Heute Mittag rief mich eine freundliche junge Dame an, hatte meinen Blog gelesen und fragte sich, wie ich es denn nun genau geschafft hätte, das UnityMedia-Netflix-Problem zu lösen. Wie sich herausstellte, habe ich doch einiges an Nachforschungen angestellt, die für Menschen mit weniger technischem Verständnis nur schwer nachvollziehbar sind – und vor allem habe ich all meine Nachforschungen dazu auch noch gar nicht veröffentlich.

Nun – Zeit, das zu ändern. Ich blogge ohnehin sträflich selten in letzter Zeit. Hier nun also die (hoffentlich für alle) nachvollziehbare Lösungsstrategie, wie man UnityMedia dazu bekommt, den Anschluss auf IPv4 zurückzustellen.

Ich hoffe, dass in Zukunft die großen Dienste komplett auf IPv6 umstellen, damit dieser DSLite-Hinkefuß bald der Vergangenheit angehört. Bis das soweit ist, muss man dafür sorgen, dass die Verbindungen, die man bisher genutzt hat, auch funktionieren.

Das Problem

Seit über 20 Jahren geistert die Spezifikation für IPv6 herum – aber es wird aktuell von erkläglich wenig Diensten effektiv benutzt (jetzt mal von Google und Facebook abgesehen). Aktuell laufen so gut wie alle gewöhnlichen Geräte, die man sich so kaufen kann mit IPv4. Und da mittlerweile der alte Spruch aus den 90’ern „The internet is full, go home!“ langsam aber sicher wahr wird, werden die Geräte und Programme nach und nach von IPv4 auf IPv6 umgestellt. Schließlich gibt es immer mehr und mehr Geräte.

IP? Hab ich schon mal gehört – aber was ist das jetzt eigentlich?

So einfach wie möglich ausgedrückt: So etwas wie eine Telefonnummer, mit der euer Gerät im Internet erreichbar und erkennbar ist
Stellt euch das Internet wie ein gigantisch großes Telefonbuch vor in dem lauter Nummern stehen. In der alten Schreibweise haben die aber viel kürzere Nummern. Ihr erinnert euch sicher noch daran, als ihr das letzte Mal eure Oma angerufen habt, die schon seit über 40 Jahren Telekom-Kundin ist und noch eine vierstellige Telefonnummer hat… in etwa so ist das auch mit den IP-Adressen: Früher hat man nicht damit gerechnet, dass es mal so viele Geräte geben wird, also brauchte man nur kurze Nummer. Mittlerweile sind aber fast alle kurzen Nummern vergeben, somit braucht es eine neue Schreibweise – längere Nummer – mit denen dann wieder neue IP-Adressen vergeben werden können.

DSLite – die Wurzeln allen Übels

Wenn jetzt jemand mit einer alten Nummer jemanden mit einer neuen Nummer anrufen will, hat der für gewöhnlich kein Problem. In der Mitte steht eine Vermittlungsstelle, die das übersetzen kann. Bei IP-Adressen gibt es so etwas auch – das nennt sich „aftr-Router“ und steht beim Internetanbieter herum. Der macht die ganze Zeit nichts anderes, als die IPv6-Adresse des Kunden in eine IPv4-Adresse nach Außen zu übersetzen, damit ein Dienst, der noch kein IPv6 versteht, das entsprechend verarbeiten kann.
Hier gibt es dann nur ein Problem: Der Router weist meist ein paar Tausend Kunden die gleiche IPv4-Adresse zu und der Dienst ist dadurch völlig verwirrt.

Stellt euch vor, ihr würdet am Tag ständig von der gleichen Telefonnummer angerufen werden, aber es ist immer jemand anderes am Apparat. Das macht euch Kopfzerbrechen. Und nicht nur euch – so einem Webserver auch. Ihr wollt ja wissen, wer da anruft – und wenn das immer die gleiche Nummer aber immer jemand anders ist, dann geht ihr irgendwann nicht mehr ans Telefon. Sowas macht der Server dann auch: Er weiß nicht mehr genau, mit wem er spricht und lehnt die Verbindung ab.

Netflix – ein Spezialfall

In diesem Fall hatte ich sowohl zu Technikern von Netflix als auch von UnityMedia Kontakt und habe mehr oder weniger Stille Post gespielt. Dabei kam ich zu folgender Erkenntnis:

Alle Server von Netflix laufen nativ auf IPv6. Es sollte also kein Problem mit UnityMedia geben. Natürlich gibt es ein Fallback auf IPv4 für beispielsweise mobiles Streaming.

Und genau da ist der Haken: Der aftr-Router von UnityMedia spricht mit dem Login-Server von Netzflix. Statt nun aber die native IPv6-Adresse zu nutzen, übersetzt er die des Kunden in eine IPv4-Verbindung (das passiert übrigens auch, wenn man das gesamte private Netzwerk auf IPv6 umgestellt hat – ich hab’s ausprobiert…). Der Login-Server von Netflix kann nun aber den Nutzer nicht mehr korrekt identifizieren – weil es ja mehrere Tausend Leute gibt, die sich hier jetzt eine Adresse teilen. Also weist er die Anmeldung zurück und kommentiert das mit „Fehler NW-2-5“. Man könnte auch sagen: Er knallt genervt den Höher auf die Gabel, weil schon wieder die gleiche Nummer anruft und irgendjemand anders dran ist.

Sowohl bei Netflix als auch bei UnityMedia ist das Problem bekannt. Man sagte mir bei Netflix (die haben übrigens einen absolut grandiosen Kundenservice!) ss gäbe gemeinsame Teams, die hier schon an einer Lösung arbeiteten. Es gäbe nur hin und wieder mal Querelen, weil UnityMedia mit Maxdome ja einen eigenen Streaming-Dienst anböte und die Konkurrenz im eigenen Netz unterstützen – naja, scheinbar finden die das ein wenig uncool und lassen sich Zeit damit. Scheinbar machen die Kunden da auch nicht unbedingt all zu viel Druck. Der Netflix-Kundendienst hat zumindest wöchentlich mit hunderten von UnityMedia-Kunden zu tun, die keine Verbindung bekommen und dene sie immer das gleiche erzählen können: „Tut uns leid, ist nicht unsere Schuld…“

Ein einfacher Beleg, um herauszufinden, dass es am Internetanbieter liegt: Einen Hotspot über das Handy öffnen (das hat aktuell immer IPv4 und es kommt nicht zu Zuordnungsproblemen), den Fernseher über Wifi mit dem Handy verbinden und dann Netflix starten. Wenn das dann problemlos funktioniert: Voilà – Problem erkannt.

Nicht das einzige Verbindungsproblem

Bei meiner Untersuchung habe ich herausgefunden, dass Netflix nicht die einzige App ist, die gestört war. Ihr könnt also untersuchen, was sonst noch in eurem W-LAN gestört ist und was bisher problemlos funktionierte.

