetzt weiter? Ich denke, es wäre am klügsten, es zum einen mit Rüdiger Bittner zu halten, der in seinem (sehr erhellenden) Aufsatz „Is IT Reasonable to Regret Things One Did?“ im Kern davon ausgeht, dass man schlechte Taten nicht bereuen sollte. Das macht die schlechte Tat weder ungeschehen noch besser und man selbst ändert sich auch nicht. Man leidet darunter – aber das führt nur dazu, dass auf eine schlechte Tat eine weitere schlechte Tat folgt.

Nein, ich denke, ich sollte einfach anerkennen, dass ich bis dato schlecht gehandelt habe. Statt ein schlechtes Gewissen zu haben, will ich vielmehr aufhören, schlecht zu handeln. Ein Schritt dahin ist, sicher erst einmal zuzuhören, bevor ich emotionalisiert zu den Waffen greife und meine, mir zufällig zugefallene und überpriviligierte Männlichkeit verteidige. Das wird, wohl oder übel, noch ein recht langer, harter Weg. Immerhin reden wir hier vom Ausbruch aus dem Sozialisationsgefängnis. Etwas, das für Bourdieu unmöglich war, da man seinen Habitus immer und überall mitschleift.

Unmöglich? Erfahrungsgemäß ist etwas nur so lange unmöglich, wie man denen glaubt, die behaupten, dass es so sei. Denn solange man das glaubt, probiert man es gar nicht erst aus.

Ich will kein Feminist werden. Ich will mein Gerechtigkeitsdefizit beheben.

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Gestern Abend habe ich mir den Film „Moon“ angesehen – und ich muss sagen, dass er durchaus Aspekte hat, die nachdenklich machen können. Insbesondere ein Satz, den der Hauptdarsteller des Films zu der Stations-KI „Gerty“, kurz bevor er sich in die vermeintliche Freiheit rettet:

Gerty: „Wir werden funktionieren, wie wir programmiert wurden.“
Sam: „Wir sind nicht programmiert. Wir sind Menschen!“

Sam ist ein Mensch. Aber Sam ist auch ein Klon. Ein Klon, dessen einzige Aufgabe es ist, allein auf dem Mond zu sein, den Rohstoffabbau von vollautomatischen Maschinen zu überwachen und alle drei Jahre gegen einen weiteren Klon ausgetauscht zu werden. Während des Films wird deutlich, dass sowohl seine Vitalfunktionen nach diesen drei Jahren zusammenbrechen, als dass sich auch psychologische Zusammenbrüche einstellen – was all zu menschlich ist, wenn man bedenkt, dass drei Jahre in der Isolation, allein verbunden über zeitweise gesendete Videobotschaften von der Erde niemanden kalt lassen dürften.

Die KI Gerty dagegen scheint ebenfalls nicht all zu unmenschlich zu sein. Sie ist offenbar darauf programmiert, nicht nur Hilfeleistungen zu bieten, sondern auch den psychologischen Zustand der Klone zu überwachen. Insofern wirkt sie zwar relativ neutral, kümmert sich aber geradezu führsorglich um ihren Schützling. Mehr noch: Gerty scheint in der Lage zu sein, seine eigenen Programm-Grenzen zu überschreiten. „Ich bin darauf programmiert, dir zu helfen Sam“, kommentiert Gerty diese Verstöße gegen eigentlich fest eingebaute Sicherheitsprotokolle. Die Maschine hat in dieser Fiktion also eigene Entscheidungsmöglichkeiten – einen eigenen Willen, der sich gegen die Vorgaben wenden kann.

Sind sie Menschen? Nun, Gerty sicher nicht. Um Mensch zu sein, bedarf es mindestens der Angehörigkeit zur Spezies Homo Sapiens Sapiens. Gerty ist vielmehr menschlich – denn obwohl die KI während des gesamten Films mit einer völlig neutralen Stimme spricht und Emotionen nur mit Smileys auf einem kleinen Display angezeigt werden, wird deutlich, dass die Maschine ein Gewissen zu haben scheint. Sie lässt sich dazu überreden, beim Fluchtplan der Klon-Astronauten zu helfen. Natürlich mit der Begründung „Ich bin darauf programmiert, deine Sicherheit zu gewährleisten, Sam.“

Aber ist Sam ein Mensch? Eine Frage, die mich durchaus beschäftigt und die weitreichende Probleme mit sich bringt. Sam ist genetisch Angehöriger der Spezies Mensch. Er hat Gefühle, ein mentales Inneleben, leidet unter der Einsamkeit auf dem Mond, vermisst seine Frau und sein Kind. Dennoch ist er ein künstlich erschaffenes Wesen – eine Eigenschaft, die er mit Gerty teilt. An dieser Stelle verwischt der Film die Grenze zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, zwischen Mensch und Maschine – und wirft Fragen auf.

