Etwa 36 Stunden ist es her, dass ich in Karlsruhe ankam. Es war ein grauer, recht scheußlicher November-Mittag. Ihr wisst schon: Einer dieser Tage, an denen man keinen Hund vor die Tür jagt… 😉
Nachdem ich nun halbwegs angekommen bin, stelle ich doch einige spannende kulturelle Unterschiede fest, an die ich mich erstmal gewöhnen muss. Hier nun also ein ostwestfälischer Reisebericht.

Man sagt uns Ostwestfalen ja nach, wir wären stur, wortkarg und vor allem dauergrummelnd. Begegnet man in Bad Oeynhausen, Vlotho, Herford oder Porta Westfalica jemanden, der breit und freudestrahlend grinst, macht man sich eher Sorgen: Der muss was haben. Vielleicht mal zum Therapeuten schicken. Kann ja nicht ganz richtig sein. Auf jeden Fall Abstand halten. Was der Ostwestfale am besten kann, ist seine Umgebung und vor allem die Leute um sich herum ignorieren. Die sind zwar da – aber mehr als notwendiges Übel, dem man am ehesten aus dem Weg geht und sie nicht weiter beachtet – etwa wie die Pömpel[1] in der Innenstadt, an denen man Fahrräder nicht anschließen darf (und woran es auch keinen Sinn macht, weil man das angeschlossenen Rad ja einfach drüber weg heben kann).

Hier angekommen bekam ich schon nach etwa 24 Stunden Heimweh. Realisieren, dass alle näheren Freunde und Bekannten (also die physikalisch näheren, die im Grunde um die Ecke wohnen), jetzt etwa 480 km weit weg sind, war schon hart. Der gemeine Ostwestfale verlässt nämlich ungern sein Dorf – also die Leute, die er nicht kennt und mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will, weil er sie eh nicht leiden kann. Ich wurde auch direkt vorgewarnt: „De Durlache‘ un de Karlsruhe‘ sin schon a stures Volgg“, hieß es da. Stur? Ok, das kenn ich ja nicht anders. Ich sollte mich also schon mal heimisch fühlen.

Meine erste Exkursion durch die Durlacher Innenstadt verdeutlichte mir allerdings das genaue Gegenteil. Stur? Keineswegs. Im Gegenteil: Die Leute sind eher alle übertrieben nett. Also – nach ostwestfälischen Maßstäben. Ich fühlte mich die ganze Zeit permanent beobachtet. Tatsächlich gucken die Leute sich hier ständig an und sich gegenseitig hinterher. Also: Es scheint so zu sein, als würden sie sich einfach nur beobachten, um zu sehen, ob der oder die andere irgendwas Interessantes an sich hat. Eine für mich schon fast beängstigende Situation: Man kann nämlich auch stundenlang durch Minden oder Bielefeld laufen, ohne auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden. Hier wurde ich ständig von irgendwelchen Leuten beobachtet. Ich bin mir sicher: Ich bin nicht paranoid, ich werde verfolgt.
Als dann kurzfristig die Polizei in Mannschaftsstärke aufschlug, um Radfahrer aus der Stadt zu verbannen und für’s Durchfahren abzukassieren,[2] wurde die Situtation völlig absurd: Die Polizisten begrüßten doch tatsächlich vorbei laufende Passanten und wirkten sogar so, als wären sie für den einen oder anderen freundlichen Spruch gewappnet. Polizei, die nicht genervt wirkt, im Befehlston etwas verlangt oder gar (bis auf die Uniform) etwas Bedrohliches an sich hat? Komplett unvorstellbar – aber hier scheinbar Realität.

