Es begab sich zu einer Zeit, da ich in der Endphase des Abiturs verweilte und wir alle in uns gingen, um uns zu fragen, was wir denn im Anschluss tun wollten. Mehr oder weniger klar war: Studieren! Sonst braucht man einfach kein Abitur.

Meine Klassenlehrerin verkündete, was das Studium im Allgemeinen betraf folgende Weisheit:

„Um zu studieren, braucht man eigentlich keine all zu große Intelligenz. Man braucht auch kein superperfektes Abitur. Alles, worauf es wirklich ankommt, sind zwei Sachen: Durchhaltevermögen und am Ende das Prüfungsamt irgendwie von überzeugen, dass man alles richtig gemacht hat.“

Heute weiß ich: Sie hatte Recht!

Früher, damals vor und während des Abitur, hatte ich ab und an Prüfungsangst. Ich hatte mich wochen- und tagelang darauf vorbereitet, allein um alle möglichen Fragen einer Klausur beantworten zu können. Im Abitur wurde das relativiert. Wir lernten im Grunde schon einen Monat vor der eigentlichen Klausur und konnten alle relevanten Daten (und alle irrelevanten Zusammenhänge) in und auswendig. Klar: Alles kann man nicht wissen, aber zumindest das meiste.

Während des Studiums habe ich etwas ganz anderes entwickelt: Prüfungsamtsangst.
Prüfungen selbst machten mir kaum Sorgen. Essays schreiben, Hausarbeiten entwickeln… solange es nicht gerade eine Abschlussarbeit war, hatte ich überhaupt keine großen Sorgen. Prüfungsamtsangst ist auch keine Angst vor Prüfungen, sondern tatsächlich Angst vor dem Prüfungsamt.

In nächtelanger Selbstreflexion bin ich der Prüfungsamtsangst auf der Spur gewesen. Mittlerweile habe ich ungefähr herausgefunden, woher sie kommt. Es liegt an den Leuten, die da Arbeiten. Diese Leute haben zwei Betriebsmodi: „Menschlich“ und „Bürokratisch“. Letzteres überwiegt Ersteres die meiste Zeit über.

Prüfungsamtsangestellte im Bürokratiemodus kennen weder Freund noch Feind. Erbrachte Leistungen sind irrelevant (egal, wie sehr man sich dafür angestrengt hat), solange sie nicht gemeldet wurden. Es ist auch völlig irrelevant, ob es terminliche Überschneidungen gibt, sodass man spontan um die Ecke kommt, weil man eine beliebige Bescheinigung ziemlich dringend (für den nächsten Tag) braucht und von der Wohl und Wehe der eigenen kleinen Existenz abhängen.

Wie der Umgang mit der Punktevergabe ist, ist offenbar tages- und launenabhängig. Hat man einen Kurs besucht, dessen Dozent mittlerweile verschollen ist, so gibt es zwei mögliche Antworten, auf die Frage, wie man denn nun an die Punkte kommen soll: 1.: Man muss sich gefälligst darum kümmern, den Dozenten ausfindig zu machen. Vielleicht hilft die Fakultät dabei. Vielleicht Google. Vielleicht auch nichts. Egal wie: Der Dozent hat die Punkte gefälligst zu melden. So steht’s geschrieben, so hat’s zu geschehen. 2.: Der Dozent ist zwar weg, aber hat bisher bei jeder Rückfrage Punkte einfach so bestätigt und vermeldete für den betreffenden Kurs, dass die Punkte auch einfach eingetragen werden können, ohne dass er es immer wieder für jeden Einzelnen bestätigen will. Das steht nicht in der Studienordnung, in den Modulhandbüchern oder der Prüfungsordnung. Und das ist ein Problem für diejenigen, die im Bürokratie-Modus vor sich hin arbeiten.

Bürokraten halten sich geradezu sklavisch an die Vorschriften. So sehr, dass sie davon ausgehen, dass alles, was nicht in den Vorschrift steht, unzulässig wäre. Dabei ist diese Annahme einfach falsch, denn nur weil es nirgendwo steht, heißt das nicht, dass es unzulässig wäre – es ist nur einfach nicht niedergeschrieben.

Und hier ist der Grund für meine Prüfungsamtsangst: Nach den ersten, schockierenden, Erfahrungen mit der Eintragung von Leistung und der Bestätigung von Prüfungsleistungen, hatte ich immer wieder quälende Angst davor, dass die ganze Arbeit umsonst war. Schließlich kam es nicht darauf an, ob ich gerade eine 1 in einer Hausarbeit geschrieben hatte, sondern darum, dass die Note auch im richtigen Modul mit der richtigen Zuordnung und zur richtigen Zeit zulässig verbucht würde. Und das klappte fast nie.
Und so fürchtete ich jeden Tag, an dem ich wieder mal zum Prüfungsamt musste, um etwas eintragen, nachweisen, nachtragen oder bescheinigen zu lassen. Das ging so weit, dass ich schon Wochen vorher schlaflose Nächte hatte, die sich nur mit Schlaftabletten beheben ließen. Ja, ernsthaft. Diese völlig Ungewissheit, ob ich nun eine Leistung auch tatsächlich bescheinigt bekomme oder nicht, stresste mich ungemein.

