In letzter Zeit flattern in meiner persönlichen Filterbubble immer mehr Bedrohungsszenarien herum. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es die Bestrebung seitens der aktuell politisch Mächtigen gibt, uns Angst zu machen. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Muslimen – immer wieder, so scheint es, wird mir eingeredet, ich soll doch nun endlich mal gefälligst Angst haben! Die Welt ist ja schließlich gefährlich und wir hier in Deutschland sind in ganz besonders großer Gefahr. Also mal sehen…

Es ist schon wieder eine Weile her (ich glaube, es war vor zwei Wochen), da las ich einen Artikel, in dem es hieß, es gäbe tausende von islamistischen Dschihad-Kämpfern, die aus den „Kampfgebieten“ im Nahen Osten zurückkämen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an schweren Straftaten beteiligt waren. Oh – und die alle sind namentlich bekannt und man würde sie im Auge behalten. Nächster Stopp: Google. Wie viele „Gefährder“ es nun tatsächlich in Deutschland gibt, das weiß offenbar niemand so genau. Die Suche spuckt ein paar Artikel aus, in denen von zwischen 130 und 280 Leuten im Jahr 2015 die Rede ist. 120 waren es übrigens schon im August 2013. Und 2014 auch. Also irgendwie scheint da großer Copy&Paste-Journalismus eingesetzt zu haben. Man nimmt einfach die Zahl vom letzten Jahr und fügt sie im aktuellen Jahr ein. Oder rechnet einfach hundert drauf. Merkt ja keiner.

Dann gab es da zur Karnevalszeit Terrordrohungen bei Umzügen in Norddeutschland. Umzüge wurden abgesagt, angeblich kam es zu irgendwelchen Untersuchungen – und weiter hörte man nichts weiter davon (ehrlich gesagt, habe ich mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen wollen, schließlich fühle ich mich überhaupt nicht unsicher oder bedroht…).

Oh – und jetzt macht unser lieber Vizekanzler Werbung für die Vorratsdatenspeicherung, die nicht nur vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, sondern deren Richtlinie auf EU-Ebene vom EuGH einkassiert wurde, weil sie gegen Grundrecht verstößt. „Wir brauchen das“. Ja genau. Wir müssen alle überall und jederzeit lückenlos überwachen, weil wir alle, jederzeit und überall islamistische Terroranschläge verüben könnten.

Ok, fummeln wir die oben erwähnten Medienberichte mal völlig unfachmännisch zusammen (machen diejenigen, die die Artikel zum Thema Terrorismus verbrechen ja scheinbar auch), dann haben wir zwischen 120 und 280 mit Namen und Aufenthaltsort bekannte „Gefährder“ die möglicherweise schwere Straftaten begangen haben oder ihnen zumindest beiwohnten.

Na gut. Wir haben also ein völlig diffus konstruiertes Angstzenarium, auf dessen Basis die Polizei nun von unserem freundlichen Innenminister vermittels einer millionenschweren Finanzspritze mit mehr Munition und Personal ausgestattet werden soll, damit man potenziellen Bedrohungen auch mit ausreichend Waffengewalt entgegentreten kann. Damit sollte man zwischen 120 und 280 Leute, dann eine Weile lang in Schach halten können, denke ich. Und mit der neuen Anti-Terror-Einheit, die da gegründet werden soll, bestimmt auch. Sind ja nicht so viele, als dass es ein langer, komplizierter und vor allem verlustreicher Einsatz werden könnte.

Und was mache ich jetzt mit all diesen Halb-Informationen? Ich würde sagen: nichts. Ich habe nicht vor, mir jetzt unnötige Angst machen zu lassen. Ich habe ehrlich gesagt viel wichtigere Dinge, über die ich jeden Tag nachdenken muss, als über irgendwelche namentlich und mit Aufenthaltsort bekannten Verbrecher, bei denen sich unsere Behörden offenbar weigern, sie einfach festzunehmen. Genauso wenig habe ich nicht vor, mir Angst vor Muslimen machen zu lassen (nö liebe Regierung – da müsstet ihr euch jetzt schon was besseres einfallen lassen, als so diffuse und oberflächliche Meldungen, die über Jahre hinweg voneinander abgeschrieben und abgewandelt werden).

Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass der Rest der Bevölkerung sich von all dem auf Dauer beeindrucken lässt. Ich bemerke in letzter Zeit öfter eine emotional negative Einstellung gegenüber Ausländern. Selbst bei Leuten, bei denen ich das nicht vermutet hätte und bei denen sich eine solche Meinung früher nicht so ausgeprägt hatte. Der große Plan, den Menschen Angst vor „dem Fremden“ zu machen – also noch mehr, als es der psychologisch normal-gepolte Mensch ohnehin schon hat – scheint aufzugehen. Ich hoffe nur, dass sich hier doch noch ein bisschen die Vernunft durchsetzt und wir noch eine Weile lang in Frieden leben können. Das ist meiner Ansicht nach viel besser, als Angst voreinander zu haben.

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Paketvoyeurismus

On 13. November 2014, in Gesellschaft, Internet, Persönliches, by Ingo

Ihr kennt das sicher auch: Ihr bestellt etwas, sei es nun ein neues Gadget, Schuhe oder neue Klamotten und freut euch schon bei der Bestellung diebisch darauf, es endlich in die Finger zu bekommen. Dann kommt die erste Mail, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt: Eine Tracking-ID für das Paket kommt, um den Paketstatus zu überprüfen. Natürlich klickt ihr direkt drauf, nur um festzustellen, dass das Paket noch nicht im System eingepflegt ist. Ein paar Stunden später versucht ihr es nochmal und siehe da: Es ist auf dem Weg in irgendein Paketzentrum irgendwo in Deutschland. Am nächsten Morgen aktualisiert ihr, immer wieder gepackt von dieser geifernden Vorfreude auf das neue Spielzeug (oder die neuen Schuhe) und seht, dass es „in Zustellung“ ist. Und von da an beginnt, was sich Clickbait-Webseiten nur in feuchten Traumen erdenken können: Minutenlanges aktualisieren, bangen und hoffen, wann denn das Paket endlich vor eurer Haustür ankommen wird. Fast schlimmer wie damals bei eBay-Auktionen, als man für den aktuellen Höchstpreis noch manuell aktualisieren musste.[1] Aber mehr als „In Zustellung“ oder „Im Lieferfahrzeug“ erfahrt ihr nicht.

