Müll mit Schokoüberzug

On 29. Juni 2015, in Fundstück, Persönliches, by Ingo

Eben beim Industrie-Bäcker um die Ecke:

Ich bestelle ein Kuchenteil, das auf den melodischen Namen „Granatsplitter“ hört. Allein deswegen musste ich es schon kaufen. Fragt mich die Verkäuferin: „Hen Sie des scho’mal g’esse?“

„Nö, deswegen will ich’s ja probieren.“

„Mich würd interessieren, was drin isch.“

„Mich auch. Deswegen kauf ich’s ja…“

Eine andere Kundin neben mir:

„Ach da nimmt man so Reschde und machd a Ard Bisquitteig draus.“

„Aha. Müll mit Schokoüberzug. Und ich dachte, Sie wissen, was Sie da verkaufen.“

Naja. Irgendwie geschmeckt hat’s trotzdem. Zumindest den kurzzeitigen Kalorienbedarf gedeckt.

  

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Facebook – Schwachsinn in Bildern

On 4. Dezember 2013, in Persönliches, by Ingo

Kürzlich habe ich mich noch darüber aufgeregt, dass es bei Facebook scheinbar Volkssport zu sein scheint, pseudo-spirituelle, pseudo-lustige oder pseudo-moralisierende Sprüche auf Bildern zu teilen. Meist verbreitet von Seiten, deren Namen allein schon dafür sorgen, dass sich mir vor Entsetzen die Fußnägel hochrollen und ich zum vierten Bier des Abends greifen muss, damit mein intellektuelles Niveau sich dem Inhalt des Dargestellten anpasst. Vor allem aber sorgt das Alkoholniveau für eine friedfertige Stimmung, die verhindert, dass ich, ob des völligen Schwachsinns, der dort meine Großhirnrinde beleidigt, ausraste und Hater-Kommentare poste.

Ich kann nicht anders, als nun doch einen Hater-Kommentar zu schreiben. Bringt nichts (vor allem die Leute, die diesen Kram verbreiten nicht zur Vernunft) – dafür fühle ich mich besser.

Da flatterte vorhin erst wieder folgendes Sprüchlein durch meine Timeline:

„Wenn Du nur tief genug bedenkst, dass jeder Augenblick deines Lebens ein Geschenk ist, dann kannst Du nicht anders, als dankbar zu sein.“

Verbreitet von jemandem der auf Facebook den Namen „Professioneller Verrückter“ trägt.

Lieber Verrückter: Sag das doch Mal Leuten, die mit Krebs dahinsiechen und jeden Augenblick nur deswegen ertragen, weil sie von stärksten Schmerzmitteln betäubt werden. Die sind bestimmt total dankbar dafür, dass die das erleiden dürfen. Super Idee. Ehrlich. Oder den Kindern, die ihre Eltern durch einen CIA-Drohnenangriff in Afrika verlieren. Die sind bestimmt total dankbar für diesen Augenblick in ihrem Leben, in dem ihre Eltern (durch einen bedauerlichen Verwaltungsirrtum) für unser aller Sicherheit ermordet werden. Ich werde auch ganz bestimmt genauso dankbar sein, wenn mir das nächste Mal ein Dumpinglohn angeboten wird, bei dem ich mich frage, wovon die Leute, die so etwas anbieten, glauben, dass ich leben soll. Ganz ehrlich? Ich bin überhaupt nicht dankbar für all den menschenverachtenden Mist, der mir Tag für Tag vor die Füße geworfen wird. Und ich sehe auch überhaupt nicht ein, warum ich auch noch Geld dafür ausgeben sollte, um zu lernen, dankbar für Sachen zu sein, die eine derartige Einstellung nicht im Geringsten rechtfertigen. Denn wenn man nur tief genug darüber nachdenkt, dann gibt es dann und nur dann einen Grund dankbar zu sein, wenn einem etwas, das man braucht oder haben möchte, ohne eine große Gegenleistung gewährt wird.

Als Nächstes flatterte dann folgendes Sprüchlein (natürlich auf einem Bild) durch die Timeline:

„Ich bin derart müde,ich könnte sofort arbeiten gehen.“

(Tippfehler im Original), verbreitet von einer Seite namens „Ey GeSiChTsKiRmEs iSt kEiN FaHrGeScHäFt“ (auch hier – angeblich coole Teenyschreibweise des Seitentitels im Original).

Liebe Seitenmacher – bitte tut es! Bitte geht arbeiten! Dann habt ihr nämlich keine Zeit, derartig unsinnige Sachen zu verbreiten. Bitte, bitte! Wenn ihr es dabei schafft, nicht dankbar zu sein, dann bekommt ihr sogar noch einen Bonuspunkt im Wutbürgertum dazu.