Wir haben also einen Menschen, der nicht weiß, dass er künstlich erschaffen wurde – das er im Grunde ein industrielles Produkt ist – und eine Maschine, die sehr sicher weiß, dass sie eine Maschine ist, aber sich nicht so verhält. Wenn sich nun künstlich erschaffene Produkte intelligent verhalten und ein Gewissen haben, ist es dann noch von Bedeutung, dass sie künstlich erschaffen wurden? Ohne zu wissen, dass Sam ein Klon ist, fühlt man ohne Zweifel mit ihm. Man kann seine Sorgen, seine Ängste und seine Freuden, wenn er Nachrichten von der Erde bekommt, nachvollziehen, nachempfinden. Genauso erzeugen Gertys Handlungen und Aussagen ein gewisses Mitgefühl – geradzu Sympathie. Man hat bei der Betrachtung des Films das dringende Gefühl, dass man Sam unmenschlich behandelt (und ich muss noch einmal betonen: Er ist ein Industrieprodukt!). Genauso hat man das Gefühl, dass Gerty sich all zu menschlich verhält.

Warum aber haben wir – oder zumindest ich – diese starken Intuitionen? Womöglich kommt es gar nicht darauf an, was der Ursprung eines Wesen ist, um ihm Würde zuzuschreiben? Hier von Menschenwürde zu reden wäre verfehlt – denn das würde den sich durchaus menschlich verhaltenden Gerty nicht einschließen. Letzterer stimmt immerhin zu, dass man auch ihn seinen Erinnerungen (seinem Cache) beraubt. Und Erinnerungen gehören notwendig zum Personsein dazu. Bedarf es aber nun einer Maschinenwürde? Oder muss nicht vielmehr nur noch von „Würde“ gesprochen werden und sie jedem Wesen zugesprochen werden, dem moralische Eigenschaften zugeschrieben werden können?

Weit sind wir von dieser Fiktion aber nicht entfernt. Wir haben bereits Roboter mit simulierten Gefühlen – Maschinen die sich gut oder schlecht fühlen können und mit Lovotics sogar Maschinen, die tiefe, menschliche Emotionen simulieren können. Wenn sie sich also auf eine Weise verhalten, sodass Emotionen zugeschrieben werden können, ganz unabhängig davon, wie sie entstehen (denn bei Menschen weiß man auch nicht, ob sie sich irgendwie fühlen, sondern schreibt es auch nur zu – das brühmte „Other Minds“-Problem, bei dem man nicht weiß, ob ein anderer mentale Zustände hat, sie ihm aber zuschreibt), dann ist es nur konsequent, ihnen auch eine bestimmte Würde zuzuschreiben.

Diese Form von Würde, sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man mit Maschinen experimentiert und an ihnen forscht, die dazu gemacht sind, Emotionen zu simulieren. Sie sind programmiert. Sie sind menschlich!

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Fehlgeleiteter Altruismus

On 20. Juli 2011, in Gesellschaft, Menschen, by Ingo

Vorhin klingelte mein Telefon und eine alte Bekannte – eine ehemalige Mitschülerin – meldete sich. Ich war zunächst erstaunt, als ich den Namen auf dem Display las, denn für gewöhnlich meldet sich die junge Dame nur dann, wenn sie etwas braucht oder haben will. Meine Vermutung bestätigte sich umgehend. Nach einer hastig heruntergebeteten Partitur des Leids fragte sie dann, ob ich ihr nicht ein wenig Geld leihen könnte. Mir fehlten für einen kurzen Moment die Worte.

