In letzter Zeit flattern in meiner persönlichen Filterbubble immer mehr Bedrohungsszenarien herum. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es die Bestrebung seitens der aktuell politisch Mächtigen gibt, uns Angst zu machen. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Muslimen – immer wieder, so scheint es, wird mir eingeredet, ich soll doch nun endlich mal gefälligst Angst haben! Die Welt ist ja schließlich gefährlich und wir hier in Deutschland sind in ganz besonders großer Gefahr. Also mal sehen…

Es ist schon wieder eine Weile her (ich glaube, es war vor zwei Wochen), da las ich einen Artikel, in dem es hieß, es gäbe tausende von islamistischen Dschihad-Kämpfern, die aus den „Kampfgebieten“ im Nahen Osten zurückkämen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an schweren Straftaten beteiligt waren. Oh – und die alle sind namentlich bekannt und man würde sie im Auge behalten. Nächster Stopp: Google. Wie viele „Gefährder“ es nun tatsächlich in Deutschland gibt, das weiß offenbar niemand so genau. Die Suche spuckt ein paar Artikel aus, in denen von zwischen 130 und 280 Leuten im Jahr 2015 die Rede ist. 120 waren es übrigens schon im August 2013. Und 2014 auch. Also irgendwie scheint da großer Copy&Paste-Journalismus eingesetzt zu haben. Man nimmt einfach die Zahl vom letzten Jahr und fügt sie im aktuellen Jahr ein. Oder rechnet einfach hundert drauf. Merkt ja keiner.

Dann gab es da zur Karnevalszeit Terrordrohungen bei Umzügen in Norddeutschland. Umzüge wurden abgesagt, angeblich kam es zu irgendwelchen Untersuchungen – und weiter hörte man nichts weiter davon (ehrlich gesagt, habe ich mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen wollen, schließlich fühle ich mich überhaupt nicht unsicher oder bedroht…).

Oh – und jetzt macht unser lieber Vizekanzler Werbung für die Vorratsdatenspeicherung, die nicht nur vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, sondern deren Richtlinie auf EU-Ebene vom EuGH einkassiert wurde, weil sie gegen Grundrecht verstößt. „Wir brauchen das“. Ja genau. Wir müssen alle überall und jederzeit lückenlos überwachen, weil wir alle, jederzeit und überall islamistische Terroranschläge verüben könnten.

Ok, fummeln wir die oben erwähnten Medienberichte mal völlig unfachmännisch zusammen (machen diejenigen, die die Artikel zum Thema Terrorismus verbrechen ja scheinbar auch), dann haben wir zwischen 120 und 280 mit Namen und Aufenthaltsort bekannte „Gefährder“ die möglicherweise schwere Straftaten begangen haben oder ihnen zumindest beiwohnten.

Na gut. Wir haben also ein völlig diffus konstruiertes Angstzenarium, auf dessen Basis die Polizei nun von unserem freundlichen Innenminister vermittels einer millionenschweren Finanzspritze mit mehr Munition und Personal ausgestattet werden soll, damit man potenziellen Bedrohungen auch mit ausreichend Waffengewalt entgegentreten kann. Damit sollte man zwischen 120 und 280 Leute, dann eine Weile lang in Schach halten können, denke ich. Und mit der neuen Anti-Terror-Einheit, die da gegründet werden soll, bestimmt auch. Sind ja nicht so viele, als dass es ein langer, komplizierter und vor allem verlustreicher Einsatz werden könnte.

Und was mache ich jetzt mit all diesen Halb-Informationen? Ich würde sagen: nichts. Ich habe nicht vor, mir jetzt unnötige Angst machen zu lassen. Ich habe ehrlich gesagt viel wichtigere Dinge, über die ich jeden Tag nachdenken muss, als über irgendwelche namentlich und mit Aufenthaltsort bekannten Verbrecher, bei denen sich unsere Behörden offenbar weigern, sie einfach festzunehmen. Genauso wenig habe ich nicht vor, mir Angst vor Muslimen machen zu lassen (nö liebe Regierung – da müsstet ihr euch jetzt schon was besseres einfallen lassen, als so diffuse und oberflächliche Meldungen, die über Jahre hinweg voneinander abgeschrieben und abgewandelt werden).

Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass der Rest der Bevölkerung sich von all dem auf Dauer beeindrucken lässt. Ich bemerke in letzter Zeit öfter eine emotional negative Einstellung gegenüber Ausländern. Selbst bei Leuten, bei denen ich das nicht vermutet hätte und bei denen sich eine solche Meinung früher nicht so ausgeprägt hatte. Der große Plan, den Menschen Angst vor „dem Fremden“ zu machen – also noch mehr, als es der psychologisch normal-gepolte Mensch ohnehin schon hat – scheint aufzugehen. Ich hoffe nur, dass sich hier doch noch ein bisschen die Vernunft durchsetzt und wir noch eine Weile lang in Frieden leben können. Das ist meiner Ansicht nach viel besser, als Angst voreinander zu haben.

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Warum #fixVDS das Ziel verfehlt

On 16. Dezember 2013, in Persönliches, Politik, by Ingo

Die Piraten schaffen es mal wieder, sich selbst ins Aus zu schießen. Es mag ja ganz lustig sein, mit der Aktion #fixVDS dazu aufzurufen, dem Justizministerium Briefe mit den belanglosen Tagesinhalten zu schicken, um damit gegen die Überwachung zu protestieren. Allerdings ist es nicht so lustig, als dass es mir jetzt mehr als ein müdes Lächeln abgewinnt. Nach Außen hin signalisiert die Aktion nämlich, dass die GröNpaZ (größte Netzpartei aller Zeiten) schlechthin nicht verstanden hat, wie das mit der Vorratsdatenspeicherung eigentlich gemeint war.

Liebe Piraten: Ihr solltet die Leute nicht dazu auffordern, ihren Tagesablauf zu schildern, sondern viel mehr ein Log ihrer Verbindungsdaten zu übersenden. Da kommen bestimmt auch ein paar Seiten Papier zusammen. 😉 Die Vorratsdaten beinhalten schließlich, wer mit wem, wan wie lange eine Verbindung hatte. Ob ihr dann, dem Trollen halber, „sexuelle Verbindung mit [Name] von [Uhrzeit] bis [Uhrzeit]“ mit in die Protokolle schreibt, sei euch überlassen. 😉

Oh – und wie wär’s mit Porn-Trolling? Da gab’s doch so schöne Demo-Plakate mit der Aufschrift „The NSA has photos of my penis“. Mir ging so durch den Kopf: „Die NSA hat Fotos von meinem Penis – ich hab sie ihnen geschickt!“ 😉 Also wenn jetzt Millionen Leute Fotos ihrer Genitalien an die Geheimdienste schicken und sie danach dann alle zu den Herren Urmann+Coll. laufen, um die Dienste wegen Betrachtung von pronografischem Material abmahnen zu lassen, schlägt das gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Alle ersticken in Arbeit. 😉

Sorry – just trolling…

Urheberrechtsgedanken

On 7. Dezember 2013, in Politik, by Ingo

Die Piraten schreiben in ihrem Parteiprogramm, dass Wissen frei und kostenlos mit allen geteilt werden soll. Wer Kunst oder Gedankengut produziert, der produziert es auf Basis von dem, was es schon gibt – es gibt Vorbilder oder Inspirationsquellen. Damit ist Wissen und Kunst im Grunde Gemeingut und soll jedem zugänglich sein. Soweit so gut. Trotzdem habe ich hier noch einiges zu kritisieren und wälze ein paar Gedanken dazu hin und her, wie man trotzdem im Internet Geld verdienen kann.

Etwas zurückgeben…

Das Argument, dass jemand, der ein Werk schafft (unabhängig, ob es nun Kunst oder Wissenschaft oder ein journalistischer Artikel ist), ja Inspirationsquellen hat, die schon im öffentlichen Raum existieren, greift zu kurz. Schließlich haben diejenigen, die diese Werke, die als Inspiration dienen, geschaffen haben, ja auch irgendwann einmal von etwas gelebt. Sie haben diese geschaffenen Inhalte verkauft (ja, auch an böse Verwertungsgesellschaften und/oder Verlage). Das heißt: Die Inspirationsquellen musste auch irgendwann einmal eingekauft werden, sodass es im Grunde legitim ist, wenn man auch für die daraus entstehenden Werke bezahlt. Klar ist, dass die Art und Weise der Bezahlung eine andere sein muss. Aber dass in irgendeiner Form Geld den Besitzer wechseln muss, ist ein notwendiger Bestandteil des Produzierens von Werken.