Ein besonderes Highlight ist die Karlsruher Infrastruktur. Es gibt ja nicht nur Straßenbahnen, wie es sich für eine Großstadt gehört – man kann die auch recht unkompliziert mit dem Handy bezahlen (Handyticket per PayPal oder Kreditkarte… großartig), bekommt über eine App Auskunft, wann welche Bahn wo abfährt und braucht prinzipiell nur noch einsteigen und losfahren.
Da ich hier dann auch mal „zum shoppen“ losfuhr und abends noch eine Wohnung besichtigte, kann ich aus der Vorbeifahrt nur sagen, dass das hier alles total hübsch ist. Ich meine: Großstädte haben so alle ihren eigenen Charakter. Fährt man mit der Bahn durch Berlin ist das alles eher ein architektonischer Gewaltmarsch. Plattenbau, harte Betonfassaden, grau und trist will die Stadt das letzte bisschen Enthusiasmus aus einem heraus pressen. Und Karlsruhe? Hübsch verzierte Fassaden, Balkone mit Jugendstil-Blütenmuster-Geländern, überall kleine und große Läden, von alt bis modern… eine fast schon ein wenig romantisch anmutende Straßenbeleuchtung. „Putzig“ ist das Wort, das mir am ehesten dazu einfällt. Es ist einfach alles irgendwie auf hübsch getrimmt (hier und da fallen sogar kleine Schlösschen-artige Gebäude mit Zwiebeltürmen auf), wenngleich es natürlich auch hier Plattenbau und heruntergekommene Fassaden gibt. Aber die gibt’s überall.

Besonders spannend war dann die abendliche Rückfahrt ins Hotel nach der Wohnungsbesichtigung. In der Bahn sitzend und die Aussicht bestaunend setzte sich plötzlich ein älterer Mann gegenüber und wirkte ein wenig unkoordiniert. Nach einer Weile fragt er mich, ob ich kurz ein Stück zur Seite rücken könnte – er wollte sich gern selbst in der Scheibe der Bahn fotografieren, weil er dann so einen dicken Kopf hat. Eine Perspektive, die man selten zu sehen bekäme. Klar, mach ich doch glatt. Und wenn er mich schon anspricht, fragte ich direkt, ob er öfter fotografiert. Mit einem Lensbaby kann man auch ganz tolle Effekte erzielen… Wie sich herausstellte, war er Künstler. Malt lieber mit Palette und Leinwand, aber eben so Momentaufnahmen und Sachen, die die meisten Leute gar nicht mehr wahrnehmen – die fotografiert er dann spontan. Leider musste er dann auch schon aussteigen – wäre spannend gewesen, mehr über ihn zu erfahren. Eine Situation, die in Ostwestfalen so nie hätte passieren können. Wenn man da gebeten wird, zur Seite zu gehen, dann höchstens wenn man wirklich im Weg ist. Und selbst dann ist die Chance groß, dass man eher in die Seite geknufft und einfach weggeschoben wird. Warum auch große Worte verschwenden, wenn man doch mit einem gezielten Schubser auch verdeutlichen kann, was man will?
Der nächste Fahrgast machte mir dann aber schon etwas mehr Sorgen. Scheinbar ein junger Mann, der in seiner eigenen kleinen Welt lebte. Mit hektischen Bewegungen und gelblich geränderten Augen zog er (vermutlich frisch gestohlene) Tütensuppen unter seiner Jacke hervor und zog sie sich fast direkt vor die Nasenspitze, um zu lesen, was denn darauf stand. Als er sah, dass ich ihn dabei beobachtete, grinste er völlig debil, gluckste und winkte… „Oha – ok. Also den besser ignorieren… oh, hübsch, Straßenlaternen. Äh, total spannende Straßenlaternen da draußen, ja…“ ging es mir durch den Kopf und ich versuchte krampfhaft, nicht auf den Rotz hochziehenden und offenbar gänzlich von der Wirklichkeit entfernten jungen Mann zu achten.

Aber so insgesamt? Insgesamt frage ich mich gerade, warum ich doch gleich noch mal Heimweh verspürte. Hier gibt’s im Grunde alles, was man so braucht: Infrastruktur, Läden, Unterhaltung (Karlsruhe hat am ZKM ein echtes IMAX-Kino… wooohooo! :D) und dazu auch noch nette Leute. Verstockt und stur sollen sie sein? Nicht die Bohne. Verglichen mit den Ostwestfalen sind die Karlsruher friedlich und freundlich und flauschig. Aber das ist ja nun auch erst nur ein Eindruck nach 36 Stunden. Mal sehen, was die nächsten Wochen und Monate so ergeben.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Großes, meist stab- oder kegelförmiges Objekt, ähnlich aber nicht gleich einem Pfosten. Nicht zu verwechseln mit einem Pümpel – damit macht man verstopfte Klos frei…
  2. Komischerweise sind aber vor fast jedem Geschäft in der Innenstadt Fahrradständer…
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