Es begab sich zu einer Zeit, da ich in der Endphase des Abiturs verweilte und wir alle in uns gingen, um uns zu fragen, was wir denn im Anschluss tun wollten. Mehr oder weniger klar war: Studieren! Sonst braucht man einfach kein Abitur.

Meine Klassenlehrerin verkündete, was das Studium im Allgemeinen betraf folgende Weisheit:

„Um zu studieren, braucht man eigentlich keine all zu große Intelligenz. Man braucht auch kein superperfektes Abitur. Alles, worauf es wirklich ankommt, sind zwei Sachen: Durchhaltevermögen und am Ende das Prüfungsamt irgendwie von überzeugen, dass man alles richtig gemacht hat.“

Heute weiß ich: Sie hatte Recht!

Früher, damals vor und während des Abitur, hatte ich ab und an Prüfungsangst. Ich hatte mich wochen- und tagelang darauf vorbereitet, allein um alle möglichen Fragen einer Klausur beantworten zu können. Im Abitur wurde das relativiert. Wir lernten im Grunde schon einen Monat vor der eigentlichen Klausur und konnten alle relevanten Daten (und alle irrelevanten Zusammenhänge) in und auswendig. Klar: Alles kann man nicht wissen, aber zumindest das meiste.

Während des Studiums habe ich etwas ganz anderes entwickelt: Prüfungsamtsangst.
Prüfungen selbst machten mir kaum Sorgen. Essays schreiben, Hausarbeiten entwickeln… solange es nicht gerade eine Abschlussarbeit war, hatte ich überhaupt keine großen Sorgen. Prüfungsamtsangst ist auch keine Angst vor Prüfungen, sondern tatsächlich Angst vor dem Prüfungsamt.

In nächtelanger Selbstreflexion bin ich der Prüfungsamtsangst auf der Spur gewesen. Mittlerweile habe ich ungefähr herausgefunden, woher sie kommt. Es liegt an den Leuten, die da Arbeiten. Diese Leute haben zwei Betriebsmodi: „Menschlich“ und „Bürokratisch“. Letzteres überwiegt Ersteres die meiste Zeit über.

Prüfungsamtsangestellte im Bürokratiemodus kennen weder Freund noch Feind. Erbrachte Leistungen sind irrelevant (egal, wie sehr man sich dafür angestrengt hat), solange sie nicht gemeldet wurden. Es ist auch völlig irrelevant, ob es terminliche Überschneidungen gibt, sodass man spontan um die Ecke kommt, weil man eine beliebige Bescheinigung ziemlich dringend (für den nächsten Tag) braucht und von der Wohl und Wehe der eigenen kleinen Existenz abhängen.

Wie der Umgang mit der Punktevergabe ist, ist offenbar tages- und launenabhängig. Hat man einen Kurs besucht, dessen Dozent mittlerweile verschollen ist, so gibt es zwei mögliche Antworten, auf die Frage, wie man denn nun an die Punkte kommen soll: 1.: Man muss sich gefälligst darum kümmern, den Dozenten ausfindig zu machen. Vielleicht hilft die Fakultät dabei. Vielleicht Google. Vielleicht auch nichts. Egal wie: Der Dozent hat die Punkte gefälligst zu melden. So steht’s geschrieben, so hat’s zu geschehen. 2.: Der Dozent ist zwar weg, aber hat bisher bei jeder Rückfrage Punkte einfach so bestätigt und vermeldete für den betreffenden Kurs, dass die Punkte auch einfach eingetragen werden können, ohne dass er es immer wieder für jeden Einzelnen bestätigen will. Das steht nicht in der Studienordnung, in den Modulhandbüchern oder der Prüfungsordnung. Und das ist ein Problem für diejenigen, die im Bürokratie-Modus vor sich hin arbeiten.

Bürokraten halten sich geradezu sklavisch an die Vorschriften. So sehr, dass sie davon ausgehen, dass alles, was nicht in den Vorschrift steht, unzulässig wäre. Dabei ist diese Annahme einfach falsch, denn nur weil es nirgendwo steht, heißt das nicht, dass es unzulässig wäre – es ist nur einfach nicht niedergeschrieben.

Und hier ist der Grund für meine Prüfungsamtsangst: Nach den ersten, schockierenden, Erfahrungen mit der Eintragung von Leistung und der Bestätigung von Prüfungsleistungen, hatte ich immer wieder quälende Angst davor, dass die ganze Arbeit umsonst war. Schließlich kam es nicht darauf an, ob ich gerade eine 1 in einer Hausarbeit geschrieben hatte, sondern darum, dass die Note auch im richtigen Modul mit der richtigen Zuordnung und zur richtigen Zeit zulässig verbucht würde. Und das klappte fast nie.
Und so fürchtete ich jeden Tag, an dem ich wieder mal zum Prüfungsamt musste, um etwas eintragen, nachweisen, nachtragen oder bescheinigen zu lassen. Das ging so weit, dass ich schon Wochen vorher schlaflose Nächte hatte, die sich nur mit Schlaftabletten beheben ließen. Ja, ernsthaft. Diese völlig Ungewissheit, ob ich nun eine Leistung auch tatsächlich bescheinigt bekomme oder nicht, stresste mich ungemein.

Es gibt auch keine Therapie oder Desensibilisierungsmöglichkeit. Das Einzige, was hilft, ist tatsächlich zu versuchen, das Prüfungsamt davon zu überzeugen, dass man alles richtig gemacht hat. Und Alkohol. Damit schafft man es zumindest, auch ohne Schlaftabletten die Prüfungsamtsangst zu ignorieren und zu schlafen.

Und die Moral von der Geschicht‘: Nur weil man eine Leistung absolviert hat, heißt das noch nicht, dass man sie auch bescheinigt bekommt. Hier gilt der zweite Teil des Rates meiner ehemaligen Klassenlehrerin: „Man muss das Prüfungsamt davon überzeugen, dass man alle Leistungen korrekt erbracht hat.“ Und nur, weil man eine Bescheinigung dringend braucht, heißt das nicht, dass man sie auch „mal in fünf Minuten außer der Reihe“ bekommen kann. Egal, ob dann die eigene kleine Welt davon möglicherweise untergeht oder nicht und da hilft der erste Teil ihres Ratschlags weiter: „Durchhalten!“

Uni-Survivor: Und ewig lockt das Weib

On 11. November 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Nur nicht uns Philosophen. Also, schon; aber nicht im herkömmlichen Sinne. Und auch nicht so, wie es vermeindliche Volvicmädchen vielleicht tun. Das Paarungsverhalten von Studierenden, insbesondere das von Philosophen, scheint eine hochkomplexe Angelegenheit zu sein, die gar nicht so leicht zu verstehen ist. Hier eine (nicht abschließende) Betrachtung.

