Ich kann es nicht mehr hören. Fake-News, alternative Fakten, Lügenpresse, Propaganda – immer und immer wieder spülen diese Begriffe in meine Filterblasen und gehen mir damit verschärft auf die Nerven. Warum? Weil es sie schlicht nicht gibt.

Es gibt gar keine Fake-News? Aber sie wurden doch schon entlarvt!
Natürlich. Es gibt Medienberichte, die, wie sich herausstellte, auf völlig frei erfundenen Vorfällen beruhten. Das ist schlicht eine kontrafaktische Darstellung der Wirklichkeit. Ich stelle mir da die Frage: Ist es jetzt aber ein Problem, dass über diese frei erfundenen Vorfälle berichtet wurde oder dass die Vorfälle überhaupt erfunden wurden? Ich denke, beides geht Hand in Hand. Um das Problem genau aufzudröseln, muss man verstehen, wie Medien funktionieren.

In der Mediensoziologie gibt es da eine recht simple Wahrheit: Medien produzieren, was sie verkaufen können.
Klar. Wir glauben, Medien und Journalisten wären dazu da, über die Welt zu berichten und uns mit Informationen zu versorgen, die etwas über die Wirklichkeit aussagen. Allein das ist schon ein unglaublich komplexer Sachverhalt. Zum einen sind es tatsächlich nur Infomationen und keine Wahrheiten (für Wahrheiten sind Wissenschaftlicher zuständig, nicht Journalisten). Zum anderen gibt es so viele Informationen auf der Welt, dass es eine Auswahl darüber geben muss, welche davon verbreitet werden und welche nicht.
Mich persönlich interessieren die Wahlergebnisse der Vorstandswahlen eines nordvietnamesischen Taubenzüchtervereins nicht. Was mein persönliches Interesse damit zu tun hat? Nun ja: Ich würde keine Zeitung kaufen, in der darüber berichtet wird. Und was ist, wenn sich kaum jemand für diese Wahlergebnisse interessiert? Nun ja, dann ist es irgendwann teurer, darüber zu berichten und es auf Papier zu drucken, als dass es Leute gibt, die für den Inhalt bezahlen – und schon rentiert es sich nicht mehr. Schließlich wollen Journalisten auch von irgendetwas leben, Druckmaschinen müssen betrieben werde, Papier kostet Geld (Server kosten Strom, Räume die gemietet werden müssen, dazu kommen Organisations- und Verwaltungsaufwand, etc. pp.).
Das System „Medien“ wird also mit einer Fülle an Informationen konfrontiert und muss entscheiden, welche davon rentabel zu veröffentlichen sind und welche nicht. Manche davon mögen interessanter sein, manche weniger interessant – aber es braucht immer eine Zielgruppe, die es rezipiert und die der Information einen entsprechenden Wert beimisst.
Halten wir also fest: Die Rezipientengruppe entscheidet über die Veröffentlichung einer Information.

Und was ist mit „alternativen Fakten“?
Jetzt müssen wir noch weiter differenzieren. Handelt es sich um eine bewusst erfundene Geschichte (wie beispielsweise das „Bowling Green Massacre“) oder einfach um eine abweichende Wirklichkeitskonstruktion (wie beispielsweise die Anzahl der Besucher von Trumps Inauguration)? Im ersten Fall ist es eine frei erfundene Information, die sich eben sehr gut verkauft. „If it bleeds it leads.“ Derart stark emotionalisierende Themen ziehen zahlreiche Menschen an. Zahlreiche Menschen denen man Werbeanzeigen einblenden kann – kurzum: Bares Geld verdienen. Wenn es das jeweilige Medium nicht interessiert, ob der Inhalt der Informationen auf einer Basis von tatsächlich überprüfbaren Fakten basiert (es also Bullshit im Sinne von Harry Frankfurt ist), dann wird es selbstverständlich veröffentlicht. Auf der Ebene desjenigen, der die Informationen liefert, lassen sich andere Motive vermuten: Aufmerksamkeitsbedürfnis, bewusste Polarisierung, Lenkung der Meinung in eine gewünschte Richtung (dann reden wir von Propaganda), etc. pp.
Der zweite Fall ist komplizierter. Hier ist es so, dass es tatsächlich auf den Blickwinkel ankommt. Sieht man die Menschenmenge aus der Perspektive von Trump, dann waren selbstverständlich unfassbar viele Menschen anwesenden. Man kann sich schließlich leicht über Mengen täuschen und aus der Perspektive sieht man nicht alles. Man sieht einfach nur sehr viele Menschen und leitet daraus dann die Menge ab.
Jemand der die Menge von hinten sieht und die vielen leeren Flächen betrachten kann, hat ein völlig anderes Bild. Eine andere Wirklichkeitskonstruktion. Ich mache hier also einen konstruktivistischen Punkt: Was wir über die Welt wissen, ist das, was unsere Hirne aus den Informationen aus unserer Wahrnehmung zusammenbauen. Nicht mehr. Die Inaugurations-Menschenmenge ist ein gutes Beispiel dafür: Zwei Personen sind in der gleichen Situation – sie befinden sich aber in unterschiedlichen Perspektiven. Sie teilen zwar die gleiche Situation aber nicht die gleiche Wirklichkeit. Klingt komisch, ist aber so.
Es kann also eigentlich keine„alternative Fakten“ geben. Denn die „Fakten“ (ich will es mal als „objektive Entitäten in der Welt“ beschreiben, wenngleich sich das jetzt holprig anfühlt), sind zunächst einmal unveränderliche Dinge in der Welt. Sie lassen sich aber aus verschiedenen Perspektiven betrachten – es kann also „alternative Wirklichkeiten“ geben, die aus den gleichen Fakten entstehen.

Aber was ist denn nun wahr?
Wahrheit ist eine begründete Überzeugung. In dieser simplen Erklärung stecken zahlreiche Wahrheitstheorien, die ein paar Regalmeter füllen. Ich versuche es mal ganz, ganz einfach (und auch möglichst humorvoll, um niemanden zu sehr zu langweilen):
Es gibt einen Bericht darüber, dass letzten Sonntag der Südhintertupfinger Kaninchenzüchterverband eine Notstandssitzung abhielt, weil ihre Hasen zu Ostern nicht mehr mit dem Eierverstecken hinterher kommen und dringend mehr Hasen angeschafft werden müssen.
Das ist zunächst mal eine Information. Aber ist sie wahr? Nun, zunächst einmal habe ich die Überzeugung, dass Hasen keine Eier verstecken. Auch nicht zu Ostern. Das ist ein überlieferter Volksglaube, der darauf beruht, dass die Bauern früher im Frühling die Hasen dabei beobachten konnten, wie sie über die Felder liefen und dabei brütende Vogeltiere (Wildhühner und dergleichen) aufschreckten. Da blieben dann natürlich Eier liegen. Und so entstand dann der Glaube an den „Osterhasen“ der Eier versteckt. Nun ja. Zumindest mehr oder weniger. Ob das stimmt kann ich nämlich auch nicht so genau überprüfen.
Ich habe also die begründete Überzeugung, dass Hasen keine Eier verstecken. Damit wäre ein Teil dieser Information über den Südhintertupfinger Hasenzüchterverein schon mal „nicht wahr“. Wie sich zudem nach kurzer Recherche herausstellt, existiert gar kein „Hintertupfingen“ in dem es einen Hasenzüchterverein geben könnte. Das behaupten zumindest verschiedene Quellen und die Mehrheit der Leute, die man fragen kann. Ich kann also hier die Überzeugung ausprägen, dass es einen solchen Ort und damit auch die gesamte Geschichte gar nicht geben kann. Die Begründung dafür wäre dann über die Menge der unabhängigen Quellen hergestellt.
Hier ist allerdings dann auch Vorsicht angeraten: Schon Seneca sagte nämlich, etwas nicht unbedingt wahr sein muss, nur weil es die Mehrheit glaubt. Um es also genau zu wissen, müsste man jetzt die Recherche auf Ortsregister ausweiten und prüfen, ob es den Ort „Hintertupfingen“ wirklich nicht gibt.

Bei der Wahrheit kommt es also im Grunde auf die Begründung der Überzeugung an. Gründe sind dabei grundsätzlich vernünftig, überprüfbar und vor allem logisch konsistent. Und wenn es logisch konsistent aber nicht sinnvoll ist, dann ist es eben auch nicht wahr.
Wahrheit für sich genommen ist ein abstrakter Begriff, der mit Fakten nicht zwangsläufig Hand in Hand geht. Fakten müssen nämlich nicht wahr sein. Einfaches Beispiel: Wenn jetzt p einen Mord begeht und q im Schlaf die Tatwaffe in die Hand drückt, dann sind q’s Fingerabdrücke darauf und die Fakten deuten darauf hin, dass er den Mord begangen hat. Wahr ist das dennoch nicht.

So. So viel bis hier hin. Ich denke (oder hoffe), dass klar wird, warum ich den Begriff „Fake News“ für völlig inflationär verwendet und maximal deplatziert halte. Im Großen und Ganzen tendiere ich dazu, sofort an der Ernsthaftigkeit einer Aussage zu zweifeln, sobald der Begriff fällt. Und ich kann nur hoffen, dass wir diese ganze Debatte bald wieder loswerden.