In meinem Fall waren folgende Geräte und Apps betroffen:

Withings SmartBody Analyser (Wifi-Waage): Immer wieder Verbindungsprobleme, bishin keine Verbindung/Synchronisation möglich.

Garmin fenix 3 HR (Sport-Smartwatch): Verbindet sich zwar mit dem W-LAN, synchronisiert aber effektiv nur über das Mobilfunknetz.

Smartphone-Apps (verschiedene – als Beispiel hier auch die Withings-App oder MyFitnessPal): Verbindung nicht möglich, keine Synchronisation. Funktioniert tadellos über das Mobilfunknetz, nicht über das W-LAN im UnityMedia-Netz.

Drucker (HP OfficeJet Pro 8620): Seit der Umstellung im Dezember Abstürze, sobald er online geht. Ich musste mir hier eine eigene Fritzbox zulegen, damit das Gerät wieder eine Wifi-Verbindung bekommt und die Online-Dienste fehlerfrei funktionierten

PS3, PS-Vita, Xbox 360 und PS4: Keine Verbindung zu Online-Diensten, Updates schlagen fehl, Downloads sind unmöglich. Einstellungen an den MTU-Größen bei der PS3 ändern daran nicht viel – allein die Verbindung über den eigenen Router versprach ein kleines bisschen Besserung, ständige Verbindungsabbrüche kamen trotzdem vor.

VPN-Verbindungen: Sobald ich eine VPN-Verbindung mit dem Firmen-Netz aufbauen wollte, stürzte der UnityMedia-Router sang- und klanglos ab und startete neu. Noch mal auf die Schnelle wichtige Daten austauschen, die nicht bis zum nächsten Tag im Büro warten können – keine Chance.

Ihr könnt Apps auf folgende Art und Weise testen:

1. W-LAN am Handy abschalten
2. Aus der App im Mobilfunknetz ausloggen
3. W-LAN wieder einschalten
4. In der App einloggen

In meinem Fall kam es dann zu Verbindungs- und Synchronisationsproblemen. Ist das bei euch auch der Fall, schreibt diese Apps und die Verbindungsprobleme auf.

Lösungsfindung mit UnityMedia

Eins muss ich ihnen lassen: Sie sind um eine Lösungsfindung ernsthaft bemüht! Es hat mich ein wenig Zeit und Nerven gekostet alles zu Recherchieren (ich habe Netflix, Sony und UnityMedia über Wochen hinweg mit Anfragen und Hotline-Telefonaten genervt…), aber ich kann nicht sagen, dass ich unzufrieden bin. Im Gegenteil: Wenn man allen Beteiligten alle Informationen zur Verfügung stellt, dann sind sie recht schnell dabei eine konstruktive Lösung zu finden. Auch wenn meine letzte Mail schon sehr genervt war.

1. Störung melden

Über das Kontaktformular im UnityMedia-Kundencenter könnt ihr eine Störung melden. Dort tragt ihr zusammen, welche Apps bei euch gestört sind. Meist ist es übrigens die Netflix-App. Die Website lässt sich grundsätzlich problemlos aufrufen. Darauf solltet ihr euch übrigens nicht einlassen. Weil, mal ehrlich: Wer stellt sich denn schon einen Fernseher im Wert eines Kleinwagens ins Wohnzimmer und guckt dann am „kleinen“ PC-Monitor in schlechterer Auflösung? Genau… niemand. 😉

Wenn ihr dann alle Verbindungsstörungen aufgelistet habt, bittet ihr um eine Umstellung auf IPv4, da sich hiermit die Verbindungsprobleme beheben lassen.
Hilfreiche Links, die ihr dazu noch lesen und ggf. auch mit in die Störungsmeldung einfügen könnt, hättet ihr z. B. hier:

https://www.computerbase.de/forum/showthread.php?t=1548544
http://stadt-bremerhaven.de/netflix-und-unitymedia-ausgesperrt-ohne-vpn/
https://help.netflix.com/de/node/14424

2. Kontakt mit dem Kundendienst

Innerhalb kürzester Zeit bekam ich einen Anruf auf die Fehlermeldung hin, dass man mir einen Techniker schicken wollte. Wie gesagt: Wenn es um Störungsbeseitigung geht, sind die Jungs von UnityMedia echt schnell – da kann man nicht meckern.

Der Techniker wird da nicht viel tun können, da das Problem ja der aftr-Router von UnityMedia ist und nicht in eurem Haus oder an eurer Konfiguration liegt. Aber es kann nicht schaden, ihn kommen zu lassen. In meinem Fall hat er tatsächlich einen Fehler am Kabelverstärker im Keller gefunden. Und wenn er nett ist und ihr auch zu ihm, dann tauscht er euren alten Ubee- oder Technicolor-Router als defekt aus und stellt euch eine Connect-Box hin. Warum das eine gute Idee ist?

Nun ja, weil: http://www.golem.de/news/unitymedia-kritische-sicherheitsluecken-in-zehntausenden-zwangsroutern-1607-122068.html

3. Mir wird eine Horizon-Box angeboten. Soll ich das annehmen?

Ganz klar: Nein! Das ist nur mit einer höheren Monatsgebühr und einer Vertragsverlängerung verbunden. Netflix funktioniert dann, weil die Horizon-Box nur IPv4 kann (euer Anschluss wird dann also automatisch umgestellt) – aber ihr wollt ja nicht mer bezahlen als unbedingt nötig, oder?

4. Die stellen sich quer! Soll ich mit Kündigung drohen?

Das wäre seltsam, denn ich kann wirklich nicht sagen, dass sich UnityMedia tatsächlich weigert das Problem zu lösen. Es hat eine ganze Weile gedauert – aber nachdem ich all meine Informationen in eine zugegebenermaßen nöselige Mail gepackt hatte, rief mich einen Tag später der Second-Level-Support an, verkündete, dass man meinen Anschluss wieder auf IPv4 umstellen würde – und schon am selben Abend, nur ein paar Stunden später, liefen alle Verbindungen wieder genau so, wie ich es erwartete.

Also: Wenn’s denn unbedingt sein muss und ihr wirklich total genervt seid… ich kann euch ja nicht davon abhalten.

5. Ich soll auf IPv4 umgestellt werden – habe ich damit jetzt irgendwo anders ein Problem?

Nein. Im Gegenteil: Die meisten „alten“ Geräte und Programme in eurem Leben werden ohnehin noch IPv4 sprechen. Vermutlich funktionieren dann sogar mehr Sachen als vorher. Und Geschwindigkeitsverluste gibt es auch nicht.

So. Ich hoffe, das hilft all jenen weiter, die erstmal nicht so genau wissen, wo eigentlich das Problem ist und die von einem Kundenservice zum nächsten geschickt werden.