In Soziologie-Vorlesungen und -Seminaren bekommt man erzählt, dass so eine Universität ja nicht nur eine der höchsten Bildungseinrichtungen ist, die man besuchen kann, nein, sie ist auch ein gut funktionierender Heiratsmarkt. Je nach theoretischer Basis (und damit auch Studienfach), steigt der Schwierigkeitsgrad bei der effektiven Partnerwahl exponentiell an.

An dem Fach des Mannes erkennt man den…

Die Männchen unter den Studierenden haben es mit einer Fächerkombination aus Sportwissenschaften und BWL besonders leicht. Damit wird zum einen ein gesunder, gut trainierter Körper sichergestellt und zum anderen ein Fach, dass jeden Personalchef jubeln lässt (auch dann, wenn man es für den angestrebten Job überhaupt nicht braucht). Ein solches Männchen suggeriert also körperliche Fitness und eine sichere Einnahmequelle. Auf jeder Studentenparty sind damit Intimkontakte in dunklen Ecken und später in chaotischen Wohnheimwohnungen garantiert.
Das Nebenfach Germanistik dagegen wirkt schon eher abschreckend (es suggeriert, später einen dickbäuchigen Taxifahrer zu Hause sitzen zu haben, der seinen früher so flotten 3-Tage-Bart nunmehr bis zum Bauchnabel wachsen lässt, wobei letzterer in Form und Farbe einem Granateneinschlagskrater nicht unähnlich ist) und kann nur dann helfen, wenn die Männchen in den Lyrik-Seminaren gelernt haben, mit welchem Ductus die Weibchen am ehesten zu umgarnen sind.
Psychologen operieren auf diesem Feld eher mit positiven Schlüsselreizen und Konditionierung. Schließlich glauben sie zu wissen, worauf es ankommt. Der Nachteil ist, dass alle potenziellen Weibchen glauben, das Psychologen-Männchen könnte Gedankenlesen und würde jeden Satz sofort analysieren und auf Probleme in der Kindheit schließen. Das ist nicht ganz falsch – aber auch nicht ganz richtig. Immerhin sagte ja der gute alte Siggi Freud selbst schon, dass eine Zigarre manchmal auch einfach nur eine Zigarre ist.

Das Balzverhalten

Und wir Philosophen? Da wird‘s besonders schwierig. Potenziell paarungswillige Weibchen nähern sich zumeist auf eher subtiler Ebene und versuchen unverfängliche Gespräche einzuleiten. Allerdings verbleiben sie auch auf eben dieser unverfänglichen Ebene, denn „flirten“ liegt uns Philosophen nicht gerade im Blut. Im Gegenteil: Wenn ich mit, möglicherweise erotisch angehauchten, Anspielungen konfrontiert werde, fange ich an, sie begrifflich zu analysieren und hinterfrage ihren Wahrheitsgehalt. Auf den all-time-favourite-Anbaggerspruch „Ganz schön warm hier, kommste mit raus?“ Tippe ich kurz auf die Uhr um das Thermometer aufzurufen und warf einen Blick auf die Wetter-App im Smartphone. Meine Antwort „Hier drin sind’s 21,3 °C und draußen 14 °C – also ich find’s hier drin ganz angenehm…“ Offenbar war der Wetterbericht gerade nicht gefragt.
Recht beliebt sind allerdings unsere klaren, analytischen Fähigkeiten. Hat man sich freiwillig oder unfreiwillig als Philosoph geoutet, wird die Meinung zu allerlei wichtigen oder unwichtigen Erlebnissen im Leben des Weibchens plötzlich total interessant. Dabei werden vor allem die negativen Erlebnisse mit etwaigen Exfreunden in den Mittelpunkt gerückt. Mit anderen Worten: Wir sind total gute Seelenklempner und Kummerkästen, schließlich kann man den Psychologen nicht trauen, die analysieren einen ja selbst, während wir Philosophen nicht die Person analysieren, sondern das Problem, dass sie hat.

Um so komplizierter wird dann das Balzverhalten, wenn unsereins Interesse an einem Weibchen bekundet. Für gewöhnlich, in der Welt außerhalb universitären Scheinwelt, wird es ja von uns Männern erwartet, dass wir den Damen Aufwartungen machen (ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum eigentlich?). Allerdings wurde ich in solchen Situationen regelmäßig damit konfrontiert, dass eine hohe geistige Anziehungskraft mit einer offenbar um so gravierenderen, körperlichen Abstoßung einhergehen. Da reichten dann oftmals unbedeutende Kleinigkeiten aus. Zu meinen Lieblingsbeispielen zählt eine junge Dame, die mir, auf meine recht offene Gefühlsdarlegung recht unverblümt bescheinigte, dass ich zwar intelligent, witzig, kreativ, großmütig, freundlich, aufmerksam, verständnisvoll und insgesamt ein total toller Mensch wäre – aber leider 10 cm zu klein. Ein Faktor, der, meinen Beobachtungen zufolge, in direkter Kohärenz mit den intellektuellen Fähigkeiten steht. Mir scheint, je dümmer jemand ist, desto kleiner darf er sein. Intelligenz macht sexy? Wer hat sich diesen Schwachsinn bitte einfallen lassen?