Warum auch im Internet bezahlt werden muss

Es liegt meiner Ansicht nach auf der Hand, dass die „Kostenlos-Kultur“ zum einen weder so kostenlos ist, wie sie zu sein scheint. Zum anderen funktioniert sie auch gar nicht. Wenn etwas kostenlos ist, dann wird Werbung geschaltet. Werbung ist immer mit einem großen Fluss an Daten verbunden. Letztlich ist man dann nicht mehr Kunde, sondern eher Produkt – man wird als Konsument des Inhalts an den Werbetreibenden verkauft. Das ist moralisch verwerflich, wird aber gemacht. Ja, auch von mir, somit bekleckere ich mich nicht gerade mit Ruhm, aber ich überlege gerade an einer Lösung dieses Problems. Das andere Problem ist: Selbst wenn jemand sich von anderen, schon vorhandenen Werken inspirieren lässt, investiert er ja eine bestimmte Menge Zeit darin, sein eigenes Werk anzufertigen. So ein Text entsteht nicht einfach aus dem nichts, ein Lied, ein Video, ein Kunstwerk – all das entsteht über eine bestimmte Zeit hinweg. Es kann auch nur entstehen, wenn derjenige, der das Werk anfertigt, einen funktionierenden Stoffwechsel hat. Um den haben zu können, muss er sich von irgendetwas ernähren. Ausgeruht sein hilft ebenfalls ungemein. Mit anderen Worten: Man muss irgendwo wohnen und irgendwas essen. Ganz zu schweigen von den Werkzeugen, die man benutzt, um das Werk anzufertigen. Dieser Text entsteht beispielsweise auf einem Computer, ein Musikstück benötigt Instrumente, Aufzeichnungsgeräte und Schnittsoftware und überhaupt braucht Kreativität ein kostbares Gut, dass immer wieder vergessen wird: Zeit. Wohnung, Nahrung und Werkzeuge kosten Geld. Und das zwangsläufig. In einer Diskussion eben meinte mein Technikredakteur David sinngemäß: „Du kannst ja niemanden zwingen, was dafür zu bezahlen. Wenn die Leute es nicht kostenlos kriegen, nehmen sie’s halt nicht.“ Nun ja, wenn ich meine Wohnung nicht bezahle, dann kann mein Vermieter mich früher oder später dazu zwingen auszuziehen. Und wenn ich meine Stromrechnung nicht bezahle, dann stellt der Stromanbieter den Strom halt irgendwann ab. Das geht aber jedem so. Jeder von uns, wird dazu gezwungen, bestimmte Ausgaben zu haben. Zumindest solange man nicht auf der Straße leben will. Es ist also im Großen und Ganzen normal, für Dinge zu bezahlen, die man nutzt. Warum sollte es dann nicht auch normal sein, für Dinge im Internet, die man nutzt, zu bezahlen?