Übrigens: Seid nett zum Kundenservice. Die haben ihre festen Zeitvorgaben, in denen sie Kunden abgefertigt haben müssen, Ablaufprotokolle, nach denen Fehler gesucht werden müssen und jeden Tag haufenweise Stress. Selbst wenn ihr euch gerade ärgert – die können nichts dafür. Fasst die Fehlermeldungen lieber sachlich zusammen und recherchiert ggf. noch mal alle Ursachen und Quellen. Es hilft viel mehr, Daten und Fakten zu liefern, statt sich zu ärgern und den Ärger an anderen auszulassen. 🙂

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Vom Rechtsruck der Gesellschaft

On 6. Oktober 2015, in Jammern, Persönliches, by Ingo

Ich habe versucht, die aktuelle Problemlage einfach zu ignorieren. Ich dachte mir: „Ist nur so eine Modeerscheinung, wenn die Saure-Gurken-Zeit vorbei ist, kümmern die Leute sich wieder um die Fußball-WM oder DSDS oder was sonst in ihren kleinen Köpfen so herumspukt…“ Immer mal wieder bekam ich dann Nachrichten mit dem bohrenden Zwischenruf „Du als Philosoph musst doch was dazu sagen können…“ Ich wollte nicht. „Als Philosoph“ wäre es unangemessen hierzu etwas zu sagen – vor allem so, dass es diejenigen, die es betrifft auch verstehen. „Wir Philosophen“ versteigen uns ja allzu gern in Zitaten und Belegen und am Ende fragt sich jeder, der nicht so tief in der Materie steckt „Joa, und was interessiert mich jetzt, was Aristoteles vor 2000 Jahren dazu sagte?“ Nein, als Philosoph schweige ich weiter dazu.
Nachdem nun aber mein eigener Freundeskreis von „besorgten Bürgern“ langsam aber sicher infiltriert wird kann und will ich so ganz persönlich nicht mehr schweigen. Bevor ich jetzt einige recht langjährige Freund- und Bekanntschaften beende, muss ich da noch mal ein kurzes „denkt doch noch mal drüber nach“-Zeichen setzen. Gelingt es nicht, die Leute zur Vernunft zu bringen – nun, dann wird zumindest meine kleine Filterblase demnächst kleiner und vor allem ruhiger. Ich muss einfach eine Ist-Analyse vornehmen – für mich, für meine Freunde und für alle anderen denen, es womöglich gerade ähnlich geht wie mir. Ich habe das Gefühl, mir platzt sonst der Kopf. Also gut. Allons-y!

Meine Wahrnehmung der aktuellen Lage

Eigentlich hätte ich nicht geglaubt, dass es wieder soweit kommen kann. Wenn mir meine digitale Filterblase Nachrichtenartikel vorbeispült, dann fühle ich mich in die 90’er zurückversetzt – eine Zeit, die mich als damals Jugendlichen schon erschrocken hat. Wieder einmal herrscht Krieg, wieder einmal fliehen Menschen. Nur diesmal nicht vor einem militärischen Gegner, der es auf einen Sieg abgesehen hat. Diesmal handelt es sich um einen „neuen Krieg“. Ein Krieg, der nur um seiner selbst Willen geführt wird. Mit maximaler Brutalität und Ignoranz jeglicher „rules of engagement“.

Was sehe ich, wenn ich mir die Medienberichte ansehe, unabhängige Blogs lese und Podcasts von und mit Leuten höre, die tatsächlich an der Front waren?

Im Ausland:

  • Menschen, die alles aufgeben und fliehen, bevor sie entweder getötet oder vom IS zwangsrekrutiert werden
  • Menschen, die mitansehen mussten, wie deren Töchter zu Tode vergewaltigt und deren Söhne erschossen wurden, weil sie sich weigerten zu kämpfen – und die auch nur am Leben gelassen wurden, um eben diese Bilder niemals zu vergessen
  • Mangelnde Unterstützung für die die kleinen Gruppen an Peschmerga (wer in kürzester Zeit 400 Quadratkilometer Fläche vom IS befreien kann, dürfte mit vernünftigen Waffen die Situation recht schnell unter Kontrolle bekommen…)
  • Luftschläge, die die falschen treffen („aus Versehen“ wird ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan getroffen…)
  • Staaten im Nahen Osten, die durchaus in der Lage wären, einzugreifen und militärisch gegen den IS vorgehen könnten, aber einfach nichts oder deutlich zu wenig tun
  • Millionen Menschen, die im Jemen in gigantischen Zeltlagern vor sich hin vegetieren

Im Inland:

  • Terroristen, die Flüchtlingslager und Asylantenheime angreifen und niederbrennen
  • Menschen, die zu Zehntausenden mit völlig falschen Prämissen eine logische Schlussfolgerung fabrizieren (patriotisch kann man als Europäer nicht sein, weil Europa kein einzelnes Land ist und islamisiert wird nichts, schon gar nicht das Abendland)
  • Menschen, die in sozialen Netzwerken Hass verbreiten, dass ersichtlich wäre, welchen Grund sie zum Hassen hätten
  • Menschen, die sich tatsächlich Sorgen zu machen scheinen, dass wir als Gesellschaft mit einem größeren Strom Flüchtlingen nicht klarkommen
  • Politiker (Anm.: Auch in der Definitionsmenge „Menschen“ enthalten, aber in exponierter Position), die rassistische Vorurteile kommunizieren und damit wahrlich als geistige Brandstifter angesehen werden können
  • Überforderte Helfer, die tun, was menschenmöglich ist, um diejenigen Flüchtlinge, die es hierher geschafft haben, mit dem nötigsten zu versorgen
  • Allenthalben Jammern auf hohem Niveau, das wir das alles nicht stemmen können, dass das alles zu teuer ist und dass ja gefälligst andere Länder auch mal ein wenig beitragen sollen…

Was ich dazu denke

Immer wenn ich lese oder höre, was Politiker, „Asylkritiker“ und „besorgte Bürger“ an „Asylkritik“, „differenzierter Meinung“ oder „Besorgnis“ äußern, wirkt das auf mich etwa so:

„Liebe Flüchtlinge, wir haben totales Verständnis dafür, dass ihr hier herkommen wollte, weil euch in eurem eigenen Land der Arsch weggeschossen wird, eure eigene Regierung versagt hat und alles was ihr im Moment seht, Krieg, Gewalt und Tod sind. Aber tut uns doch den Gefallen und leidet woanders weiter. Wir möchten von unserem Wohlstand nichts abgeben. Ja, wir können uns grau daran erinnern, dass unser eigenes Land vor gar nicht allzu langer Zeit in Schutt und Asche lag und dass womöglich eure Großeltern dabei geholfen haben, es wieder aufzubauen. So ein kleines bisschen ist uns auch bewusst, dass wir selbst Schuld daran waren, dass es in Schutt und Asche lag… aber was interessiert uns denn unser Geschwätz von Gestern? Jetzt zählt nur noch Leistung und Leistung und – ach ja, Leistung. Und da wir eure Qualifikationen, die ihr womöglich mal hattet nicht anerkennen wollen (schließlich könnt ihr ja nicht mal Deutsch!), könnt ihr ja keine Leistung bringen. Tja, Pecht gehabt, selbst Schuld, was kommt ihr auch hier her? Oh und diese freundlichen Damen und Herren mit den Springerstiefeln und den Brandsätzen dort hinten in der Ecke, da sind wir auch total dagegen! Aber wir machen da jetzt mal nichts. Wir wollen uns schließlich nicht die teuren Anzüge dreckig machen. Aber wir sind sicher, dass ihr euch gut vertragen werdet. Oh, ja, ein paar von uns sind auch total OK. Wenn wir nur lange und ausdauernd genug behaupten, dass diejenigen, die euch hier herzlich Willkommen heißen und euch bei der Orientierung oder auch nur dem nackten Überleben in einem fremden Land helfen, naiv und Kurzsichtig sind, dann werden die Damen und Herren mit den Springerstiefeln und den Brandsätzen die bestimmt auch bald mal besuchen. Nur, um ein wenig zu Plaudern versteht sich. Also macht euch keine Sorgen, wir sind eigentlich ein total nettes Land. Aber euer Problem ist leider nicht unser Problem und diese Sache mit den Menschenrechten ist voll toll (sind wir voll dafür!), solang sie brav auf Papier stehen bleiben (das ist ja Geduldig) und niemand ernsthaft auf die Idee kommt, sie einzufordern oder uns statt nach politischer nach moralischer Verantwortung fragt…“

Ich lese und höre davon, wie wir uns all die vielen Flüchtlinge nicht leisten könnten. Seltsam. Länder wie Dänemark nehmen viel mehr Flüchtlinge auf – und ich habe noch nicht gehört, dass die sich auf irgendwelche Dublin-Abkommen berufen würden, weil es ihnen zu viel wird. Aber vielleicht wird darüber ja auch einfach nicht berichtet? Außerdem können wir zig Milliarden in die Rettung fremder Banken pumpen, aber wenn es um eine humanitäre Katastrophe von historischem Ausmaß geht, dann wird auf eine „schwarze Null“ gepocht? Vielleicht verstehe ich auch einfach nur die Zusammenhänge völlig falsch (oder wir haben einfach zu viel Geld für die Rettung von fremden Banken ausgegeben und haben jetzt nichts mehr übrig) – aber irgendwas stimmt da doch nicht?

Von der Angst davor, dass die Gesellschaft nicht mit vielen männlichen Ausländern klarkommen würde, deren Dominanzgebaren gefährlich sein könnte ist auch immer mal wieder die Rede. Pardon: Hat da jemand irgendwelche Twitterfeministinnen unbeobachtet in die Redaktionen gelassen? Menschen werden durch Sozialisation an eine Gesellschaft angepasst. Es ist also wichtig, das vorzuleben, was wir von anderen erwarten – der Rest ergibt sich dann von ganz allein.

Es wird befürchtet, dass die Ausschreitungen in Flüchtlingslagern überhand nähmen, weil es vereinzelt zu Schlägereien kam. Nun ja, wenn man mit vielen hundert Leuten auf engstem Raum zusammenleben muss, von Krieg und Gewalt traumatisiert ist und dem physischen und psychischen Stress einer tausende Kilometer langen Reise (größtenteils zu Fuß) ausgesetzt ist, dann fühlt man sich vermutlich am Ende des Tages nicht unbedingt friedlich, ausgeglichen und buddhistisch-gleichmütig. Verhindern können wir das nur, durch eine größere Verteilung derer, die hier ankommen. Und das möglichst schnell und unbürokratisch (was ja per se schon mal nicht geht, schließlich sind wir ja in Deutschland und hier geht ja gar nichts, ohne dass es keine Vorschrift, kein Gesetz, keine Arbeitsanweisung oder dergleichen gibt).

Überhaupt fühlen sich viele in ihrem Wohlstand bedroht. Die Forderung wird laut, sich „erstmal um die eigene Leute“ zu kümmern. Warum sollten auch Flüchtlinge von weit weg, Wohnungen bekommen, die sich der kleiner Hartz-IV-Empfänger nicht leisten kann. Ich vermute mal, dass der kleine Hartz-IV-Empfänger nicht gern mit sechs bis acht anderen Leuten zusammenwohnen möchte, quasi in einer WG. Ach, was „die eigenen Leute“ angeht, erinnere ich mich noch ein klein Bisschen an den Geschichtsunterricht. Das aber nur ganz am Rande.
Bedrohung des Wohlstandes? Kann ich nicht ausmachen. Sehe ich nicht mal entfernt. Wodurch denn? Selbst unseren Ärmsten (denjenigen, die auf der Straße leben) geht es noch besser, als denen, die zu uns flüchten. Auf Erstere wird nämlich nur mit verschwindend geringer Häufigkeit geschossen und selbst von dem Wohlstand, den wir wegwerfen, können sie noch leben (was allein schon schlimm genug ist…).

In einer idealen Welt könnten das finanzielle Problem total einfach gelöst werden. Wir werfen pro Kopf (also pro Bundesbürger) 10 Euro in einen Topf (eine Summe, die sich jeder leisten kann) und tadaa: Wir könnten alles finanzieren, was wir wollten. Leider leben wir nicht in einer idealen Welt. Und leider scheint in den Köpfen vieler, die ich derzeit lese, die Bürokratie über der Menschlichkeit zu stehen. Einfach so helfen? Haja, aber bitte schön der Reihe nach, in Ordnung und ein Gesetz braucht es auch. An unsere Gesetze halten müssen sich die Flüchtlinge ja auch, nur erklären will sie ihnen niemand. Ich meine: Wenn ich jetzt aus irgendwelchen Gründen nach Saudi Arabien flüchten müsste (vermutlich werden Leute wich ich in absehbarer Zeit als „Ausländerfreunde“ geächtet und durch die Straßen getrieben – dann habe ich einen Grund zu flüchten…), hätte ich auch keine Ahnung von den Regeln und Gesetzen dort. Und ich verstünde kein Wort. Ich wäre also auf Gedeih und Verderb denen ausgeliefert, die ein wenig Empathie aufbringen können und mir helfen, mich zurecht zu finden.

Und Empathie sehe ich nur sehr, sehr wenig. Fast keine. Im Vordergrund stehen immer nur wirtschaftliche Sorgen, juristische Probleme, Angst vor mangelnder Integration, sozialen Konflikten oder einer Vermischung von Normen und Werten.