Das Philosophen-Weibchen

Philosophen sind eine Klasse für sich – zumeist sind sie stark alternativ geprägt und eliminieren ihren Individualismus durch Eintreten in die Masse der Neo-Hippies, Hipster oder Goths. Da spricht für mich nichts gegen, im Gegenteil, ich fühle mich da sogar pudelwohl. Die Weibchen allerdings strahlen entweder die sexuelle Anziehungskraft einer handsignierten Kant-Erstausgabe aus signalisieren nach außen hin ihre Zugehörigkeit zu etwaigen Sado-Maso- oder Bondage-Gruppierungen. Zwanghaft alternativ in jeder Lebenslage. Schon klar.
Es wäre nun aber viel zu kurz gegriffen, würde Männchen und Weibchen während des Balztanzes sich nicht gegenseitig ob ihrer zu Grunde liegenden Sexualmoral intensiv prüfen. Da gibt es dann auch schon die ersten Schwierigkeiten: Wohingegen die einen (weil ja total alternativ und so) behaupten, dass die Gesellschaft endlich ihre aus dem Mittelalter stammenden Moralvorstellungen ablegen sollte und Sexualität ja etwas total offenes, freies und jedem zugängliches sein sollte (eher so ein pansexueller Ansatz), sehen sich die anderen einer höheren Moral verpflichtet, der sich der niedere Trieb gefälligst unterzuordnen habe. Schließlich habe Monogamie nichts mit Monotonie zu tun. Zwischen diesen beiden äußersten Polen gibt es dann noch unzählige Abstufungen und Möglichkeiten, Regeln, Ausnahmen, Spontanentscheidungen und, und, und… Um „spontan mal wen abzuschleppen“ studiert man einfach das falsche Fach (und das ist völlig geschlechtsunabhängig).

Poppst du schon oder analysierst du noch?

Eins der Kernprobleme beim Paarungsverhalten von Philosophen, ist die Tatsache, dass wir ja nichts ohne Grund tun. Wie soll ich denn etwas tun, ohne dass es einen rationalen Grund dafür gäbe? Reine Triebhaftigkeit? Schön und gut. Und was sind die Bedingungen der Möglichkeit, dass es einen Grund für die Aufrichtigkeit eines Paarungsversuches geben könnte? Immerhin gibt es ja ansonsten immer einen oberflächlichen Makel, der vorgeschoben wird, um jedwedes Balzverhalten umgehend im Keim zu ersticken.

Ich für meinen Teil beschloss, derlei weltliche Problematik beiseitezuschieben. Es kostet einfach zu viel Zeit und Aufmerksamkeit, sich mit den moralischen, psychologischen, wirtschaftlichen und physischen Zusammenhängen des menschlichen Balzverhaltens auseinanderzusetzen. Und im Grunde hatte ich in den letzten Jahren ja auch genug zu tun: Studieren zum Beispiel. Und mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass ich das menschliche Paarungsverhalten denjenigen überlasse, die sich dafür am besten eignen. Sportstudenten zum Beispiel; die scheinen damit nicht so viele analytische Probleme zu haben. 😉

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Als ich mit dem Studium anfing, hörte ich es aus dem Bekanntenkreis gern mal: „Du bist ja jetzt so’n fauler Student und kannst bis mittags schlafen…“ Spätestens, wenn dieser Satz fiel, war mir klar: Nicht Killerspiele erzeugen Amokläufer. Aber dumme Kommentare von vorurteilsbehafteten Mitmenschen könnten durchaus dazu in der Lage sein. Wie sieht nun aber so ein typischer Studententag aus? Nun, meiner sah, rein exemplarisch, etwa so aus:

Es ist Mitte November, das Wetter draußen ist so freundlich wie ein Klingone von der Steuerprüfung. Die Temperatur beträgt 2 °C, ein leichter Regen wird vom Wind in Wellen über die Straßen getrieben und die Sonne hält auch nicht viel davon, sich wenigstens hinter Wolken zu verstecken…

06:30 Uhr: Das Handy zerfetzt mit einem „Roter Alarm“-Weckton jeden noch so freundlichen Traum. Ich schwinge mich aus dem Bett, schlurfe, an der Küche in der ich die Kaffeemaschine einschalte, ins Bad und fühle mich schon mit der Kloschüssel unter mir gehetzt. Irgendwer musste das erste Seminar auf 08:15 Uhr legen. Der Raum wäre ansonsten nicht frei gewesen. Das hat das Facillity Management so beschlossen, da könnte man nichts machen. Während ich dusche und mir die Zähne putze, denke ich, dass ich spätestens den Zug um 07:28 Uhr bekommen muss. ‚07:28 Uhr‘ dreht es sich in meinem müden Schädel und wird zu einem bedrohlichen, alles ausfüllenden Mantra.

06:59 Uhr: In einer Hand das Brot und in der anderen die Kaffeetasse jongliere ich zurück ins Zimmer. Nochmal schnell Mails lesen – vielleicht fällt ja was aus -, kauen, schlucken mit viel zu heißem Kaffee runterspülen. ‚Deswegen merken die Leute so schnell eine Wirkung vom Kaffee,‘ denke ich, ‚sie erleiden einfach nur innerlich gekochte Magenschleimhäute.‘ Während ich Laptop, die am Vortag gefüllte und im Kühlschrank deponierte Brotdose, eine Wasserflasche und diverse Bücher in meinem Rucksack verstaue, blicke ich aus dem Fenster. Feuchtkalte Finsternis, die nur vereinzelt von Autoscheinwerfern unterbrochen wird, beleidigt meine Augen.

07:12 Uhr: Mit etwa 10 kg zusätzlicher Nutzlast auf dem Rücken rase ich auf meinem Rad dem Bahnhof entgegen. Der Regen bahnt sich seine Weg durch meine Jacke – alles unterhalb der Hüfte fühlt sich an, als wäre es in einen frischgefrästen Eisblock eingefasst worden.

07:20 Uhr: Ich fluche hinter einem Autofahrer her, der völlig unerwartet, ohne zu blinken oder seinen hohlen Schädel zu drehen vor mir rechts abbog. Geschwindigkeit und Zusatzgewicht hätten jeden Bremsvorgang meinerseits zu einem völlig sinnlosen Unterfangen gemacht. Doch statt wie ein Stuntman über eine Motorhaube zu rollen, schaffte ich es noch mit einem wilden schlenker vor dem wild hupenden Auto auszuweichen. Als ob ICH derjenige gewesen wäre, der hier die Augen nicht aufgemacht hat. Arschloch!