Wie man bezahlen könnte

Mir gingen nun ein paar Ideen durch den Kopf, wie und wofür bezahlt werden könnte. Erst dachte ich an Dienste wie Flattr. Schöne Idee, funktioniert (für mich) aber nicht. Entweder nutzen meine Leser Flattr einfach nicht – oder sie finden meine Inhalte so schlecht, dass sie mir dafür nicht mal die paar Cent für den Inhalt geben wollen. Schade eigentlich. Flattr scheint aber bei Podcastern ganz groß anzukommen. Da ist durchaus was in Planung, aber ob es wirklich etwas einbringt, wovon ich leben könnte ist fraglich. Ich halte es zumindest für relativ unwahrscheinlich. Spenden-Buttons? Die wirken auf viele Leute eher bettelnd. Und Bettler werden ja eher schlecht angesehen (dabei ist es, meiner Ansicht, nach für jemanden, der nichts hat, durchaus eine legitime Forderung um etwas von jemandem zu bitten, der mehr hat, als er essenziell benötigt, schließlich kann eine Gesellschaft nur dann existieren, wenn alle Mitglieder sich gegenseitig unterstützen). Dann dachte ich an Micropayment-Dienste. Was man aus Computerspielen kennt, auf das Internet übertragen: „Möchtest du diesen Text in pink mit goldglitzerndern Sternen lesen? Dann zahl doch bitte 30 Cent dafür und wir formatieren ihn um. Höherer Kontrast, Druckvorlage, PDF? X Cent und der gewünschte Dienst steht zur Verfügung.“ Ein DLC für die Medienwelt, wenn man so will. Es ist zwar schon im Produkt enthalten, wird aber erst nach Zahlung freigeschaltet. Der Ursprungsinhalt bleibt dabei kostenlos und frei für alle nutzbar online. Will man ihn aber auf eine andere Art und Weise darstellen, exportieren, auf dem Smartphone oder Tablet lesen – dann kostet das einen kleinen Betrag.

Kulturflatrate? Ja! Aber bitte OpenSource…

Der Gedanke an eine Kulturflatrate war dabei umso verlockender. Da stecken dann aber zahlreiche Probleme dahinter, die ich allein kaum lösen kann. Technische, gesetzliche, soziale… aber ich lasse meine Gedanken einfach mal weiter kreisen: Angenommen, jeder (wirklich jeder!) würde 1% seines Einkommens in einen großen Kultur-Topf zahlen. Ein völlig fiktiver Beitrag, der vermutlich überhaupt nicht ausreicht, aber wie hoch das sein muss, um effektiv zu funktionieren, müsste ich noch länger überlegen. Dann kommen die Werkeersteller, melden sich an diesem Topf an und bekommen eine Ausschüttung. Soweit, so gut. Klingt wie GEMA? Nein, nicht ganz. Die ist ja nur für Musik zuständig. So, wie die VG Wort für uns Wörterschmiede zuständig ist, der Beitragsservice von ARD ZDF und Deutschlandfunk, für den Rundfunk zuständig ist und es vermutlich noch zahlreiche andere Verwertungsgesellschaften gibt. Es bräuchte eine Art „Meta-Verwertungsgesellschaft“. Klingt wie Mammut-Unternehmen mit Horror-Verwaltung? Ja, auf den ersten Blick schon. Muss es aber vielleicht gar nicht sein. Wie so etwas verwaltet werden muss, kann ich nicht sagen. Wie gesagt: Es bräuchte Juristen, Wirtschafter und vielleicht auch eine politische Richtlinie, um die Idee überhaupt auf Kurs zu bringen. Das kann ich hier ja nun nicht in einem, in einer Stunde runtergeschriebenen, Gedankensammel-Blogbeitrag ausformulieren.

Nun, diese Meta-Verwertungsgesellschaft sollte so transparent wie möglich gehalten sein. Jeder sollte erfahren können, was eingenommen wird und was ausgezahlt wird. Und, was die Verwaltung so kostet. Schließlich gibt es da eine Menge Infrastruktur und Mitarbeiter, die ja auch Miete bezahlen und essen müssen. Das ganze System sollte also „quelloffen“ sein, sodass jeder jederzeit sehen kann, wer was macht und wie viel Geld von wo nach wo fließt.

Natürlich gibt es hier noch zahlreiche offene Fragen. Zum Beispiel: Wer bekommt wie viel aus dem großen Kulturtopf ausgezahlt? Habe ich als Blogger mit relativ wenig Kosten den gleichen Anspruch, wie ein Podcaster mit teurem Equipment? Oder sollte es gar nicht davon abhängen, welche Werkzeuge benutzt werden, sondern vielmehr davon, was jemand zum Leben braucht? Da wären wir dann in der Nähe eines Grundeinkommens, nur dass es nicht bedingungslos ist, sondern daran geknüpft, dass tatsächlich Inhalte für die Allgemeinheit produziert werden. Hier sollte es, meine Meinung nach, keine Staffelung geben. Also nicht etwa: Podcaster und Leute, die Videos machen bekommen mehr als Blogger, weil letztere ja weniger Aufwand haben. Das wäre eine ungerechte Benachteiligung und würde nur dazu führen, dass viel weniger Textbeiträge entstünden. Und es gibt halt so Leute wie mich, die von sich glauben, dass sie halbwegs unfallfrei schreiben können und allerhöchstens ein Radiogesicht haben, aber für Videos nicht viel übrig haben. Die Idee ist also ein „Staffelungsfreies Grundeinkommen für Medienproduzenten“.