Gedanken zum „kaputten Internet“

On 22. Januar 2014, in Philosophie, by Ingo

Seit einigen Wochen treibt mich das Thema „kaputtes Internet“ um. Ich habe ja schon angefangen darüber zu schreiben – aber mittlerweile wird es ein wenig drängender damit. Im Modern-Nerdfare-Team wollen wir alsbald anfangen, das Ganze in einen Podcast zu gießen (eigentlich experimentieren wir nur mit dem Medium „Podcast“ herum, denn vielleicht hören mehr Leute als sie lesen und damit könnte sich der Rezipientenkreis erweitern lassen) und so muss ich erst einmal wieder einen Schritt zurücktreten, Gedanken sortieren und das Problem von verschiedenen Seiten beleuchten.

Meine Art der „Beleuchtung“ nennt David gern „pfennigfuchsen“, weil ich mir halt genau ansehe, welche Begriffe in der Debatte benutzt werden und ob sie überhaupt richtig verwendet werden. Schließlich wollte er eine Nerd-Philosoph-Diskussion podcasten. Nun, das kann er haben. 😉

„Kaputt“ – was soll das überhaupt meinen?

Zunächst einmal wird in der öffentlichen Debatte und im Schlagabtausch zwischen Bloggern, Journalisten und allen dazwischen der Begriff „kaputt“ gleich auf zwei völlig von einander verschiedene Dinge angewandt: Auf das Internet von Sascha Lobo und auf die Menschen von Martin Weigert.

Zu sagen, das Internet sei kaputt ist zwar begrifflich richtig, der Wahrheitswert der Aussage ist jedoch negativ. Zumindest wird der Begriff „kaputt“ hier richtig angewandt, denn nur Artefakte können kaputt gehen. Dinge, die wir selbst geschaffen haben, die technisch sind. Der Wahrheitswert entspricht dem, was Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet hat. Das Internet ist nämlich nicht kaputt. Im Gegenteil: Es funktioniert großartig. Sascha Lobo benutzt also einen Begriff, der auf eine Infuktionalität hinweisen soll und verwendet ihn, weil die Vertraulichkeit der Kommunikation über das Medium Internet beeinträchtigt ist. Zumindest am Anfang sieht er noch ein, dass es rein technisch durchaus noch ganz prima funktioniert – am Ende des Textes ist es dann aber trotzdem der falsche Begriff des „kaputt seins“. Und da er ihn nicht nur falsch verwendet, sondern sich für diese Falschheit gar nicht weiter interessiert, ist das Bullshit im Frankfurtschen Sinne.

Martin Weigert macht das ähnlich. Für ihn sind die Menschen und ihr Sicherheitsbedürfnis kaputt. Nun, Menschen können nicht kaputt gehen. Zwar leben wir in einer recht technisch betrachteten Welt, dennoch werden Menschen krank und sterben allerhöchstens. Kaputtgehen könnten vielleicht die künstlichen Hüftgelenke, die so ein Mensch mit sich herumträgt. Damit ist auch die Aussage, dass die Menschen kaputt seien, die da Internet benutzen, offensichtlicher Bullshit, der die Wahrheitswerte der Aussage schlicht ignoriert.

Ok. Ich will zumindest versuchen, das mediale Bullshit-Level zu verlassen. Wenn das Internet nicht kaputt ist, da es ja offensichtlich noch ganz großartig funktioniert und die Menschen gar nicht kaputt sein können, sondern allerhöchstens krank werden – bleibt die Frage: Was genau geschieht hier eigentlich gerade?

Das Verwenden von Informationen und das Problem der Privatsphäre

Der aktuelle Schock über die Spionage und das massenhafte Sammeln von Daten basiert meiner Ansicht nach auf einen Irrtum, welcher durch das Gefühl ausgelöst wird, dass die Dinge, die wir in unsere Browser-Fenster oder Mailprogramme tippen privat sind und bleiben. Ich will versuchen, dieses irrtümliche Gefühl greifbarer zu machen:

Wenn wir Dinge in unsere Computer oder Smartphones eingeben, dann sind wir die meiste Zeit über allein. Wir sitzen allein vor dem Computer und beim Smartphone ist es noch intimer, denn das haben wir immer in der Hand. Nur selten sieht uns jemand über die Schulter und sieht, was wir tun. Das erzeugt das Gefühl, das wir privat für uns allein wären. Und genau da kommt ein Problem auf uns Internetnutzer zu: Wir glauben, dass wir privat für uns sind und dass die Dokumente, Bilder und Videos, die wir auf die Server von Google, Dropbox und Co. laden auch nur von uns gelesen und bearbeitet werden können. Genau an dieser Stelle machen wir einen Fehlschluss. Wir geben die Daten aus der Hand und glauben, sie lägen nur für uns auf den Servern bereit. Und sind dann schockiert, wenn es Unternehmen oder Geheimdienste gibt, die uns dieser selbsterzeugten Illusion berauben.

Interessant daran ist, dass es nur die „jüngere Generation“ zu treffen scheint. Ein Freund von mir ist mit seinen knapp 53 Jahren schon durchaus ein Dinosaurier – aber schon immer einer, der sich intensiv mit Technik beschäftigt, seine Computer meist selbst baut und früher selbst damit gehandelt hat. Jemand, der die Gründerzeit der IT miterlebt hat, wenn man so will. Und das beste ist: Er traut all den sozialen Netzwerken und Cloud-Speichern nicht.

„Wenn ich Sachen auf meiner externen Festplatte speicher, dann kann ich sie mir in die Schublade oder in den Schrank legen. Dann weiß ich wo die Daten liegen und auch, wer darauf zugreifen kann. Nämlich ich selbst, wenn ich die Platte in Händen halte. Diesem ganzen Cloud-Mist trau ich nicht über den Weg. Ich weiß dann ja nicht einmal genau, wo meine Daten landen. Und wenn ich sie überall zugreifbar haben will, dann nehm‘ ich halt ’nen USB-Stick mit.“

Worte, die veraltet klingen, in Zeiten, in denen alles überall via Internet zugreifbar ist, wir unserer Arbeit, unser Hobbys und unsere Fotos immer und überall abrufbar mitnehmen können und es toll finden, keine Sticks und Festplatten mit uns herumtragen zu müssen. Wenn man aber genau darüber nachdenkt, dann berauben wir uns damit selbst der Kontrolle über unsere Daten. Wir geben sie an andere und nutzen ihre Dienste, um auf unsere (möglicherweise sehr intimen) Daten zuzugreifen. Und weil wir allein sind, während wir sie speichern, glauben wir, dass auch nur wir allein diese Daten sehen können.

Wichtig zu bemerken ist, dass es unsere Entscheidungen sind, die all das erst ermöglichen. Wir entscheiden uns dazu, unsere Daten abzugeben, weil wir den Werbeversprechen glauben, dass das alles ungemein praktisch ist und toll und hip. Dass USB-Sticks oder Festplatten mit sich herumtragen nicht mehr zeitgemäß ist. Und damit entscheiden wir uns dazu, unsere Daten Unternehmen anzuvertrauen und die volle Kontrolle über die Daten aufzugeben. Das ist wichtig: Wir haben die Kontrolle über die Daten nicht etwa verloren; sie ist uns auch nicht entrissen worden. Wir haben sie bewusst aufgegeben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Wurde das Vertrauen in das Internet kaputtgemacht?

In den frühen 90ern glaubten Mediensoziologen noch, dass da Internet die Menschen zusammenführen würde. Differenzen könnten aus der Welt geschafft werden, grenzenlose, schichtübergreifende Kommunikation und Anonymität könnten einen noch nie da gewesenen kulturellen und politischen Austausch ermöglichen.

Knapp 15 Jahre später sahen sie ein, dass sie sich irrten.

Das Internet führt Menschen zusammen – das ist richtig. Aber nur Menschen mit gleichen Interessen und aus den gleichen sozialen Schichten. Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Internet auf nahezu gleiche Art und Weise ab, wie „im echten Leben“.[1] Die Illusion, dass das Internet der verheißungsvolle Garten Eden ist, in dem alle weltlichen Differenzen hinter uns zurückbleiben, zerplatzt in der Wissenschaft also recht schnell. Im Rest der Gesellschaft wollte diese Desillusionierung allerdings nicht recht fruchten. Ich vermute, die Botschaft einfach nicht werbewirksam genug gewesen ist, denn, wenn man die Wissenschaft unter die Leute bringen will, muss man einen Veröffentlichungsweg wählen, den die Menschen verstehen, mögen und auch rezipieren wollen. Wissenschaftliche Abhandlungen sind meist nicht all zu spannend geschrieben – und deswegen wollen die Leute sie meist gar nicht erst lesen.

Ich stelle an dieser Stelle fest: Wir hatten ein gewisses Vertrauen in das Internet – aber es war nicht berechtigt. Die hohen Erwartungshaltungen konnte es nicht erfüllen. Der Glaube daran, dass wir die Kontrolle über unsere Daten behalten, auch wenn wir sie einem anderen anvertrauen, ist schon von Anfang an äußerst fragwürdig. Immerhin geben wir sie ja weg und haben als Garantie dafür, dass sie privat bleiben, nur Vertragsbestimmungen, die sich sowohl ändern als auch von beiden Seiten aufgekündigt werden können. Ich finde, das ist nicht viel.