07:28 Uhr: Verschwitzt, durchnässt, durchgefroren und überhaupt nicht gut gelaunt sitze ich im Zug. Hechelnd und mit Herzrasen ziehe ich die Mütze aus und stopfe sie in den Rucksack. ‚Gerade noch geschafft,‘ denke ich. „Sehr geehrte Fahrgäste, auf Grund der Überholung durch einen Fernverkehrszug verzögert sich die Abfahrt dieses Zuges um wenige Minuten. Wir bitten um Entschuldung.“
‚NEIN!‘ Denke ich. ‚IHR KÖNNT EUCH EURE ENTSCHULDIGUNG DA HINSTECKEN; WO NIEMAND SIE JEMALS FINDEN WIRD! ICH BIN FAST ÜBERFAHREN WORDEN, HOLE MIR HIER BEI DIESEM MISTWETTER DEN TOD UND QUÄLE MICH ZU UNCHRISTLICHEN ZEITEN DURCH DIE GARSTIGE DUNKELHEIT, NUR UM PÜNKTLICH IN DIESEM SCHEIßZUG ZU SITZEN UND IHR HABT DIE FRECHHEIT EURE DÄMLICHEN FAHRPLÄNE NICHT EINHALTEN ZU KÖNNEN! AAAAAARRRRGGGHHH!‘
Aber das gibt mir ein wenig Zeit, um noch ein wenig zu arbeiten. Da wartet schließlich noch eine Hausarbeit.

07:45 Uhr: Ich habe in verbissener Rekordzeit 10 Seiten geschrieben. Noch drei, dann ist das geforderte Minimum erreicht. Quellenangaben sind in der Datenbank, die müssen nur noch eingefügt werden. In Löhne beschließt eine Schulklasse voller Präpubertierender zuzusteigen. Offenbar wollen sie zu irgendeiner Ausstellung. Der Viererplatz um mich herum füllt sich mit lautstark krakelenden 6. Klässlern. Einer von ihnen sieht mich schreiben und kommentiert es mit „Ey Alta! Mach ma‘ YouPorn an!“ Als ich ihn ignoriere (ich habe gerade noch eine kurze Argumentationslücke auszubügeln – die Hausarbeit soll ja spätestens heute Nachmittag abgeschickt werden), kommentiert er weiter ein „Ey Huuuurensoooohn, alta isch red‘ mid dia!“
Ich packe mir den kleinen Scheißer am Kragen und ramme ihn mit dem Gesicht an die Glasscheibe, bis weder „Alta“ noch etwaige Prostituiertenverwandtschaftsvermutungen aus ihm herauskommen.

Noch während diese Fantasie verblasst speichere ich zufrieden. Der Zug kommt in Bielefeld an, die Hausarbeit ist im Kasten und ich kann in Richtung Uni weiterhetzen.

08:15-08:20 Uhr: Die Kaffeetasse aus dem Rucksack herausfummelnd kracksel ich die große Treppe am Eingang zur Uni-Halle hoch. Ein bisschen Bewegung schadet ja nie. In meinem Hinterkopf macht sich der weitere Tagesplan breit: Ein Seminar, in dem ich nebenher News-Quellen suchen kann, zwei Freistunden, in denen ich sie runterschreiben kann, dann zwei Seminare in Folge – da muss ich zusehen, dass ich während dessen Quellen suche, sie abarbeite und gleichzeitig das Seminar verfolge.[1]

08:23 Uhr: Die Kaffeetasse balancierend schwanke ich zum Fahrstuhl. Dort angekommen steht och ein anderer, offenbar deutlich älterer Studierender. Sein wahres Alter kann ich nur raten (schätzen konnte ich nie gut) und stecke ihn in die „35+-Ecke“.

„Na? Bachelor-Student?“
Mit, damals noch recht pummeliger, aber stolz geschwellter Brust entgegne ich „Ja! Erstes Semester. Und momentan noch nicht ganz wach.“
„Bachelor? Arme Sau. Wenn du einen guten Tipp haben willst: Gewöhn dich an den Gedanken, dass ‚Schlaf‘ oder ‚Ausgeschlafen sein‘ oder auch nur ‚Mal eine Nacht durchschlafen‘ ab jetzt nicht mehr vorkommen wird.“

Ich hasste ihn dafür. Wie ich noch erfahren sollte, hatte er aber Recht damit.

Ich kam nach einer scheinbar ewig dauernden Fahrstuhlfahrt und einem Slalom mit erschwerten Bedingungen (vermittelt durch eine fast volle Kaffeetasse) im Seminarraum an. Das von alten Neonröhren strömende Licht wurde von milchig weißen Tischen reflektiert, auf denen nun schon die scheinbar 6. Generation Studierender gelangweilte oder witzig anmutende Botschaften hinterlassen hat. Ich richte mich häuslich ein, klappe den Laptop auf, fange an Blogs zu lesen, Newsquellen zu markieren, höre mit einem Ohr der Dozentin zu. Der Rest der Studierenden um mich herum schweigt vor sich hin, während ich und noch zwei oder drei andere Kommentare und Nachfragen in den Raum werfen. Ich diskutiere, während ich mit den Übersetzungen der ersten Quellen anfange. Ich bin zwar nur halb konzentriert – der Rest meiner Kommilitonen scheint allerdings im Dauerschlaf zu verharren. Und ganz offensichtlich mögen sie es gar nicht, wenn man ihre Ruhe durch aktive Seminarteilnahme stört. Zumindest höre von Gerüchten, die deutliche Antipathie bekunden. Aber gut, ich war ja auch nicht hier, um Freunde zu finden, sondern um einen Abschluss zu machen.

10:50 Uhr: Ich sitze nach dem Seminar auf der Galerie und mache mich an das Übersetzen und Veröffentlichen von News. Zumindest das, was ich nicht schon währen des Seminars vorbereitet hatte. W-LAN gibt’s zwar überall aber nicht immer gleich stark. Hier konnte ich nun endlich weitermachen. Nach einer Weile setzte sich eine junge Studentin mir gegenüber. Scheinbar verlangte sie ein wenig nach Aufmerksamkeit – und so versuchte sie mit mir über mein MacBook ins Gespräch zu kommen. Ich war für einen kurzen Moment genervt, schließlich musst ich arbeiten. Aber gut. Also erklärte ich ihr allerhand Dinge: Größenvergleiche zu Netbooks, Prozessorgeschwindigkeiten, Speicherbedarf und die Möglichkeiten zur Aufrüstbarkeit, die Nachfolgermodellen fehlt.
Ein paar Tage später, als ich darüber mit meiner besten Freundin diskutierte, kommentierte sie es etwa so: „Du Idiot! Da is ein hübsches Mädel, dass dich scheinbar ganz nett findet und so’n Einstiegsthema sucht und du quatschst sie nur mit Technik zu! Man, man, man…“
Na – das hätte sie mir auch direkt sagen können oder? Außerdem: Ich hatte für so Sachen mit Frauen ohnehin keine Zeit.