Auch sehr schön das Bild mit folgendem Spruch:

„‚Träumen Sie?‘ – ‚Ne Chef, ich kommuniziere gedanklich auf einer Frequenz für Fledermäuse um zu erfahren, wie Batman das Problem lösen würde.‘“

Verbreitet von einer Seite namens „Wer zuletzt lacht, hat es nicht eher begriffen. ツ“

Ich glaube, ich habe es nicht begriffen. Aber ich weiß, wie Batman das Problem lösen würde. Er würde aus dem Tumbler springen, die Grappling Gun zücken, einen Enterhaken in die nächste Wand schießen, sich zum Dach hochziehen, und demjenigen, der solche Sprüche erfindet, einen Batarang an den Kopf zu werfen. Damit ist derjenige K. O. und das Problem vorerst gelöst. Wobei, vielleicht nicht ganz. Als Nächstes käme dann vermutlich ein Bild mit dem Inhalt „askduolfh“ wenn der Bildermacher mit dem Kopf auf die Tastatur aufschlägt. Ich wette, auch das würde tausendfach geteilt und geliked, einfach weil das ja so gemacht werden muss…

Ich habe schon mindestens 100 dieser bilderverbreitenden Seiten blockiert. Und es werden tagtäglich mehr. Pseudo-buddhistische Weisheiten, pseudo-optimistische Lebensbejahung, pseudo-witzige Sprüche über, die man nur lachen kann, wenn man volltrunken ist, pseudo-philosophische Lebenstipps… es ist einfach unglaublich, wie viel von diesem Zeug sich auf Facebook verbreitet – und wie viele Leute tatsächlich nichts Besseres zu tun haben, als es zu teilen, zu liken, zu kommentieren und mit diesem Quatsch Traffic generieren.

Was können eigentlich die Facebook-Psychoanalyse-Algorithmen über das Kaufverhalten und den Happyness-Index der Leute berechnen? Ich meine: Ich allein kann schon sagen, dass fast alle, die diese Pseudo-Weisheiten verbreiten, in irgendeiner Form Missbrauchsopfer sind, die vermutlich glauben, dass die Verbreitung eines solchen Spruchs ihr Leben auf irgendeine Weise signifikant beeinflusst oder verbessert oder positives Denken nach außen kommuniziert, wo eigentlich gar keins ist. Woher ich das mit den Missbrauchsopfern weiß? Ich hab sie gefragt. Und wenn ich schon mit so einfachen Mitteln (wie „einfach mal ganz platt fragen“) schon so eine Korrelation herstellen kann, was können dann die Psychoanalyse-Algorithmen von Facebook und Google erst alles bewerkstelligen? Wenn ich so darüber nachdenke, geht die Werbemasche auf: Einerseits werden Bilder mit hohlphrasigen Sprüchen verbreitet, andererseits gibt es Werbeeinblendungen für den millionsten Glücksratgeber, der Glück, Reichtum und Erfolg verspricht – und das vor allem für den Produzenten des Werks. Oder für eine klinische Studie, in der Psychopharmaka getestet werden sollen. Oder für Singles in deiner Umgebung – jetzt live bei Facebook. Oder auch für Casual-Dating-Seiten. Oder, oder, oder…

Liebe Freunde… derjenige von euch, der mir als Erstes ein Browserplugin empfiehlt (oder es programmiert), mit dem ich diese Machwerke, welche sich unterhalb der Schöpfungshöhe von Kuhfladen bewegen, automatisch ausblende, blockieren, vernichten und auf ewig in den Hades schicken kann, wird von mir reich belohnt. Ich backe Kuchen.

 

 

 

The cake is a lie

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Uni-Survivor: Und ewig lockt das Weib

On 11. November 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Nur nicht uns Philosophen. Also, schon; aber nicht im herkömmlichen Sinne. Und auch nicht so, wie es vermeindliche Volvicmädchen vielleicht tun. Das Paarungsverhalten von Studierenden, insbesondere das von Philosophen, scheint eine hochkomplexe Angelegenheit zu sein, die gar nicht so leicht zu verstehen ist. Hier eine (nicht abschließende) Betrachtung.

In Soziologie-Vorlesungen und -Seminaren bekommt man erzählt, dass so eine Universität ja nicht nur eine der höchsten Bildungseinrichtungen ist, die man besuchen kann, nein, sie ist auch ein gut funktionierender Heiratsmarkt. Je nach theoretischer Basis (und damit auch Studienfach), steigt der Schwierigkeitsgrad bei der effektiven Partnerwahl exponentiell an.

An dem Fach des Mannes erkennt man den…

Die Männchen unter den Studierenden haben es mit einer Fächerkombination aus Sportwissenschaften und BWL besonders leicht. Damit wird zum einen ein gesunder, gut trainierter Körper sichergestellt und zum anderen ein Fach, dass jeden Personalchef jubeln lässt (auch dann, wenn man es für den angestrebten Job überhaupt nicht braucht). Ein solches Männchen suggeriert also körperliche Fitness und eine sichere Einnahmequelle. Auf jeder Studentenparty sind damit Intimkontakte in dunklen Ecken und später in chaotischen Wohnheimwohnungen garantiert.
Das Nebenfach Germanistik dagegen wirkt schon eher abschreckend (es suggeriert, später einen dickbäuchigen Taxifahrer zu Hause sitzen zu haben, der seinen früher so flotten 3-Tage-Bart nunmehr bis zum Bauchnabel wachsen lässt, wobei letzterer in Form und Farbe einem Granateneinschlagskrater nicht unähnlich ist) und kann nur dann helfen, wenn die Männchen in den Lyrik-Seminaren gelernt haben, mit welchem Ductus die Weibchen am ehesten zu umgarnen sind.
Psychologen operieren auf diesem Feld eher mit positiven Schlüsselreizen und Konditionierung. Schließlich glauben sie zu wissen, worauf es ankommt. Der Nachteil ist, dass alle potenziellen Weibchen glauben, das Psychologen-Männchen könnte Gedankenlesen und würde jeden Satz sofort analysieren und auf Probleme in der Kindheit schließen. Das ist nicht ganz falsch – aber auch nicht ganz richtig. Immerhin sagte ja der gute alte Siggi Freud selbst schon, dass eine Zigarre manchmal auch einfach nur eine Zigarre ist.