Das Vertrauen in das Internet war also, sachlich betrachtet, nicht all zu gerechtfertigt. Wie kann etwas, dass ohnehin fragwürdig ist, noch weiter zerstört werden? Eine Frage, die ich zunächst offen lassen will.
Dass die Geheimdienste hier nun alles einsammeln, was sie kriegen können, ist eigentlich nur verständlich. Dazu sind Geheimdienste da. Das ist ihre Kernaufgabe. Und wir haben ihnen dabei große Dienste getan, in dem wir alles brav abgeliefert haben. Immerhin hatten wir, was die Angebote angeht, ja auch einen Nutzen davon: Statt Diaabende zu veranstalten konnten wir Fotos direkt in soziale Netzwerke kippen. Da können wir zwar nicht gemeinsam mit unseren Freunden ein Bier trinken, Chips knabbern, lachen und Erinnerungen teilen – aber wir können Kommentare lesen und schreiben und jeder allein für sich Bier trinken und Chips knabbern. Dann „fühlt es sich zumindest so an“, als würde man etwas mit Freunden erleben, auch wenn man es nur teilt. Teilen ist nämlich nicht gleich erleben. Das ist eine Erfahrung, die eigentlich jeder selbst machen kann. Probiert es mal aus: Trefft euch mit fünf Freunden, einer Kiste Bier und jeder Menge ungesundem Knabberkram auf ein paar Filme. Und dann ladet die gleichen Freunde eine Weile später mal zu einem Hangout mit Lovefilm oder einem der vielen anderen Streaming-Angebote ein. Der Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen ist deutlich.

Meine, recht kritische, Diagnose dazu ist (obgleich sie nicht ganz genau ins Thema passt): Wir sind zu bequem geworden, um zu leben. Wir finden immer neue Ausreden dafür, uns nicht mit unseren Freunden zu treffen. Sie wohnen zu weit weg, man müsste ja erst quer durch die Stadt fahren und überhaupt ist das alles viel zu anstrengend. Wir wollen keine Risiken eingehen. Wir wollen alles schön warm, kuschelig und sicher. Also bloß nicht das Haus verlassen (da passieren trotzdem immer noch die meisten tödlichen Unfälle) und alles über’s Internet teilen. Warum sollten wir Freunde fragen, ob sie zu einem Konzert mit wollen? Wir können ihnen doch Fotos schicken. Die Kehrseite: Romantisches Essengehen zu zweit findet meist in Begleitung vieler Online-Freunde statt, denen wir ja Fotos vom Teller in soziale Netzwerke stellen müssen. Phubbing olé!

Wenn wir nun also feststellen, dass wir die ganze Zeit eine hübsche, digitale Illusion gelebt haben, schockiert aufwachen und uns darüber beklagen, dass die Welt schlecht, gemein und überhaupt menschenunwürdig ist… nun, was soll ich sagen? Vielleicht sollten wir uns erst einmal an die eigene Nase fassen und uns fragen, was uns überhaupt geritten hat, dass wir die Illusion der Wirklichkeit vorziehen. Vielleicht ist das auch nur ein Ausdruck von Realitätsflucht. Früher flüchteten die Menschen in Bücher und spannen sich ihre Geschichten darum zusammen, heute übernimmt das das Internet und gaukelt uns eine schöne heile Welt vor, in der wir alle zusammen sind und tolle Dinge teilen (auch wenn wir sie niemals miteinander erleben können).

Schlussfolgerungen

Das Internet funktioniert prächtig und es macht genau das, wozu es erfunden wurde: Es verteilt Informationen. Die Art und Weise, auf die wir es verwenden, ist jedoch an Hoffnungen geknüpft, die vor allem recht werbewirksam von Unternehmen in die Welt gebracht worden sind. Wir lebten Jahre lang mit einem falschen Gefühl der Privatsphäre und einem falschen Gefühl der Sicherheit und stellten jetzt fest, dass es Institutionen gibt, vor denen wir faktisch nackt sind. Institutionen, die alles über uns wissen und damit noch viel mehr über uns vorhersagen könnten. Das Internet wurde nicht „kaputt gemacht“. Wir haben es nur von Anfang an mit den falschen Vorbedingungen benutzt.

Wenn, dann haben es nicht die Geheimdienste „kaputtgemacht“, sondern wir alle. Jeder Einzelne von uns. Es muss also nicht komplett neu aufgebaut werden. Wir müssen nur unser Verhalten ändern. So ist das Leben nun mal: Es stößt uns nicht einfach zu, wir entscheiden uns für oder gegen etwas. Jetzt müssen wir uns entscheiden, wie wir das Medium, das unsere Informationen beherbergt und verteilt weiter nutzen wollen. Ob wir weiterhin die Kontrolle über unsere Inhalte aufgeben und darauf vertrauen wollen, dass andere sie für uns schon sicher aufbewahren. Wir müssen die Entscheidung treffen, wie viel Macht über unsere Inhalte wir anderen wirklich überlassen wollen.

Und wir müssen uns bewusst machen, dass all diese Entscheidungen sich zunächst nur auf einen klitzekleinen Teil des Internets beziehen werden, nämlich den Teil, den wir alle sehen, lesen und kommentieren können.

Alle anderen Teile – vom Geldtransfer bishin zu Verkehrsleitsystemene – werden Teil anderer Überlegungen.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich halte den Ausdruck für falsch, denn nur weil etwas über ein Medium vermittelt wird, wird es damit ja noch lange nicht unecht.
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In seiner Eröffnungsrede zum 30C3 sagte Tim Pritlove, dass das Internet neu erfunden werden müsste. Die Hacker hätten das Netz so geschaffen, wie es jetzt ist, aber ihre grundlegenden Prinzipien, Vertrauen und Freundschaft, hätten nicht ausgereicht. Nun, hier liegt ein Denkfehler vor, der genauer zu beleuchten gilt. Schließlich will ich versuchen, ein Teil der Lösung zu sein.

Meiner Ansicht nach liegen gleich zwei Irrtümer vor. Der erste: Vertrauen und Freundschaft würden nicht ausreichen, um ein menschenfreundliches Netz zu schaffen. Und der zweite: Es gibt eine technische Lösung für das Problem.

Beide Irrtümer hängen allerdings eng miteinander zusammen. Das fehlende Vertrauen ineinander macht Überwachung überhaupt erst möglich. Selbst wenn im Hintergrund gänzlich andere Interessen stehen (wie z. B. das Streben nach Macht und wirtschaftlichen Vorteilen), so ist es doch die Angst, mit der große Teile der heute vorhandenen Überwachungsmaßnahmen legitimiert wurden. Die Angst war schon immer eine gute (Be-)Herrscherin aber eine schlechte Ratgeberin. Nachdem uns ein Jahrzehnt lang Furcht vor dramatischen Terroranschlägen gemacht und Stück für Stück immer mehr Privatsphäre reduziert wurde, lassen wir uns von unserer Angst beherrschen. An dieser Stelle sei erklärt: Furcht und Angst sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Furcht richtet sich gezielt auf etwa – nämlich den Terroranschlägen, mit denen die Einschränkungen der Privatsphäre gerechtfertigt werden. Angst ist dagegen diffus und nicht so einfach greifbar. Sie schwelt im Hintergrund, richtet sich nicht auf ein bestimmtes Etwas, sondern bleibt ungreifbar und damit nicht rational zu besiegen.

Diese Angst führt dazu, dass unser Vertrauen unterminiert wird. Ob bewusst oder unbewusst: Die ständige mediale Aufmerksamkeit für Dinge, die nur unserer Sicherheit dienen sollen und die uns vor grausamen Anschlägen schützen wollen, vergiftet unser Vertrauen ineinander massiv.

Und genau hier ist der Kern des Problems: Menschen, die einander vertrauen, müssen sich nicht kontrollieren.

Das führt dann auch direkt zu Problem Nummer zwei: Freundschaft basiert auf Vertrauen. Wird das aber durch gezielte Furcht angegriffen, kann das auch die stärkste Freundschaft erschüttern.

Richtige Fragen stellen

Das Netz muss nicht neu erfunden werden. Es funktioniert prächtig. „Wie lässt sich das technisch lösen?“ ist damit einfach die falsche Frage. Es braucht keine technische Lösung, denn die Technik ist nicht das Problem. Es braucht eine gesellschafliche, eine politische Lösung. An dieser Stelle, so denke ich, müssen wir einfach alle zusammenarbeiten und gemeinsam über das Problem nachdenken. Nicht darüber, wie man Überwachung technisch verhindern kann, sondern darüber, wie man sie gesellschaftlich überflüssig macht.

Die bessere Frage ist also: Wie lernen wir, einander wieder zu vertrauen? Denn nur ohne Angst und dafür mit gegenseitigem Vertrauen können wir den Überwachenden die gesellschaftliche Toleranz entziehen.