Von der Verwertungsgesellschaft zur globalen Kulturabgabe

Spinne ich den Gedanken also mal zu Ende: Wenn wirklich jeder, unabhängig von seinem Einkommen oder seiner sozialen Bedürftigkeit, 1% seines Einkommens in einen Topf einzahlt und wirklich jeder, der Inhalte produziert und für die Allgemeinheit publiziert davon ein lebensfähiges Einkommen ausbezahlt bekommen würde, wäre vermutlich allen geholfen. Und damit könnte dann auf Werbung verzichtet werden, niemand müsste mehr von Werbetreibenden ausspioniert werden und die produzierten Inhalte könnten von jedem zu allen Zwecken frei und nach Gusto verwendet werden.

Das wird vermutlich niemals klappen, weil für Werbung und Co. Immerhin ein Milliardengeschäft mit starkem Lobbyismus ist. Aber: Auch Leute die Werbung für ein Produkt machen, erstellen Inhalte für die Allgemeinheit. Man müsste diese Meta-Verwertungsgesellschaft also nicht lokal, sondern global denken. Wenn also die gesamte Weltbevölkerung jeweils 1% des Einkommens in den Topf wirft, dann ist genug für alle da, die da Inhalte erstellen und Werbung machen wollen. Denn je größer der Topf ist, desto größer ist auch die Summe, die am Ende an die Inhaltsproduzenten ausgezahlt werden könnte. Das ganze global zu denken rechtfertigt schon die Tatsache, dass wirklich jeder Mensch auf der Welt (gut, es mag wenige Ausnahmen geben) tatsächlich irgendeine Form von Medium konsumiert. Es bräuchte also eine Kooperation aller Verwertungsgesellschaften weltweit, um eine Art „Globale Kultursteuer“ zu erheben. Und das ist auch gar nicht undenkbar, denn wenn jeder Staat seine eigene Meta-Verwertungsgesellschaft gründet, die sich auf die Idee der maximalen Transparenz und der maximalen Gerechtigkeit (also gerechte Zuteilung der Einnahmen, was immer darunter verstanden werden möge), dann wird das System dezentral.

Vielleicht ist das alles eine totale Illusion. Aber ich mag sie. J

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Alle liefen auf ihre Ketten zu, im Glauben, ihre Freiheit zu sichern; denn sie hatten zwar genügend Vernunft, um die Vorteile einer politischen Einrichtung zu ahnen, aber nicht genügend Erfahrung, um deren Gefahren vorherzusehen. [1]

Seit Wochen erregen sich die Gemüter im Internet, weil nun bekannt wurde, dass alles was irgendwie elektronisch kommuniziert wird, überwacht und analysiert wird. Im Namen der Sicherheit und der Freiheit wird jedwede Kommunikation automatisch analysiert. Und eigentlich sollte das ein Skandal von außerordentlicher Tragweite sein – ja sogar ein kriegerischer Akt, wenn in einem derartigen Maße spioniert wird. Die Offline-Welt dreht sich allerdings ungerührt weiter. Warum auch nicht? Die Bürger gehen davon aus, dass unsere Regierung wusste, in welchem Umfang überwacht wird, ihre Wahlentscheidung wird sich dadurch aber nicht ändern. Und die Bundesregierung wartet erst einmal ab, was die amerikanischen Freunde in ihrer Untersuchung über die Anschuldigungen zu Tage bringen. Dass hier nicht mehr viel untersucht werden muss, dürfte klar sein. Die Geheimnisse liegen auf dem Tisch und es kommen immer mehr ans Tageslicht. Das sich nun aber nicht auf die Weise aufgeregt wird, wie sich aufgeregt werden müsste, ist für mich fast schon verständlich.