Das Balzverhalten

Und wir Philosophen? Da wird‘s besonders schwierig. Potenziell paarungswillige Weibchen nähern sich zumeist auf eher subtiler Ebene und versuchen unverfängliche Gespräche einzuleiten. Allerdings verbleiben sie auch auf eben dieser unverfänglichen Ebene, denn „flirten“ liegt uns Philosophen nicht gerade im Blut. Im Gegenteil: Wenn ich mit, möglicherweise erotisch angehauchten, Anspielungen konfrontiert werde, fange ich an, sie begrifflich zu analysieren und hinterfrage ihren Wahrheitsgehalt. Auf den all-time-favourite-Anbaggerspruch „Ganz schön warm hier, kommste mit raus?“ Tippe ich kurz auf die Uhr um das Thermometer aufzurufen und warf einen Blick auf die Wetter-App im Smartphone. Meine Antwort „Hier drin sind’s 21,3 °C und draußen 14 °C – also ich find’s hier drin ganz angenehm…“ Offenbar war der Wetterbericht gerade nicht gefragt.
Recht beliebt sind allerdings unsere klaren, analytischen Fähigkeiten. Hat man sich freiwillig oder unfreiwillig als Philosoph geoutet, wird die Meinung zu allerlei wichtigen oder unwichtigen Erlebnissen im Leben des Weibchens plötzlich total interessant. Dabei werden vor allem die negativen Erlebnisse mit etwaigen Exfreunden in den Mittelpunkt gerückt. Mit anderen Worten: Wir sind total gute Seelenklempner und Kummerkästen, schließlich kann man den Psychologen nicht trauen, die analysieren einen ja selbst, während wir Philosophen nicht die Person analysieren, sondern das Problem, dass sie hat.

Um so komplizierter wird dann das Balzverhalten, wenn unsereins Interesse an einem Weibchen bekundet. Für gewöhnlich, in der Welt außerhalb universitären Scheinwelt, wird es ja von uns Männern erwartet, dass wir den Damen Aufwartungen machen (ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum eigentlich?). Allerdings wurde ich in solchen Situationen regelmäßig damit konfrontiert, dass eine hohe geistige Anziehungskraft mit einer offenbar um so gravierenderen, körperlichen Abstoßung einhergehen. Da reichten dann oftmals unbedeutende Kleinigkeiten aus. Zu meinen Lieblingsbeispielen zählt eine junge Dame, die mir, auf meine recht offene Gefühlsdarlegung recht unverblümt bescheinigte, dass ich zwar intelligent, witzig, kreativ, großmütig, freundlich, aufmerksam, verständnisvoll und insgesamt ein total toller Mensch wäre – aber leider 10 cm zu klein. Ein Faktor, der, meinen Beobachtungen zufolge, in direkter Kohärenz mit den intellektuellen Fähigkeiten steht. Mir scheint, je dümmer jemand ist, desto kleiner darf er sein. Intelligenz macht sexy? Wer hat sich diesen Schwachsinn bitte einfallen lassen?

Das Philosophen-Weibchen

Philosophen sind eine Klasse für sich – zumeist sind sie stark alternativ geprägt und eliminieren ihren Individualismus durch Eintreten in die Masse der Neo-Hippies, Hipster oder Goths. Da spricht für mich nichts gegen, im Gegenteil, ich fühle mich da sogar pudelwohl. Die Weibchen allerdings strahlen entweder die sexuelle Anziehungskraft einer handsignierten Kant-Erstausgabe aus signalisieren nach außen hin ihre Zugehörigkeit zu etwaigen Sado-Maso- oder Bondage-Gruppierungen. Zwanghaft alternativ in jeder Lebenslage. Schon klar.
Es wäre nun aber viel zu kurz gegriffen, würde Männchen und Weibchen während des Balztanzes sich nicht gegenseitig ob ihrer zu Grunde liegenden Sexualmoral intensiv prüfen. Da gibt es dann auch schon die ersten Schwierigkeiten: Wohingegen die einen (weil ja total alternativ und so) behaupten, dass die Gesellschaft endlich ihre aus dem Mittelalter stammenden Moralvorstellungen ablegen sollte und Sexualität ja etwas total offenes, freies und jedem zugängliches sein sollte (eher so ein pansexueller Ansatz), sehen sich die anderen einer höheren Moral verpflichtet, der sich der niedere Trieb gefälligst unterzuordnen habe. Schließlich habe Monogamie nichts mit Monotonie zu tun. Zwischen diesen beiden äußersten Polen gibt es dann noch unzählige Abstufungen und Möglichkeiten, Regeln, Ausnahmen, Spontanentscheidungen und, und, und… Um „spontan mal wen abzuschleppen“ studiert man einfach das falsche Fach (und das ist völlig geschlechtsunabhängig).