Worauf ich hinaus will, ist, dass es für das Geheimdienstproblem keine technische Lösung gibt. Es muss eine gesellschaftliche und politische Lösung gefunden werden. Überwachung als solche bedarf einer weitgehenden moralischen Ächtung. Und dazu braucht es eine großflächige Zusammenarbeit zwischen Hackern und Philosophen. Wir haben schließlich viel mehr gemeinsam, als beiden Seiten bewusst ist. Schließlich verstehen wir uns auf formale Sprachen und angewandte Logik. Und wir nehmen Dinge (Argumente, Software, Technik), spielen ein wenig damit herum und setzen sie in einen neuen Kontext.

Wir müssen also nicht die Technik neu erfinden, sondern die Gesellschaft revolutionieren. Wenn das Netz auf den Prinzipien von Vertrauen und Freundschaft aufgebaut wurde, dann ist es spätestens jetzt an der Zeit, auch eine Gesellschaft auf Vertrauen und Freundschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, in der auf Misstrauen, Hass und Gewalt verzichtet werden kann. Klingt utopisch? Nicht utopischer als vor dreißig Jahren etwas wie ein iPad geklungen hätte.

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Philosophie, Femen, Feiertage

On 26. Dezember 2013, in Philosophie, by Ingo

Ganz putzig ist’s was mir da eben über den Bildschirm scrollt. Spiegel-Online widmet einer Philosophiestudentin und Femen-Aktivistin einen kleinen Artikel – und nach einer kurzen Befragung des heiligen Orakels zu St. Google findet sich auch ein Video dazu.

Ein wenig Hui-Buh zu Weihnachten und ein wenig Nacktprotest. Wenn man das denn Protest nennen will. Ich würde auch keine weiteren Gedanken daran verschwenden, außer vielleicht „Oh, hübsche Brüste…“, wäre da nicht der Hinweis auf das Studienfach Philosophie. Nun, ich habe überhaupt keine Ahnung, wer Josephine Witt ist – außer, dass eine kurze Google-Recherche sie wohl zu so einer Art B-Promi der deutschen Femen-Protestbewegung kennzeichnet. Zumindest wird sie in den meisten Artikeln immer in Verbindung mit anderen, scheinbar weit wichtigeren Protestierenden, genannt. Damit liegt der Schluss nahe: Ist in einer möglichen Hierarchie nicht all zu weit oben, hat es aber geschafft ausreichend medienwirksame Aufmerksamkeit zu generieren um irgendwie wichtig zu erscheinen. Nun, sei’s drum.

Protestierende Philosophen

Gut, die junge Dame mit den hübschen Brüsten ist erst 20. Geht man von einem gewöhnlichen Werdegang aus, verlässt man mit etwa 19 die Schule und kann, mit etwas Glück, direkt zum Wintersemester in die heiligen Hallen der alles umfassenden Bildung eingelassen. Da sie auch erst im Juni 20 geworden ist, liegt hier der Schluss nahe, dass sie etwa im 2. oder 3. Semester sein dürfte (alles nur Mutmaßungen – aber es ergibt sich zumindest ein schlüssiges Gedankenkonstrukt).

Damit liegt für mich die Hoffnung nahe, dass die gute Frau noch lernt, wie Philosophen protestieren. 😉 Wir springen nicht einfach mal halb nackt umher und gröhlen Parolen. Um ehrlich zu sein: Das würde auch kaum jemand sehen wollen (auch wenn gerade darin womöglich die Energie des Protestes begründet sein könnte). Schließlich sind wir nicht gerade für unsere Sportlichkeit bekannt (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern eher dafür, dass wir stunden-, tage-, ja sogar monatelang über etwas nachdenken können und dann irgendwann einen begründeten Schluss darstellen.
Wir Philosophen protestieren viel mehr auf argumentativer Ebene. Wir sind viel mehr das, was man hier im Internet als „Troll“ bezeichnen würde, nur auf analytische Weise. Unser Anliegen ist es, ein Argument anzugreifen und im besten Falle dafür zu sorgen, dass unsere geistigen Kontrahenten sich selbst widerlegen. Wie das funktioniert, kann man schon bei Sokrates ganz wunderbar nachlesen. Er war der Prototyp des politischen Protestlers, in dem er allen kurzerhand erklärt hat, dass sie eigentlich gar keine Ahnung von dem haben, was sie da machen.

Aber fast nackt auf den Altar des Kölner Doms zu springen? Um gegen „das Machtmonopol der katholischen Kirche“ zu protestieren? Machtmonopol? Vermutlich geht’s wieder um die alte Leier von der bösen patriachalen Gesellschaft und deren religiösem Fundament. Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, worum es geht. Aber ich nehme Menschen, die sich selbst auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale reduzieren auch einfach nicht ernst. Ich kann einfach nicht. Selbst wenn ich’s versuche, frage ich mich immer: „Und wo ist jetzt das Argument?“ Die Argumentation „Uns hört sonst keiner zu“ halte ich zumindest für deplaziert. Uns Philosophen wurde schon immer zugehört. Der Lauf der Geschichte zeigt, dass wir es waren, die die Welt verändert und geformt haben. Es braucht Menschen die denken, keine, die sich halb nackt zum Affen machen (Diogenes und seine Amphore mag eine Ausnahme sein…).

Viva la Revolution?

Es ist ja durchaus schön zu protestieren und zu versuchen die Welt irgendwie „besser“ zu machen. Aber wir Philosophen sind jetzt nicht gerade diejenigen, die loslaufen und Revolutionen anzetteln. Wir liefern dafür nur die Argumente. Das Problem ist dann nur, dass weit weniger kluge Menschen dann meist hergehen, die dargelegten Argumente nicht richtig oder zumindest nur zum Teil verstehen, sie mehr oder weniger entfremden und dann etwas zu wissen glauben, mit dem sie dann ihre Aggression kanalisieren können, um ihren Mitmenschen gar unfreundliche Dinge anzutun. Nicht selten steht Unsereins dann da und denkt sich „Moment, so war das aber nicht gedacht…“ und wundert sich darüber, dass eine theoretische Betrachtung plötzlich zu praktischer Gewalt führt. Aber vermutlich liegt das auch einfach an der Zeit und den kulturellen Umständen. Ich für meinen Teil bin nicht davon überzeugt, dass es für jede gesellschaftliche Veränderung notwendig einen Akt der Gewalt geben muss, um ein System zu stürzen und neu zu errichten. Ich halte es sogar für falsch, etwas zu zerstören und mit den Teilen etwas neues aufzubauen. Warum muss denn immer gleich alles kaputt gemacht werden? Schließlich steckt ja auch viel Zeit und Energie darin. Nein, ich denke vielmehr, dass jede Form der gesellschaftlichen Veränderung mit Vernunft einhergehen muss. Sobald Aggression oder Gewalt die Kontrolle über eine Argumentation übernehmen, verliert sie ihren vernünftigen Boden. Dann reduzieren sich diejenigen, die die Argumentation vorbringen auf Eigenschaften, die mit dem eigentlichen Konstrukt schon nicht mehr zu zu haben, nämlich den Gewaltakt als solchen. Daraus wird eine meiner Kernüberzeugungen deutlich: Der Zweckt heiligt niemals die Mittel.

Also liebe Josephine: Zieh dich wieder an – ist kalt draußen. War eine tolle Show (ich bin schließlich strenggläubiger Atheist; ich glaube ganz fest daran, dass es „den einen Gott“ nicht gibt – aber das sage ich nicht so laut, damit er’s nicht hört, schließlich hab ich keinen guten Blitzableiter am Dach… 😉 ), hübsche Brüste, danke dafür. Was mir fehlt, ist eine Argumentation. Wäre doch eine Idee für eine Hausarbeit in einem Seminar zur Religionsphilosophie oder vielleicht auch der Herrschaftslegitimation (geht ja um ein „Machtmonopol“) oder nicht? Ich helfe auch gern beim Schreiben. Zumindest solang du angezogen bleibst. Ich kann sonst nicht denken. 😀

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Ich habe ja schon angekündigt, mir noch weitere Gedanken zur Vorratsdatenspeicherung zu machen. Einer der Kernbegriffe, um den sich immer alles dreht, ist die Freiheit. Und genau mit dieser will ich mich jetzt ein wenig intensiver (wenn auch nicht abschließend) auseinandersetzen.

Der Begriff der Freiheit wird all zu gern instrumentalisiert. Das eine Lager will die Freiheit verteidigen, indem für mehr Sicherheit gesorgt wird – weil man, so behaupten sie, nur dann in Freiheit leben kann, wenn man sich nicht fürchten muss. Dabei werden Stück für Stück Rechte abgebaut, die eigentlich zum Kernbestand der Freiheit gehören – das wird aber gern in Kauf genommen, da diese Einschränkungen ja (so hat es zumindest den Anschein) nicht all zu schwerwiegend sind.