Heute bekomme ich ein Paket von der DPD. Das ist insofern nichts Ungewöhnliches, ist ja schließlich ein Lieferdienst wie jeder andere. Neu, zumindest für mich, ist das Live-Tracking, mit dem ich jetzt nicht mehr minutenlang aktualisieren muss, sondern mit minütlicher Aktualisierung den GPS-Standort des Lieferfahrzeugs auf einer Google-Karte angezeigt bekomme. Während ich hier also schreibe schiele ich auf das Browserfenster mit dem kleinen Symbol-Auto, dass sich langsam auf mein kleines Symbolhäuschen zu bewegt. Bzw. dass da rumsteht. „Warum fährt der denn nicht los?“ denke ich. „Mach schon! Hopp! Ich kann’s ja jetzt schon kaum erwarten endlich meine kleinen, gierigen Fingerchen um das Paket zu schließen!“

Zeitgleich mit diesen Gedanken überkommt mich ein beklommenes Gefühl. Dass Paketboten miserabel bezahlt werden, weiß ich nicht erst seit gestern. Ein Freund von mir fährt für einen anderen Paketdienst Päckchen durch die Gegend. „Pure Selbstausbeutung“, beschreibt er seinen Job. Pro ausgeliefertem Paket gibt es Centbeträge zuzüglich Kilometergeld, da er mit seinem Privatfahrzeug umherfährt. Das deckt die Spritkosten gerade so; das, was beim Päckchenausliefern so auf dem Konto landet, taugt aber auch gerade so als minimaler Nebenverdienst. Als er mir mal die groben Zahlen genannt hat, beschloss ich direkt: „Dafür würde ich nicht einmal darüber nachdenken, morgens aufzustehen.“
Und jetzt? Jetzt überwache ich einen Paketboten. Auf Schritt und Tritt – oder eben auf die Schritte und Tritte, die er gerade nicht macht, weil er immer noch rumsteht. GPS ist übrigens im Scanner verbaut, mit dem der Bote das Paket an der Haustür scant und auf dem der Empfänger den Empfang quittiert.[2] Während ich warte. Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich so an, als würde ich einen Menschen, der ohnehin schon schlecht bezahlt wird und mit großer Wahrscheinlichkeit überarbeitet ist, auch noch virtuell antreiben. Plötzlich rückt das kleine Auto in greifbare Nähe. „Aha!“ Denke ich, „fährt er also doch!“ Dann plötzlich kann die Position nicht mehr ermittelt werden.[3] Es ist wie ein Krimi. Mit schwitzenden Händen starre ich auf den Monitor und die Aktualisierung und fühle mich, als würde ich etwas besonders Verruchtes tun. Und im Grunde mache ich das ja auch. Ich beobachte Menschen bei der Arbeit. Das allein ist schon verwerflich genug, denn man sollte seiner Arbeit unbeobachtet und frei nachgehen dürfen. Schlimmer wird es, wenn ich über die Konsequenzen nachdenke: Ich starre auf den Bildschirm, weil ich mich wie ein Kind auf mein Paket freue. Aber wir sind hier in OWL. Und der gemeine Ostwestfale ist eher ein unleidlicher Nöselkopp. „Wie oft wurde der arme Paketbote heute schon angepupt, weil er nicht schnell genug geliefert hat? Wie viele Leute haben, so wie ich, jetzt mit weniger Vorfreude und dafür mit mehr Ungeduld auf ihre Pakete gewartet und den armen Lieferfahrer auf Schritt und Tritt verfolgt und ihn dann unfreundlich angeraunzt, weil er ihrer Meinung nach nicht schnell genug geliefert hat?“

Während ich aus dem Fenster schiele und die Straße beobachte, beschließe ich, dass ich den „Fortschritt“ nicht mehr aufhalten kann. Ich kann nicht verhindern, dass Paketlieferdienste ihre Fahrer nicht nur intern überwachen, sondern sie auch von ihren Kunden überwachen lassen. Ich kann auch nicht verhindern, dass es typisch ostwestfälische Nöselköppe gibt, die die armen Paketboten zusätzlich zu ihrem Stress auch noch anmaulen. Heute bin ich nicht darauf vorbereitet – aber für die nächste Lieferung beschließe ich, dass ich dem Opfer meines Live-Tracking-Voyeurismus etwas Gutes tue. Vielleicht einen Schoko-Weihnachtsmann als Dankeschön? Oder, je nach Jahreszeit, einen ähnlichen Osterhasen? Vielleicht backe ich auch mal wieder Kuchen oder Kekse… dagegen kann eigentlich niemand etwas haben, auch wenn ich beispielsweise gehört habe, dass die DHL-Kollegen nichts annehmen dürfen (was das Ganze noch unangenehmer macht). Die Überwachung lässt sich womöglich nur noch durch kollektive Nichtbenutzung ändern. Die Dinge gibt es, weil es einen Markt dafür gibt. Wird es benutzt, bleibt es in der Welt. Ich allein kann das nicht ändern, dazu müssten sich alle Paketdienstkunden und Empfänger von Paketen kollektiv darauf besinnen, eine derartige Überwachung weder zu wollen noch zu nutzen. Das erscheint mir dann doch illusorisch. Aber ich kann dem armen, total überwachten Paketboten das Leben für einen klitzekleinen Moment ein bisschen angenehmer machen. Das hilft dann der Welt im Allgemeinen nicht wirklich weiter, kompensiert aber zumindest mein schlechtes Gewissen und das schmuddelige Gefühl, sich selbst beim Voyeurismus ertappt zu haben.