13:00 Uhr: Ich mache mich auf den Weg zur Cafeteria. Das Essen da besteht zwar meist aus irgendetwas, dessen Kaloriengehalt den Tagesbedarf eines durchschnittlichen Leistungssportlers doppelt füllen kann – aber immerhin ist es halbwegs bezahlbar. Und, auch wenn es voll ist, habe ich dort nicht das intensive Gefühl der Massenabfertigung, wie es in der Mensa vorkommt.
Nachdem ich meinen Magen mit einer Mischung aus warmgehaltenen Fetten und Kohlenhydraten gefüllt habe, mache ich mich dann auch wieder auf den Weg zum nächsten Seminar-Marathon. Von 14-18 Uhr heißt’s nun diskutieren, lesen, diskutieren, Texte in ihre Bestandteile zerlegen, zum nächsten Seminarraum hetzen und das gleiche Spiel von vorn beginnen lassen. Eine Vorlesung, ein Seminar – beide Räume ohne Fenster und nur mit künstlich gefilterter Luft versorgt. Mein Kaffeeverbrauch stieg innerhalb der vier Stunden auf etwa 1,3 Liter. Während des Diskutierens und Lesens übersetze ich weiter fleißig News.

18:10 Uhr: Erschöpft schleppe ich mich zur Stadtbahn. Draußen ist es genauso, wie ich es vom Morgen vage in Erinnerung hatte: kalt, dunkel, windig und nass. Die Kälte und die frische Luft beleben zumindest kurz. Wie durch ein Wunder schaffe ich es noch, den Zug um 18:24 Uhr zurück zu bekommen. Von der Rückfahrt bekomme ich nicht viel mit – mich überkommt schlicht der Schlaf.

19:30 Uhr: Nach einer weiteren Radtour durch den nasskalten und dunklen November endlich wieder zu Hause angekommen, werfe ich den einen Rucksack weg und schnalle mir direkt einen leeren auf den Rücken. Ich sollte mal einkaufen. Glücklicherweise haben die Läden ja bis 22 Uhr geöffnet und so hole ich das nötigste – Brot, Wurst, Käse, Margarine… was man eben so braucht. Eigentlich ernähre ich mich hauptsächlich von kalter Küche. Zum Kochen habe ich vielleicht mal am Wochenende Zeit. So ist Samstag der „Es gibt eine warme Mahlzeit“-Tag. Schließlich ist es auch recht teuer, in der Uni zu essen – und das täglich zu machen, hätte mein Budget deutlich gesprengt.

20:23 Uhr: Ich mache mich daran, die Texte für die Seminare am nächsten Tag zu lesen. Vier verschiedene Seminare, jeweils 25-30 Seiten Text zu unterschiedlichen Themen.

23:45 Uhr: Ich kapituliere. In meinen Kopf will kein Text mehr hinein. Die Worte fange ohnehin an, ein sehr seltsames Eigenleben zu führen.

00:32 Uhr: Ich sehe das letzte Mal auf die Uhr und denke ‚Verdammt, du solltest jetzt endlich mal schlafen. Morgen um 7 ist die Nacht wieder vorbei. Nu los! Mach schon! Hör auf über den Tag und die ganzen Sachen nachzudenken! Oh verdammt… hab ich eigentlich die Hausarbeit abgeschickt? Hab ich total vergessen… hab ich? … Ja, hab ich… puh…“
Eine gefühlte Stunde später versank ich in traumlosem Schlaf, der dann pünktlich um 7 mit dem gleichen gemeingefährlichen Alarm zerstört wurde, wie jeden Morgen.

Oh – und die 45-Minuten-Hausarbeit wurde übrigens eine 1,3. Danach beschloss ich, Hausarbeiten nur noch im Zug zu schreiben. Ohne nervende Kinder geht das sogar noch angenehmer.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die völlig naive Idee, es wäre etwas tolles, als Newsredakteur für Online-Magazine zu arbeiten. Klar: Man ist immer auf dem Laufenden aber den Kühlschrank füllt das nicht. Im Gegenteil: Der durch den Aufwand produzierte Stress wird so schlecht bezahlt, dass ich selbst auf Aushilfsputzkräfte neidisch sein konnte. Aber gut, solange man sich einreden kann, dass man etwas total cooles macht, funktioniert das prima. Heute weiß ich: So’n depressiver Zusammenbruch nach Burnout durch dreifachen Stress, ohne wirklich etwas damit zu verdienen, gehört zu den Dingen, die man nur einmal im Leben haben muss. Spätestens nach dem zweiten sollte man aufhören falschen Idealen nachzurennen…
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Uni-Survivor: Raumfindungsstörungen

On 2. November 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Wo man so einen Raum findet, wenn man ihn sucht, ist für gewöhnlich klar: Räume sind, meist durch Wände physikalisch eingeteilte, Einheiten in Gebäuden, deren Eingang sich meist durch eine Tür kennzeichnet und als deren Ausgang manch einer all zu gern das Fenster benutzen würde. Zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Raum sein gehört allerdings zu einem der maßgeblichen Hindernisse im Studentenleben.

Für Studenten in Bielefeld ist das kein all zu großes Hinderniss – zumindest dann nicht, wenn sie es schaffen, im richtigen Gebäudeteil anzukommen. Die Gebäudeteile selbst sind kein großes Geheimnis. Sie sind der Reihe nach angeordnet und nach Buchstaben sortiert. Der Plan aus der Draufsicht erinnerte mich fast sofort an ein Piktogramm von gegenläufigen DNS-Strängen… die Gene der Bildung… Hurra!

Wenn das Problem der Auffindung des richtigen Gebäudeteils gelöst ist, gibt es kaum noch Hindernisse, den richtigen Raum zu finden. Erwischt man dagegen den falschen Gebäudeteil, so kann es passieren, dass man dann durchaus im falschen Raum landet (ist mir tatsächlich ein einziges Mal passiert). Die intellektuelle Herausfoderung der Architektur besteht nämlich darin, dass alle Etagen in allen Zähnen gleich aussehen. Wenn man in eine Diskussion verstrickt den Gang herunterläuft, kann es durchaus passieren, dass man den Gebäudeteil wechselt, ohne es wirklich zu bemerken. Spätestens dann, wenn man plötzlich lauter Formeln und Gleichungen an der Tafel sieht, statt Argumentationsanalysen von John Rawls, sollte einen das Gefühl beschleichen, dass irgendetwas nicht stimmt.