Das es zahlreiche Firmengründungen von Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die hier eine Ausbildung genosssen haben und entsprechend Arbeitsplätze schaffen, wird gern einfach ignoriert – genauso wie die Beteiligung in der Wissenschaft; die teils chinesisch- und teils arabischstämmigen Dozenten, bei denen ich Seminare haben durfte, empfand ich als extrem kulturell bereichernd. Normen und Werte sind grundsätzlich Verhandlungssache und entstehen im gesellschaftlichen Konsens. Wir müssen einfach damit umgehen, dass so etwas keinen ewigen Bestand hat. Es ist wie immer im Leben: Alles kann sich ändern und genau das macht das Leben aus – Wandel, Wachstum und Anpassung.

Was ich fordere

Hört endlich auf, den Bullshit nachzuplappern, den Politiker oder Medien verbreiten (für ganz Mutige: Kommt mal raus aus eurer Comfort Zone und macht euch selbst ein Bild). Vergesst mal für einen Moment die Bürokratie, die Regeln, die Gesetze, die ach so dramatischen Probleme die da alle irgendwann in der Zukunft mal kommen könnten und besinnt euch auf etwas ganz basal Menschliches: Hilfeleistung in Notfällen. Das, was wir jetzt und hier all denen vorleben, die zu uns flüchten, entscheidet über unser aller Zukunft als Gesellschaft. Nicht die Politik, nicht die Wirtschaft und schon gar nicht die Medien sind hier am Zug. Wir alle können jetzt entscheiden, ob wir eine Gesellschaft mit moralischen Werten sein wollen, die wir vorleben und als Leitlinie betrachten (der kategorische Imperativ ist immer gern gesehen) – oder ob wir unsere Angst und unseren Geiz über das Wohl von Menschen in Not stellen. Wir alle haben die Möglichkeit, jeder für sich und in jeder noch so unbedeutenden Entscheidung, diese Gesellschaft zu formen und den Umgang mit einer globalen humanitären Katastrophe zu lernen und daran zu wachsen. All diese Angst, die uns vor „dem Fremden“ (als abstraktem Begriff) gemacht wird darf nicht unser Denken und Handeln bestimmen. Angst ist ein schlechter Ratgeber (ich spreche da aus Erfahrung) – und wir sollten als aller letztes auf sie hören.

„Aber was soll ich denn tun…?“ Einfach kleine Dinge. Sei da! Niemand ist gezwungen zu spenden (aber wenn man ein paar alte Sachen wegtun will, die eigentlich noch gut sind, die aber schlicht nicht mehr passen oder die man nicht mehr mag… spricht ja nichts dagegen oder?). Aber wenn beispielsweise ein verwirrter Mensch ein wenig hilflos umherirrt, sich nicht auskennt und nur wenig Deutsch spricht könnte es schon helfen, ihm den richtigen Weg zu weisen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Englisch öfter verstanden wird, als man glaubt. Helfer werden übrigens auch händeringend gesucht. Falls ihr also gerade mal ein freiwilliges soziales Jahr machen wollt, wäre das jetzt die idealste aller Gelegenheiten.

Besonders wichtig dabei ist: Niemand muss aber jeder kann etwas tun. Und hört auf, immer und ständig mit dem Finger auf andere zu zeigen. „Und was machst du denn…“-Polemik hat noch nie jemandem geholfen (ich kann’s nicht mehr hören/lesen…). Auch hier hilft Sozialisation: Vormachen und Vorbild sein, statt mit dem Finger zu zeigen und zu pöbeln.

Wir alle haben hier und jetzt die historische Möglichkeit zu beweisen, dass die Menschenwürde nicht nur auf dem Papier in der Verfassung steht, sondern dass wir alle gemeinsam in der Lage sind, sie auch praktisch umzusetzen. Dabei sage ich weder, dass das schnell geht, noch dass es einfach wird.

Was ich nicht will

Ich will nicht (mehr) in eine Angstgesellschaft leben. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in denen Moral und Tugend als „naiv und dumm“ verstanden werden. Ich will diesen nationalistischen Wandel nicht, der uns hier gerade zu erfassen scheint. Ich will nicht, dass wir die Menschenrechte, für die unsere Vorfahren gekämpft haben jetzt einfach in Vergessenheit geraten, nur weil wir fett, faul und gierig geworden sind und wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund schieben. Ich will mich nicht ständig rechtfertigen müssen, weil mir von Leuten, die selbst nur vorgekaute Meinungen nachplappern Kurzsichtigkeit und Kleingeistigkeit vorgeworfen wird.

So. Nachdem das nun alles mal gesagt (oder besser geschrieben) ist, verkrieche ich mich wieder in meine Höhle, beschäftige mich mit meinen kleinen Sorgen überlasse das Feld wieder den alltäglichen „kritischen“ Sticheleien, die die Leute „ja wohl noch mal sagen dürfen“.

Und ich werde demnächst mal ein wenig aussortieren. Mir fallen einige Sachen ein, die ich locker spenden kann. J

Kloster Hirsau

On 5. August 2015, in On Tour, by Ingo

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In letzter Zeit flattern in meiner persönlichen Filterbubble immer mehr Bedrohungsszenarien herum. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es die Bestrebung seitens der aktuell politisch Mächtigen gibt, uns Angst zu machen. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Muslimen – immer wieder, so scheint es, wird mir eingeredet, ich soll doch nun endlich mal gefälligst Angst haben! Die Welt ist ja schließlich gefährlich und wir hier in Deutschland sind in ganz besonders großer Gefahr. Also mal sehen…

Es ist schon wieder eine Weile her (ich glaube, es war vor zwei Wochen), da las ich einen Artikel, in dem es hieß, es gäbe tausende von islamistischen Dschihad-Kämpfern, die aus den „Kampfgebieten“ im Nahen Osten zurückkämen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an schweren Straftaten beteiligt waren. Oh – und die alle sind namentlich bekannt und man würde sie im Auge behalten. Nächster Stopp: Google. Wie viele „Gefährder“ es nun tatsächlich in Deutschland gibt, das weiß offenbar niemand so genau. Die Suche spuckt ein paar Artikel aus, in denen von zwischen 130 und 280 Leuten im Jahr 2015 die Rede ist. 120 waren es übrigens schon im August 2013. Und 2014 auch. Also irgendwie scheint da großer Copy&Paste-Journalismus eingesetzt zu haben. Man nimmt einfach die Zahl vom letzten Jahr und fügt sie im aktuellen Jahr ein. Oder rechnet einfach hundert drauf. Merkt ja keiner.

Dann gab es da zur Karnevalszeit Terrordrohungen bei Umzügen in Norddeutschland. Umzüge wurden abgesagt, angeblich kam es zu irgendwelchen Untersuchungen – und weiter hörte man nichts weiter davon (ehrlich gesagt, habe ich mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen wollen, schließlich fühle ich mich überhaupt nicht unsicher oder bedroht…).