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  1. Ja, ich weiß, Opa erzählt vom Kriege…
  2. „Auf Schritt und Tritt“ ist hier also nicht nur einfach eine Metapher.
  3. GPS-Lücken kommen hier in Minden schon mal vor.

Beim Lesen von Heise-Online komme ich ins Grübeln. Wenn die Geheimdienste jedes System angreifen, dessen sie habhaft werden können (nichts anderes erwartete ich von ihnen), um diese Systeme in ein Netzwerk zur Verschleierung ihrer Angreifer zu nutzen, dann entsteht daraus ein zivilrechtliches Problem: Jeder – wirklich jeder – der ein digitales Gerät sein Eigen nennt, welches in der Lage ist, mit dem Internet zu kommunizieren, könnte in illegale Machenschaften verwickelt werden, ohne dass er davon überhaupt etwas weiß.

Die Geheimdienste bedienen sich der Industriespionage, der Sabotage, der Diskreditierung von Aktivisten, Politikern und unliebsamen Wissenschaftlern, in dem ihnen illegales Material untergeschoben werden kann… und irgendwie muss ein solcher Angriff ja sein Zielobjekt erreichen? Genau: Er wird über diese hübsch verteilten ORBs geleitet, damit die wahre Position des Angreifers nicht festgestellt werden kann.

Statt dessen kann der Angriff dann womöglich auf einen unbeteiligten zurückgeführt werden? Wenn also demnächst bei Oma Erna, die das Internet nur nutzt, um per Skype mit ihrer Enkelin zu reden, die im Ausland studiert, eine Hausdurchsuchung stattfindet, weil ihr System für Industriespionage benutzt wurde, Ausgangspunkt eines DDoS-Angriffs war, die innere Sicherheit durch einen Zugriff auf Regierungssysteme gefährdete oder zur Verbreitung von Kinderpornografie verwendet wurde, würde mich das nicht im Geringsten wundern. Dann gehörte ihr Endgerät leider zum ORB-Netzwerk. Tja, schade.

Letztendlich heißt das nichts anderes, als dass wir alle zu unfreiwilligen Helfern bei illegalen Machenschaften werden.

Jeder von uns könnte damit rein zufällig als „Vermittler“ für einen Angriff auf ein Geheimdienstziel den Kopf hinhalten müssen. Die Argumentation, man selbst wär’s nicht gewesen, dürfte kaum aus der Patsche helfen, denn die illegalen Machenschaften gingen ja vom eigenen Rechner, Smartphone oder Tablet aus. Hinterlässt man dann die passenden Spuren (was ich voraussetze, denn schließlich möchte man ja den Angriff verschleiern – also so tun, als wär’s jemand anders gewesen), dann kann man das ORB-System auch so aussehen lassen, als wäre es wirklich das schuldige. Da fällt es dann schwer zu argumentieren, man wäre nicht derjenige gewesen, der den Hack auf einen Industrieserver durchgeführt hat, wenn auf dem eigenen Rechner dann auch noch die passende Software für einen solchen Angriff gefunden wird. „Ich weiß aucht nicht, wie die da hin kommt?!?“ wird dann vermutlich nicht als gerichtsfeste Argumentation gelten. Und da hier Zero-Day-Lücken ausgenutzt werden, kann man auch so viel patchen wie man will – man hat im Grunde keine Chance nicht zufällig als Mittäter und potenzielles Bauernofper dazustehen.

Politische Lösungen sind, wie man an der Untätigkeit der Bundesregierung sehen kann, offenbar gar nicht gewollt.

Möchte jemand Computer, Festplatten und Co. kaufen? Ich glaub, ich zieh in eine einsame Berghütte.

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Nichts zu verbergen haben…

On 28. Januar 2014, in Gesellschaft, by Ingo

Manchmal denke ich, dass die Leute, die sagen, dass sie kein Problem mit Überwachung habe, weil sie ja nichts zu verbergen haben, die gleichen Leute sind, die in einen 100 km entfernten Swingerclub gehen, um dort nicht erkannt zu werden – und dann völlig erstaunt auf ihre Bankberaterin, oder die Lehrerinnen ihrer Kinder treffen, die genau die gleiche Idee hatten… ^^

Update, weil’s gefragt wurde: Nein. Ich gehe nicht in Swingerclubs. Die sind mir zu weit weg. 😉

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Gedanken zum „kaputten Internet“

On 22. Januar 2014, in Philosophie, by Ingo

Seit einigen Wochen treibt mich das Thema „kaputtes Internet“ um. Ich habe ja schon angefangen darüber zu schreiben – aber mittlerweile wird es ein wenig drängender damit. Im Modern-Nerdfare-Team wollen wir alsbald anfangen, das Ganze in einen Podcast zu gießen (eigentlich experimentieren wir nur mit dem Medium „Podcast“ herum, denn vielleicht hören mehr Leute als sie lesen und damit könnte sich der Rezipientenkreis erweitern lassen) und so muss ich erst einmal wieder einen Schritt zurücktreten, Gedanken sortieren und das Problem von verschiedenen Seiten beleuchten.

Meine Art der „Beleuchtung“ nennt David gern „pfennigfuchsen“, weil ich mir halt genau ansehe, welche Begriffe in der Debatte benutzt werden und ob sie überhaupt richtig verwendet werden. Schließlich wollte er eine Nerd-Philosoph-Diskussion podcasten. Nun, das kann er haben. 😉

„Kaputt“ – was soll das überhaupt meinen?