Nun, die gute Dame habe ich zuletzt vor etwa einem Jahr gesehen. Da brauchte sie Hilfe für den Umzug einer Freundin. Also im Grunde Leute, die anpacken und Schleppen. Etwa zwei bis drei Monate vorher waren wir uns rein zufällig in der Innenstadt über den Weg gelaufen – nachdem wir uns über 5 Jahre lang nicht gesehen (und vermutlich auch nicht im mindesten vermisst) hatten. Damals war man noch der Ansicht, man müsste sich mal bei Zeiten zusammen setzen – immerhin ist ja viel passiert in der Zwischenzeit. Dazu kam es nie. Stattdessen wurde ich zur Hilfe bei besagtem Umzug angefordert – und da ich ja Hilfegesuche grundsätzlich nicht ablehne, schleppte ich diverse Möbel.

Dann wechselte man noch das ein oder andere mehr oder weniger interessante Wort via Facebook – bis dann eine große Schweigsamkeit eintrat und nur noch Spielbenachrichtigungen den Stream vollspamten. Und nach etwa 2-3 weiteren Monaten sortierte ich dann meine Kontaktliste mal wieder aus und löschte all diejenigen, die sich ohnehin nie melden oder nie etwas sagen.

Vor etwa einem halben Jahr dann lief mir die junge Dame wieder über den Weg – wunderte sich ein wenig, dass man bei Facebook ja nichts mehr von mir sehen würde, was ich nur damit kommentierte, dass das auch nicht ginge, denn ich hätte sie ja entfernt. Schade wäre das, sie wollte sich mal wieder melden, müsste mir mal wieder eine Einladung schicken. Es passierte erwartungsgemäß nichts. 🙂

Heute dann, wieder ein halbes, völlig kontaktloses, Jahr später, schien sie von der Not getrieben wieder mal an mich denken zu müssen. Immerhin schlage ich Hilfegesuche so gut wie nie in den Wind. Aber nein, ich habe mit Sicherheit kein Geld übrig, log ich, dass ich verleihen könnte (denn es wäre mit Sicherheit verschenkt gewesen). Ich müsste selbst sehen, wie ich irgendwie über die Runden komme, log ich weiter. So leid mir das nun auch tut, aber ich habe nichts, was ich da teilen könnte.

Es ist sicherlich nicht die feine englische Art zu lügen. Aber es ist ebenfalls keine sonderlich nette Art und Weise jemanden nur als Mittel zum Zweck zu benutzen und ansonsten völlig zu ignorieren. Möglicherweise war meine Aussage, ich hätte die junge Dame aus sämtlichen Kontaktlisten entfernt, weil sie sich ohnehin nie melden würde, nicht deutlich genug.

Nun, bei der nächsten Gelegenheit werde ich eine Grundsatzdiskussion darüber anstimmen, welche Art von respektvollem Umgang man mit einem möglichen, wenn auch völlig vernachlässigten, sozialen Umfeld zu pflegen hat. Denn wenn man schon eine Leistung (und sei es auch nur eine Notleistung) erbittet, dann sollte man den Helfenden zumindest einen minimalen Respekt gegenüber bringen.
Vorzugeben, in irgendeiner Form einen Sozialkontakt dazustellen, sich dann aber eher wie ein Sozialparasit zu verhalten, ist nicht im Ansatz respektvoll.

Es stellt sich die Frage, was hier schief gelaufen ist. Ist es eine von der Gesellschaft verursachte Sozialisation? Gehört es zum Leben dazu, dass man Menschen in seinem entfernten Umfeld ignoriert und sobald man ihrer bedarf ausnutzt? Oder ist es eine Frage der Erziehung? Mir zumindest ist beigebracht worden, dass man Menschen respektvoll behandelt und Kontakte, an denen einem liegt, auch pflegt.

Viel grundsätzlicher frage ich mich, ob es richtig ist, ein Hilfegesuch zurückzuweisen, wenn es von jemandem ausgeht, mit dem man eigentlich nichts zu tu hat. Unter karitativen Gesichtspunkten wäre es sicherlich falsch. Würde es allgemeines Gesetz werden, dass Hilfegesuche von Fremden zurückgewiesen werden dürften, so würden zum Beispiel Rettungsdienste es sich aussuchen können, ob sie einen Patienten retten oder nicht. Abseits davon ist die Frage, ob es Gründe geben kann, aus denen man Hilfsgesuche von Fremden zurückweisen darf. Ich gehe davon aus, dass es durchaus zulässig ist, eine derartige Anfrage zurück zu weisen, wenn aus der Person des Fragenden, den allgemeinen Umständen und der speziellen Situation klar wird, dass ein Zustand vorgetäuscht werden soll, der de facto nicht gegeben ist. In diesem Fall sollte ein Zustand der sozialen Nähe dargestellt werden, obwohl es einen solchen nie gegeben hat und auch nie geben wird. Ich sehe keinen Grund, aus dem ein derartiges Hilfegesuch, das offensichtlich auf einem rein einseitigen Nutzen basiert und zudem auf dem Vortäuschen von Verbundenheit basiert, angenommen werden sollte.