Es gibt auch keine Therapie oder Desensibilisierungsmöglichkeit. Das Einzige, was hilft, ist tatsächlich zu versuchen, das Prüfungsamt davon zu überzeugen, dass man alles richtig gemacht hat. Und Alkohol. Damit schafft man es zumindest, auch ohne Schlaftabletten die Prüfungsamtsangst zu ignorieren und zu schlafen.

Und die Moral von der Geschicht‘: Nur weil man eine Leistung absolviert hat, heißt das noch nicht, dass man sie auch bescheinigt bekommt. Hier gilt der zweite Teil des Rates meiner ehemaligen Klassenlehrerin: „Man muss das Prüfungsamt davon überzeugen, dass man alle Leistungen korrekt erbracht hat.“ Und nur, weil man eine Bescheinigung dringend braucht, heißt das nicht, dass man sie auch „mal in fünf Minuten außer der Reihe“ bekommen kann. Egal, ob dann die eigene kleine Welt davon möglicherweise untergeht oder nicht und da hilft der erste Teil ihres Ratschlags weiter: „Durchhalten!“

Uni-Survivor: Und ewig lockt das Weib

On 11. November 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Nur nicht uns Philosophen. Also, schon; aber nicht im herkömmlichen Sinne. Und auch nicht so, wie es vermeindliche Volvicmädchen vielleicht tun. Das Paarungsverhalten von Studierenden, insbesondere das von Philosophen, scheint eine hochkomplexe Angelegenheit zu sein, die gar nicht so leicht zu verstehen ist. Hier eine (nicht abschließende) Betrachtung.

In Soziologie-Vorlesungen und -Seminaren bekommt man erzählt, dass so eine Universität ja nicht nur eine der höchsten Bildungseinrichtungen ist, die man besuchen kann, nein, sie ist auch ein gut funktionierender Heiratsmarkt. Je nach theoretischer Basis (und damit auch Studienfach), steigt der Schwierigkeitsgrad bei der effektiven Partnerwahl exponentiell an.

An dem Fach des Mannes erkennt man den…

Die Männchen unter den Studierenden haben es mit einer Fächerkombination aus Sportwissenschaften und BWL besonders leicht. Damit wird zum einen ein gesunder, gut trainierter Körper sichergestellt und zum anderen ein Fach, dass jeden Personalchef jubeln lässt (auch dann, wenn man es für den angestrebten Job überhaupt nicht braucht). Ein solches Männchen suggeriert also körperliche Fitness und eine sichere Einnahmequelle. Auf jeder Studentenparty sind damit Intimkontakte in dunklen Ecken und später in chaotischen Wohnheimwohnungen garantiert.
Das Nebenfach Germanistik dagegen wirkt schon eher abschreckend (es suggeriert, später einen dickbäuchigen Taxifahrer zu Hause sitzen zu haben, der seinen früher so flotten 3-Tage-Bart nunmehr bis zum Bauchnabel wachsen lässt, wobei letzterer in Form und Farbe einem Granateneinschlagskrater nicht unähnlich ist) und kann nur dann helfen, wenn die Männchen in den Lyrik-Seminaren gelernt haben, mit welchem Ductus die Weibchen am ehesten zu umgarnen sind.
Psychologen operieren auf diesem Feld eher mit positiven Schlüsselreizen und Konditionierung. Schließlich glauben sie zu wissen, worauf es ankommt. Der Nachteil ist, dass alle potenziellen Weibchen glauben, das Psychologen-Männchen könnte Gedankenlesen und würde jeden Satz sofort analysieren und auf Probleme in der Kindheit schließen. Das ist nicht ganz falsch – aber auch nicht ganz richtig. Immerhin sagte ja der gute alte Siggi Freud selbst schon, dass eine Zigarre manchmal auch einfach nur eine Zigarre ist.

Das Balzverhalten

Und wir Philosophen? Da wird‘s besonders schwierig. Potenziell paarungswillige Weibchen nähern sich zumeist auf eher subtiler Ebene und versuchen unverfängliche Gespräche einzuleiten. Allerdings verbleiben sie auch auf eben dieser unverfänglichen Ebene, denn „flirten“ liegt uns Philosophen nicht gerade im Blut. Im Gegenteil: Wenn ich mit, möglicherweise erotisch angehauchten, Anspielungen konfrontiert werde, fange ich an, sie begrifflich zu analysieren und hinterfrage ihren Wahrheitsgehalt. Auf den all-time-favourite-Anbaggerspruch „Ganz schön warm hier, kommste mit raus?“ Tippe ich kurz auf die Uhr um das Thermometer aufzurufen und warf einen Blick auf die Wetter-App im Smartphone. Meine Antwort „Hier drin sind’s 21,3 °C und draußen 14 °C – also ich find’s hier drin ganz angenehm…“ Offenbar war der Wetterbericht gerade nicht gefragt.
Recht beliebt sind allerdings unsere klaren, analytischen Fähigkeiten. Hat man sich freiwillig oder unfreiwillig als Philosoph geoutet, wird die Meinung zu allerlei wichtigen oder unwichtigen Erlebnissen im Leben des Weibchens plötzlich total interessant. Dabei werden vor allem die negativen Erlebnisse mit etwaigen Exfreunden in den Mittelpunkt gerückt. Mit anderen Worten: Wir sind total gute Seelenklempner und Kummerkästen, schließlich kann man den Psychologen nicht trauen, die analysieren einen ja selbst, während wir Philosophen nicht die Person analysieren, sondern das Problem, dass sie hat.