Zunächst einmal wird in der öffentlichen Debatte und im Schlagabtausch zwischen Bloggern, Journalisten und allen dazwischen der Begriff „kaputt“ gleich auf zwei völlig von einander verschiedene Dinge angewandt: Auf das Internet von Sascha Lobo und auf die Menschen von Martin Weigert.

Zu sagen, das Internet sei kaputt ist zwar begrifflich richtig, der Wahrheitswert der Aussage ist jedoch negativ. Zumindest wird der Begriff „kaputt“ hier richtig angewandt, denn nur Artefakte können kaputt gehen. Dinge, die wir selbst geschaffen haben, die technisch sind. Der Wahrheitswert entspricht dem, was Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet hat. Das Internet ist nämlich nicht kaputt. Im Gegenteil: Es funktioniert großartig. Sascha Lobo benutzt also einen Begriff, der auf eine Infuktionalität hinweisen soll und verwendet ihn, weil die Vertraulichkeit der Kommunikation über das Medium Internet beeinträchtigt ist. Zumindest am Anfang sieht er noch ein, dass es rein technisch durchaus noch ganz prima funktioniert – am Ende des Textes ist es dann aber trotzdem der falsche Begriff des „kaputt seins“. Und da er ihn nicht nur falsch verwendet, sondern sich für diese Falschheit gar nicht weiter interessiert, ist das Bullshit im Frankfurtschen Sinne.

Martin Weigert macht das ähnlich. Für ihn sind die Menschen und ihr Sicherheitsbedürfnis kaputt. Nun, Menschen können nicht kaputt gehen. Zwar leben wir in einer recht technisch betrachteten Welt, dennoch werden Menschen krank und sterben allerhöchstens. Kaputtgehen könnten vielleicht die künstlichen Hüftgelenke, die so ein Mensch mit sich herumträgt. Damit ist auch die Aussage, dass die Menschen kaputt seien, die da Internet benutzen, offensichtlicher Bullshit, der die Wahrheitswerte der Aussage schlicht ignoriert.

Ok. Ich will zumindest versuchen, das mediale Bullshit-Level zu verlassen. Wenn das Internet nicht kaputt ist, da es ja offensichtlich noch ganz großartig funktioniert und die Menschen gar nicht kaputt sein können, sondern allerhöchstens krank werden – bleibt die Frage: Was genau geschieht hier eigentlich gerade?

Das Verwenden von Informationen und das Problem der Privatsphäre

Der aktuelle Schock über die Spionage und das massenhafte Sammeln von Daten basiert meiner Ansicht nach auf einen Irrtum, welcher durch das Gefühl ausgelöst wird, dass die Dinge, die wir in unsere Browser-Fenster oder Mailprogramme tippen privat sind und bleiben. Ich will versuchen, dieses irrtümliche Gefühl greifbarer zu machen:

Wenn wir Dinge in unsere Computer oder Smartphones eingeben, dann sind wir die meiste Zeit über allein. Wir sitzen allein vor dem Computer und beim Smartphone ist es noch intimer, denn das haben wir immer in der Hand. Nur selten sieht uns jemand über die Schulter und sieht, was wir tun. Das erzeugt das Gefühl, das wir privat für uns allein wären. Und genau da kommt ein Problem auf uns Internetnutzer zu: Wir glauben, dass wir privat für uns sind und dass die Dokumente, Bilder und Videos, die wir auf die Server von Google, Dropbox und Co. laden auch nur von uns gelesen und bearbeitet werden können. Genau an dieser Stelle machen wir einen Fehlschluss. Wir geben die Daten aus der Hand und glauben, sie lägen nur für uns auf den Servern bereit. Und sind dann schockiert, wenn es Unternehmen oder Geheimdienste gibt, die uns dieser selbsterzeugten Illusion berauben.

Interessant daran ist, dass es nur die „jüngere Generation“ zu treffen scheint. Ein Freund von mir ist mit seinen knapp 53 Jahren schon durchaus ein Dinosaurier – aber schon immer einer, der sich intensiv mit Technik beschäftigt, seine Computer meist selbst baut und früher selbst damit gehandelt hat. Jemand, der die Gründerzeit der IT miterlebt hat, wenn man so will. Und das beste ist: Er traut all den sozialen Netzwerken und Cloud-Speichern nicht.

„Wenn ich Sachen auf meiner externen Festplatte speicher, dann kann ich sie mir in die Schublade oder in den Schrank legen. Dann weiß ich wo die Daten liegen und auch, wer darauf zugreifen kann. Nämlich ich selbst, wenn ich die Platte in Händen halte. Diesem ganzen Cloud-Mist trau ich nicht über den Weg. Ich weiß dann ja nicht einmal genau, wo meine Daten landen. Und wenn ich sie überall zugreifbar haben will, dann nehm‘ ich halt ’nen USB-Stick mit.“

Worte, die veraltet klingen, in Zeiten, in denen alles überall via Internet zugreifbar ist, wir unserer Arbeit, unser Hobbys und unsere Fotos immer und überall abrufbar mitnehmen können und es toll finden, keine Sticks und Festplatten mit uns herumtragen zu müssen. Wenn man aber genau darüber nachdenkt, dann berauben wir uns damit selbst der Kontrolle über unsere Daten. Wir geben sie an andere und nutzen ihre Dienste, um auf unsere (möglicherweise sehr intimen) Daten zuzugreifen. Und weil wir allein sind, während wir sie speichern, glauben wir, dass auch nur wir allein diese Daten sehen können.