Poppst du schon oder analysierst du noch?

Eins der Kernprobleme beim Paarungsverhalten von Philosophen, ist die Tatsache, dass wir ja nichts ohne Grund tun. Wie soll ich denn etwas tun, ohne dass es einen rationalen Grund dafür gäbe? Reine Triebhaftigkeit? Schön und gut. Und was sind die Bedingungen der Möglichkeit, dass es einen Grund für die Aufrichtigkeit eines Paarungsversuches geben könnte? Immerhin gibt es ja ansonsten immer einen oberflächlichen Makel, der vorgeschoben wird, um jedwedes Balzverhalten umgehend im Keim zu ersticken.

Ich für meinen Teil beschloss, derlei weltliche Problematik beiseitezuschieben. Es kostet einfach zu viel Zeit und Aufmerksamkeit, sich mit den moralischen, psychologischen, wirtschaftlichen und physischen Zusammenhängen des menschlichen Balzverhaltens auseinanderzusetzen. Und im Grunde hatte ich in den letzten Jahren ja auch genug zu tun: Studieren zum Beispiel. Und mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass ich das menschliche Paarungsverhalten denjenigen überlasse, die sich dafür am besten eignen. Sportstudenten zum Beispiel; die scheinen damit nicht so viele analytische Probleme zu haben. 😉

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Als ich mit dem Studium anfing, hörte ich es aus dem Bekanntenkreis gern mal: „Du bist ja jetzt so’n fauler Student und kannst bis mittags schlafen…“ Spätestens, wenn dieser Satz fiel, war mir klar: Nicht Killerspiele erzeugen Amokläufer. Aber dumme Kommentare von vorurteilsbehafteten Mitmenschen könnten durchaus dazu in der Lage sein. Wie sieht nun aber so ein typischer Studententag aus? Nun, meiner sah, rein exemplarisch, etwa so aus:

Es ist Mitte November, das Wetter draußen ist so freundlich wie ein Klingone von der Steuerprüfung. Die Temperatur beträgt 2 °C, ein leichter Regen wird vom Wind in Wellen über die Straßen getrieben und die Sonne hält auch nicht viel davon, sich wenigstens hinter Wolken zu verstecken…

06:30 Uhr: Das Handy zerfetzt mit einem „Roter Alarm“-Weckton jeden noch so freundlichen Traum. Ich schwinge mich aus dem Bett, schlurfe, an der Küche in der ich die Kaffeemaschine einschalte, ins Bad und fühle mich schon mit der Kloschüssel unter mir gehetzt. Irgendwer musste das erste Seminar auf 08:15 Uhr legen. Der Raum wäre ansonsten nicht frei gewesen. Das hat das Facillity Management so beschlossen, da könnte man nichts machen. Während ich dusche und mir die Zähne putze, denke ich, dass ich spätestens den Zug um 07:28 Uhr bekommen muss. ‚07:28 Uhr‘ dreht es sich in meinem müden Schädel und wird zu einem bedrohlichen, alles ausfüllenden Mantra.

06:59 Uhr: In einer Hand das Brot und in der anderen die Kaffeetasse jongliere ich zurück ins Zimmer. Nochmal schnell Mails lesen – vielleicht fällt ja was aus -, kauen, schlucken mit viel zu heißem Kaffee runterspülen. ‚Deswegen merken die Leute so schnell eine Wirkung vom Kaffee,‘ denke ich, ‚sie erleiden einfach nur innerlich gekochte Magenschleimhäute.‘ Während ich Laptop, die am Vortag gefüllte und im Kühlschrank deponierte Brotdose, eine Wasserflasche und diverse Bücher in meinem Rucksack verstaue, blicke ich aus dem Fenster. Feuchtkalte Finsternis, die nur vereinzelt von Autoscheinwerfern unterbrochen wird, beleidigt meine Augen.

07:12 Uhr: Mit etwa 10 kg zusätzlicher Nutzlast auf dem Rücken rase ich auf meinem Rad dem Bahnhof entgegen. Der Regen bahnt sich seine Weg durch meine Jacke – alles unterhalb der Hüfte fühlt sich an, als wäre es in einen frischgefrästen Eisblock eingefasst worden.

07:20 Uhr: Ich fluche hinter einem Autofahrer her, der völlig unerwartet, ohne zu blinken oder seinen hohlen Schädel zu drehen vor mir rechts abbog. Geschwindigkeit und Zusatzgewicht hätten jeden Bremsvorgang meinerseits zu einem völlig sinnlosen Unterfangen gemacht. Doch statt wie ein Stuntman über eine Motorhaube zu rollen, schaffte ich es noch mit einem wilden schlenker vor dem wild hupenden Auto auszuweichen. Als ob ICH derjenige gewesen wäre, der hier die Augen nicht aufgemacht hat. Arschloch!