Um so komplizierter wird dann das Balzverhalten, wenn unsereins Interesse an einem Weibchen bekundet. Für gewöhnlich, in der Welt außerhalb universitären Scheinwelt, wird es ja von uns Männern erwartet, dass wir den Damen Aufwartungen machen (ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum eigentlich?). Allerdings wurde ich in solchen Situationen regelmäßig damit konfrontiert, dass eine hohe geistige Anziehungskraft mit einer offenbar um so gravierenderen, körperlichen Abstoßung einhergehen. Da reichten dann oftmals unbedeutende Kleinigkeiten aus. Zu meinen Lieblingsbeispielen zählt eine junge Dame, die mir, auf meine recht offene Gefühlsdarlegung recht unverblümt bescheinigte, dass ich zwar intelligent, witzig, kreativ, großmütig, freundlich, aufmerksam, verständnisvoll und insgesamt ein total toller Mensch wäre – aber leider 10 cm zu klein. Ein Faktor, der, meinen Beobachtungen zufolge, in direkter Kohärenz mit den intellektuellen Fähigkeiten steht. Mir scheint, je dümmer jemand ist, desto kleiner darf er sein. Intelligenz macht sexy? Wer hat sich diesen Schwachsinn bitte einfallen lassen?

Das Philosophen-Weibchen

Philosophen sind eine Klasse für sich – zumeist sind sie stark alternativ geprägt und eliminieren ihren Individualismus durch Eintreten in die Masse der Neo-Hippies, Hipster oder Goths. Da spricht für mich nichts gegen, im Gegenteil, ich fühle mich da sogar pudelwohl. Die Weibchen allerdings strahlen entweder die sexuelle Anziehungskraft einer handsignierten Kant-Erstausgabe aus signalisieren nach außen hin ihre Zugehörigkeit zu etwaigen Sado-Maso- oder Bondage-Gruppierungen. Zwanghaft alternativ in jeder Lebenslage. Schon klar.
Es wäre nun aber viel zu kurz gegriffen, würde Männchen und Weibchen während des Balztanzes sich nicht gegenseitig ob ihrer zu Grunde liegenden Sexualmoral intensiv prüfen. Da gibt es dann auch schon die ersten Schwierigkeiten: Wohingegen die einen (weil ja total alternativ und so) behaupten, dass die Gesellschaft endlich ihre aus dem Mittelalter stammenden Moralvorstellungen ablegen sollte und Sexualität ja etwas total offenes, freies und jedem zugängliches sein sollte (eher so ein pansexueller Ansatz), sehen sich die anderen einer höheren Moral verpflichtet, der sich der niedere Trieb gefälligst unterzuordnen habe. Schließlich habe Monogamie nichts mit Monotonie zu tun. Zwischen diesen beiden äußersten Polen gibt es dann noch unzählige Abstufungen und Möglichkeiten, Regeln, Ausnahmen, Spontanentscheidungen und, und, und… Um „spontan mal wen abzuschleppen“ studiert man einfach das falsche Fach (und das ist völlig geschlechtsunabhängig).

Poppst du schon oder analysierst du noch?

Eins der Kernprobleme beim Paarungsverhalten von Philosophen, ist die Tatsache, dass wir ja nichts ohne Grund tun. Wie soll ich denn etwas tun, ohne dass es einen rationalen Grund dafür gäbe? Reine Triebhaftigkeit? Schön und gut. Und was sind die Bedingungen der Möglichkeit, dass es einen Grund für die Aufrichtigkeit eines Paarungsversuches geben könnte? Immerhin gibt es ja ansonsten immer einen oberflächlichen Makel, der vorgeschoben wird, um jedwedes Balzverhalten umgehend im Keim zu ersticken.

Ich für meinen Teil beschloss, derlei weltliche Problematik beiseitezuschieben. Es kostet einfach zu viel Zeit und Aufmerksamkeit, sich mit den moralischen, psychologischen, wirtschaftlichen und physischen Zusammenhängen des menschlichen Balzverhaltens auseinanderzusetzen. Und im Grunde hatte ich in den letzten Jahren ja auch genug zu tun: Studieren zum Beispiel. Und mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass ich das menschliche Paarungsverhalten denjenigen überlasse, die sich dafür am besten eignen. Sportstudenten zum Beispiel; die scheinen damit nicht so viele analytische Probleme zu haben. 😉

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Uni-Survivor: Raumfindungsstörungen

On 2. November 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Wo man so einen Raum findet, wenn man ihn sucht, ist für gewöhnlich klar: Räume sind, meist durch Wände physikalisch eingeteilte, Einheiten in Gebäuden, deren Eingang sich meist durch eine Tür kennzeichnet und als deren Ausgang manch einer all zu gern das Fenster benutzen würde. Zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Raum sein gehört allerdings zu einem der maßgeblichen Hindernisse im Studentenleben.