Dann gibt es da das andere Lager, dass eben diese Einschränkungen als Raub der Freiheit empfindet. Hier wird zwar eingestanden, dass es sich zunächst um kleine Einschränkungen handelt, jedoch können daraus um so größere Konsequenzen erwachsen. Auch hier soll die Freiheit verteidigt werden, aber eben nicht mit einer Erhöhung der Sicherheit, sondern mit ihrer Verringerung. 100% Sicherheit gibt es schließlich nicht und eine gewisse Grundgefahr gehört zum Leben einfach dazu.

Beide Positionen haben teils Recht und teils Unrecht mit ihren Argumenten. Zum einen ist es sicher richtig, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise sicher fühlen muss, damit ich mich frei fühlen kann. Wenn ich ständig glaube, dass irgendetwas Schreckliches passieren könnte (wie zum Beispiel ein Terroranschlag), dann werde ich vermutlich nicht mehr das Haus verlassen. Und das, obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass die meisten tödlichen Unfälle im Haushalt passieren und die Wahrscheinlichkeit für mein plötzliches Ableben zuhause im Vergleich zu meinem Ableben bei einem Anschlag signifikant höher ist.
Andererseits ist es aber auch richtig, dass Gesetze, die meine Freiheit einschränken dazu führen, dass ich Dinge nicht tun kann, wenn ich sie tun wollte.[1]

Überwachung und Selbsteinschränkung

Nun gibt es verschiedene Untersuchungen dazu, dass Menschen, die wissen, dass sie überwacht werden, ihr Verhalten ändern. In der Psychologie ist dieses Phänomen als „Hawthorne-Effekt“ bekannt. Wenn jemand weiß, dass er Teilnehmer an einer wissenschaftlichen Studie ist oder gerade beobachtet wird, dann ändert er sein Verhalten. Meist auf eine Weise, von der der Beobachtete ausgeht, dass es dem Beobachtenden gefällig ist.

Philosophisch ist das besonders interessant. Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Menschen treffen die bewusste Entscheidung, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie beobachtet werden.

2. Menschen ändern ihr Verhalten unbewusst, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden.

In beiden Fällen schwebt die Angst vor Sanktionen oder die Erwartung von Belohnung durch den Beobachtenden mit. Gehen wir von der Vorratsdatenspeicherung aus, so ist es wohl eher die Angst vor Sanktionen, die hier eine tragende Rolle spielt.[2] Beide Fälle gehen mit einer Entscheidung einher. Es ist nicht so, dass unser Verhalten völlig fremdbestimmt wäre. Vielmehr reagieren wir auf unsere Umwelt und wählen aus Optionen, die uns gegeben werden. Ich schließe aus diesem Umstand, dass wir uns unserer Freiheit selbst berauben. Wir müssten es nicht tun – aber wir fürchten eine Sanktion oder erwarten eine Belohnung, wenn wir uns auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, von der wir nur annehmen aber niemals sicher wissen, dass es die richtige ist.

Die Waffe gegen den Freiheitsentzug: Bewusstheit!

Wie heißt es so schön: „Der Preis der Freiheit ist, ewige Wachsamkeit.“ Da ist etwas Wahres dran. Die Art und Weise, wie ich dem Hawthorne-Effekt entgegenwirken würde (auch wenn es jetzt vermutlich Psychologen gibt, die das für unmöglich halten), ist die Bewusstmachung der Verhaltensänderung. Sicher zu wissen, dass man beobachtet (oder belauscht) wird, ist eine Sache. Ebenso sicher über das eigene Verhalten bescheid zu wissen und es eben NICHT zu ändern und bewusst so zu leben, wie man es selbst will, ist eine andere. Es gehört schon viel Selbstbewusstsein (im Sinne von „sich seiner eigenen Handlungen bewusst sein“) dazu, das genau so zu leben, aber es ist nicht unmöglich. Fakt ist aber, dass wir, wenn wir beobachtet werden, unser Verhalten selbst ändern. Es wird nicht von außen geändert – wir passen es einem äußeren Affekt an.
Ich zum Beispiel bin mit Überwachungskameras groß geworden. Sie sind für mich nichts Besonderes und meine Eltern haben mir auch nie all zu viel Angst vor ihnen gemacht. Sie sind für mich einfach ein Teil der Umwelt – wie Bäume, Aschenbecher oder Blumenkübel. Ich ignoriere sie die meiste Zeit über. Mein Verhalten ändere ich deswegen nicht. Ich denke, wir sollten hier ansetzen: Wir sollten aufhören, uns selbst einzuschränken. Erst, wenn wir das geschafft haben, können wir uns bewusst und zielstrebig mit dem Überwachungsproblem auseinandersetzen und dagegen ankämpfen. Wichtig ist in erster Linie eins: Wir dürfen uns nicht selbst unserer Freiheit berauben – weder im Geiste noch in unserem Handeln. Wenn wir das geschafft haben, dann können wir frei und sicher gegen die Überwachung kämpfen, um auch die gesetzlichen Grundlagen dieser Freiheitseinschränkung zu überwinden.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Mir fällt dazu kein passendes Beispiel ein, da ich bisher noch nie durch ein Sicherheitsgesetz an irgendeiner Handlung gehindert wurde. Aber ihr dürft mir gerne einen Kommentar hinterlassen, falls euch das schon mal passiert ist.
  2. Das ist eine starke These, für die es aktuell keine bestätigenden Untersuchungen gibt. Es lässt sich allerdings aus einer Forsa-Umfrage schließen, bei der die Teilnehmer auf einen Anruf bei einer Eheberatungsstelle oder einem Psychotherapeuten verzichten würden, wenn sie wüssten, dass ihre Verbindungsdaten gespeichert werden.
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Küchenzauber

On 13. Oktober 2013, in Persönliches, Philosophie, by Ingo

Kaum habe ich mal Zeit und keinen Stress durch Arbeit und Masterarbeit und Co. werde ich richtig kreativ. Endlich mal Zeit um zu kochen, statt einfach nur ’ne Dose aufzumachen. Und dabei stelle ich fest, dass ich das nicht nur unglaublich gut kann – sondern dass der ganze Aufwand dahinter tatsächlich lohnenswert ist. Derzeit entstehen also verschiedene Kuchen, Eintöpfe aus frischen Zutaten, statt aus der Dose, selbstgemachte Dipps für Gemüse (das ich derzeit recht viel esse), Pizzabrötchen und überhaupt allerlei Dinge, die ich früher entweder bestellt oder einfach aus der Dose gegessen habe. Wirklich erstaunlich, was so ein wenig Zeit und ein freier Kopf so alles zu Stande bringen.

Du bist was du isst? Nein. Du bist wie du isst!

Das bringt mich auch gleich zu einer philosophischen Betrachtung des Essens – und damit des Lebens allgemein. Was Essen mit Leben zu tun hat? Nun: Es ist ein zentraler Punkt. Wir alle müssen essen, um unseren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Das ist nun kein großes Geheimnis und überhaupt keine Neuigkeit. Aber die Art und Weise, auf die wir das tun, bestimmt in weiten Teilen unsere Einstellung zum Leben selbst. Wir können essen, was uns die Industrie liefert – oder wir können es selbst zubereiten. Wir können Fleisch essen oder vegetarisch. Oder Veganer oder Frutarier sein… Was wir essen und wie wir es essen, sagt also schon mal einiges über unsere moralische und ethische Einstellung zum Leben und zur Welt aus.

Ich will zunächst die Zubereitungsform näher betrachten. Also: Ich kann nehmen, was die Industrie liefert oder ich kann es selbst zubereiten. Im ersten Fall kaufe ich ein fertiges Produkt und bringe es einfach nur noch in einen verzehrfertigen Zustand (sofern es das nicht schon ist). Sprich: Ich kippe die Dose in den Topf, schiebe die Tiefkühlpizza in den Backofen oder werfe einen Beutel TK-Fertigfresschen in die Pfanne. Am Ende kommt etwas heraus, das durchaus satt macht, aber eben durch die industrielle Fertigung auch voller künstlicher Geschmacks-, Farb- und Zusatzstoffe ist. Ich will nun kein Pamphlet gegen Zusatzstoffe fabrizieren, nein, nein. Wie sagte es mein Hausarzt mal zu Medikamenten: „Wir kennen nun die Inhaltsstoffe von Pflanzen und können sie synthetisieren, damit sie genau da wirken, wo sie wirken sollen. Das ist vergleichbar mit Rohöl und Benzin. Sie kippen sich ja auch kein Rohöl in den Tank…“ Im Gegenteil. Mir geht es vielmehr um die Lebenseinstellung, die mit dem Industrie-Essen einhergeht (und der ich mich ja nun auch nicht so ganz entziehen kann).

Wir haben eine gefühlte Freiheit, wenn wir aus einer riesigen Palette von Lebensmitteln auswählen können. Und genau das machen wir: Wir wählen aus, stellen unseren Nahrungsplan mit all dem zusammen, was wir so im Supermarkt finden, köcheln es zusammen und glauben damit, ein Stück Individualität zu haben – eben weil wir die Wahl haben. Das Zubereiten von Industrie-Essen ist aber eben genau eines nicht: Tätiges Handeln. Es ist ja schließlich schon alles fertig. Es muss nur noch aufgewärmt und gegessen werden. Ich sage nicht, dass Industrie-Essen nicht schmeckt. Nein, dank der zahlreichen Zusatzstoffe tut’s das ja durchaus. Aber es geht eine deutliche und sehr umfangreiche Erfahrungsqualität verloren – mehr noch, es macht uns ein Stückweit untätig und träge und entzieht uns damit die Befriedigung, etwas erschaffen zu haben, das zudem glücklich macht.