Oh – und jetzt macht unser lieber Vizekanzler Werbung für die Vorratsdatenspeicherung, die nicht nur vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, sondern deren Richtlinie auf EU-Ebene vom EuGH einkassiert wurde, weil sie gegen Grundrecht verstößt. „Wir brauchen das“. Ja genau. Wir müssen alle überall und jederzeit lückenlos überwachen, weil wir alle, jederzeit und überall islamistische Terroranschläge verüben könnten.

Ok, fummeln wir die oben erwähnten Medienberichte mal völlig unfachmännisch zusammen (machen diejenigen, die die Artikel zum Thema Terrorismus verbrechen ja scheinbar auch), dann haben wir zwischen 120 und 280 mit Namen und Aufenthaltsort bekannte „Gefährder“ die möglicherweise schwere Straftaten begangen haben oder ihnen zumindest beiwohnten.

Na gut. Wir haben also ein völlig diffus konstruiertes Angstzenarium, auf dessen Basis die Polizei nun von unserem freundlichen Innenminister vermittels einer millionenschweren Finanzspritze mit mehr Munition und Personal ausgestattet werden soll, damit man potenziellen Bedrohungen auch mit ausreichend Waffengewalt entgegentreten kann. Damit sollte man zwischen 120 und 280 Leute, dann eine Weile lang in Schach halten können, denke ich. Und mit der neuen Anti-Terror-Einheit, die da gegründet werden soll, bestimmt auch. Sind ja nicht so viele, als dass es ein langer, komplizierter und vor allem verlustreicher Einsatz werden könnte.

Und was mache ich jetzt mit all diesen Halb-Informationen? Ich würde sagen: nichts. Ich habe nicht vor, mir jetzt unnötige Angst machen zu lassen. Ich habe ehrlich gesagt viel wichtigere Dinge, über die ich jeden Tag nachdenken muss, als über irgendwelche namentlich und mit Aufenthaltsort bekannten Verbrecher, bei denen sich unsere Behörden offenbar weigern, sie einfach festzunehmen. Genauso wenig habe ich nicht vor, mir Angst vor Muslimen machen zu lassen (nö liebe Regierung – da müsstet ihr euch jetzt schon was besseres einfallen lassen, als so diffuse und oberflächliche Meldungen, die über Jahre hinweg voneinander abgeschrieben und abgewandelt werden).

Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass der Rest der Bevölkerung sich von all dem auf Dauer beeindrucken lässt. Ich bemerke in letzter Zeit öfter eine emotional negative Einstellung gegenüber Ausländern. Selbst bei Leuten, bei denen ich das nicht vermutet hätte und bei denen sich eine solche Meinung früher nicht so ausgeprägt hatte. Der große Plan, den Menschen Angst vor „dem Fremden“ zu machen – also noch mehr, als es der psychologisch normal-gepolte Mensch ohnehin schon hat – scheint aufzugehen. Ich hoffe nur, dass sich hier doch noch ein bisschen die Vernunft durchsetzt und wir noch eine Weile lang in Frieden leben können. Das ist meiner Ansicht nach viel besser, als Angst voreinander zu haben.

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Schloss Favorite

On 12. März 2015, in On Tour, by Ingo

Ein weiteres, hübsches, Schlösschen ist das Schloss Favorite in Rastatt. Ich muss unbedingt im Sommer noch mal Fotos machen – dann sind die Bäume nicht so kahl und die Bilder nicht so leer. Das Schlösschen ist von Außen schon recht hübsch (leider waren gerade keine Führungen angeboten und ich weiß nicht, ob man dann auch innen fotografieren darf). Die komplette Fassade ist mit Kieselsteinen ausgekleidet. Muss eine Heidenarbeit gewesen sein, die alle anzubringen.

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Die Madenburg

On 12. März 2015, in On Tour, by Ingo

Es ist zwar schon wieder eine ganze Weile her, aber ich war mal wieder auf Burgen- und Schlösser-Tour. Das hier ist die Madenburg. Klingt komisch, ist aber so. Leider war es zu dem Zeitpunkt da hoch oben noch gefroren – ich kam also nicht weit, denn der Weg direkt in die Burg bestand zu 100% aus Eis. Sollte ich mal wieder hin kommen, muss ich das innere der Burg auch noch fotografieren. 🙂

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Unterwegs in Baden-Baden

On 29. Januar 2015, in On Tour, by Ingo

Unterwegs in Baden-Baden. Und natürlich gibt’s davon ein paar hübsche Fotos – insbesondere vom „Alten Schloss“. 🙂

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Im Schwarzwald unterwegs

On 14. Dezember 2014, in On Tour, by Ingo

Dank einer ganz bezaubernden Fremdenführerin habe ich wieder einmal ein paar ganz hübsche Orte entdeckt. Danke dafür! 🙂

Und das beste ist: Davon gibt es hier in der Gegend noch viel mehr zu sehen – alte Burgruinen, hübsche Wälder und dergleichen mehr. Spätestens im Frühling, wenn das Wetter dann besser wird, gibt’s also noch viel mehr zu sehen. 🙂

Etwa 36 Stunden ist es her, dass ich in Karlsruhe ankam. Es war ein grauer, recht scheußlicher November-Mittag. Ihr wisst schon: Einer dieser Tage, an denen man keinen Hund vor die Tür jagt… 😉
Nachdem ich nun halbwegs angekommen bin, stelle ich doch einige spannende kulturelle Unterschiede fest, an die ich mich erstmal gewöhnen muss. Hier nun also ein ostwestfälischer Reisebericht.

Man sagt uns Ostwestfalen ja nach, wir wären stur, wortkarg und vor allem dauergrummelnd. Begegnet man in Bad Oeynhausen, Vlotho, Herford oder Porta Westfalica jemanden, der breit und freudestrahlend grinst, macht man sich eher Sorgen: Der muss was haben. Vielleicht mal zum Therapeuten schicken. Kann ja nicht ganz richtig sein. Auf jeden Fall Abstand halten. Was der Ostwestfale am besten kann, ist seine Umgebung und vor allem die Leute um sich herum ignorieren. Die sind zwar da – aber mehr als notwendiges Übel, dem man am ehesten aus dem Weg geht und sie nicht weiter beachtet – etwa wie die Pömpel[1] in der Innenstadt, an denen man Fahrräder nicht anschließen darf (und woran es auch keinen Sinn macht, weil man das angeschlossenen Rad ja einfach drüber weg heben kann).

Hier angekommen bekam ich schon nach etwa 24 Stunden Heimweh. Realisieren, dass alle näheren Freunde und Bekannten (also die physikalisch näheren, die im Grunde um die Ecke wohnen), jetzt etwa 480 km weit weg sind, war schon hart. Der gemeine Ostwestfale verlässt nämlich ungern sein Dorf – also die Leute, die er nicht kennt und mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will, weil er sie eh nicht leiden kann. Ich wurde auch direkt vorgewarnt: „De Durlache‘ un de Karlsruhe‘ sin schon a stures Volgg“, hieß es da. Stur? Ok, das kenn ich ja nicht anders. Ich sollte mich also schon mal heimisch fühlen.