Für Studenten in Bielefeld ist das kein all zu großes Hinderniss – zumindest dann nicht, wenn sie es schaffen, im richtigen Gebäudeteil anzukommen. Die Gebäudeteile selbst sind kein großes Geheimnis. Sie sind der Reihe nach angeordnet und nach Buchstaben sortiert. Der Plan aus der Draufsicht erinnerte mich fast sofort an ein Piktogramm von gegenläufigen DNS-Strängen… die Gene der Bildung… Hurra!

Wenn das Problem der Auffindung des richtigen Gebäudeteils gelöst ist, gibt es kaum noch Hindernisse, den richtigen Raum zu finden. Erwischt man dagegen den falschen Gebäudeteil, so kann es passieren, dass man dann durchaus im falschen Raum landet (ist mir tatsächlich ein einziges Mal passiert). Die intellektuelle Herausfoderung der Architektur besteht nämlich darin, dass alle Etagen in allen Zähnen gleich aussehen. Wenn man in eine Diskussion verstrickt den Gang herunterläuft, kann es durchaus passieren, dass man den Gebäudeteil wechselt, ohne es wirklich zu bemerken. Spätestens dann, wenn man plötzlich lauter Formeln und Gleichungen an der Tafel sieht, statt Argumentationsanalysen von John Rawls, sollte einen das Gefühl beschleichen, dass irgendetwas nicht stimmt.

Die Raumplanung und Zugänglichkeit in Bielefeld ist im Übrigen noch eine der Einfachsten und im Grunde selbsterklärend. Ich war mal für einen Vortrag an der Uni Münster im dortigen Schloss. Ein wirklich bildhübsches Gebäude (mit uralten und vor allem unbequemen Sitzbänken in den Hörsälen – aber vermutlich stehen die unter Denkmalschutz und sollen vermutlich vor allem dazu beitragen, dass die Anwesenden nicht während der Vorlesung einschlafen). Allerdings stand ich dort, auf der Suche nach dem richtigen Raum, dann plötzlich vor einer Wand (die dort offensichtlich nachträglich eingezogen worden war) zuzüglich einer sicherheitshalber fest verschlossenen Stahltür, auf der der deutliche Hinweis prangte, dass der Zugang zu den dahinter liegenden Räumen nur über das Treppenhaus möglich sei. Da fragte ich mich: Wenn man dort eine Wand einzieht, um Räumlichkeiten abzutrennen – warum zum Teufel installiert man dann eine Tür und schließt sie? Lag das am latenten Sadismus des Architekten, der sich nunmehr diebisch freuen konnte, dass alle, die in freudiger Erwartung einer Abkürzung jetzt vor einer geschlossenen Tür standen und einen etwa doppelt so langen Umweg über zwei Treppen machen mussten? Gehörte das zum Gesundheitsprogramm der Universität, um die Studierenden in Bewegung zu halten und dem drohenden Übergewicht vorzubeugen? Ehrlich gesagt: keine Ahnung.

Der tägliche Überlebens-Parcours durch die heiligen Hallen der allesumfassenden Bildung wird zumindest deutlich erleichtert, wenn man beim Wechseln der Räumlichkeiten die Augen aufmacht. Im falschen Gebäude aus internen Monologen oder externen Dialogen erwachen ist keine Schande, führt aber nicht selten dazu, dass der Kaffee kalt ist, bevor man den richtigen Raum erreicht hat. Dass Kaffee eine überlebensnotwendige Droge darstellen kann, dazu komme ich später.

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Das Studium ist die schönste Zeit des Lebens. Da gibt es Leute, die von Freiheit und Spaß reden. Die bis in die Nacht eine Mischung aus flüssigen und brennbaren Rauschmitteln konsumieren, dabei Videospiele spielen und stolz erklären, dass ihnen die nächste Klausur an den Gesäßbacken vorbeiginge. Kann man schließlich nachschreiben. Wird dann auch einfacher. Lässt sich ja (so das Gerücht) beliebig wiederholen. Oder vielleicht auch nur drei Mal. Egal. Außerdem laufen bei anderen Fakultäten hübsche Mädels rum – bei der nächsten Mensa-Party geht da bestimmt was.

Ja, solche Studenten gibt es. Mir sind im Laufe meines Studiums vier davon begegnet – keiner von ihnen hat es zu einem Abschluss gebracht. Aber vermutlich hatten sie eine schöne Zeit.

Mein Studium sah dagegen völlig anders aus: Bis in die Nacht habe ich Texte für Seminare vorbereitet, noch ein Kapitel aus dem nächsten Buch gelesen und das am häufigsten verbreitete Rauschmittel war schwarz, heiß, stark und füllte meinen Edelstahlbecher. Manchmal habe ich die oben beschriebenen Studenten durchaus beneidet – insbesondere dann, wenn es darum ging, Prüfungsordnungen zu verstehen, die richtigen Module in der richtigen Reihenfolge zu belegen und abzuschließen und Punkte für Seminare und Hausarbeiten für den richtigen Studiengang anrechnen zu lassen. Je mehr ich über die Bürokratie verzweifelte, desto neidischer blickte ich auf die, scheinbar tiefentspannten, Kommilitonen.