Wie ist das also, wenn alles selbst zubereitet wird? Nun, es ist mit einer gewissen Mühe verbunden. Gemüse muss zunächst geputzt und geschält werden, dann gewürfelt oder in Scheiben geschnitten, gekocht, gebraten und gewürzt… jeder einzelne Zubereitungsschritt muss ausgeführt werden und bei jedem Schritt kann etwas schief gehen – was dann durchaus frustrieren kann. Ich habe heute auch zwei Versuche gebraucht, um Pizzabrötchen zu machen – ich habe schlicht keine wirklich gute Möglichkeit, um Hefeteig irgendwo zum gehen warm zu stellen. Mit ein wenig Trickserei und der Zuhilfenahme eines Heizlüfters gings dann aber doch. 😉
Wie auch immer: Der Prozess, mit dem wir selbst machen, was wir essen wollen, ist ein ursprünglich kreativer (im wahrsten Sinne des Wortes, wird ja etwas kreiert). Man bekommt durch die Arbeit eine viel intensivere Bindung zu dem, was man da kocht. Gefühl, Geruch und Geschmack der Zutaten sind genauso vorhanden, wie letztlich beim fertigen Essen. Es ist von Anfang bis Ende ein Prozess des Tätig seins und wird mit der Befriedigung eines leckeren Essens belohnt.

Was sagt nun die Art und Weise, wie wir essen über die Lebenseinstellung aus? Nun, ich halte es für einleuchtend. Die Einstellung hinter dem Industrie-Essen ist: Du hast viel Optionen, die du nutzen kannst. Du hast die Freiheit der Wahl, was du in der Welt und mit deinem Leben anfangen kannst.
Und die Einstellung hinter dem selbst zubereiten? Auch das liegt für mich auf der Hand: Nimm dein Leben in die Hand und mach etwas daraus. Ändere dein Leben, ändere die Welt, ganz so, wie es dir gefällt und gut tut. Du hast die Kontrolle und die Verantwortung für jeden Schritt.

Variante 1 ist also nur eine wählende, die auf Basis von vorgegebenen Möglichkeiten handelt. Variante 2 schert sich nicht um Vorgaben, sondern macht selbst und erschafft gänzlich neue Möglichkeiten.

Fest steht: Ab jetzt koche ich selbst. 🙂

Die kleine Küchenethik

Die Wahl der Zutaten und die Art, mit Fehlversuchen umzugehen, sagt auch vieles aus. Ich zum Beispiel esse relativ wenig Fleisch – nur so viel, wie nötig (eingefleischte Vegetarier [Was für ein Wortspiel] würden jetzt vermutlich sagen, dass es gar nicht nötig ist – da bin ich allerdings noch im Zweifel), einfach weil ich zum einen meinen klitzekleinen Teil gegen die Massentierhaltung beitrage – und zum anderen ist übermäßiger Fleischkonsum auch alles andere als Gesund. Ich möchte nicht, dass all zu viel Leid durch meine Handlungen ausgelöst wird – wenn ich also nur wenig Fleisch esse, dann ist mein Anteil am entstandenen Leid entsprechend klein. Dass es dennoch in kleinen Mengen existiert (wenn ich dann doch mal zur Hähnchenbrust greife, denn das Tierchen musste ja auch irgendwann sein Leben aushauchen), nehme ich in Kauf. Wie schon erwähnt, bin ich nicht davon überzeugt, dass vollständiger Fleischverzicht gesund ist. Und was ist mit gescheiterten Versuchen? Nun – solange es nicht völlig verkohlt und angebrannt ist, kann man auch Sachen weiterverwenden – oder einfach anders verwenden – die nicht so geklappt haben wie gedacht. Daraus wird klar: Ich halte nicht viel von Verschwendung. Manchmal geht es nicht anders, aber vieles lässt sich noch retten.

Es ist also eine Frage der Wertschätzung des Lebens und der Welt und damit der Zutaten selbst mit der Art und Weise verbunden, wie gekocht wird. Ich kann für 5 Euro eine Hähnchenbrust kaufen – aber damit ist nichts über den Wert des Lebens des Tieres gesagt. In der Tat lässt sich der nicht in Geld ausdrücken (auch wenn Ökonomen allerlei Werte heranziehen könnten). Wenn ich mir dann Mühe damit gebe, das Essen dann auch möglichst lecker und vor allem nahrhaft zu machen, dann mache ich das nicht, weil ich finde, dass das Fleisch teuer war. Vielmehr ist es für mich ein Ausdruck des Respektes für eben dieses Tier, das sein, für mich nicht in Summen zu fassendes, Leben aushauchen musste, damit ich es essen kann.

Leben ist Veränderung – Veränderung kann in der Küche anfangen

Da essen das essenziellste ist, was wir in unserem Leben tun können – schließlich würden wir ohne Essen einfach sterben -, ist es um so wichtiger, sich genau darüber bewusst zu werden, was man so isst und vor allem wie. Es kann nicht schaden, die alten, gewohnte Pfade zu verlassen und die Art zu Essen zu verändern. Schließlich besteht das ganze Leben aus Veränderung und Wandel und dem stetig neuen und überraschenden, dass hinter jeder Ecke wartet. Wie viele Leute wollen unbedingt abnehmen und schaffen es nie? Wie viele wollen zunehmen? Gesünder leben? Glücklicher sein? Ich denke, der Schlüssel liegt im Essen. In dem, was man für sich tut und die Art und Weise, wie man es für sich tut. Wer mit Achtsamkeit und tätigem Handeln an die Sache herangeht, dürfte deutlich zufriedener leben, als jemand der sich nur aus den fertigen Dinge bedient.

Fazit: Es ist schön, wieder die Zeit gefunden zu haben, das Leben selbst gestalten zu können, statt nur aus den vorgegebenen Optionen zu wählen. 🙂

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Ein Blog-Beitrag von der Kattascha macht mich ein wenig nachdenklich. Sie will nicht überwacht werden und auch nicht vorgeschrieben bekommen, was ihre digitale Sehhilfe in 40 Jahren einmal für sie sehen kann und was nicht. Wir sollen den Rückbau der Geheimdienste fordern und verlangen, dass die digitale Überwachung ein Ende nimmt. Ich bin wenig optimistisch, dass das funktionieren kann. Wir haben den Leviathan geschaffen – danach ist es nur schwer, ihn wieder aus der Welt zu kriegen. Ich versuche das Mal „Nerd-Kompatibel“ zu formulieren.

Thomas Hobbes und der Leviathan

Hobbes war Vertragstheoretiker. In seiner Zeit herrschte Krieg und Elend, die Menschen waren einander nicht gerade sehr wohlgesonnen – und so hatte er eher ein recht negatives Menschenbild. Die Menschen sind sich gegenseitig Feinde, nur dazu da, sich zu unterwerfen, zu töten und zu bestehlen. Wie Tiere fallen sie übereinander her, denn hier gilt das Recht des Stärkeren – wobei auch der Schwächste noch ausreichend Schaden anrichten kann, wenn er denn nur von seinem Verstand gebrauch macht. Um aus diesem „Naturzustand“ herauszutreten, ersann Hobbes den Gesellschaftsvertrag. Die Idee ist, dass die Menschen endlich in Sicherheit leben wollen und nach Schutz voreinander verlangen. Also suchen sie sich einen aus, der über sie herrschen soll und geben sodann, im Rahmen des Gesellschaftsvertrags, alle ihre Rechte auf Selbstverteidigung und die Anwendung von Gewalt ab. Bis auf diesen einen. Der hat noch alle Rechte und kann damit über die anderen bestimmen und auch gegen sie Gewalt anwenden, um die gesellschaftliche Ordnung sicherzustellen.

Leviathan 2.0

Mit unserer digitalen Revolution haben wir etwas Ähnliches getan. Früher waren Computer keine Selbstverständlichkeit. Sie mussten von Hand gebaut werden. Die Bauteile mussten zusammengelötet werden, die Software entstand durch die Anordnung der Bauteile und erst eine Weile Später konnten die Menschen ihre Computer dann mit Hilfe anderer Computer (die sie auch selbst bauen mussten) programmieren. Programme waren mehr oder weniger in den Leiterbahnen der Chips integeriert, bevor sie dann irgendwann als Quellcode geschrieben werden konnten.
Aber die Menschen waren es Leid, ihre Computer selbst bauen zu müssen. Es war anstrengend, frustrierend, erforderte eine Menge Denkleistung die digitalen Eingeweide der Maschine überhaupt zu verstehen und sie dazu zu bringen, zu tun, was die Menschen wollten. So einen Computer bauen war eine langwierige Aufgabe. Also beschlossen sie irgendwann, es ein paar wenigen zu überlassen, die Maschinen zu bauen, auf dass sie sie nur noch benutzen konnten.