07:28 Uhr: Verschwitzt, durchnässt, durchgefroren und überhaupt nicht gut gelaunt sitze ich im Zug. Hechelnd und mit Herzrasen ziehe ich die Mütze aus und stopfe sie in den Rucksack. ‚Gerade noch geschafft,‘ denke ich. „Sehr geehrte Fahrgäste, auf Grund der Überholung durch einen Fernverkehrszug verzögert sich die Abfahrt dieses Zuges um wenige Minuten. Wir bitten um Entschuldung.“
‚NEIN!‘ Denke ich. ‚IHR KÖNNT EUCH EURE ENTSCHULDIGUNG DA HINSTECKEN; WO NIEMAND SIE JEMALS FINDEN WIRD! ICH BIN FAST ÜBERFAHREN WORDEN, HOLE MIR HIER BEI DIESEM MISTWETTER DEN TOD UND QUÄLE MICH ZU UNCHRISTLICHEN ZEITEN DURCH DIE GARSTIGE DUNKELHEIT, NUR UM PÜNKTLICH IN DIESEM SCHEIßZUG ZU SITZEN UND IHR HABT DIE FRECHHEIT EURE DÄMLICHEN FAHRPLÄNE NICHT EINHALTEN ZU KÖNNEN! AAAAAARRRRGGGHHH!‘
Aber das gibt mir ein wenig Zeit, um noch ein wenig zu arbeiten. Da wartet schließlich noch eine Hausarbeit.

07:45 Uhr: Ich habe in verbissener Rekordzeit 10 Seiten geschrieben. Noch drei, dann ist das geforderte Minimum erreicht. Quellenangaben sind in der Datenbank, die müssen nur noch eingefügt werden. In Löhne beschließt eine Schulklasse voller Präpubertierender zuzusteigen. Offenbar wollen sie zu irgendeiner Ausstellung. Der Viererplatz um mich herum füllt sich mit lautstark krakelenden 6. Klässlern. Einer von ihnen sieht mich schreiben und kommentiert es mit „Ey Alta! Mach ma‘ YouPorn an!“ Als ich ihn ignoriere (ich habe gerade noch eine kurze Argumentationslücke auszubügeln – die Hausarbeit soll ja spätestens heute Nachmittag abgeschickt werden), kommentiert er weiter ein „Ey Huuuurensoooohn, alta isch red‘ mid dia!“
Ich packe mir den kleinen Scheißer am Kragen und ramme ihn mit dem Gesicht an die Glasscheibe, bis weder „Alta“ noch etwaige Prostituiertenverwandtschaftsvermutungen aus ihm herauskommen.

Noch während diese Fantasie verblasst speichere ich zufrieden. Der Zug kommt in Bielefeld an, die Hausarbeit ist im Kasten und ich kann in Richtung Uni weiterhetzen.

08:15-08:20 Uhr: Die Kaffeetasse aus dem Rucksack herausfummelnd kracksel ich die große Treppe am Eingang zur Uni-Halle hoch. Ein bisschen Bewegung schadet ja nie. In meinem Hinterkopf macht sich der weitere Tagesplan breit: Ein Seminar, in dem ich nebenher News-Quellen suchen kann, zwei Freistunden, in denen ich sie runterschreiben kann, dann zwei Seminare in Folge – da muss ich zusehen, dass ich während dessen Quellen suche, sie abarbeite und gleichzeitig das Seminar verfolge.[1]

08:23 Uhr: Die Kaffeetasse balancierend schwanke ich zum Fahrstuhl. Dort angekommen steht och ein anderer, offenbar deutlich älterer Studierender. Sein wahres Alter kann ich nur raten (schätzen konnte ich nie gut) und stecke ihn in die „35+-Ecke“.

„Na? Bachelor-Student?“
Mit, damals noch recht pummeliger, aber stolz geschwellter Brust entgegne ich „Ja! Erstes Semester. Und momentan noch nicht ganz wach.“
„Bachelor? Arme Sau. Wenn du einen guten Tipp haben willst: Gewöhn dich an den Gedanken, dass ‚Schlaf‘ oder ‚Ausgeschlafen sein‘ oder auch nur ‚Mal eine Nacht durchschlafen‘ ab jetzt nicht mehr vorkommen wird.“

Ich hasste ihn dafür. Wie ich noch erfahren sollte, hatte er aber Recht damit.

Ich kam nach einer scheinbar ewig dauernden Fahrstuhlfahrt und einem Slalom mit erschwerten Bedingungen (vermittelt durch eine fast volle Kaffeetasse) im Seminarraum an. Das von alten Neonröhren strömende Licht wurde von milchig weißen Tischen reflektiert, auf denen nun schon die scheinbar 6. Generation Studierender gelangweilte oder witzig anmutende Botschaften hinterlassen hat. Ich richte mich häuslich ein, klappe den Laptop auf, fange an Blogs zu lesen, Newsquellen zu markieren, höre mit einem Ohr der Dozentin zu. Der Rest der Studierenden um mich herum schweigt vor sich hin, während ich und noch zwei oder drei andere Kommentare und Nachfragen in den Raum werfen. Ich diskutiere, während ich mit den Übersetzungen der ersten Quellen anfange. Ich bin zwar nur halb konzentriert – der Rest meiner Kommilitonen scheint allerdings im Dauerschlaf zu verharren. Und ganz offensichtlich mögen sie es gar nicht, wenn man ihre Ruhe durch aktive Seminarteilnahme stört. Zumindest höre von Gerüchten, die deutliche Antipathie bekunden. Aber gut, ich war ja auch nicht hier, um Freunde zu finden, sondern um einen Abschluss zu machen.