Aber: Man kann es überleben! Zwar überkommt einen ab und an das Gefühl, man wäre in eine Asterix-Welt versetzt worden und solle Passierschein A-38 beantragen, aber es geht! Und genau davon soll diese kleine Kolumne handeln: Von einem der auszog, ein Studium zu absolvieren und dabei den Wahnsinn der Bürokratie live erlebte.

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Da bin ich eben auf Spiegel-Online über die Uni-Loser-Kolumne gestoßen – und wundere mich nicht all zu sehr über die beschriebenen Umstände. Wenn man sein Studium mit dem Enthusiasmus eines Faultiers angeht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, ohne einen Abschluss die heiligen Hallen der großartigen Bildung zu verlassen, exponenziell gesteigert. Ich überlege, ob ich nicht eine eigene kleine „Gegen-Kolumne“ schreiben sollte. Uni-Survivor… vielleicht keine schlechte Idee. Denn es ist durchaus möglich, so ein Bildungsinstitut mit einem Abschluss zu verlassen. Zwar nicht gänzlich unbeschadet aber immerhin mit einem Abschluss, der sich sehen lassen kann.

Ja, vielleicht gar keine so schlechte Idee – Überlebenstraining im Bürokratiedschungel. Ach, übrigens: Nicht alle Prüfungämter sind so lebensfeindliche Gebiete, wie die von Herrn Dachser beschriebenen. Ich glaube, für den Tag, an dem ich mein Master-Zeugnis abhole (irgendwann Ende November wird’s vorraussichtlich soweit sein), werde ich meiner Sachbearbeiterin einen Kuchen backen. Die ist toll. 🙂
Weniger toll, da stimme ich dem selbsternannten Uni-Loser durchaus zu, sind die Prüfungsordnungen, die Fächerspezifischen Bestimmungen und Modulhandbücher, die sich teilweise semesterweise ändern und bei denen die Betonung auf einen Halbsatz in der Prüfungsordnung über Gedeih und Verderb entscheiden kann.

Ja, ich denke, ich sollte eine kleine Kolumne über mein, jetzt überstandenes, Uni-Leben schreiben. Aber keine Sorge: Frauen, die an irgendwas schuld sind oder Schleichwerbung für Wassermarken werden nicht darin vorkommen. Ich hatte schließlich und endlich gar keine Zeit für Frauen und Wasser, das preislich über einem Euro pro Flasche angesiedelt ist, halte ich, damals wie heute, für ziemliche Geldschneiderei.

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Das schlimmste ist das Warten…

On 23. September 2013, in Persönliches, by Ingo

Heute Morgen um kurz vor 11 war es so weit: Ich habe getan, wovor ich mich seit Jahren fürchte. Ich habe meine Masterarbeit abgegeben. Der letzte Schritt einer langen, beschwerlichen aber auch erkenntnisreichen Reise. Jetzt haben die beiden Korrektoren sechs Wochen Zeit, um die Arbeit zu lesen, zu prüfen und zu kritisieren. Sollte ich dann nicht schon durchgefallen sein, habe ich danach nochmal zwei Wochen Zeit, um mich auf das Disputationskolloquium vorzubereiten und mich den Kritikpunkten zu stellen.

Nun ja – ich lebe jetzt erstmal in völliger Ungewissheit und der klassischen Angst, eine Prüfung nicht zu bestehen. Grund genug habe ich dafür: Mein Thema ist ziemlich exklusiv – und wenn ich mich so umgucke, dann gibt es kaum jemanden, der sich überhaupt schon mal darüber Gedanken gemacht hat. Es geht dabei um die Frage nach der Autonomie und dem, was autonome Systeme, wie sie immer häufiger in der Welt herumfahren, -laufen oder -fliegen so können. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir Computern Vernunft und Verantwortung zutrauen, ist für mich dermaßen erstaunlich (und zugleich erschreckend), dass ich dazu dringend mehr sagen muss. 🙂