Wichtig zu bemerken ist, dass es unsere Entscheidungen sind, die all das erst ermöglichen. Wir entscheiden uns dazu, unsere Daten abzugeben, weil wir den Werbeversprechen glauben, dass das alles ungemein praktisch ist und toll und hip. Dass USB-Sticks oder Festplatten mit sich herumtragen nicht mehr zeitgemäß ist. Und damit entscheiden wir uns dazu, unsere Daten Unternehmen anzuvertrauen und die volle Kontrolle über die Daten aufzugeben. Das ist wichtig: Wir haben die Kontrolle über die Daten nicht etwa verloren; sie ist uns auch nicht entrissen worden. Wir haben sie bewusst aufgegeben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Wurde das Vertrauen in das Internet kaputtgemacht?

In den frühen 90ern glaubten Mediensoziologen noch, dass da Internet die Menschen zusammenführen würde. Differenzen könnten aus der Welt geschafft werden, grenzenlose, schichtübergreifende Kommunikation und Anonymität könnten einen noch nie da gewesenen kulturellen und politischen Austausch ermöglichen.

Knapp 15 Jahre später sahen sie ein, dass sie sich irrten.

Das Internet führt Menschen zusammen – das ist richtig. Aber nur Menschen mit gleichen Interessen und aus den gleichen sozialen Schichten. Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Internet auf nahezu gleiche Art und Weise ab, wie „im echten Leben“.[1] Die Illusion, dass das Internet der verheißungsvolle Garten Eden ist, in dem alle weltlichen Differenzen hinter uns zurückbleiben, zerplatzt in der Wissenschaft also recht schnell. Im Rest der Gesellschaft wollte diese Desillusionierung allerdings nicht recht fruchten. Ich vermute, die Botschaft einfach nicht werbewirksam genug gewesen ist, denn, wenn man die Wissenschaft unter die Leute bringen will, muss man einen Veröffentlichungsweg wählen, den die Menschen verstehen, mögen und auch rezipieren wollen. Wissenschaftliche Abhandlungen sind meist nicht all zu spannend geschrieben – und deswegen wollen die Leute sie meist gar nicht erst lesen.

Ich stelle an dieser Stelle fest: Wir hatten ein gewisses Vertrauen in das Internet – aber es war nicht berechtigt. Die hohen Erwartungshaltungen konnte es nicht erfüllen. Der Glaube daran, dass wir die Kontrolle über unsere Daten behalten, auch wenn wir sie einem anderen anvertrauen, ist schon von Anfang an äußerst fragwürdig. Immerhin geben wir sie ja weg und haben als Garantie dafür, dass sie privat bleiben, nur Vertragsbestimmungen, die sich sowohl ändern als auch von beiden Seiten aufgekündigt werden können. Ich finde, das ist nicht viel.

Das Vertrauen in das Internet war also, sachlich betrachtet, nicht all zu gerechtfertigt. Wie kann etwas, dass ohnehin fragwürdig ist, noch weiter zerstört werden? Eine Frage, die ich zunächst offen lassen will.
Dass die Geheimdienste hier nun alles einsammeln, was sie kriegen können, ist eigentlich nur verständlich. Dazu sind Geheimdienste da. Das ist ihre Kernaufgabe. Und wir haben ihnen dabei große Dienste getan, in dem wir alles brav abgeliefert haben. Immerhin hatten wir, was die Angebote angeht, ja auch einen Nutzen davon: Statt Diaabende zu veranstalten konnten wir Fotos direkt in soziale Netzwerke kippen. Da können wir zwar nicht gemeinsam mit unseren Freunden ein Bier trinken, Chips knabbern, lachen und Erinnerungen teilen – aber wir können Kommentare lesen und schreiben und jeder allein für sich Bier trinken und Chips knabbern. Dann „fühlt es sich zumindest so an“, als würde man etwas mit Freunden erleben, auch wenn man es nur teilt. Teilen ist nämlich nicht gleich erleben. Das ist eine Erfahrung, die eigentlich jeder selbst machen kann. Probiert es mal aus: Trefft euch mit fünf Freunden, einer Kiste Bier und jeder Menge ungesundem Knabberkram auf ein paar Filme. Und dann ladet die gleichen Freunde eine Weile später mal zu einem Hangout mit Lovefilm oder einem der vielen anderen Streaming-Angebote ein. Der Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen ist deutlich.

Meine, recht kritische, Diagnose dazu ist (obgleich sie nicht ganz genau ins Thema passt): Wir sind zu bequem geworden, um zu leben. Wir finden immer neue Ausreden dafür, uns nicht mit unseren Freunden zu treffen. Sie wohnen zu weit weg, man müsste ja erst quer durch die Stadt fahren und überhaupt ist das alles viel zu anstrengend. Wir wollen keine Risiken eingehen. Wir wollen alles schön warm, kuschelig und sicher. Also bloß nicht das Haus verlassen (da passieren trotzdem immer noch die meisten tödlichen Unfälle) und alles über’s Internet teilen. Warum sollten wir Freunde fragen, ob sie zu einem Konzert mit wollen? Wir können ihnen doch Fotos schicken. Die Kehrseite: Romantisches Essengehen zu zweit findet meist in Begleitung vieler Online-Freunde statt, denen wir ja Fotos vom Teller in soziale Netzwerke stellen müssen. Phubbing olé!

Wenn wir nun also feststellen, dass wir die ganze Zeit eine hübsche, digitale Illusion gelebt haben, schockiert aufwachen und uns darüber beklagen, dass die Welt schlecht, gemein und überhaupt menschenunwürdig ist… nun, was soll ich sagen? Vielleicht sollten wir uns erst einmal an die eigene Nase fassen und uns fragen, was uns überhaupt geritten hat, dass wir die Illusion der Wirklichkeit vorziehen. Vielleicht ist das auch nur ein Ausdruck von Realitätsflucht. Früher flüchteten die Menschen in Bücher und spannen sich ihre Geschichten darum zusammen, heute übernimmt das das Internet und gaukelt uns eine schöne heile Welt vor, in der wir alle zusammen sind und tolle Dinge teilen (auch wenn wir sie niemals miteinander erleben können).