Die Raumplanung und Zugänglichkeit in Bielefeld ist im Übrigen noch eine der Einfachsten und im Grunde selbsterklärend. Ich war mal für einen Vortrag an der Uni Münster im dortigen Schloss. Ein wirklich bildhübsches Gebäude (mit uralten und vor allem unbequemen Sitzbänken in den Hörsälen – aber vermutlich stehen die unter Denkmalschutz und sollen vermutlich vor allem dazu beitragen, dass die Anwesenden nicht während der Vorlesung einschlafen). Allerdings stand ich dort, auf der Suche nach dem richtigen Raum, dann plötzlich vor einer Wand (die dort offensichtlich nachträglich eingezogen worden war) zuzüglich einer sicherheitshalber fest verschlossenen Stahltür, auf der der deutliche Hinweis prangte, dass der Zugang zu den dahinter liegenden Räumen nur über das Treppenhaus möglich sei. Da fragte ich mich: Wenn man dort eine Wand einzieht, um Räumlichkeiten abzutrennen – warum zum Teufel installiert man dann eine Tür und schließt sie? Lag das am latenten Sadismus des Architekten, der sich nunmehr diebisch freuen konnte, dass alle, die in freudiger Erwartung einer Abkürzung jetzt vor einer geschlossenen Tür standen und einen etwa doppelt so langen Umweg über zwei Treppen machen mussten? Gehörte das zum Gesundheitsprogramm der Universität, um die Studierenden in Bewegung zu halten und dem drohenden Übergewicht vorzubeugen? Ehrlich gesagt: keine Ahnung.

Der tägliche Überlebens-Parcours durch die heiligen Hallen der allesumfassenden Bildung wird zumindest deutlich erleichtert, wenn man beim Wechseln der Räumlichkeiten die Augen aufmacht. Im falschen Gebäude aus internen Monologen oder externen Dialogen erwachen ist keine Schande, führt aber nicht selten dazu, dass der Kaffee kalt ist, bevor man den richtigen Raum erreicht hat. Dass Kaffee eine überlebensnotwendige Droge darstellen kann, dazu komme ich später.

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Zu studieren heißt in erster Linie, sein Leben zu organisieren. Die große Kunst ist nicht etwa, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu lernen. Die eigentliche Kür besteht darin, herauszufinden, was man in welcher Reihenfolge lernen sollte. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

Natürlich: Es gibt Empfehlungen. So ein klassisches Bachelorstudium ist ein Module eingeteilt, in denen Pro Seminar Punkte für sogenannte SWS vergeben werden. SWS sind „Semesterwochenstunden“ – also die Zeit, von der ausgegangen wird, dass man sie an Stunden im Semester pro Woche damit verbringt, den Stoff zu pauken, der in Seminaren und Vorlesungen vermittelt wird. Was einen übrigens nicht wundern darf, ist, wenn ein Kurs mit 3 SWS angegeben wird, aber eigentlich knapp das Doppelte benötigt. Wie genau diese Semesterwochenstunden berechnet werden, ist mir nach wie vor ein Rätsel (und um ehrlich zu sein, habe ich mir nie die Mühe gemacht, da näher nachzuforschen). Es scheint aber, als würden nur die Stunden veranschlagt, die man tatsächlich im Seminar sitzt (1,5), zuzüglich 1,5 Stunden für das Bearbeiten von Material und das Verfassen von Essays und Co. Nun, wer es zu Hause schafft, in 1,5 Stunden akademische Texte von durchschnittlich 25 Seiten länge (meist auf Englisch) zu lesen, zu verstehen und dann auch noch sinnvoll zu bearbeiten, mag sich Genie schimpfen. Ich gestehe: Ich habe das nie geschafft.

Irrungen und Wirrungen

Die Empfehlungen besagten, welche Module in welchem Semester abgeschlossen werden sollten. Das war zumindest zu meiner Zeit recht einfach. Heutzutage kann man in Bielefeld ja nicht nur Philosophie als Hauptfach oder Nebenfach studieren, sondern auch noch als Kleines Nebenfach und in verschiedenen anderen, verwirrenden, Kombinationen. Kurz bevor ich die neue Fächereinteilung wegklickte, dachte ich nur: „Tall, Grande, Venti – kostet jeweils immer fast das doppelte, hat aber in jedem Becher den gleichen Kaffee…“
Nichtsdestrotrotz lässt sich für den Anfang schon mal gut planen. Zumindest solange man niemanden danach fragt, welche Seminare nun zu welchem Modul gehören und wie man sie denn abschließen soll. Die übliche Antwort darauf ist, dass man ja im Grunde auch einfach alles studieren kann, wie man gerade Lust hat – nur dass es halt Seminare gibt, die mehr oder weniger Vorkenntnisse erfordern. Was die Vorkenntnisse angeht, ist es fast zu vernachlässigen, denn fast jedes Seminar kommt ohne aus. Schließlich geht es meist um einen zentralen Autor und ein zentrales Thema – ob man nun schon andere Autoren und Argumentationen kennt oder nicht, spielt kaum eine Rolle.

Bei der Planung eines solchen Semesterplan kann es entsprechend zu Verwirrungen kommen. Schließlich werden auch nicht alle Seminare jedes Semester angeboten, sodass man vor der Situation stehen kann, aus drei verschiedenen Modulen jeweils 2 Seminare belegen zu müssen – oder auch mal mehr oder weniger – und die dann untereinander auszutauschen. Ich habe nie wirklich verstanden, wie das alles zusammenpasst. Am Ende kann man das Transcript ohnehin so sortieren, dass alle Kurse im richten Modul und mit der richtigen Punktzahl an der richtigen Stelle sitzen.