Die Menschen sind stumm übereingekommen und haben ihren Leviathan gewählt. Sie haben ihre Rechte auf die Konstruktion der Hard- und Software aufgegeben, auf dass einer, den sie für kompetent hielten, das für sie übernehmen mochte. Mit wachsendem Fortschritt und weiterer Verbreitung der Technologie bekam der Leviathan mehrere Köpfe. Die Menschen, die schon in der digitalen Gesellschaft aufgewachsen sind, haben noch nie ihren eigenen Computer gebaut. Sie haben nie ihren eigenen E-Mail-Server installiert. Sie haben auch noch nie in die Beschreibungen der Kommunikationsprotokolle geblickt, die sie tagtäglich verwenden. Sie vertrauen darauf, dass der digitale Leviathan das alles für sie schon richten wird. Denn sie haben sich selbst diese Rechte vor langer Zeit entzogen.

Und so lassen wir alle unser digitales Leben administrieren. Von Google, Facebook, Microsoft und Apple. Wir haben keine Schreibrechte auf all die Anwendungen, die da im Hintergrund laufen, denn der Leviathan hält ein parternalistisches Auge darauf geworfen und sagt uns, dass er schon weiß, was gut für uns ist. Schließlich soll ja keine digitale Anarchie ausbrechen, die nur Unfrieden bedeuten würde.

Die Schreibrechte zurückerlangen

Es ist nahezu unmöglich, dass die Menschen nun lernen könnten, all das, was sie jahrzehntelang aufgegeben haben, wieder lernen könnten. Zu schnell war der technische Fortschritt. Computer werden mittlerweile von Computern ersonnen, nicht mehr von Menschen. Die Technik baut sich selbst. Der Leviathan, den wir alle selbst wählten, zieht an den digitalen Fäden unserer Gesellschaft.

Was uns helfen könnte – und da sehe ich eine Chance – ist, wenn wir aufhören uns von der Technik, die wir schufen, benutzen zu lassen. Wir müssen wieder anfangen sie aktiv zu benutzen, statt sie die Entscheidungen für uns treffen zu lassen. Es ist schön, wenn Google oder Apple mein Adressbuch verwalten und mich darauf hinweisen, dass jemand in meinem Bekanntenkreis Geburtstag hat. Aber warum brauche ich eine digitale Gedankenstütze? Sind mir meine Bekannten etwa nicht wichtig genug? Es ist auch schön, wenn mir Google-Now sagt, was gerade in meiner Nähe so los ist. Aber warum gucke ich nicht einfach in die Zeitung (geht ja auch online)?

Es ist aber nicht alles hoffnunglos. Wir müssen – als Gesellschaft – anfangen zu verstehen, wann wir eine Technologie benutzen und wann wir von ihr benutzt werden. Und wir müssen viel bewusster, viel aktiver und viel vernünftiger mit den von uns geschaffenen Technologien umgehen. Wir müssen wieder anfangen zu leben, statt uns leben zu lassen.

Sapere aude.

Wieder eine neue Erkenntnis. Heute hörte ich einen kurzen Vortrag darüber, wie es denn so läuft, wenn man promoviert und danach in der Wissenschaft weiterarbeiten will. Rosig sind die Aussichten nicht gerade. Erstmal ist die Frage der Finanzierung unklar (da gibt es Stiftungen, aber für die bin ich zu alt – und DFG-Projekte, aber für die bin ich zu individuell – und Bildungskredite, aber mit denen habe ich mich schon hoch genug verschuldet) und dann darf man maximal sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion an einer deutschen Uni angestellt sein und muss dann habilitieren um eine unbefristete Professur zu bekommen. Man muss habilitieren – oder man ist raus. Eine Wahl gibt’s nicht. Und am Ende verdient man genau so viel wie mit einem Master-Abschluss in der freien Wirtschaft.

Wenn ich mir das so überlege: Noch mindestens 3 Jahre weiter machen, die Doktorarbeit schreiben, nur um dann zwangsläufig irgendwann noch ein Buch zu schreiben, um zu habilitieren, und dann genauso viel verdienen, wie ich’s jetzt schon könnte, wenn ich einfach ins Projektmanagement irgendeiner Firma wechsel? Och nö.

Gut, die Idee mit der Doktorarbeit ist noch nicht ganz tot. Schließlich gibt es dafür keine formalen Voraussetzungen. Ich kann also ohne Probleme einfach jetzt schon arbeiten und nebenher die Doktorarbeit schreiben. Anders mache ich es ja während des ganzen Studiums nicht – arbeiten und studieren. Geht beides. Und da so’n Doktortitel keine Regelstudienzeit hat, darf das dann auch ein bisschen dauern. Kein Problem. 🙂

Ich werde mir wohl mal so meine Gedanken dazu machen. Mit der Master-Arbeit bin ich ja immerhin schon fast fertig. 😉

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Ich mag Talkshows nicht. Aus gutem Grund: Es ist nichts weiter als der Inbegriff der Postdemokratie, die Colin Crouch schon recht gut analysiert hat. Gestern bei Maybrit Illner fiel dann ein Satz des ehemaligen Geheimdienst-Koordinators Bernd Schmidbauer zu dem, was denn der BND macht, wenn es um die Überwachung der Bürger geht. Sinngemäß: „Natürlich dringen wir auch in fremde Computer ein. Aber wenn wir das machen, ist das legal.“

Nun, genau das ist das Problem. Es ist legal. Für die USA und Großbritannien ist die massenhafte Überwachung ausländischer Kommunikation ebenfalls legal. Sie halten sich an Recht und Gesetz, keine Frage. Die Gesetze erlauben es ihnen nämlich.

Der Überwachungsskandal spielt sich aber auf einer Ebene darüber ab. Es ist ein übergesetzliches Problem, denn innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes ist das alles keine Schwierigkeit. Es ist nur eine Schwierigkeit in der Gesetzgebung des jeweils anderen Landes. Es existiert aber kein Gesetz darüber, dass die Staaten bindet, denn damit wäre die Souveränität der einzelnen Staaten eingeschränkt.

Das Problem ist vielmehr ein moralisches. Es ist unmoralisch, in die Privatsphäre eines anderen Menschen einzudringen, ohne dass dieser es ausdrücklich erlaubt. Ein Abfangen sämtlicher Kommunikationsdaten, von denen die Betroffenen ausgehen, dass sie unter den Teilnehmern bleibt (wie beispielsweise bei einem Skype-Telefonat, das ja sogar verschlüsselt ist), ohne dass die Beteiligten davon wissen, ist aber genau das.

Es braucht hier also keine Diskussion um die Legalität der Abhörmaßnahmen. Das dürfte allein an der diffusen Rechtslage auf der Welt scheitern. Es braucht ein Bekenntnis zu moralischen Werten und dem gegenseitigen Respekt vor der Privatsphäre. Dieser Respekt vor der Privatsphäre anderer Menschen scheint in Zeiten von Facebook und Co., in denen mehr oder weniger öffentlich gelebt wird, offenbar ein wenig verloren gegangen.

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Nach dem mehr oder weniger bewussten Fauxpas, mit dem Bundeskanzlerin Merkel das Internet als #Neuland bezeichnete, brodelte Twitter nur so vor sich hin. Da hat es nicht lange gedauert, bis die klassischen Medien das Thema aufgriffen und schon war vom eigentlichen Thema wieder brav abgelenkt: Der Überwachung. Gut gemacht, Frau Merkel. Mit dem Erschaffen eines Begriffs, über den sich jeder lustig machen kann, haben Sie ganz wunderbar davon abgelenkt, dass es eigentlich darum geht, die Daten, die die amerikanischen Geheimdienste über uns Deutsche sammeln, austauschen zu können. Es ist immerhin doch ganz praktisch, wenn schon jemand anders die Arbeit gemacht hat. Das umschifft das Dirty-Hands-Problem nur mittelbar, lenkt aber ein wenig davon ab.

Zum Glück gab es in all dem Shitstorm aber auch ein paar recht sinnvolle Kommentare und Blogbeiträge. Und auch padeluun hat sich bei ZDF-Login großartig geschlagen – und mir nebenbei ein wenig Hoffnung in meine Generation wieder gegeben, von der ich meist nur höre, dass es ihr völlig egal ist, ob sie nun überwacht wird oder nicht. Aber scheinbar habe ich mich da getäuscht. Offensichtlich ist es der Facebook- und Twitter-Generation doch nicht so ganz egal, wer ihr über die Schulter sieht. Trotzdem kam die eine oder ander Kleinigkeit in der ganzen Diskussion zu kurz. Insbesondere dort, wo das Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Menschenwürde aufgemacht wurde, wo von Terrorismus die Rede war, wo plötzlich Feinde lauern und keine Straftäter und wo Freiheit und Sicherheit gegeneinander abgewogen werden sollten. Ich habe einfach Spaß daran, ein wenig näher hinzusehen.