Meine erste Exkursion durch die Durlacher Innenstadt verdeutlichte mir allerdings das genaue Gegenteil. Stur? Keineswegs. Im Gegenteil: Die Leute sind eher alle übertrieben nett. Also – nach ostwestfälischen Maßstäben. Ich fühlte mich die ganze Zeit permanent beobachtet. Tatsächlich gucken die Leute sich hier ständig an und sich gegenseitig hinterher. Also: Es scheint so zu sein, als würden sie sich einfach nur beobachten, um zu sehen, ob der oder die andere irgendwas Interessantes an sich hat. Eine für mich schon fast beängstigende Situation: Man kann nämlich auch stundenlang durch Minden oder Bielefeld laufen, ohne auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden. Hier wurde ich ständig von irgendwelchen Leuten beobachtet. Ich bin mir sicher: Ich bin nicht paranoid, ich werde verfolgt.
Als dann kurzfristig die Polizei in Mannschaftsstärke aufschlug, um Radfahrer aus der Stadt zu verbannen und für’s Durchfahren abzukassieren,[2] wurde die Situtation völlig absurd: Die Polizisten begrüßten doch tatsächlich vorbei laufende Passanten und wirkten sogar so, als wären sie für den einen oder anderen freundlichen Spruch gewappnet. Polizei, die nicht genervt wirkt, im Befehlston etwas verlangt oder gar (bis auf die Uniform) etwas Bedrohliches an sich hat? Komplett unvorstellbar – aber hier scheinbar Realität.

Ein besonderes Highlight ist die Karlsruher Infrastruktur. Es gibt ja nicht nur Straßenbahnen, wie es sich für eine Großstadt gehört – man kann die auch recht unkompliziert mit dem Handy bezahlen (Handyticket per PayPal oder Kreditkarte… großartig), bekommt über eine App Auskunft, wann welche Bahn wo abfährt und braucht prinzipiell nur noch einsteigen und losfahren.
Da ich hier dann auch mal „zum shoppen“ losfuhr und abends noch eine Wohnung besichtigte, kann ich aus der Vorbeifahrt nur sagen, dass das hier alles total hübsch ist. Ich meine: Großstädte haben so alle ihren eigenen Charakter. Fährt man mit der Bahn durch Berlin ist das alles eher ein architektonischer Gewaltmarsch. Plattenbau, harte Betonfassaden, grau und trist will die Stadt das letzte bisschen Enthusiasmus aus einem heraus pressen. Und Karlsruhe? Hübsch verzierte Fassaden, Balkone mit Jugendstil-Blütenmuster-Geländern, überall kleine und große Läden, von alt bis modern… eine fast schon ein wenig romantisch anmutende Straßenbeleuchtung. „Putzig“ ist das Wort, das mir am ehesten dazu einfällt. Es ist einfach alles irgendwie auf hübsch getrimmt (hier und da fallen sogar kleine Schlösschen-artige Gebäude mit Zwiebeltürmen auf), wenngleich es natürlich auch hier Plattenbau und heruntergekommene Fassaden gibt. Aber die gibt’s überall.

Besonders spannend war dann die abendliche Rückfahrt ins Hotel nach der Wohnungsbesichtigung. In der Bahn sitzend und die Aussicht bestaunend setzte sich plötzlich ein älterer Mann gegenüber und wirkte ein wenig unkoordiniert. Nach einer Weile fragt er mich, ob ich kurz ein Stück zur Seite rücken könnte – er wollte sich gern selbst in der Scheibe der Bahn fotografieren, weil er dann so einen dicken Kopf hat. Eine Perspektive, die man selten zu sehen bekäme. Klar, mach ich doch glatt. Und wenn er mich schon anspricht, fragte ich direkt, ob er öfter fotografiert. Mit einem Lensbaby kann man auch ganz tolle Effekte erzielen… Wie sich herausstellte, war er Künstler. Malt lieber mit Palette und Leinwand, aber eben so Momentaufnahmen und Sachen, die die meisten Leute gar nicht mehr wahrnehmen – die fotografiert er dann spontan. Leider musste er dann auch schon aussteigen – wäre spannend gewesen, mehr über ihn zu erfahren. Eine Situation, die in Ostwestfalen so nie hätte passieren können. Wenn man da gebeten wird, zur Seite zu gehen, dann höchstens wenn man wirklich im Weg ist. Und selbst dann ist die Chance groß, dass man eher in die Seite geknufft und einfach weggeschoben wird. Warum auch große Worte verschwenden, wenn man doch mit einem gezielten Schubser auch verdeutlichen kann, was man will?
Der nächste Fahrgast machte mir dann aber schon etwas mehr Sorgen. Scheinbar ein junger Mann, der in seiner eigenen kleinen Welt lebte. Mit hektischen Bewegungen und gelblich geränderten Augen zog er (vermutlich frisch gestohlene) Tütensuppen unter seiner Jacke hervor und zog sie sich fast direkt vor die Nasenspitze, um zu lesen, was denn darauf stand. Als er sah, dass ich ihn dabei beobachtete, grinste er völlig debil, gluckste und winkte… „Oha – ok. Also den besser ignorieren… oh, hübsch, Straßenlaternen. Äh, total spannende Straßenlaternen da draußen, ja…“ ging es mir durch den Kopf und ich versuchte krampfhaft, nicht auf den Rotz hochziehenden und offenbar gänzlich von der Wirklichkeit entfernten jungen Mann zu achten.

Aber so insgesamt? Insgesamt frage ich mich gerade, warum ich doch gleich noch mal Heimweh verspürte. Hier gibt’s im Grunde alles, was man so braucht: Infrastruktur, Läden, Unterhaltung (Karlsruhe hat am ZKM ein echtes IMAX-Kino… wooohooo! :D) und dazu auch noch nette Leute. Verstockt und stur sollen sie sein? Nicht die Bohne. Verglichen mit den Ostwestfalen sind die Karlsruher friedlich und freundlich und flauschig. Aber das ist ja nun auch erst nur ein Eindruck nach 36 Stunden. Mal sehen, was die nächsten Wochen und Monate so ergeben.