Schlussfolgerungen

Das Internet funktioniert prächtig und es macht genau das, wozu es erfunden wurde: Es verteilt Informationen. Die Art und Weise, auf die wir es verwenden, ist jedoch an Hoffnungen geknüpft, die vor allem recht werbewirksam von Unternehmen in die Welt gebracht worden sind. Wir lebten Jahre lang mit einem falschen Gefühl der Privatsphäre und einem falschen Gefühl der Sicherheit und stellten jetzt fest, dass es Institutionen gibt, vor denen wir faktisch nackt sind. Institutionen, die alles über uns wissen und damit noch viel mehr über uns vorhersagen könnten. Das Internet wurde nicht „kaputt gemacht“. Wir haben es nur von Anfang an mit den falschen Vorbedingungen benutzt.

Wenn, dann haben es nicht die Geheimdienste „kaputtgemacht“, sondern wir alle. Jeder Einzelne von uns. Es muss also nicht komplett neu aufgebaut werden. Wir müssen nur unser Verhalten ändern. So ist das Leben nun mal: Es stößt uns nicht einfach zu, wir entscheiden uns für oder gegen etwas. Jetzt müssen wir uns entscheiden, wie wir das Medium, das unsere Informationen beherbergt und verteilt weiter nutzen wollen. Ob wir weiterhin die Kontrolle über unsere Inhalte aufgeben und darauf vertrauen wollen, dass andere sie für uns schon sicher aufbewahren. Wir müssen die Entscheidung treffen, wie viel Macht über unsere Inhalte wir anderen wirklich überlassen wollen.

Und wir müssen uns bewusst machen, dass all diese Entscheidungen sich zunächst nur auf einen klitzekleinen Teil des Internets beziehen werden, nämlich den Teil, den wir alle sehen, lesen und kommentieren können.

Alle anderen Teile – vom Geldtransfer bishin zu Verkehrsleitsystemene – werden Teil anderer Überlegungen.

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  1. Ich halte den Ausdruck für falsch, denn nur weil etwas über ein Medium vermittelt wird, wird es damit ja noch lange nicht unecht.
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Warum #fixVDS das Ziel verfehlt

On 16. Dezember 2013, in Persönliches, Politik, by Ingo

Die Piraten schaffen es mal wieder, sich selbst ins Aus zu schießen. Es mag ja ganz lustig sein, mit der Aktion #fixVDS dazu aufzurufen, dem Justizministerium Briefe mit den belanglosen Tagesinhalten zu schicken, um damit gegen die Überwachung zu protestieren. Allerdings ist es nicht so lustig, als dass es mir jetzt mehr als ein müdes Lächeln abgewinnt. Nach Außen hin signalisiert die Aktion nämlich, dass die GröNpaZ (größte Netzpartei aller Zeiten) schlechthin nicht verstanden hat, wie das mit der Vorratsdatenspeicherung eigentlich gemeint war.

Liebe Piraten: Ihr solltet die Leute nicht dazu auffordern, ihren Tagesablauf zu schildern, sondern viel mehr ein Log ihrer Verbindungsdaten zu übersenden. Da kommen bestimmt auch ein paar Seiten Papier zusammen. 😉 Die Vorratsdaten beinhalten schließlich, wer mit wem, wan wie lange eine Verbindung hatte. Ob ihr dann, dem Trollen halber, „sexuelle Verbindung mit [Name] von [Uhrzeit] bis [Uhrzeit]“ mit in die Protokolle schreibt, sei euch überlassen. 😉

Oh – und wie wär’s mit Porn-Trolling? Da gab’s doch so schöne Demo-Plakate mit der Aufschrift „The NSA has photos of my penis“. Mir ging so durch den Kopf: „Die NSA hat Fotos von meinem Penis – ich hab sie ihnen geschickt!“ 😉 Also wenn jetzt Millionen Leute Fotos ihrer Genitalien an die Geheimdienste schicken und sie danach dann alle zu den Herren Urmann+Coll. laufen, um die Dienste wegen Betrachtung von pronografischem Material abmahnen zu lassen, schlägt das gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Alle ersticken in Arbeit. 😉

Sorry – just trolling…

Ich habe ja schon angekündigt, mir noch weitere Gedanken zur Vorratsdatenspeicherung zu machen. Einer der Kernbegriffe, um den sich immer alles dreht, ist die Freiheit. Und genau mit dieser will ich mich jetzt ein wenig intensiver (wenn auch nicht abschließend) auseinandersetzen.

Der Begriff der Freiheit wird all zu gern instrumentalisiert. Das eine Lager will die Freiheit verteidigen, indem für mehr Sicherheit gesorgt wird – weil man, so behaupten sie, nur dann in Freiheit leben kann, wenn man sich nicht fürchten muss. Dabei werden Stück für Stück Rechte abgebaut, die eigentlich zum Kernbestand der Freiheit gehören – das wird aber gern in Kauf genommen, da diese Einschränkungen ja (so hat es zumindest den Anschein) nicht all zu schwerwiegend sind.

Dann gibt es da das andere Lager, dass eben diese Einschränkungen als Raub der Freiheit empfindet. Hier wird zwar eingestanden, dass es sich zunächst um kleine Einschränkungen handelt, jedoch können daraus um so größere Konsequenzen erwachsen. Auch hier soll die Freiheit verteidigt werden, aber eben nicht mit einer Erhöhung der Sicherheit, sondern mit ihrer Verringerung. 100% Sicherheit gibt es schließlich nicht und eine gewisse Grundgefahr gehört zum Leben einfach dazu.