Nun, ich rechne stark damit, dass ich etwa ein halbes bis ganzes Jahr nichts von der jungen Dame hören werde. Ich gehe ebenfalls stark davon aus, dass wenn ich etwas von ihr hören werde, es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein Hilfsgesuch handeln wird. Nun, ich denke ich werde ihr dann wohl oder übel, so freundlich es mir möglich ist, die Aufforderung Götz von Berlichingens rezitieren. Dennoch werde ich noch eine Weile darüber nachdenken müssen, wie es sein kann, dass manche Menschen einander tatsächlich lediglich als Mittel und nicht als Zweck ihrer selbst betrachten.

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Derzeit arbeite ich an einer Hausarbeit zum Thema „Moralische Kompromisse“. Gar keine so leichte Aufgabe. Ich gehe nämlich davon aus, dass man von einem moralischen Kompromiss überhaupt nicht wirklich reden kann. Vielmehr müsste es „Kompromiss mit moralisch interessantem Kontext“ heißen, denn man schließt ja über alles mögliche Kompromisse – außer über die eigenen Moralvorstellungen. Überhaupt können es kaum die eigenen sein, denn dann wäre es ja schon keine Moral mehr. Das macht da Ganze um so problematischer.

Ein paar recht hilfreiche Gedanken finden sich bei Martin Benajmin. Der geht ebenfalls davon aus, dass man kaum über eine Moralvorstellung einen Kompromiss schließen kann, denn das würde ja bedeuten, dass man sich selbst verriete. Mehr noch: Jemand, der seine Moral zur Basis eine Kompromisses macht, wird kaum als konsistente Person wahrgenommen. Man würde so jemanden, zu Recht, als opportunistisch ansehen, wenn nicht schlimmeres. Denn immerhin ändert er ja nicht nur seine Alltagsmeinung, sondern seine moralischen Einstellungen. Wichtig daran ist, dass man über alles mögliche Kompromisse schließen kann, auch dann wenn die Sache selbst auf unterschiedlichen Moralvorstellungen basiert, nur eben nicht über die Moral selbst. Hier muss ich mal genauer hinschauen.

Ebenfalls interessant, und für die Arbeit wichtig, ist die Frage, was genau wir denn unter einem Kompromiss verstehen wollen? Muss er strikt von einem Konsens, wie John Rawls ihn im Sinn hat, abgegrenzt sein? Handelt es sich wohlmöglich bei den Kompromissen, die wir kennen, auch hauptsächlich um eine Art Rawls’schen modus vivendi? Etwas, dass sich einfach so entwickelt hat und eher auf strategischen Überlegungen basiert, als auf der Basis einer Kompromissfindung? Und was ist überhaupt eine Kompromissfindung? Nun – ich versuche es einfach mal Schrittweise.