10:50 Uhr: Ich sitze nach dem Seminar auf der Galerie und mache mich an das Übersetzen und Veröffentlichen von News. Zumindest das, was ich nicht schon währen des Seminars vorbereitet hatte. W-LAN gibt’s zwar überall aber nicht immer gleich stark. Hier konnte ich nun endlich weitermachen. Nach einer Weile setzte sich eine junge Studentin mir gegenüber. Scheinbar verlangte sie ein wenig nach Aufmerksamkeit – und so versuchte sie mit mir über mein MacBook ins Gespräch zu kommen. Ich war für einen kurzen Moment genervt, schließlich musst ich arbeiten. Aber gut. Also erklärte ich ihr allerhand Dinge: Größenvergleiche zu Netbooks, Prozessorgeschwindigkeiten, Speicherbedarf und die Möglichkeiten zur Aufrüstbarkeit, die Nachfolgermodellen fehlt.
Ein paar Tage später, als ich darüber mit meiner besten Freundin diskutierte, kommentierte sie es etwa so: „Du Idiot! Da is ein hübsches Mädel, dass dich scheinbar ganz nett findet und so’n Einstiegsthema sucht und du quatschst sie nur mit Technik zu! Man, man, man…“
Na – das hätte sie mir auch direkt sagen können oder? Außerdem: Ich hatte für so Sachen mit Frauen ohnehin keine Zeit.

13:00 Uhr: Ich mache mich auf den Weg zur Cafeteria. Das Essen da besteht zwar meist aus irgendetwas, dessen Kaloriengehalt den Tagesbedarf eines durchschnittlichen Leistungssportlers doppelt füllen kann – aber immerhin ist es halbwegs bezahlbar. Und, auch wenn es voll ist, habe ich dort nicht das intensive Gefühl der Massenabfertigung, wie es in der Mensa vorkommt.
Nachdem ich meinen Magen mit einer Mischung aus warmgehaltenen Fetten und Kohlenhydraten gefüllt habe, mache ich mich dann auch wieder auf den Weg zum nächsten Seminar-Marathon. Von 14-18 Uhr heißt’s nun diskutieren, lesen, diskutieren, Texte in ihre Bestandteile zerlegen, zum nächsten Seminarraum hetzen und das gleiche Spiel von vorn beginnen lassen. Eine Vorlesung, ein Seminar – beide Räume ohne Fenster und nur mit künstlich gefilterter Luft versorgt. Mein Kaffeeverbrauch stieg innerhalb der vier Stunden auf etwa 1,3 Liter. Während des Diskutierens und Lesens übersetze ich weiter fleißig News.

18:10 Uhr: Erschöpft schleppe ich mich zur Stadtbahn. Draußen ist es genauso, wie ich es vom Morgen vage in Erinnerung hatte: kalt, dunkel, windig und nass. Die Kälte und die frische Luft beleben zumindest kurz. Wie durch ein Wunder schaffe ich es noch, den Zug um 18:24 Uhr zurück zu bekommen. Von der Rückfahrt bekomme ich nicht viel mit – mich überkommt schlicht der Schlaf.

19:30 Uhr: Nach einer weiteren Radtour durch den nasskalten und dunklen November endlich wieder zu Hause angekommen, werfe ich den einen Rucksack weg und schnalle mir direkt einen leeren auf den Rücken. Ich sollte mal einkaufen. Glücklicherweise haben die Läden ja bis 22 Uhr geöffnet und so hole ich das nötigste – Brot, Wurst, Käse, Margarine… was man eben so braucht. Eigentlich ernähre ich mich hauptsächlich von kalter Küche. Zum Kochen habe ich vielleicht mal am Wochenende Zeit. So ist Samstag der „Es gibt eine warme Mahlzeit“-Tag. Schließlich ist es auch recht teuer, in der Uni zu essen – und das täglich zu machen, hätte mein Budget deutlich gesprengt.

20:23 Uhr: Ich mache mich daran, die Texte für die Seminare am nächsten Tag zu lesen. Vier verschiedene Seminare, jeweils 25-30 Seiten Text zu unterschiedlichen Themen.

23:45 Uhr: Ich kapituliere. In meinen Kopf will kein Text mehr hinein. Die Worte fange ohnehin an, ein sehr seltsames Eigenleben zu führen.

00:32 Uhr: Ich sehe das letzte Mal auf die Uhr und denke ‚Verdammt, du solltest jetzt endlich mal schlafen. Morgen um 7 ist die Nacht wieder vorbei. Nu los! Mach schon! Hör auf über den Tag und die ganzen Sachen nachzudenken! Oh verdammt… hab ich eigentlich die Hausarbeit abgeschickt? Hab ich total vergessen… hab ich? … Ja, hab ich… puh…“
Eine gefühlte Stunde später versank ich in traumlosem Schlaf, der dann pünktlich um 7 mit dem gleichen gemeingefährlichen Alarm zerstört wurde, wie jeden Morgen.