Mach dein eigenes Ding…

Ich habe die Art und Weise, wie ein perfekter Semesterplan auszusehen hat, nie verstanden. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass ich am Ende viel mehr studiert habe, als es Punkte gab, die hätten angerechnet werden können. Ich habe mir einfach alle interessanten Kurse in den Plan gestopft. Das Gemeine daran ist, dass all die Kurse, die man dann zusätzlich belegt hat, einfach verpuffen. Sie tauchen zwar im Transcript auf – aber das ist am Ende völlig wertlos. Am Ende entscheidet nämlich nur noch, was in die Module passt und alle Leistungen, die man über den individuellen Ergänzungsbereich hinaus studiert hat, fallen einfach weg. Verpuffen wie ein Wassertropfen auf der heißen Herdplatte.
Im Gegensatz zu der Behauptung mancher Kommilitonen kann man aber nicht „zu viel“ studieren. Wenn es einen interessiert, sollte man es auch mitnehmen. Die Gelegenheit bietet sich nur einmal. Die meisten, die meinten, es wäre „zu viel“ und sie würden nur das studieren, was unbedingt für den Abschluss notwendig wäre, habe ich ohnehin nicht wieder gesehen. Vermutlich ist ein eingeschränktes Interesse und eine Leistungsbereitschaft, die nur auf ein ganz genau definiertes Ziel ausgerichtet ist, nicht gerade sehr hilfreich im Studentenalltag.

Wenn man diesen Alltag überleben will, dann sollte man eben nicht darauf gucken, was man braucht, sondern was man will. Das gemeine Studium an sich ist nämlich kein Zuckerschlecken und die „faulen Studenten“ sind meist diejenigen, die unendliche Ressourcen haben und so lange studieren können, wie sie wollen – oder nach kurzer Zeit feststellen, dass doch alles anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Und da ist eins der weiteren kleinen Geheimnisse: Richtet eure Pläne danach aus, was ihr mit Leidenschaft und Herzblut verfolgen könnt. Jedes Seminar, dass ihr nur unwillig und schon mit Bauchschmerzen besucht, ist ein Seminar zu viel. Und wenn das zu viele Seminare werden, auf die ihr so überhaupt keine Lust habt – dann stellt ihr irgendwann fest, dass ihr das falsche Fach studiert.

Also: Achtet beim scheinbar chaotischen System der Seminar- und Modulzuordnungen nicht vor allem darauf, dass ihr in allen Modulen die passende Punktzahl erreicht. Ansonsten: Studiert, was ihr wollt, nicht was ihr zu müssen glaubt. Denn das macht die Individualität und die Fachkompetenz hinterher aus. 🙂

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Im Laufe der Zeit musste ich mich nun endgültig entscheiden, was ich nun studieren wollte – und vor allem wo. Nach einiger Recherche stellte ich fest, dass Linguistik zwar durchaus spannend war, wenn ich wissen wollen würde, wie Sprachen funktionieren und wie sie entstehen, welches logische System hinter ihnen steckt… aber wirklich beeindruckt hat mich das nicht. „Soziologie“, ging es mir durch den Kopf. „Soziologie war im Abi ein spannendes Fach gewesen und immer am Puls der Zeit. Die Gesellschaft analysieren und verstehen, klingt doch prima.“ Also suchte ich nach Universitäten, die Soziologie als BA-Studium anboten. Und da mein Herz nach wie vor (eigentlich schon immer) für die Philosophie schlug, suchte ich da dann auch gleich weiter.

1-Fach, 2-Fach, Hauptfach, Nebenfach oder einfach nur Verfächert?

Meine Suche beschränkte ich zunächst auf NRW – all zu weit umziehen wollte ich nicht. Mein kleiner, beschaulicher Freundes- und Bekanntenkreis hielt sich schließlich im Umkreis von 50 km auf. Und so stöberte ich über die Webseiten der nordrheinwestfälischen Universitäten nach deren Studienangeboten, Einschreiberichtlinien, Terminen und Fristen. Das war übrigens ein ziemlich kompliziertes Unterfangen, denn viele Universitäten haben Webseiten, die nicht gerade sehr darauf optimiert sind, Studieninteressierten schnell weiterzuhelfen. Im Gegenteil: Bei manchen Universitäten habe ich (damals wie heute) den Eindruck, die erste Aufnahmeprüfung bestünde darin, das Labyrinth der Links zu durchgooglen, mit dem man dann schließlich die entsprechenden, recht oberflächlich gehaltenen, Informationen zum Studium und der Einschreibung erhält.

Recht schnell kam ich an Informationen bei der Uni Bielefeld und der Ruhruni Bochum. Bochum war nun, für meine Verhältnisse, relativ weit weg, aber immerhin konnte ich dort Soziologie als 1-Fach-Bachelor studieren. Bielefeld bot so etwas gar nicht an. Dort gab es nur 2-Fach-Bachelor mit Kern- und Nebenfach. Das machte es kompliziert, denn die Fächer untereinander mussten ja irgendwie kombiniert werden – und es gab keinen wirklichen Hinweis darauf, welches Fach nun mit welchem anderen Fach gut kombinierbar war. Zumindest hatte ich damals noch keine Ahnung davon, dass es so etwas wie „Modulhandbücher“ gab und direkt auf einen Klick finden konnte man sie nicht. Und wie bewarb man sich darauf nun?
Eines Tages nach der Arbeit telefonierte ich herum und fragte mich durch: Bewerben wäre ganz einfach. Man sollte sein Abiturzeugnis in beglaubigter Kopie beifügen und das entsprechende Formular ausfüllen und das ganze dann mit den sonstigen Anlagen auf den Weg. In Bielefeld lief das ähnlich, nur dass die Bewerbung da dann zunächst einmal Online durchgeführt werden sollte (war mir sofort sympathisch). Erst danach sollte dann ein Ausdruck des Formulars mitsamt der Zeugniskopie losgeschickt werden.
Wieder eine Weile später, ich musste erst einmal Zeugniskopien beglaubigen lassen (wer hätte gedacht, dass ein simples Stempeln und Bestätigen, dass die Kopien mit dem Original übereinstimmen glatt 5 Euro kostet?!?), klickte ich mich dann durch den Wust an Studienfächern mit Nebenfächern und Hauptfächern, der Frage danach, ob ich nun Haupt-, Neben-, oder Gasthörer sein wollte und, und, und. Da ich mich auf mehrere Fächer gleichzeitig bewerben konnte, machte ich das dann auch. Soziologie an der Ruhruni Bochum, Philosophie und Soziologie an der Uni Bielefeld (beide Unis hatten akzeptable NCs und ich hatte einen recht guten Abi-Schnitt) und los gings. Und in diesem ganzen Chaos unterlief mir scheinbar ein fataler Fehler, der mir erst später auffallen sollte.