Wenn ich einen Kompromiss schließe, dann erreiche ich mein Ziel nicht zu 100%. Mein Gegenüber, mit dem ich den Kompromiss eingehe, ebenfalls nicht. Vielmehr einigen wir uns auf eine gemeinsame Sache, ein Ziel, einen Umstand, der für beide lediglich die zweitbeste Lösung ist. Dabei ist allerdings wichtig, dass es sich um ein und dieselbe Sache handeln muss, nicht etwa ein Drittes, dass eingefügt wurde, um eine Möglichkeit zwischen beiden Positionen zu schaffen. Das wiederum würde wohl oder übel auf das hinauslaufen, was Bejamin als „middle of the road“-Lösung bezeichnet. Also eher ein Konsens – aber dazu komme ich noch. Wichtig ist auch, dass zwei konträre Zielsetzungen im Spiel sind, wobei es aber nicht darauf ankommt, dass tatsächlich zwei verschiedene Personen beteiligt sind, denn immerhin kann ich auch Kompromisse allein mit mir selbst schließen. Hierzu braucht es noch ein Beispiel, um das ganze zu illustrieren. Ich hatte kürzlich zum Beispiel vor einen neuen Computer zu kaufen. Im Blick hatte ich einen MacPro 1,1, mit aktualisierter Grafikkarte, 4GB RAM und 1 TB Festplattenkapazität. Klar – eine geniale Rechenmaschine und ich könnte durchaus mal wieder ein wenig mehr Leistung brauchen. Schlussendlich kam dann aber eine Freundin daher und sagte „Der ist von 2006 und soll 1200 Euro kosten? Das ist ja verrückt!“ Nun hatte ich das Problem, zwei verschiedene Meinungen zu haben – denn sie hatte durchaus recht: Fünf Jahre alte Computer für einen Preis zu verkaufen, für den man etwas aktuelles, schnelleres und leistungsfähigeres bekommen kann, ist völlig außerhalb jedes Verhältnisses. Explizit sind die Meinungen, die hier im Spiel sind: So viel Geld kann man durchaus sparen und für etwas besseres verwenden, und, einen neuen Computer mit mehr Leistung als du aktuell hast kaufen, ist gar keine so schlechte Idee, denn immerhin geht dann alles schneller und flüssiger von der Hand.
Der Kompromiss, der darauf folgte, wurde auch nur mit mir selbst geschlossen: Lieber noch eine Weile lang sparen, aber dafür dann später aktuelle, schnelle und vor allem neue Hardware kaufen. Damit ist die Spar-Meinung nicht zu 100% befriedigt, denn immerhin wird das Geld ja eines schönen Tages doch investiert und die Hardware-Meinung ebenfalls nicht zu 100%, denn schließlich bekommt sie ja nicht sofort, was sie will. Beide Seiten müssen also Einschnitte hinnehmen – und genau das ist, was einen Kompromiss ausmacht.
Möglicherweise ist das Beispiel auch gar nicht so perfekt – aber ich werde es ohnehin nicht in der Arbeit verwenden. Dazu bedarf es schon noch einer besseren Idee, die zunächst einmal moralisch unbelastet ist.

Den Konsens davon abzugrenzen ist leicht: Schließt man einen Konsens, ist entweder eine Seite vollständig unterlegen oder aber beide Seiten sind glücklich. Bei einer Wahl z. B. wird demokratisch darüber abgestimmt, wie sich das Mächtegleichgewicht verteilen wird. Dabei kommt es durchaus vor, dass eine Minderheit unterdrückt wird (zumal wir in unserem westlichen Kulturkreis in einer Mehrheitsdemokratie leben). Damit ist also immer eine Seite voll zufrieden und die andere nur ein kleines bisschen, wenn überhaupt. Aber man ha sich auf dieses Vorgehen geeinigt, sodass hier nicht das Bedürfnis besteht, etwas an dem vorhandenen System zu ändern. Auch Benjamins „middle of the road“-Vorgehen lässt sich als Konsens (er nennt es „compromise in the loose sense“, was aber meiner Ansicht nach auf einen Konsens hinausläuft) beschreiben. Ein fiktives Beispiel dafür wäre, wenn in einer Stadt nun ein Streit darüber ausbricht, ob man die Straßen verbreitern sollte, damit mehr Autos fahren können oder aber ein Straßenbahnnetz gebaut würde. Die einen wollen viel lieber breitere Straßen, denn sie wollen mit dem Auto überall hinfahren, die anderen bevorzugen Straßenbahnen, denn das wäre ohnehin viel schneller und effektiver. Beides verschlingt Millionen und beides würde dazu führen, dass auf der einen Seite die Autofahrer auf die Bahnen warten müssen, da ja nun ein zusätzlicher Verkehrsteilnehmer eingefügt würde und die Bahnfahrer wären durch die hohen Kosten, die das System zunächst verursachen würde wohlmöglich beeinträchtigt. Einigt man sich aber nun auf eine dritte Lösung, z. B. Busse anzuschaffen, die dann die Fahrgäste beider Fraktionen schnell und effektiv transportieren könnten, ohne dass man an der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur etwas ändert, hätte man das Problem gelöst und beide Seiten wären gleichermaßen glücklich.
Aber auch hier ist das Beispiel keineswegs perfekt. Da wird sich sicherlich noch etwas besseres finden.