Die unsichtbaren Ketten der Freiheit

Bisher konnten wir uns alle frei fühlen. Tun und denken, was wir wollten, ohne große Konsequenzen. Selbst dann, wenn es staatskritische Gedanken waren und selbst dann, wenn aktuell politisch heiße Themen behandelt wurden. Es herrschte bisher Meinungsfreiheit und auch kritische Meinungen durfte frei geäußert werden. Ja, wir durften uns frei fühlen.
Jetzt wissen wir, dass wir niemals frei waren. Schon seit Ende des zweiten Weltkriegs haben die alliierten Streitkräfte umfangreiche Abhörbefugnisse. Postkontrolle, Abhörung von Telefonen durch das Echelon-Programm und jetzt die Kontrolle sämtlicher digitaler Kommunikation und jeder Datenbewegung durch Programme wie Tempora und Prims. Mit anderen Worten: Ich bin unfrei geboren, unfrei aufgewachsen und fühlte mich dennoch frei.

Wenn ich jetzt weiß, dass ich niemals frei war, sondern dass ohnehin all meine Kommunikation mehr oder weniger automatisch und nunmehr durch Algorithmen überwacht wurde, ändert sich dann etwas für mich? Nun, qualitativ ändert sich mein Gefühl. Unterschwellig habe ich Angst. Da muss es also das eine oder andere Expertensystem geben, das mich kennt. Ein System, dass weiß, was ich kaufe, was ich mag, was ich denke, wie ich fühle und wie ich auf Umweltveränderungen reagiere. Irgendein System kann besser vorausberechnen, was ich tun werde, als ich es selbst vorhersehen kann. Würde ich an ein Konzept wie die Willensfreiheit glauben, hätte ich jetzt eine ernsthafte Sinnkrise. Nein, vielmehr fürchte ich, dass irgendetwas von dem, was die Systeme über mich wissen, gegen mich verwendet werden könnte. Eine diffuse Unsicherheit macht sich breit.

Wir waren schon immer ein Überwachungsstaat

Eine derartige Angst ist aber vernünftig gar nicht zu begründen. Ich weiß jetzt, dass ich niemals frei war. Die Wächter vor meinem Arbeitszimmer hatten nie die Absicht, mich raus zu lassen – ich wusste nur nicht, dass sie da sind und ich wollte auch nie raus. Vernünftig muss ich keine Angst haben – denn, wenn eines der Expertensysteme auf die Idee gekommen wäre, dass ich potenziell gefährlich wäre, hätte es vermutlich schon vor Jahren Alarm geschlagen.

Unter diesen Aspekten ist mir vollkommen verständlich, dass die Bundesregierung erst einmal gar nichts macht und das Ganze aussitzen will. Auch die Aussagen von Herrn Friedrich werden sinnvoll. Die Technologie wird seit Jahrzehnten immer besser und seit dem zweiten Weltkrieg werden wir alle offiziell abgehört. Aber auch schon davor, denn die GeStaPo und die Stasi dürfen wir ja nicht vergessen.

Wenn sich in einem überwachten Staat die Aktivisten dagegen auflehnen, dass Unternehmen Daten sammeln, weil sie ja Kontrolle ausüben könnten, die jenseits einer demokratischen Kontrolle ist, wirkt das geradezu witzig. Und auch wenn sie sich jetzt gegen staatliche Überwachung auflehnen, wird es nicht viel besser. Es gab nie etwas wie eine demokratische Kontrolle. Auf dem Papier haben wir Grundrechte. Und manchmal werden sie sogar beachtet. Aber auch wir hier in Deutschland kennen Menschenrechtsverletzungen zu Genüge (ich denke nur an das Asylrecht).

Nun gut. Also bleiben wir ruhig (Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, hieß es ja schon im Kaiserreich), und vergessen die unsichtbaren Ketten unserer Freiheit wieder. Sprengen werden wir sie auf friedlichem Wege kaum können.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Jean-Jacques Roussau, 2. Diskurs, 2. Teil, S. 219., gefunden hier: http://www.thomasfleiner.ch/files/categories/Lehrstuhl/Rousseau.pdf
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