Oh – und die 45-Minuten-Hausarbeit wurde übrigens eine 1,3. Danach beschloss ich, Hausarbeiten nur noch im Zug zu schreiben. Ohne nervende Kinder geht das sogar noch angenehmer.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die völlig naive Idee, es wäre etwas tolles, als Newsredakteur für Online-Magazine zu arbeiten. Klar: Man ist immer auf dem Laufenden aber den Kühlschrank füllt das nicht. Im Gegenteil: Der durch den Aufwand produzierte Stress wird so schlecht bezahlt, dass ich selbst auf Aushilfsputzkräfte neidisch sein konnte. Aber gut, solange man sich einreden kann, dass man etwas total cooles macht, funktioniert das prima. Heute weiß ich: So’n depressiver Zusammenbruch nach Burnout durch dreifachen Stress, ohne wirklich etwas damit zu verdienen, gehört zu den Dingen, die man nur einmal im Leben haben muss. Spätestens nach dem zweiten sollte man aufhören falschen Idealen nachzurennen…
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Da durchstreife ich den MediaMarkt meines Vertrauens… und werde von einer guten Freundin völlig entsetzt herbeigerufen. Wenige Augenblicke später deutet sie entrüstet auf das Regal, in dem sich mir folgendes Bild zeigt:

20130413_154400_Mindener Straße

Na? Wer findet den Fehler? 😉

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Nichtsahnend gehe ich durch den örtlichen Edeka und reibe mir die Augen, als mein Blick auf die „Single-Bananen“ fällt. Ok. Bananen für Singles. Ein Schelm wer böses dabei denkt.

20130404_191240_Königstraße

 

Ok, ich gestehe: Ich bin ein Schelm. Denn auf der anderen Seite der Obsttheke fand sich dieses Schild:

20130404_191415_Königstraße

 

Wir haben hier also einen deutlichen Überschuss an Einzelbananen, zumal all zu viele Leute hier und da einfach mal Bananen von Stauden abreißen und einsame kleine Bananen ihrem schrecklichen Schicksal des Nichtverkaufs überlassen. Der satirische Teil meines Hirns tuschelt allerdings aus dem Hintergrund, dass die lieben Kleinen schließlich auch beschäftigt werden müssen, während sich die Single-Mama mit ihre Banane… Vitamine zuführt! 🙂

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… ist natürlich „Prinzessinnensuppe“!

Wir alle werden mal alt, keine Frage. Früher oder später ist das mit den Zähnen dann nicht mehr so toll, wie gewohnt und wenn die Dritten erstmal her müssen, dann kann das Kauen auch gleich durch Schlürfen ersetzt werden. Zum Glück gibt es von Erasco jetzt eine Lösung für dieses Problem – zumindest für Drachen im reiferen Alter: Prinzessinnensuppe!

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Ob sie aus echten Jungfrauen frisch gepresst und handfiltriert wurde, kann bezweifelt werden. Aber immerhin ist sie nur mild gesalzen. Eine nicht all zu bittere Dosenprinzessin. Wem würde da nicht sofort das Wasser im Munde zusammenlaufen? Und wer jetzt in seinem Kopfkino verzweifelte Drachen mit Dosenöffnern hantieren und Konservenjungfrauen mittels Feuerspucken auf kleiner Flamme zart garen sieht – der weiß, wie ich mich beim Supermarktbesuch eben gefühlt habe… 😉

Wohlan denn! Bon Appetit!

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Fundstück: 60 Jahre Erfahrung…

On 24. Februar 2013, in Allgemein, Fundstück, by Ingo

… um zwei Bratwürstchen in ein Brötchen zu stecken. Das nenne ich Glanzleistung! Gute, deutsche Wertarbeit sozusagen. Da weiß man, was man hat.

Nur ob mit oder ohne Pferd, das kann ich nicht sagen.

Pauls Echte

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Wenn man heutzutage studiert, dann erwirbt man neuerdings sogenannte „Credits“ oder, auf gut Deutsch „Leistungspunkte“. Diese putzigen kleinen Kerlchen vermehren sich im Laufe eines Studentenlebens und führen nicht selten ein Eigenleben. Mal bekommt man sie für Referate, mal für Ausarbeitungen, hier und da müssen Essays geschrieben werden und die Königsdisziplin, die Hausarbeit, wird mit einer ganzen Horde der kleinen Freunde beglückt. Und über all das, wie Punkte entstehen, vergehen, sich vermehren und einsam im Vorschriftenwald verlaufen, kann ich nicht anders, als eine Satire zu schreiben.

So begibt es sich nicht selten, dass sich unsere Freunde den Gesetzmäßigkeiten (oder Ungesetzmäßigkeiten?) der Quantenphysik unterworfen fühlen. Sie verändern nämlich ihren Zustand, sobald man anfängt sie zu beobachten oder über sie nachzudenken. Ab und an geschieht es dann nämlich, dass Seminare dann „keine Punkte“ einbringen, obwohl man ja an ihnen (mehr oder weniger aktiv) teilnimmt. Solange man nicht darüber nachdenkt, ist das auch alles völlig problemlos. Irgendwann stellte ich dann jedoch fest, dass ich „Dinge“ beantragen muss und irgendwelche Leute fragen danach, was ich denn innerhalb der letzten drei Semester so alles getrieben hätte.  Mit stolzgeschwellter Hühnerbrust präsentiere ich also das heilige Transcript, freue mich schon diebisch auf ein Lob oder zumindest den Hauch einer Anerkennung für all die durchmachten Nächte, die Reisen durch die Republik um an zusätzlichen Seminaren teilnehmen zu können, die vergessenen Freundschaften (weil „Ich hab keine Zeit, ich muss lesen“ finden irgendwie ziemlich viele Leute ungeil) und den noch nicht ganz überstandenen BurnOut…