Naja… so kamen zunächst etwa 93 Seiten dabei herum… dann sollte ich es nach kurzer Kritik noch etwas genauer fassen und kürzen – das führte dann dazu, dass ich in zwei Wochen fast die komplette Arbeit umgestrickt habe (knapp 30 Seiten raus – dafür knapp 20 wieder rein…) und nach einigem hin und her und zusammengestückel und gefriemel, dem Anpassen von Formulierungen, dem Wegstreichen von Sätzen, dem Korrigieren von Tippfehlern, dem Anpassen von Fußnoten und dem Hoffen, dass es nicht schlimm ist, wenn ich einen kompletten Kern-Strang weglasse und in einer knappen Zusammenfassung einführe, blieben noch 80 Seiten übrig (ok – 3-4 davon Literaturangaben).  Und irgendwann war’s dann mal gut. Nachdem ich hier, insbesondere in der letzten Woche, teilweise bis spät in die Nacht (oder besser, bis früh am Morgen) saß und herumkorrigierte war ich dann durch damit. Was jetzt noch an Fehlern und Unklarheiten drin ist, das bleibt drin. Und nun pendele ich hier zwischen Mut zur Lücke und Angst vor dem Versagen. Die überarbeitete Fassung gefiel beim Korrekturlesen auf jeden Fall besser – war stringenter und weniger ausladend…
Trotzdem habe ich Angst. Was ist, wenn ich immer noch nicht genau genug formuliert habe? Was, wenn ich ich nicht ausreichend kritisch mit der Literatur umgegangen bin? Und was, wenn ich einmal zu oft etwas als „allgemein bekannt“ vorausgesetzt habe, was ich besser hätte belegen sollen? Vielleicht ist mein gesamter Arbeitsstil auch einfach zu wenig analytisch und zu locker formuliert? Wobei meine Arbeitsweise eigentlich darauf hinausläuft, dass ich etwas so erkläre, dass sogar meine Mutter es verstehen könnte – auch wenn ab und an ein Fachterminus fällt.

Aber vielleicht bin ich einfach zu überkritisch mit mir selbst und viel zu pingelig. Ich würde sogar an der absolut überperfekten Arbeit herummäkel. Aber letztlich: Irgendwann kommt der Moment, an dem man nur noch verschlimmbessern kann, weil man dann glaubt, dass Sachen nicht ganz richtig sind, die eigentlich völlig OK sind. Vielleicht ist das auch alles nicht so schlimm und ich mach mir unnötige Sorgen. Und letztlich lohnt es sich auch nicht, wenn ich mir jetzt sechs bis acht Wochen lang Panik mache. Ändern kann ich daran jetzt nichts mehr. Und ich weiß auch erst in sechs Wochen, ob ich einen Grund habe, zu Verzweifeln. Und bis dahin kann ich mich voll auf die Jobsuche konzentrieren. Schließlich und endlich bin ich hochqualifiziert und motiviert. Da sollte es nicht all zu schwer sein, einen tollen Job zu finden. Ich bin ja nicht nur genial, ich kann’s auch einfach ausdrücken. Die vorläufige 1,5 kommt ja auch nicht von ungefähr.:D

Also: Wird schon alles schief gehen. Das schlimmste ist nur das Warten.

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Punkteregen

On 23. März 2013, in Persönliches, Philosophie, by Ingo

Nachdem ich nun etwa zwei Semester lang von Pontius nach Pilatus rannte, ist es endlich so weit: Ich habe endlich alle Module abgeschlossen. Geht doch. Lang genug gedauert hat’s ja schließlich. Alles was ich jetzt noch brauche, ist ein freier Kopf und damit genug Konzentration, um mit der Master-Arbeit weiter zu machen. Mal sehen, ob sich jemand findet, der sie betreuen mag, immerhin ist das Thema, die Frage nach der Autonomie von autonomen Systemen, genauso aktuell wie unerschlossen und alle Welt streitet sich darum… Das wird noch spannend. 🙂

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Auf Punktejagd

On 20. Februar 2013, in Persönliches, by Ingo

Die Jagd nach Punkten geht in eine neue Runde. Nach einigem hin, her, vor und zurück und diversen Diskussionen mit Prüfungsamt und Masterbeauftragtem, soll ich nun mal das Transkript sortieren und Modulbescheinigungen beibringen. Keine leichte Sache, denn viele Dozenten haben schon lange die Uni gewechselt. Außerdem ist das Transkript nicht all zu zuverlässig. Erstaunlich ist nämlich, dass ich viel mehr studiert habe, als ich eigentlich muss, aber trotzdem nur etwas über die Hälfte der Punkte habe. Klingt komisch? Ist aber so. Zitat Prüfungsamt:

Ich habe ja auch keine Langweile und lösche Kurse. Und das System macht das auch nicht einfach so von selbst.

Oh, scheinbar doch! Zumindest was das System angeht, habe ich mittlerweile ernsthafte Zweifel. Da gibt es nämlich mindestens einen Kurs, den ich besucht habe – und der einfach verschwunden ist. Weg. Futschikato. Auf nimmer Wiedersehen abgerauscht. Einzige Hoffnung: Der Dozent hat noch Unterlagen darüber und kann ihn nachträglich wieder eintragen. Aber das System macht ja keine Fehler. Na hoffentlich hat das Rechenzentrum Backups.

Ansonsten habe ich heute noch einige Telefonate zu führen, Unterschriften einzusammeln und hoffe, dass dann alles dahin kommt, wo es hingehört. Denn so langsam macht mich dieses Bürokratie-Chaos wahnsinnig. Nach zusammengerechnet mindestens drei schlaflosen Wochen hab ich so langsam ernsthaft die Nase voll. ^^

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Wenn man heutzutage studiert, dann erwirbt man neuerdings sogenannte „Credits“ oder, auf gut Deutsch „Leistungspunkte“. Diese putzigen kleinen Kerlchen vermehren sich im Laufe eines Studentenlebens und führen nicht selten ein Eigenleben. Mal bekommt man sie für Referate, mal für Ausarbeitungen, hier und da müssen Essays geschrieben werden und die Königsdisziplin, die Hausarbeit, wird mit einer ganzen Horde der kleinen Freunde beglückt. Und über all das, wie Punkte entstehen, vergehen, sich vermehren und einsam im Vorschriftenwald verlaufen, kann ich nicht anders, als eine Satire zu schreiben.