Zusagen, Absagen, Wartelisten und Lostöpfe

Nachdem dann die Bewerbungen auf dem Weg waren, nahm das Schicksal seinen Lauf. Anders ausgedrückt: Die Mühlen der Bürokratie bekamen mächtig Wind. Das Erste, was kam, war die Zusage der Ruhruni Bochum – kurze Zeit später dann auch die Zusage aus Bielefeld. Damit stand ich vor der Qual der Wahl – und entschied mich letztlich für Bielefeld, denn zwei Fächer studieren war immer noch besser als nur eins – und die Philosophie lag mir näher als einzig und allein Soziologie. So nahm ich dann die Zusage aus Bielefeld an und ließ die aus Bochum verfallen. Damals wusste ich noch nicht, dass es netter wäre, denen auch mitzuteilen, dass man den Platz nicht antritt, weil es da noch andere gibt, die darauf warten.

In Bielefeld gestaltete sich die die Immatrikulation allerdings relativ schwierig. Für das Kernfach Philosophie war es kein Problem, für das Nebenfach Soziologie allerdings schon. Ich hatte nämlich einen Haken im Bewerbungsformular falsch gesetzt und mich auf zwei Hauptfächer beworben, die aber zwingend ein Nebenfach benötigten. Nun machte es kaum einen Unterschied, ob man als Haupt- oder Nebenfächler Soziologie studierte (die Hauptfächler hatten einen Statistikkurs mehr) und so dachte ich, das ließe sich alles recht unproblematisch lösen. Nächster Stopp: Studierendensekretariat/Immatrikulationsangelegenheiten:
„Guten Tag, mir ist da wohl ein kleiner Irrtum unterlaufen, als ich das Bewerbungsformular durchgeklickt habe. Ist auch ziemlich unübersichtlich. Könnten Sie vielleicht das Hauptfach in ein Nebenfach wandeln? Ist ja schließlich das gleiche Fach nur mit weniger Umfang.“ „Nein, das geht nicht. Sie müssten sich auf das Nebenfach bewerben.“ Verwunderung auf meiner Seite… „Aber… es ist doch das gleiche Fach und vermutlich nur ein kleiner Haken in der Software?“ Unnachgiebigkeit auf der anderen Seite. „Das macht nichts. Man kann nicht einfach so in ein anderes Fach umschreiben. Sie müssen sich bewerben, und wenn Sie dann die Zusage bekommen haben, dann können sie sich damit vom Hauptfach in das Nebenfach umschreiben.“ „Und wie läuft das jetzt? Eigentlich sind doch die Fristen schon durch oder nicht?“ „Das stimmt – aber dazu drucken Sie sich dann eine Karte aus, reichen die hier bei mir mit den Unterlagen ein und dann landen Sie im Losverfahren und werden ausgelost.“ „Wie? Und wenn ich nicht ausgelost werde, muss ich’s dann nächstes Semester noch mal probieren? Und verliere ein ganzes Semester Zeit? Und das nur, weil es keine Möglichkeit gibt, einen simplen Klick-Irrtum mit einem anderen simplen Klick zu korrigieren?“ „So sieht’s aus. Bis dahin können sie ein NC-freies Fach als Nebenfach studieren, damit sie sich korrekt immatrikulieren können. Mathematik oder Chemie zum Beispiel. Wenn Sie dann ausgelost werden und das richtige Nebenfach haben, können Sie sich dann problemlos umschreiben.“

So war das also. Es gab für alles irgendeine Bestimmung, an die sich sklavisch gehalten wurde. Hatte man etwas übersehen (weil es einem auch nicht einfach gemacht wurde), dann musste man halt damit leben. Willkommen in der Wirklichkeit – und in der Welt der Ordnungen, Anträge, Formulare und Bestimmungen.
Nachdem meine Frustrationstoleranz auf diese Probe gestellt wurde, schrieb ich mich notgedrungen für Mathematik ein (ich musste ja keine Veranstaltungen besuchen, denn es war nur ein „Dummie-Fach“) und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Was als Nächstes kam, war dann schon mal die Ersti-Veranstaltung für die Philosophen. Und die erste Woche im ersten Semester an der Uni, während ich darauf wartete, dass endlich alle Lose gezogen wurden…. Und so nahm das Verwirrspiel seinen Lauf.

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Das Studium ist die schönste Zeit des Lebens. Da gibt es Leute, die von Freiheit und Spaß reden. Die bis in die Nacht eine Mischung aus flüssigen und brennbaren Rauschmitteln konsumieren, dabei Videospiele spielen und stolz erklären, dass ihnen die nächste Klausur an den Gesäßbacken vorbeiginge. Kann man schließlich nachschreiben. Wird dann auch einfacher. Lässt sich ja (so das Gerücht) beliebig wiederholen. Oder vielleicht auch nur drei Mal. Egal. Außerdem laufen bei anderen Fakultäten hübsche Mädels rum – bei der nächsten Mensa-Party geht da bestimmt was.

Ja, solche Studenten gibt es. Mir sind im Laufe meines Studiums vier davon begegnet – keiner von ihnen hat es zu einem Abschluss gebracht. Aber vermutlich hatten sie eine schöne Zeit.

Mein Studium sah dagegen völlig anders aus: Bis in die Nacht habe ich Texte für Seminare vorbereitet, noch ein Kapitel aus dem nächsten Buch gelesen und das am häufigsten verbreitete Rauschmittel war schwarz, heiß, stark und füllte meinen Edelstahlbecher. Manchmal habe ich die oben beschriebenen Studenten durchaus beneidet – insbesondere dann, wenn es darum ging, Prüfungsordnungen zu verstehen, die richtigen Module in der richtigen Reihenfolge zu belegen und abzuschließen und Punkte für Seminare und Hausarbeiten für den richtigen Studiengang anrechnen zu lassen. Je mehr ich über die Bürokratie verzweifelte, desto neidischer blickte ich auf die, scheinbar tiefentspannten, Kommilitonen.

Aber: Man kann es überleben! Zwar überkommt einen ab und an das Gefühl, man wäre in eine Asterix-Welt versetzt worden und solle Passierschein A-38 beantragen, aber es geht! Und genau davon soll diese kleine Kolumne handeln: Von einem der auszog, ein Studium zu absolvieren und dabei den Wahnsinn der Bürokratie live erlebte.

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