…da kündet die freundliche Stimme vom anderen Ende des Schreibtischs „Na, da ist ja noch nicht viel passiert“ und reißt mich aus meinen jähen Wunschfantasien. „Wie?“, frage ich „Nichts passiert? Hab ich all die Zeit hier und sonst wo völlig umsonst studiert?“

Offenbar war nichts gemeldet worden, weil es ja auch keine Punkte gab. Nun gab es aber wohl doch welche – oder sollte es zumindest – denn immerhin bestand ja eine Absprache zwischen den Fakultäten und den Prüfungsämtern, dass man Punkte „zumindest symbolisch“ einzutragen hätte, damit das Transcript nicht ganz so leer aussieht. Und so entsandte man mich auf die Suche nach Punkten, die es nicht gibt, für Leistungen, die nicht erbracht werden mussten. Nimmt man die Prüfungsordnung nämlich wirklich haarklein ernst, legt die „Oder-Verknüpfungen“ in der Formulierung auf die analytische Goldwaage und hat dazu noch einen schlechten Tag kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass diese putzigen Punkte wie Nullpunkt-Energie aus dem Nichts entstehen. Ich nenne das den „Studiums-Casimir-Effekt“. Zwischen zwei geladenen Polen (Student und Dozent) die sich innerhalb einer massiven Anziehung (Seminar) befinden entstehen plötzlich und aus dem Nichts Punkte.

Ein Wunder. Außer natürlich es wurde angekündigt, auf welche Weise man eben diese Punkte entstehen lassen kann. Das ist dann eine Art von Magie: Man beschwört Worte (Referate) oder schreibt sie in Formeln nieder (Essays und Hausarbeiten) und eben diese sorgen mit reiner Schöpfungskraft für das Entstehen der Punkte.

Wie schrieb es aber schon der weise Terry Pratchett: Die größte Magie ist die, die man nicht beschwört! Denn, wie oben erwähnt: Eigentlich gibt es ja keine Punkte. Nur symbolisch. Oder so. Also: Sie müssen da sein, ohne da sein zu müssen. Verstanden? Nein? Macht nichts. Denn solange man nicht darüber nachdenkt, oder die Punkte beobachtet, können sie auch ihren Quantenzustand nicht verändern. Heißt: Sie sind da (oder nicht da) weil sie da sein müssen (oder nicht da sein müssen), solange man keine Vermutungen darüber anstellt, wo sie gerade sind…

Wenn man nun aber doch beschließt, die Punkte magisch zu beschwören (alles andere wäre ja auch langweilig, denn wir lernen ja mit der Macht der Worte umzugehen), dann kommt es darauf an die Formeln zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und für die richtigen Leute zu intonieren. Merke: Jede Form von Magie verändert den Rahmen von Raum und Zeit in ihrem Bezug zur Realität. So auch die Magie der Leistungspunkte. Beschwört man die magischen Formeln in nicht im richtigen Seminar, so kann‘s geschehen, dass sie zwischen einer Wirklichkeitsfalte der Formvorschriften verschwinden. Halb existent und halb inexistent fristen sie dann ihr Dasein als „Schrödinger-Punkte“, die eben nur an Substanz gewinnen oder verlieren, wenn man darüber nachdenkt, was sie gerade treiben.

Ein Mysterium beim Erschaffen von Pseudo-Punkten bleibt jedoch, ihre genaue Sortierbarkeit. Hat man herausgefunden, wie man sie erschaffen kann (sei es durch den besagten Casimir-Effekt oder durch das magische Beschwören mit Worten), so ist noch lange nicht klar, wohin sie nun wandern. Die einen wandern in Module, die anderen tummeln sich in Ergänzungsbereichen und wieder andere springen freudig vom einen Bereich in den anderen und die nächsten wollen einfach nicht richtig passen. Tja – auch wenn Punkte traditionell rund sind, so kann es passieren, dass sie einfach nicht in die Spalte kullern wollen, in die sie eigentlich gehören. Wobei es dazu verschiedene Meinungen gibt, die sich gegenseitig a) ausschließen, b) bedingen, c) widersprechen und d) miteinander übereinstimmen. Klingt verwirrend? Mit Nichten…

A sagt, Punkt x kann in Spalte p sortiert werden. B sagt, Punkt x kann in Spalte q sortiert werden. C sagt nun, dass weder p noch q richtig sein können, denn Punkt x existiert ja gar nicht. Hat man nun aber darüber nachgedacht und somit den Punkt zur Existenz verholfen, fragt man D, der sagt, dass x in Spalte p passt und B zückt das Regelwerk für angewandte, praktische Magie und findet keine Anweisung dafür, dass man x in p sortieren kann – also muss er in Spalte q. A findet das seltsam, ist aber trotzdem davon überzeugt, dass er in p kann, weil es ja nirgendwo geschrieben steht, dass solch magische Punkte nun zwingend in Spalte q landen müssen.

Klar oder?

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