So begibt es sich nicht selten, dass sich unsere Freunde den Gesetzmäßigkeiten (oder Ungesetzmäßigkeiten?) der Quantenphysik unterworfen fühlen. Sie verändern nämlich ihren Zustand, sobald man anfängt sie zu beobachten oder über sie nachzudenken. Ab und an geschieht es dann nämlich, dass Seminare dann „keine Punkte“ einbringen, obwohl man ja an ihnen (mehr oder weniger aktiv) teilnimmt. Solange man nicht darüber nachdenkt, ist das auch alles völlig problemlos. Irgendwann stellte ich dann jedoch fest, dass ich „Dinge“ beantragen muss und irgendwelche Leute fragen danach, was ich denn innerhalb der letzten drei Semester so alles getrieben hätte.  Mit stolzgeschwellter Hühnerbrust präsentiere ich also das heilige Transcript, freue mich schon diebisch auf ein Lob oder zumindest den Hauch einer Anerkennung für all die durchmachten Nächte, die Reisen durch die Republik um an zusätzlichen Seminaren teilnehmen zu können, die vergessenen Freundschaften (weil „Ich hab keine Zeit, ich muss lesen“ finden irgendwie ziemlich viele Leute ungeil) und den noch nicht ganz überstandenen BurnOut…

…da kündet die freundliche Stimme vom anderen Ende des Schreibtischs „Na, da ist ja noch nicht viel passiert“ und reißt mich aus meinen jähen Wunschfantasien. „Wie?“, frage ich „Nichts passiert? Hab ich all die Zeit hier und sonst wo völlig umsonst studiert?“

Offenbar war nichts gemeldet worden, weil es ja auch keine Punkte gab. Nun gab es aber wohl doch welche – oder sollte es zumindest – denn immerhin bestand ja eine Absprache zwischen den Fakultäten und den Prüfungsämtern, dass man Punkte „zumindest symbolisch“ einzutragen hätte, damit das Transcript nicht ganz so leer aussieht. Und so entsandte man mich auf die Suche nach Punkten, die es nicht gibt, für Leistungen, die nicht erbracht werden mussten. Nimmt man die Prüfungsordnung nämlich wirklich haarklein ernst, legt die „Oder-Verknüpfungen“ in der Formulierung auf die analytische Goldwaage und hat dazu noch einen schlechten Tag kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass diese putzigen Punkte wie Nullpunkt-Energie aus dem Nichts entstehen. Ich nenne das den „Studiums-Casimir-Effekt“. Zwischen zwei geladenen Polen (Student und Dozent) die sich innerhalb einer massiven Anziehung (Seminar) befinden entstehen plötzlich und aus dem Nichts Punkte.

Ein Wunder. Außer natürlich es wurde angekündigt, auf welche Weise man eben diese Punkte entstehen lassen kann. Das ist dann eine Art von Magie: Man beschwört Worte (Referate) oder schreibt sie in Formeln nieder (Essays und Hausarbeiten) und eben diese sorgen mit reiner Schöpfungskraft für das Entstehen der Punkte.

Wie schrieb es aber schon der weise Terry Pratchett: Die größte Magie ist die, die man nicht beschwört! Denn, wie oben erwähnt: Eigentlich gibt es ja keine Punkte. Nur symbolisch. Oder so. Also: Sie müssen da sein, ohne da sein zu müssen. Verstanden? Nein? Macht nichts. Denn solange man nicht darüber nachdenkt, oder die Punkte beobachtet, können sie auch ihren Quantenzustand nicht verändern. Heißt: Sie sind da (oder nicht da) weil sie da sein müssen (oder nicht da sein müssen), solange man keine Vermutungen darüber anstellt, wo sie gerade sind…

Wenn man nun aber doch beschließt, die Punkte magisch zu beschwören (alles andere wäre ja auch langweilig, denn wir lernen ja mit der Macht der Worte umzugehen), dann kommt es darauf an die Formeln zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und für die richtigen Leute zu intonieren. Merke: Jede Form von Magie verändert den Rahmen von Raum und Zeit in ihrem Bezug zur Realität. So auch die Magie der Leistungspunkte. Beschwört man die magischen Formeln in nicht im richtigen Seminar, so kann‘s geschehen, dass sie zwischen einer Wirklichkeitsfalte der Formvorschriften verschwinden. Halb existent und halb inexistent fristen sie dann ihr Dasein als „Schrödinger-Punkte“, die eben nur an Substanz gewinnen oder verlieren, wenn man darüber nachdenkt, was sie gerade treiben.