Die Daten eines Menschen sind unantastbar

Was hat es nun auf sich, mit der Menschenwürde und dem Datenschutz, respektive dem Schutz vor staatlicher Überwachung, denn um genau den geht es ja? Nun, das deutsche Grundgesetz sagt, dass die Menschenwürde unantastbar ist und dass sie zu achten und zu schützen Aufgabe aller staatlichen Gewalt ist. Wichtig daran ist, dass achten vor schützen steht. Ein Blick in einen Grundrechtskommentar macht deutlich was das heißt: Es heißt, dass der Staat zu allererst in der Pflicht ist, nicht in die Grundrechte der Menschen einzugreifen. Erst an zweiter Stelle kommt die Pflicht, diese Grundrechte zu schützen. Wenn nun also ein Grundrecht in Gefahr ist, darf der Staat keinesfalls ein anderes Grundrecht einschränken um es zu schützen. Aus diesem Grund wurde das Luftsicherheitsgesetz vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Der Staat könnte die Grundrechte der Menschen am Boden nicht schützen oder die Grundrechte der Menschen im Flugzeug zu verletzten. Da die Achtungspflicht aber Vorrang vor der Schutzpflicht hat, wäre ein Abschuss eine eklatante Verletzung eben dieser höchsten Pflicht aller staatlichen Gewalt. Was das mit Datenschutz zu tun hat? Nun – recht einfach: Das Bundesverfassungsgericht bescheinigte uns ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Eine Privatsphäre zu haben (also einen Informationsbereich, der nur mit einem sehr kleinen Kreis von Menschen geteilt wird), zählt in den Bereich der Menschenwürde. Auf der anderen Seite gibt es Foltermethoden, die auf Deprivation setzen und eben diesen intimen Privatbereich bewusst verletzten – und niemand würde behaupten wollen, dass Folter mit Menschenwürde vereinbar ist oder? Nein, sicher nicht. Einen Menschen würdevoll behandeln, heißt auch, seine Privatsphäre zu respektieren, sein Recht darauf, welche Informationen er über sich selbst mit anderen teilen will und vor allem, mit wem er diese Informationen teilen will.

Aber die Terroristen…

In der medialen Debatte wird immer wieder gern so getan, als wären Terroristen das Böse schlechthin und Terror überhaupt ist ein unglaublich beliebtes Schlagwort, mit dem scheinbar jeder staatliche Übergriff gerechtfertigt ist. Nun – eine kurze Recherche in der wissenschaftlichen Literatur ergibt, dass es Hunderte von Definitionen von Terrorismus gibt. Die meisten beziehen sich auf das Erzeugen von Angst (meist durch Ausübung von Gewalt gegenüber Menschen, Tieren oder Sachen), um politische Ziele zu erreichen. Ich will hier nicht die 130. Definition von Terrorismus auf den Tisch werfen. Aber ich will versuchen darzustellen, was denn ein Terrorist ist. Also: Ein Terrorist ist eine Person, die sich der Methode des Terrorismus bedient, um ihre Ziele zu erreichen. Ziemlich wichtig ist, dass ein Terrorist eine Person ist. Grundsätzlich ein Mensch wie du und ich. Ein Mensch wie du und ich, der sich allerdings einer Methode zur Erreichung seiner Ziele bedient, die für sich genommen, moralisch höchst tadelnswert ist. Wie tadelnswert seine Methode auch sein mag: Der Terrorist bleibt ein Mensch. Er bleibt Träger von Rechten. Und auch von Menschenwürde.
Die Menschenwürde ist nämlich nicht verwirkbar und nicht aufgebbar. Sie ist inhärenter Teil eines jeden Menschen und egal wie verabscheuungswürdig er sich auch immer verhalten mag, er behält seine Würde trotzdem. Der deutsche Staat hat also auch die Menschenwürde des Terroristen mit aller Gewalt zu achten und zu schützen.Und dazu gehört, wie oben schon erwähnt, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Und da die Achtungspflicht Vorrang vor der Schutzpflicht hat, darf der Staat den Terroristen gar nicht überwachen, um andere Menschen vor ihm zu schützen. Macht er es dennoch, verstößt er gegen diese Pflicht – und ein Staat, der gegen die höchste Pflicht verstößt, der er selbst unterliegt, entzieht sich im Grunde seine Legitimation selbst.

Von Feinden und Gegnern unserer Lebensweise

Frau Merkel sprach von Feinden und Gegnern. Ich bin nicht sicher, was sie damit sagen möchte. Feinde und Gegner sind zwei von einander verschiedene Begriffe und beide haben enge Verwandtschaft mit den Theorien des gerechten Krieges. Nun kann gegen Terroristen kein Krieg im klassischen Sinne geführt werden und überhaupt ist der Kriegsbegriff mittlerweile ziemlich überholt. Ich will statt dessen lieber von Kampf reden. Kämpfen kann man für und gegen vieles. Wenn ich nun also einen Terroristen bekämpfe und ihn als Gegner betrachte, dann räume ich ihm Rechte ein. Liest man einmal die Kriegstheorien, der Haager Landkriegsordnung, der Genfer Konvention, der UN-Charta etc. pp. quer, lässt sich ein Bild davon gewinnen. Einen Gegner muss ich gut behandeln. Die Haager Landkriegsordnung beschreibt zum Beispiel, wie man mit Kriegsgefangenen umzugehen hat. Gegner sind Menschen, denen in einem aktiven Kampf der Kombattantenstatus zugeschrieben wird – also Menschen, die aktiv an Kampfhandlungen beteiligt sind und von denen eine direkte Bedrohung ausgeht. Qua Mensch haben sie aber dennoch ihre unverwirkbare Menschenwürde und müssen entsprechend behandelt werden.
Und Feinde? Nun, Feinden werden solche Rechte nicht gewährt. Der Feindbegriff ist vielmehr ein emotionalisierter. Feinde sitzen in Guantanamo ein. Und wie man sie behandelt und welche Rechte ihnen gewährt werden, ist durchaus mehrfach durch die Medien gegangen. Diese Behandlung ist fasch, denn auch Feinde sind Menschen und verfügen demnach über unverwirkbare Menschenwürde. Die Falschheit ändert nur leider nichts an der juristischen Wirklichkeit, in der es eben schon einen Unterschied macht, ob jemand nun Gegner oder Feind ist. Selbst hierzulande wurde ja schon laut über ein „Feindstrafrecht“ nachgedacht, welches intensive Einschnitte in die Grundrechte mit sich gebracht hätte.

Dass Terroristen als Gegner unserer Lebensweise bezeichnet werden, halte ich für gerechtfertigt. Schließlich wenden sie ihre Methode als Mittel im Kampf für ihre Ziele an. Und gegen Gegner kann sich ein Staat mit den Mitteln, die ihm innerhalb des gesetzlichen Rahmens zur Verfügung stehen auch wehren. Aber Feinde? Nein. Ich will keine Feinde haben. Ja, ich verweigere einem Terroristen den Feind-Status. Denn damit wäre Tür und Tor dafür geöffnet, auch ihre Menschenwürde zu unterminieren. Genau das ist aber das Problem: Gegen Feinde kann man sich auf andere Art wehren, als es gegen Gegner der Fall wäre. Gegner beschränken die Möglichkeiten.

Macht nun aber keinen Unterschied, ob sich Feinde oder Gegner unter der Bevölkerung verstecken. Überwachen darf der Staat sie dennoch nicht. Denn selbst wenn eine Missachtung der Menschenwürde von Feinden zulässig wäre (ich wage das zu bezweifeln!), ist es das der restlichen, nicht-feindlichen, Bevölkerung keineswegs. Denn: Wenn der Staat versucht, die Bevölkerung vor „Feinden und Gegnern“ zu schützen, dann achtet er sie nicht mehr. Und, wie eingangs schon erwähnt, geht das Achten vor dem Schützen. Und um einen weiteren Bogen zu schlagen: Feinde, Gegner und Bürger sind zweifellos Menschen mit Würde und Grundrechten. Und obwohl sie „unsere Lebensweise“ bekämpfen, muss der Staat sie dennoch mit aller Gewalt achten und schützen. Das heißt ja nicht, dass der Staat sie nicht zur Rechenschaft ziehen darf oder dass Sanktionen zu unterbleiben haben. Das heißt nur, dass ein Eingriff in die unverwirkbare Menschenwürde, denn den stellt die Überwachung dar, unzulässig ist.

Ein paar abschließende Worte zum Terrorismus

Ich habe bereits an anderen Stellen deutlich gemacht, dass Terrorismus als Methode im Kampf moralisch verachtenswert ist. Es ist aber falsch, verachtenswerte Methoden mit ebenso verachtenswerten Methoden zu bekämpfen. Statt dessen schließe ich mich einer Argumentation von Dietmar Mieth an: Terrorismus bekämpft man nicht mit Waffen und Überwachung. Terrorismus bekämpft man an der Wurzel – nämlich an den Gründen, die die Leute in eine derartige Verzweiflung treiben, dass sie zu solchen Methoden zu Kämpfen greifen. Bekämpft man diese Gründe (sie liegen meist auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene), haben die Personen, die da kämpfen, keinen Grund mehr, zu extremen Methoden wie dem Terrorismus zu greifen. Denn Terrorismus ist immer falsch. Es gibt keine Ausnahmen und keine Gründe und keinen Notstand, mag die Situation auch noch so extrem sein, die Terrorismus rechtfertigen könnten.

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