Beide Positionen haben teils Recht und teils Unrecht mit ihren Argumenten. Zum einen ist es sicher richtig, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise sicher fühlen muss, damit ich mich frei fühlen kann. Wenn ich ständig glaube, dass irgendetwas Schreckliches passieren könnte (wie zum Beispiel ein Terroranschlag), dann werde ich vermutlich nicht mehr das Haus verlassen. Und das, obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass die meisten tödlichen Unfälle im Haushalt passieren und die Wahrscheinlichkeit für mein plötzliches Ableben zuhause im Vergleich zu meinem Ableben bei einem Anschlag signifikant höher ist.
Andererseits ist es aber auch richtig, dass Gesetze, die meine Freiheit einschränken dazu führen, dass ich Dinge nicht tun kann, wenn ich sie tun wollte.[1]

Überwachung und Selbsteinschränkung

Nun gibt es verschiedene Untersuchungen dazu, dass Menschen, die wissen, dass sie überwacht werden, ihr Verhalten ändern. In der Psychologie ist dieses Phänomen als „Hawthorne-Effekt“ bekannt. Wenn jemand weiß, dass er Teilnehmer an einer wissenschaftlichen Studie ist oder gerade beobachtet wird, dann ändert er sein Verhalten. Meist auf eine Weise, von der der Beobachtete ausgeht, dass es dem Beobachtenden gefällig ist.

Philosophisch ist das besonders interessant. Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Menschen treffen die bewusste Entscheidung, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie beobachtet werden.

2. Menschen ändern ihr Verhalten unbewusst, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden.

In beiden Fällen schwebt die Angst vor Sanktionen oder die Erwartung von Belohnung durch den Beobachtenden mit. Gehen wir von der Vorratsdatenspeicherung aus, so ist es wohl eher die Angst vor Sanktionen, die hier eine tragende Rolle spielt.[2] Beide Fälle gehen mit einer Entscheidung einher. Es ist nicht so, dass unser Verhalten völlig fremdbestimmt wäre. Vielmehr reagieren wir auf unsere Umwelt und wählen aus Optionen, die uns gegeben werden. Ich schließe aus diesem Umstand, dass wir uns unserer Freiheit selbst berauben. Wir müssten es nicht tun – aber wir fürchten eine Sanktion oder erwarten eine Belohnung, wenn wir uns auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, von der wir nur annehmen aber niemals sicher wissen, dass es die richtige ist.

Die Waffe gegen den Freiheitsentzug: Bewusstheit!

Wie heißt es so schön: „Der Preis der Freiheit ist, ewige Wachsamkeit.“ Da ist etwas Wahres dran. Die Art und Weise, wie ich dem Hawthorne-Effekt entgegenwirken würde (auch wenn es jetzt vermutlich Psychologen gibt, die das für unmöglich halten), ist die Bewusstmachung der Verhaltensänderung. Sicher zu wissen, dass man beobachtet (oder belauscht) wird, ist eine Sache. Ebenso sicher über das eigene Verhalten bescheid zu wissen und es eben NICHT zu ändern und bewusst so zu leben, wie man es selbst will, ist eine andere. Es gehört schon viel Selbstbewusstsein (im Sinne von „sich seiner eigenen Handlungen bewusst sein“) dazu, das genau so zu leben, aber es ist nicht unmöglich. Fakt ist aber, dass wir, wenn wir beobachtet werden, unser Verhalten selbst ändern. Es wird nicht von außen geändert – wir passen es einem äußeren Affekt an.
Ich zum Beispiel bin mit Überwachungskameras groß geworden. Sie sind für mich nichts Besonderes und meine Eltern haben mir auch nie all zu viel Angst vor ihnen gemacht. Sie sind für mich einfach ein Teil der Umwelt – wie Bäume, Aschenbecher oder Blumenkübel. Ich ignoriere sie die meiste Zeit über. Mein Verhalten ändere ich deswegen nicht. Ich denke, wir sollten hier ansetzen: Wir sollten aufhören, uns selbst einzuschränken. Erst, wenn wir das geschafft haben, können wir uns bewusst und zielstrebig mit dem Überwachungsproblem auseinandersetzen und dagegen ankämpfen. Wichtig ist in erster Linie eins: Wir dürfen uns nicht selbst unserer Freiheit berauben – weder im Geiste noch in unserem Handeln. Wenn wir das geschafft haben, dann können wir frei und sicher gegen die Überwachung kämpfen, um auch die gesetzlichen Grundlagen dieser Freiheitseinschränkung zu überwinden.

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  1. Mir fällt dazu kein passendes Beispiel ein, da ich bisher noch nie durch ein Sicherheitsgesetz an irgendeiner Handlung gehindert wurde. Aber ihr dürft mir gerne einen Kommentar hinterlassen, falls euch das schon mal passiert ist.
  2. Das ist eine starke These, für die es aktuell keine bestätigenden Untersuchungen gibt. Es lässt sich allerdings aus einer Forsa-Umfrage schließen, bei der die Teilnehmer auf einen Anruf bei einer Eheberatungsstelle oder einem Psychotherapeuten verzichten würden, wenn sie wüssten, dass ihre Verbindungsdaten gespeichert werden.
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Da ist wieder mal eine neue Katze aus dem Sack. Nun sollen Verschlüsselungen wie SSL-Zertifikate und Co. kein Problem mehr für die Geheimdienste darstellen. Hieß es letztens noch, dass die Dienste die Masterkeys von den Anbietern haben wollen, so heißt es jetzt, dass sie die Verschlüsselungen einfach knacken können. Tja dann – scheiß doch auf Verschlüsselung. Wozu sollte ich denn Briefe in Umschläge stecken, wenn diejenigen, von denen ich nicht will, dass sie meine Briefe lesen können, sowieso hergehen und die Umschläge aufreißen? Genau. Dauert dann einen kleinen Moment länger, bis die Mail gelesen werden kann – und vermutlich macht es die Verschlüsselung erst recht interessant. Tja. Da hilft dann vermutlich nur noch, gute alte Briefe zu schreiben. Mit Füller auf Papier. Ist übrigens eine tolle Sache, so ein Füller und Briefpapier.