Beide Fälle haben nun aber nichts mit Moral zu tun. Bringen wir diese in Spiel, wird die Lage problematisch. Moralische Probleme werden grundsätzlich höchst emotional diskutiert – und selbst wenn man sie auf eine rationale Basis hebt, fällt es schwer eine einheitliche Lösung zu finden. Das Finden von Lösungen ist aber auch weniger das Problem der Philosophie. Vielmehr geht es erst einmal darum, Fragen besser zu verstehen. Also: Schauen wir uns mal das Problem an, wenn Moral ins Spiel kommt.

Nehmen wir an, dass moralische Einstellungen konstituieren für Personen sind. Sie sind eng mit unserer Persönlichkeit verknüpft und dienen dazu, ein gewisses Selbst- und Fremdbild zu vermitteln. Es sind grundlegende Stützpfeiler der Gesellschaft, an die man sich allein schon hält, um den intrakulturellen Frieden zu wahren. Niemanden töten ist z. B. ein solcher moralischer Wert. Würde dieser ignoriert werden, könnte jeder den anderen einfach umbringen – und in so einer Gesellschaft wollte niemand leben, das wird schon bei Thomas Hobbes klar. Ein anderer Wert, auch von Hobbes als Naturrecht deutlich gemacht, ist die Unversehrtheit des Körpers – einhergehend mit der freiheitlichen Selbstbestimmung über eben jenen.
Bei der Abtreibungsdebatte treffen diese beiden, durchaus starken, moralischen Werte aufeinander. Hier besteht der Kompromiss in der 3-Monate-Lösung, also der Erlaubnis nach vorhergehender Beratung innerhalb der ersten drei Monate abzutreiben. Dennoch behalten sowohl Beführworter als auch Gegner ihren Standpunkt und ihre moralische Wertung der Frage. Niemand von ihnen gibt etwas auf oder verrät seine Werte.

Es scheint besonders wichtig daran zu sein, einen Kompromiss zu schließen, dass man die Position des anderen sowohl versteht als auch zum Teil nachvollziehen kan. Ohne diese minimale Empathie ist es nicht möglich einen Kompromiss zu schließen. Genauso erscheint es nicht möglich oder gar nicht notwendig zu sein, wenn man sich für eine der beiden Positionen einfach entscheiden kann, ohne auf die Meinung anderer (oder eine andere Meinung seiner selbst) angewiesen zu sein.

Wenn es nun aber so ist, dass die Gründe, auf denen der Kompromiss fußt, moralische Werte betreffen, aber sich der Kompromiss selbst auf Handlungen oder politische Themen bezieht, ist das dann schon genug, um ihn als „moralischen Kompromiss“ zu bezeichnen? Das könnte zu der irrigen Annahme führen, dass man über die moralischen Werte Kompromisse schließt und nicht über die Handlungen, auf die sich diese Werte beziehen. Würde man nämlich über die Werte Kompromisse schließen, verliert man, wie oben schon erwähnt, deutlich an Ansehen. Man ist „kompromittiert“. Kompromiss und kompromittiert sein sind übrigens nur scheinbar verwandte Begriffe. „compromitto“ bedeutet im Lateinischen soviel wie „übereinkommen“ oder auch „einen Richterspruch anerkennen“ – es handelt sich also um eine Form der Einigung. Wird man kompromittiert, dann gibt man viel eher einen Teil der eigenen Einstellung zu Gunsten einer anderen auf. Ein Vorgang, der selten positiv gesehen wird, da „kompromittiert werden“ mit „von einer anderen Sache eingenommen werden“ gleichgesetzt wird. Man kommt also nicht überein – man wird vielmehr überzeugt, überredet oder in den Bann gezogen und das meist auf recht negative Art und Weise.

Nun – auf jeden Fall erscheint es mir nicht richtig zu sein, von „moralischen Kompromissen“ zu reden, wenn nur das, womit sich die Handlung, über die der Kompromiss geschlossen wird, tatsächlich etwas kompromisshaftes an sich hat. In jedem Fall lohnt es sich, intensiver darüber nachzudenken. 🙂

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