Ein Mysterium beim Erschaffen von Pseudo-Punkten bleibt jedoch, ihre genaue Sortierbarkeit. Hat man herausgefunden, wie man sie erschaffen kann (sei es durch den besagten Casimir-Effekt oder durch das magische Beschwören mit Worten), so ist noch lange nicht klar, wohin sie nun wandern. Die einen wandern in Module, die anderen tummeln sich in Ergänzungsbereichen und wieder andere springen freudig vom einen Bereich in den anderen und die nächsten wollen einfach nicht richtig passen. Tja – auch wenn Punkte traditionell rund sind, so kann es passieren, dass sie einfach nicht in die Spalte kullern wollen, in die sie eigentlich gehören. Wobei es dazu verschiedene Meinungen gibt, die sich gegenseitig a) ausschließen, b) bedingen, c) widersprechen und d) miteinander übereinstimmen. Klingt verwirrend? Mit Nichten…

A sagt, Punkt x kann in Spalte p sortiert werden. B sagt, Punkt x kann in Spalte q sortiert werden. C sagt nun, dass weder p noch q richtig sein können, denn Punkt x existiert ja gar nicht. Hat man nun aber darüber nachgedacht und somit den Punkt zur Existenz verholfen, fragt man D, der sagt, dass x in Spalte p passt und B zückt das Regelwerk für angewandte, praktische Magie und findet keine Anweisung dafür, dass man x in p sortieren kann – also muss er in Spalte q. A findet das seltsam, ist aber trotzdem davon überzeugt, dass er in p kann, weil es ja nirgendwo geschrieben steht, dass solch magische Punkte nun zwingend in Spalte q landen müssen.

Klar oder?

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Bei meinen Nachforschungen zum Autonomiebegriff, bin ich wieder einmal auf einen interessanten Nebengedanken gestoßen. Gerald Dworkin ist offenbar der Auffassung, dass eine, wenn auch kurzzeitige, Aufgabe der Autonomie keineswegs schädlich ist. Nach Kant wäre es völlig undenkbar, seine Autonomie in irgendeiner Form aufzugeben oder einzuschränken – ein vernünftiges Wesen könnte etwas Derartiges niemals zum allgemeingültigen Gesetz machen. Für Dworkin ist das durchaus im Rahmen des Möglichen, wie er am Odysseus-Beispiel verdeutlicht:

„Suppose, for example, we consider the classical tale of Odysseus. Not waiting to be lured by the sirens onto the rocks, he commands his men to tie him to the mast and refuse his anticipated later order to be set free. He wants to have his freedom limited so that he can survive.. Under these circumstances why should we regard his autonomy as violated?“[1]

Damit ist es durchaus möglich, sich selbst kurzzeitig der Fähigkeit zu entziehen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Es scheint hier allerdings darauf anzukommen, dass ein höherwertiges Gut auf dem Spiel stehen muss. Kritisch an dem Beispiel ist, dass Odysseus Leben zu keiner Zeit in Gefahr gewesen wäre, wenn er sich, wie seine anderen Mitstreiter, die Ohren verstopft hätte, um den Gesang der Sirenen nicht zu hören. Er wollte den Gesang aber unbedingt hören. Das Gut, nach dem Odysseus aus war und durch welches die Lebensgefahr erst ausgelöst wurde, war somit ein reiner Lustgewinn. Übertragen wir das Beispiel auf einen moderneren Kontext, dann wäre es durchaus möglich, dass ich mich dazu entscheiden könnte, Heroin zu probieren, obwohl ich sicher weiß, dass es mit überproportional hoher Wahrscheinlichkeit zur Sucht führen würde. Diese Sucht ist therapierbar, aber für den Zeitraum der Sucht wäre ich nicht mehr autonom handlungsfähig, was meinen Willen angeht, kein Heroin zu nehmen.

Nun, ich kann eine solche Entscheidung wirklich treffen. Ich kann sie auch selbst treffen und sie ist offenbar alles andere als vernünftig. Dworkin macht damit definitiv deutlich, dass es für uns autonom Handelnde durchaus möglich ist, Entscheidungen zu treffen, die uns eben dieser Handlungsfähigkeit entziehen. Wir müssen uns nur mit unseren Begehren, Zielen und Werten identifizieren können. Eben hier sehe ich ein Problem: Kann es wirklich sein, dass sich jemand mit dem Wert oder dem Ziel identifizieren kann, ein Lustempfinden zu erlangen, welches in letzter Konsequenz dazu führt, dass weitere freie Entscheidungen nicht mehr (oder zumindest vorübergehend nicht mehr) möglich sein werden? Ist ein solcher, vernünftig strukturierter Wertekanon denkbar? Und wenn er denkbar ist, welche Handlungsoptionen würden sich dadurch dann ergeben? Nun, sofern sich jemand selbst und im Rahmen seines Wertekanons dazu entscheidet, sich für ein kurzfristiges Lustempfinden in eine (zeitlich begrenzte?) Sklaverei zu begeben, scheint es tatsächlich so zu sein, dass es sich dabei um eine selbstbestimmte Handlung dreht. Schließlich sagt ja niemand, dass autonome Handlungen immer vernünftig, rational und logisch sein müssen und nicht auch in Selbstaufgabe resultieren können.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Dworkin, Gerald (1989) The Concept of Autonomy. In: Christman, John (Hrsg.), The Inner Citadel. New York/Oxford: Oxford University Press, S. 60
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