Dann unterhielt ich mich vorhin noch mit einem Freund über den neuen Kinofilm „White House Down“. Ich meinte, es wäre  nur wieder ein neuer Terroranschlags-Film, mit dem die Leute dann unterschwellig eingeschüchtert werden sollen und letztlich wird damit dann nur noch mehr Überwachung gerechtfertigt. Besagter Freund kommentierte es folgendermaßen:

du scheinst nicht begreifen zu wollen, dass die sich weder rechtfertigen müssen noch wollen noch werden …. die überwachen und fertig ist … und es interessiert sie nen scheiß, ob da ein kleiner moralischer aufschrei kommt oder nicht

Einen kleinen moralischen Aufschrei gibt es zum Beispiel morgen in Berlin. Ich prophezeie (und ich hoffe inständig, dass ich Unrecht haben werde): Die Aktivisten werden es als einen großen Erfolg feiern, wenn ein paar Tausend Leute in Berlin aufschlagen und gegen Überwachung demonstrieren. Ein großer Sieg für die Freiheit, ein strahlendes Zeichen für die Demokratie… und dann? Dann passiert – genau – gar nichts. Die letzten Umfragen haben nicht viel mehr und nicht viel weniger ergeben, als dass sich die Leute einen Scheiß dafür interessieren, ob sie nun überwacht werden oder nicht. Und dass die ganze Affaire nicht viel an ihrem Wahlverhalten ändern. Sie haben drängendere Sorgen. Sie arbeiten in 2-3 Minijobs, um zu überleben, vegetieren mit Hartz IV vor sich hin und bekommen keinen Job, zahlen Strompreise, die jenseits von gut und böse sind und überlegen jeden Tag, wie sie den nächsten überstehen, während sie auf einen Therapieplatz warten, weil sie durch die miserablen Arbeitsbedingungen und die ständig steigenden Preise depressiv geworden sind.

Die Dienste interessiert ein kleiner moralischer Aufschrei einen Scheiß. Die Leute interessiert die Überwachung einen Scheiß. Am Ende geht das ja eh schon jahrelang so und bisher ist noch niemand, auch wenn er nicht gesellschaftskonform gedacht und publiziert hat, in den Knast gewandert oder hatte sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten. Also was solls?

Und ganz ehrlich? Mir hängen diese ganzen neuen Enthüllungen zum Hals raus. Ernsthaft. Es würde ein einziger kleiner Satz reichen: „Liebe Leute – euer ganzes Leben wird überwacht und ausgewertet.“ Damit ist alles gesagt. Also liebe Enthüller: Geht einfach nach Hause. Nehmt eure Enthüllungen mit und lasst mich damit in Ruhe. Ich mag’s einfach nicht mehr hören. Es wird einfach viel zu viel.

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Kaum lässt der britische Geheimdienst diverse Festplatten beim Guardian vernichten, ist die Aufschreierei im Netz groß. Ich frage mich dabei: Was haben die denn gedacht, was passieren würde? Geheimdienste sind nunmal keine demokratischen Organisationen. Im Gegenteil: Sie sollen die Demokratie mit undemokratischen Maßnahmen schützen. Quasi überpolitisch. Da verschwinden schon mal Menschen. Und Daten. Es ist natürlich bezeichnend, dass die Festplatten zerstört worden sind. Vermutlich haben die Kollegen beim Guardian die Snowden-Daten schon ausgelagert und extern gespeichert.

Blöd wäre, wenn sie die Daten im Internet verteilt haben. Wir erinnern uns: Der britische Geheimdienst zapft das Netz im großen Stil ab. Es ist eine Kleinigkeit, die Daten, die da gerade extern ausgelagert werden sollen, gar nicht an ihrem eigentlichen Zielort zu speichern, sondern den Datenverkehr einfach umzuleiten. Wir erinnern uns, dass eine derartige Technologie schon bei uns in Deutschland bei der Verteilung des Bundestrojaners im Gespräch war. Wenn die Daten also über das vollkontrollierte Internet ausgelagert worden sind, dann ist die Vernichtung der Festplatten völlig verständlich. Dann existiert diese Sicherheitskopie nämlich nicht etwa da, wo die Guardian-Journalisten vermuten, wo sie ist, sondern auf irgendeinem Geheimdienstserver, weil der Datenstrom beim Upload umgeleitet wurde.

Eine Sicherheitskopie zu Hause aufzubewahren wäre genauso sinnlos. Wenn ich ein Geheimdienst wäre, wäre mein erster Schritt eine Überwachung der Wohnungen der Journalisten. In so eine Wohnung einzubrechen und in eine (womöglich unverschlüsselte) Festplatte, ist nun kein großes Problem. Bei dem zerstörten Computer handelte es sich um ein MacBook Pro. Da ist dann die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass die Journalisten auch privat mit Apple-Computern arbeiten. Wir erinnern uns: Apple steht auch auf der Liste derjenigen, die Daten an die NSA ausliefern. Denken wir weiter: Ein Mac lässt sich mit FileVault verschlüsseln. Den Schlüssel dafür berechnet allerdings MacOS. Mit anderen Worten: Apple stellt freundlicherweise einen Schlüssel zur Verfügung und es muss nun darauf vertraut werden, dass der Schlüssel geheim bleibt. Aber da Apple ja mit auf der Liste der Datenlieferanten für die Geheimdienste steht…

Tja. Wie mir scheint, hat die Demokratie verloren. Und scheinbar dreht sich der schon von Platon erdachte kyklos politeia wieder ein Stück weiter.

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