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  1. Großes, meist stab- oder kegelförmiges Objekt, ähnlich aber nicht gleich einem Pfosten. Nicht zu verwechseln mit einem Pümpel – damit macht man verstopfte Klos frei…
  2. Komischerweise sind aber vor fast jedem Geschäft in der Innenstadt Fahrradständer…
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Paketvoyeurismus

On 13. November 2014, in Gesellschaft, Internet, Persönliches, by Ingo

Ihr kennt das sicher auch: Ihr bestellt etwas, sei es nun ein neues Gadget, Schuhe oder neue Klamotten und freut euch schon bei der Bestellung diebisch darauf, es endlich in die Finger zu bekommen. Dann kommt die erste Mail, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt: Eine Tracking-ID für das Paket kommt, um den Paketstatus zu überprüfen. Natürlich klickt ihr direkt drauf, nur um festzustellen, dass das Paket noch nicht im System eingepflegt ist. Ein paar Stunden später versucht ihr es nochmal und siehe da: Es ist auf dem Weg in irgendein Paketzentrum irgendwo in Deutschland. Am nächsten Morgen aktualisiert ihr, immer wieder gepackt von dieser geifernden Vorfreude auf das neue Spielzeug (oder die neuen Schuhe) und seht, dass es „in Zustellung“ ist. Und von da an beginnt, was sich Clickbait-Webseiten nur in feuchten Traumen erdenken können: Minutenlanges aktualisieren, bangen und hoffen, wann denn das Paket endlich vor eurer Haustür ankommen wird. Fast schlimmer wie damals bei eBay-Auktionen, als man für den aktuellen Höchstpreis noch manuell aktualisieren musste.[1] Aber mehr als „In Zustellung“ oder „Im Lieferfahrzeug“ erfahrt ihr nicht.

Heute bekomme ich ein Paket von der DPD. Das ist insofern nichts Ungewöhnliches, ist ja schließlich ein Lieferdienst wie jeder andere. Neu, zumindest für mich, ist das Live-Tracking, mit dem ich jetzt nicht mehr minutenlang aktualisieren muss, sondern mit minütlicher Aktualisierung den GPS-Standort des Lieferfahrzeugs auf einer Google-Karte angezeigt bekomme. Während ich hier also schreibe schiele ich auf das Browserfenster mit dem kleinen Symbol-Auto, dass sich langsam auf mein kleines Symbolhäuschen zu bewegt. Bzw. dass da rumsteht. „Warum fährt der denn nicht los?“ denke ich. „Mach schon! Hopp! Ich kann’s ja jetzt schon kaum erwarten endlich meine kleinen, gierigen Fingerchen um das Paket zu schließen!“

Zeitgleich mit diesen Gedanken überkommt mich ein beklommenes Gefühl. Dass Paketboten miserabel bezahlt werden, weiß ich nicht erst seit gestern. Ein Freund von mir fährt für einen anderen Paketdienst Päckchen durch die Gegend. „Pure Selbstausbeutung“, beschreibt er seinen Job. Pro ausgeliefertem Paket gibt es Centbeträge zuzüglich Kilometergeld, da er mit seinem Privatfahrzeug umherfährt. Das deckt die Spritkosten gerade so; das, was beim Päckchenausliefern so auf dem Konto landet, taugt aber auch gerade so als minimaler Nebenverdienst. Als er mir mal die groben Zahlen genannt hat, beschloss ich direkt: „Dafür würde ich nicht einmal darüber nachdenken, morgens aufzustehen.“
Und jetzt? Jetzt überwache ich einen Paketboten. Auf Schritt und Tritt – oder eben auf die Schritte und Tritte, die er gerade nicht macht, weil er immer noch rumsteht. GPS ist übrigens im Scanner verbaut, mit dem der Bote das Paket an der Haustür scant und auf dem der Empfänger den Empfang quittiert.[2] Während ich warte. Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich so an, als würde ich einen Menschen, der ohnehin schon schlecht bezahlt wird und mit großer Wahrscheinlichkeit überarbeitet ist, auch noch virtuell antreiben. Plötzlich rückt das kleine Auto in greifbare Nähe. „Aha!“ Denke ich, „fährt er also doch!“ Dann plötzlich kann die Position nicht mehr ermittelt werden.[3] Es ist wie ein Krimi. Mit schwitzenden Händen starre ich auf den Monitor und die Aktualisierung und fühle mich, als würde ich etwas besonders Verruchtes tun. Und im Grunde mache ich das ja auch. Ich beobachte Menschen bei der Arbeit. Das allein ist schon verwerflich genug, denn man sollte seiner Arbeit unbeobachtet und frei nachgehen dürfen. Schlimmer wird es, wenn ich über die Konsequenzen nachdenke: Ich starre auf den Bildschirm, weil ich mich wie ein Kind auf mein Paket freue. Aber wir sind hier in OWL. Und der gemeine Ostwestfale ist eher ein unleidlicher Nöselkopp. „Wie oft wurde der arme Paketbote heute schon angepupt, weil er nicht schnell genug geliefert hat? Wie viele Leute haben, so wie ich, jetzt mit weniger Vorfreude und dafür mit mehr Ungeduld auf ihre Pakete gewartet und den armen Lieferfahrer auf Schritt und Tritt verfolgt und ihn dann unfreundlich angeraunzt, weil er ihrer Meinung nach nicht schnell genug geliefert hat?“

Während ich aus dem Fenster schiele und die Straße beobachte, beschließe ich, dass ich den „Fortschritt“ nicht mehr aufhalten kann. Ich kann nicht verhindern, dass Paketlieferdienste ihre Fahrer nicht nur intern überwachen, sondern sie auch von ihren Kunden überwachen lassen. Ich kann auch nicht verhindern, dass es typisch ostwestfälische Nöselköppe gibt, die die armen Paketboten zusätzlich zu ihrem Stress auch noch anmaulen. Heute bin ich nicht darauf vorbereitet – aber für die nächste Lieferung beschließe ich, dass ich dem Opfer meines Live-Tracking-Voyeurismus etwas Gutes tue. Vielleicht einen Schoko-Weihnachtsmann als Dankeschön? Oder, je nach Jahreszeit, einen ähnlichen Osterhasen? Vielleicht backe ich auch mal wieder Kuchen oder Kekse… dagegen kann eigentlich niemand etwas haben, auch wenn ich beispielsweise gehört habe, dass die DHL-Kollegen nichts annehmen dürfen (was das Ganze noch unangenehmer macht). Die Überwachung lässt sich womöglich nur noch durch kollektive Nichtbenutzung ändern. Die Dinge gibt es, weil es einen Markt dafür gibt. Wird es benutzt, bleibt es in der Welt. Ich allein kann das nicht ändern, dazu müssten sich alle Paketdienstkunden und Empfänger von Paketen kollektiv darauf besinnen, eine derartige Überwachung weder zu wollen noch zu nutzen. Das erscheint mir dann doch illusorisch. Aber ich kann dem armen, total überwachten Paketboten das Leben für einen klitzekleinen Moment ein bisschen angenehmer machen. Das hilft dann der Welt im Allgemeinen nicht wirklich weiter, kompensiert aber zumindest mein schlechtes Gewissen und das schmuddelige Gefühl, sich selbst beim Voyeurismus ertappt zu haben.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ja, ich weiß, Opa erzählt vom Kriege…
  2. „Auf Schritt und Tritt“ ist hier also nicht nur einfach eine Metapher.
  3. GPS-Lücken kommen hier in Minden schon mal vor.
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